Kuba, kühl besehen

Von | 1. Dezember 2016

(PAUL FISCHER) Kuba verfügt in Varadero über den weißesten Strand unseres Planeten, seine Zigarren sind weltberühmt, seine Zuckerrohrfelder Legende. Musik und Tanz aus Kuba beleben unser Dasein. Das karibische Land trauert Ende November 2016 über den Tod ihres 90-jährigen „Maximo Líder“, während das 1959 geflüchtete Bürgertum in Miami auf den Straßen tanzt – immerhin eine satte Million Menschen, obwohl westliche Medien oft nur von „ein paar tausend“ Flüchtlingen damals sprechen.

Fidel Castro ragte aus dem 20. Jahrhundert tief hinein ins 21. Er war eine große charismatische Persönlichkeit – so wie Wladimir Iljitsch Uljanow (Lenin), Adolf Hitler, Josip Dschugaschwili (Stalin), Mao Tse Tung, Kim Il-sung, Ho Tschi Minh, Josip Broz (Tito), Saddam Hussein, Muammar Gaddafi, Pol Pot, Ajatol-lah Ruholla Khomeini, Osama bin Laden, Milosevic, Karadjic und Mladic. Alles Männer mit falschen Visionen und dem unbändigen Drang, ihre Mitmenschen bis unter die Haut zu beherrschen.

Kuba ist heute trotz stringenter Wirtschaftssanktionen der USA wieder Ziel für den Massentourismus und macht der Dominikanischen Republik zunehmend Konkurrenz. Die Gäste sind freilich noch vorwiegend Europäer, denen es egal ist, dass Fidel Castro 1959/60 das gesamte, beträchtliche, Eigentum von Ame-rikanern auf Kuba entschädigungslos enteignete. Aber langsam beginnt man in Nordamerika zu verzeihen und wenn dann wieder Touristenschwärme von dort einfliegen, wird die Romantik der Revolution versiegen. Man wird General Fulgencio Batista wieder schätzen, unter dem Kuba in den Fünfziger Jahren nach Argentinien zum wohlhabendsten Land Lateinamerikas geworden war. Und vielleicht entdeckt man wieder, dass Batista, so wie Castro, als Sozialre-former begonnen hatte, bevor er zum Diktator mutierte.

Drei Päpste besuchten die von Kolumbus 1492 entdeckte Insel und baten die Gottesmutter Maria als die „Barmherzige Jungfrau von el Cobre“ um Schutz der Kubaner vor dem Teufel. Karol Wojtyla aus Polen alias „Johannes Paul II.“ tat dies im Jahr 1998 während einer Messe in Havanna mit 1 Million Menschen, nachdem Castro im November 1996 den Vatikan besucht hatte; Josef Ratzinger aus Bayern tat dies als Papst „Benedikt XVI.“ im März 2012, und zuletzt feierte Mario Bergoglio aus Buenos Aires alias Papst „Franziskus“ im September 2015 mehrere Messen mit den Kubanern. Er traf hier in Havanna im März 2016 auf dem Weg zur Heiligen Mutter Gottes von Guadelupe ( Coatlaxopeuh ) in Ciudad de Mexico übrigens auch Patriarch Kirill von Russland, um mit ihm eine weitere Annäherung der katholischen und russisch-orthodoxen Kirche zu besprechen. Kirill war gekommen, um den Bau einer russischen Kirche in Havanna zu wei-hen. „Tempora mutantur, et nos mutamur in illis“, sagten die alten Römer – „Die Zeiten ändern sich und wir verändern uns mit ihnen“.

Warum so viel päpstliche Aufmerksamkeit für eine Karibik-Insel, die kaum ein anderes Land mit Ausnahme des „Heiligen Landes“ Israel / Palästina zuteil wurde?

Es war Kuba, das im Oktober 1962 heimlich russische Mittelstreckenraketen stationierte, und es war der Revolutionär Fidel Castro, der den sowjetischen Führer Nikita Chruschtschow am Telefon schreiend aufforderte, die Raketen mit Atombomben auf die USA zu feuern, als diese sich anschickten, Kuba mit einer 220.000 Armee zu besetzen, um diese Raketen abzumontieren und bei der Gele-genheit auch gleich dem Kommunismus in Lateinamerika ein Ende zu bereiten. „Sie werden wohl verstehen,“ antwortete Chruschtschow dem hitzigen Chef der kubanischen Revolution, „dass im Fall eines Atomkrieges die UdSSR zerstört wird, und davon hätten Sie dann auch nichts“.

