Kritik der „Gesellschaftskritik“

Von | 24. Juli 2016

(PETER STIEGNITZ). Guter Rat für Publizisten, die Berufsbezeichnung treu bleiben und daher publizieren wollen: Je „schärfer“, entschlossener und „mutiger“, so ganz im Sinne der veröffentlichten Meinung sie die bürgerliche Gesellschaft kritisieren, um so sicherer können sie mit der Verleihung des Glorienschein eines „Gesellschaftskritikers“ rechnen. Dieser Schein hat zwar mit dem eigentlichen Sein nichts zu tun, doch ist er eine Eintrittskartekarte zu den lukrativen Kreisen der großen Verlagshäuser bis hinauf zur Nobelpreisnominierung.

Unsere bürgerliche Gesellschaft, die von den illiberalen Linksdiktatoren in den geistigen Untergrund degradiert wurde, kennt die Geschichte der großen und schlussendlich gescheiterten „Revolutionären“ von Robespierre bis Trotzki und weiß  gleichzeitig, dass auf allen königlichen und fürstlichen Höfen eigene „Hofnarren“ gehalten wurden, die offen das vorherrschende Feudale karikiert durften. Heutzutage halten sich die Medien und die  Verlagshäuser eigene „Gesellschaftskritiker“.

Sicherlich: Keine demokratische Gesellschaft ist frei von Fehlern. So sind möglichst objektive Kritiken notwendig und stets willkommen. Greifen hingegen diese auf dem linken Auge blinde Publizisten die Grundfeste der bürgerlichen Gesellschaft an, werden sie – auch für sich selber – gemeingefährlich, da sie den Ast sägen, auf dem sie sich bequem nieder gelassen haben.

Kritiker, vor allem wenn sie berechtigterweise verschiedene Vorgänge oder Zustände angreifen, sollten auch etwas Neues, wenn schon nichts Gutes, doch Besseres empfehlen. Das ist – zugegeben –  der Gesamtgesellschaft gegenüber alles andere als leicht. Da taucht natürlich die Frage auf, welche Gesellschaft sie an Stelle der bürgerlichen empfehlen: Die kommunistische, der „real existierenden Sozialismus“, hat bitter versagt; die österreichische Fassung des sozial abgefederten Kapitalismus scheint leider sang- und klanglos unter der Last der gedankenlosen EU-Erweiterung und der Merkelschen „Willkommenspolitik“ unter zu gehen. Dass unsere gegenwärtige Situation frappante Ähnlichkeit mit den letzten Jahren des Imperium Romanum hat, wo so manche römische Bürger die Germanen „Willkommen“ geheißen haben, muss hier wohl nicht extra erwähnt werden.

Die heutigen Berufs-Gesellschaftskritiker, diese „Hofnarren“ der großbürgerlichen Gesellschaft, können nur kritisieren und  so ziemlich alles, was den Menschen Sicherheit bietet, ablehnen: Harmonie in der Kunst, Ordnung im Sozialen, das Behüten des Traditionellen – das alles ist für sie ein rotes Tuch zum Zerreissen. Eigentlich sind sie die missraten Kinder der Aufklärung. Während die Aufklärer die Vorrangstellung der Vernunft (Kant) oder neue Formen anstelle der Feudalgesellschaft (Diderot) angestrebt haben, fällt den heutigen Gesellschaftskritikern nichts Neues ein; sie begnügen sich mit der harten und harschen Kritik. Wie einst die „Hofnarren“ im Sonnenschein der Fürsten und Herrscher ein für damalige Verhältnisse sehr gutes Leben führten, kassieren die heutigen Gesellschaftskritiker fette Honorare. Alles andere interessiert sie nicht mehr.

3 Gedanken zu „Kritik der „Gesellschaftskritik“

  1. Fragolin

    Diese Leute kritisieren nicht “die Gesellschaft” sondern nur jene Teilmenge der Gesellschaft, bei der sie sicher sein können, dass sie als Antwort auf Kritik keine antifaschistischen Hausbesuche erwarten müssen oder der Kopf des Kritikers schariakonform abgesäbelt wird.

  2. Der Bockerer

    @Fragolin: Genau so ist es. Wenn Kritik für den Kritikus gefährlich werden könnte, wird sie selbstverständlich unterlassen. Man kritisiert am liebsten die, die sich nicht wehren (können).

  3. gscheithaufen

    Als Gscheithaufen immer wieder selber der Hofnarr, verwehre ich mich dagegen, mit “Gesellschaftskritikern”, die in Wahrheit profilierungsneurotische Marktversager sind, in einen Topf geworfen zu werden. Der Hofnarr im höflichen Sinne hatte nämlich die Aufgabe, einer ganz konkreten Person, nämlich dem jeweiligen Fürsten, den Spiegel vorzuhalten und ihn dadurch dazu zu bringen, auch andere Standpunkte als den seinigen als existent anzuerkennen. “Gesellschaftskritiker” hingegen sind bestenfalls Architekten eines Spiegelkabinettes, in das sie vielleicht selbst hineingehen, das aber alle anderen als sinnentleert-absurd betrachten. Trotzdem haben es diese “Gesellschaftskritiker” durch die letzten fünfzig Jahre geschafft, durch die Institutionen zu marschieren und von dort aus alles zu “hinterfragen”, worauf unsere europäische Gesellschaft des (leider ehemals) christlichen Abendlandes aufgebaut war. Resultat: siehe Medien.

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