Castro forderte von den Russen zudem, die im Bermudadreieck aufgefahrene US-Flotte anzugreifen und zu versenken. Diesen Befehl hatte tatsächlich ein sowjetisches U-Boot für den Fall eines Angriffs durch Amerikaner. U-59  konnte drei Tage lang nicht auftauchen, um per Funk die aktuelle Befehlslage abzufragen, weil die Amerikaner es mit Wasserbomben zudeckten und jagten. An Bord hatte es wegen eines Maschinenschadens 60 Grad Hitze. Und es kam zu einer Auseinandersetzung zwischen Kapitän Sawitzki und dem 1. Offizier Wassilij Archipow. Sawitzky wollte ein nukleares Torpedo, von dessen Existenz bei den sowjetischen Seestreitkräften die Amerikaner noch keine Kenntnis hat-ten, auf die Embargo-Flotte der Amerikaner feuern. Das hätte mit Sicherheit Weltkrieg III ausgelöst und das Ende der Menschheit. 1200 Atomsprengköpfe standen in den USA für den Einsatz gegen die UdSSR bereit und ein paar hun-dert ebendort. Archipow weigerte sich, den zweiten Schlüssel zu drehen. Kapi-tän Sawitzki bedrohte ihn daraufhin mit seiner Dienstpistole. Archipow blieb standhaft. Als die 70-köpfige Mannschaft Partei für Archipow ergriff, gab Sawitzki auf und ließ das U-Boot auftauchen, Luft schnappen und in Moskau nachfragen. Die amerikanischen Matrosen feierten gerade das Ende der Krise und tanzten auf den Decks. (Ähnliches passierte erst wieder am 23. September  1983 als ein russischer Satellit den Angriff von 5 Atomraketen meldete. In der Zentrale Serpuchow stand man Kopf. Der diensthabende Offizier, Kommandant Oberstleutnant Stanislaw Petrow, zögert mit der Anordnung eines Gegen-schlags. 5 Raketen sind nicht logisch für einen Angriff einer Supermacht. Aber der Countdown beginnt. Es ist Freitag. Wie sich später herausstellte, war der Computer falsch programmiert. Der Satellit hat Sonnenlicht zwischen Wolken über dem Huron-See als startende Raketen gedeutet. Petrow wird für die Ent-scheidung später bestraft. Erst Deutschland ehrte ihn 1998).

Inzwischen hatten die Supermächte in der Kuba-Krise einen Weg gefunden, eine nukleare Konfrontation zu vermeiden. US-Präsident John F. Kennedy erklärte sich bereit, die amerikanischen Raketen in der Türkei ein halbes Jahr nach dem Abbau der sowjetischen auf Kuba zu demontieren und still und leise von Ana-tolien zurück in die USA zu verbringen. Von dieser Entwicklung hatte Sawitzki keine Kenntnis. Die russischen Raketentransporter waren schon auf dem Weg nach Hause. Er war bereit gewesen, die Welt in einen Atomkrieg zu stürzen. Archipow wurde später in Moskau der Prozess gemacht und wegen Missachtung von Befehlen verurteilt. Erst nach der Wende, 2012, besuchte BILD.de die Witwe Olga Archipowa außerhalb Moskaus. Sie wusste, dass ihr Mann unser aller Leben gerettet hat.

Castro, dem Chruschtschow versprochen hatte, die US-Regierung werde keine weiteren Invasionsversuche wagen, stürzte sich in eine Kampagne zur Steige-rung der Zuckerproduktion in den verstaatlichten Plantagen, in eine Bewegung zur Alphabetisierung der Bevölkerung und zu einer durchgehenden medizini-schen Versorgung. Das managte als Industrieminister Che Guevara, ein Arzt und importierter Revolutionär aus Argentinien. Bevor er zu Castros Truppe in der Sierra Maestra im Westen von Kuba gestoßen war, hatte er per Motorrad ganz Südamerika bereist. Ganz Lateinamerika zu revolutionieren war danach sein Ziel.

2003 brachte spätabends ein deutscher TV-Sender ein Interview mit einem ehemaligen kubanischen Geheimdienstchef. Während einer nächtlichen Taxi-fahrt durch Havanna erzählte dieser Mann, wie das Attentat auf den im Novem-ber 1963 in Dallas ermordeten John F. Kennedy organisiert worden war. „Lee Harvey Oswald war nicht der einzige Mann, den wir auf Kennedy ansetzten. Wir hatten fünf Teams im Einsatz. Aber Oswald war der beste Schütze“. Ein schlechtes Gewissen hatte der Geheimdienstchef nicht. „Es gab davor 600 Ver-suche durch den CIA Castro zu ermorden. Da ist eine Retourkutsche doch nur logisch. Außerdem war Fidel wirklich böse, dass Nikita Chruschtschow die Raketen von Kuba wieder abgezogen hat“. Der TV-Beitrag wurde nie mehr ge-sendet.

Das Leben ging weiter. Dallas wurde rasch vergessen und verdrängt. Auf Kuba baute man rasch weiter am Sozialismus und die Soviets lieferten jede Menge  modernster Waffen. Nur nicht Atombomben, die wurden nun auf U-Booten sta-tioniert und patroullierten in den Gewässern von Neufundland bis in den Golf von Mexico. Die Großmächte belauerten sich mit Lauschgeräten am Boden der Meere und aus dem Weltraum.

Castro erlaubte Che Guevara, einen Guerillakrieg in Bolivien zu beginnen. Aber diesmal waren die Yankees schlauer. Sie entdeckten Guevara in der Nähe der Provinzstadt Cochabamba und eine in den USA ausgebildete bolivianische Spe-zialeinheit machte dem Mann 1967 ein Ende, der den Amerikanern „Ein, zwei, drei Vietnams“ bereiten wollte. 1968 wurde Ché im Westen zur Ikone einer kri-tisch und rebellisch gewordenen Wohlstands-Jugend.

Vor ihm war der Priester-Guerillero Camillo Torrés in Kolumbien gescheitert, nach ihm wurde der gewählte Marxist Salvador Allende von der Macht ge-putscht und in Peru fing die Armee Abimael Guzmán, den besonders grausamen Führer des „Sendero Luminoso“. Ein leuchtender Pfad waren die Kommunisten jedoch niemals für die jeweils befreite und dann unterjochte Bevölkerung ge-worden.

1983 kam es zu einem Rückschlag der besonderen Art. Amerikanische Aufklä-rer hatten den Bau einer ungewöhnlich langen Flugzeugpiste auf der kleinen Karibikinsel Grenada entdeckt. Sowjetische Fernbomber sollten auf der Insel stationiert werden, nachdem sich ein schwarzer Kommunist an die Regierung geputscht hatte. US-Präsident Ronald Reagan zögerte keine Minute und ordnete die Besetzung und Befreiung Grenadas an. Die dort stationierten kubanischen Truppen machten es den Amerikanern keineswegs leicht, aber erstmals wurde ein Land aus dem Kommunismus zurückgeholt. Bald sollten andere Länder folgen und schließlich die Sowjetunion selbst.

Kuba bis heute nicht. Fidel gelang es mit unglaublicher rhetorischer Begabung und Ausdauer, die Bevölkerung auch in Zeiten der Krise bei Laune zu halten, freilich mit gehöriger Unterdrückung. So schickte er 400.000 Soldaten zum Ster-ben nach Angola und Mozambique im südlichen Afrika und stützte zusätzlich das kommunistische Regime Haile Mariams in Äthiopien. Alle zusammen hin-gegen vermochten das weiße Regime von Südafrika nicht zu stürzen, vielmehr bauten die Buren mit Hilfe Israels in Pelindaba sechs Atombomben und testeten eine zwischen zwei Wolkenschichten vor der Antarktis – 1978.

Zum Ende der Rassentrennungspolitik „Apartheed“ und freien Wahlen (nach dem Prinzip „one man, one vote“), kam es durch den Eintritt des russischen Re-formers Michail Gorbatschow in die Weltpolitik und durch einen Kurswechsel der Niederduitsen Gereformeerde Kerk in Pretoria. Unter dem neuen Modera-tor, Univ. Prof. Johan Heyns verurteilte die Kirche 1986 nunmehr die Apartheid und öffnete der farbigen Bevölkerung die Kirchentüren. (Heute gibt es dreimal so viele schwarze Reformierte als weiße). Heyns wurde dafür von einem buri-schen Fanatiker 1994 ermordet.

Während also die kubanische Truppenspende die Buren nicht niederzuzwingen vermochte, verlängerte sie für eine unnötig lange Zeit die Bürgerkriege in Ango-la und Mozambique und konnte auch nicht den Kollaps des Kommunismus in Äthiopien verhindern. Vielmehr infizierten sich die Truppen mit AIDS, sodass 200.000 Mann diesen schrecklichen Virus ab 1988 nach Kuba heimschleppten.

Für Castro kam 1989 die Mega-Katastrophe. In Berlin stürzte die Mauer ein und  Kuba verlor die beträchtliche Unterstützung durch die DDR. Schlimmer noch, reagierte eine von Defiziten aller Art geplagte UdSSR mit einer Beendigung der Kuba-Hilfe und vor allem mit einer Aussetzung von Erdöllieferungen. Nichts wollte mehr gelingen. Städte, Ortschaften und Betriebe zerbröselten, die Men-schen hatten staatliche Jobs aber kein Geld mehr.

Erleichterung kam in der Person von Hugo Chavez in Venezuela. Durch einen Militärputsch an die Macht gekommen, gelang es ihm, durch Sozialgeschenke nach 4 Jahren sogar gewählt zu werden. Er holte 10.000 kubanische Ärzte in die Slums seines Landes und schickte dafür Öl und Nahrungsmittel zu Vorzugsprei-sen nach Kuba. Doch dann starb der obskurante Hugo an einer seltenen Form der Leukämie und schließlich fiel der Ölpreis ins Bodenlose. Nachfolger Nicolás Maduro fehlte nun das Geld für Sozialgeschenke und Nahrungsmittel. Das rei-che Land begann zu hungern. Chavez hatte von einem „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ geträumt, geschaffen hat er eine Misere à la 20. Jahrhundert.

Von so viel Missgeschick gekränkt, stürzte Fidel Castro bei einer seiner elends-langen Reden 2004 vom Podium und sollte sich nicht mehr erholen. Bruder Raúl ergriff im Konsens beherzt das Ruder und begann vorsichtig Reformen umzu-setzen. Gewerbetreibende dürfen Gewinne machen und Verwandte anstellen. Ausländische Firmen, insbesondere Biotech-Labors, sind eingeladen, zu inves-tieren. Man versuchte von China und Vietnam zu lernen, traute sich aber zu Lebzeiten des Commandante nicht an die großen Reformen.

Der nun schon über 80jährige Bruder Raúl half unter Anstiftung von Papst Franziskus bei den Friedensverhandlungen der kolumbianischen Linksguerilla FARC mit der rechten Regierung in Bogotá. Das wiederum rief US-Präsident Barack Obama auf den Plan, der den Strohhalm zur Beendigung des Konfliktes Kuba – U.S.A. ergriff, Botschaften wieder eröffnete und Schiffs- und Flugverkehr zwischen den ungleichen Ländern neu in Schwung brachte. Wieweit ihm da der eben gewählte Präsident Donald J. Trump folgen wird, muss sich noch zeigen. Aber vielleicht verliert der ja sein Amt wieder, wenn nachgewiesen wird, dass Putin die Wahlmaschinen von Minnesota, Wisconsin und Pennsylvania zu Trumps Gunsten hat hacken lassen.

3 Gedanken zu „Kuba, kühl besehen

  1. Thomas Holzer

    Alexis Tsipras: “Wir verabschieden uns von einem Symbol für Unabhängigkeit, die Freiheit (sic!) und die Würde”
    Ich befürchte, dieser Mann ist auch noch von der “Wahrheit” seiner Aussage überzeugt………

    Wie verkommen muß eine Gesellschaft eigentlich sein, Menschen mit derlei realitätsfernen -heutzutage nennt man das ja anscheinend postfaktisch- Ansichten in Regierungsverantwortung zu wählen

  2. Historiker

    Keine der amerikanischen Wahlmaschinen war jemals mit dem Internet verbunden und somit konnte auch keine Manipulation “von außen” stattfinden. Jede einzelne Maschine hätte einzeln von Hand manipuliert werden müssen, über die riesige Fläche mehrerer Bundesstaaten hinweg, und all dies hätte von niemandem wahrgenommen werden dürfen. Die Hersteller der Wahlmaschinen und deren Wartung liegt übrigens in den Händen von Firmen, die den Demokraten nahestehen. Die angebliche “Wahlmanipulation” in den USA ist ein Märchen von und für Leute, die es nicht ertragen können zu verlieren.

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