Kurz muss weg, obwohl Kurz weg ist

Von | 18. Dezember 2021

(C.O.) Nachtreten gehört zum unguten politischen Brauchtum des Landes – Sebastian Kurz der Scharlatanerie zu zeihen ist trotzdem etwas ahistorisch. Unter dem Titel „Abschied von Sebastian Kurz“ verfasste dieser Tage Kollege Hans Rauscher eine Art Nachruf auf den politisch (vorerst) von uns gegangenen 35-jährigen Doppel-Altkanzler, dessen entscheidende Passage lautete: „Jetzt geht es darum, wie wir weitertun, wie wir aus der türkisen Scharlatanerie der letzten vier Jahre und aus der ansatzweisen Radikalisierung wegen Corona wieder herauskommen“ („Der Standard“, 11. 12. 2021).

Nun ist die ansatzweise Radikalisierung, die jeden Samstag in der Wiener Innenstadt oder gar vor Krankenhäusern zu besichtigen ist, wohl eher der Dummheit mancher Mitbürger und einem politischen Laufhausbetreiber namens FPÖ geschuldet, der mit seinen Schwurbler-Demos eine Art Triebabfuhr für jene Unvernünftigen geschaffen hat, für die sie sich mit einem politischen Schandlohn in Form von Wählerstimmen bezahlen lässt. Herbert Kickls Corona-Puff sozusagen, wer einen IQ unter 100 nachweisen kann, zahlt nur die Hälfte.

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Kurz freilich kann man dafür nur dann verantwortlich machen, wenn man, wie viele Anhänger der „Kurz muss weg“-Liga, die Auffassung vertritt, dass Kurz grundsätzlich für jedes nur denkbare Übel dieser Welt verantwortlich ist.

Was aber ist dran an der nicht nur von Hans Rauscher verbreiteten Erzählung von der „türkisen Scharlatanerie“ der Kanzlerjahre des Sebastian Kurz – einmal abseits jener unbewiesenen Vorwürfe, die von der Justiz zu klären sind? Scharlatan, so lehrt uns das etymologische Lexikon, ist, „wer nichts von seinem Fach versteht, aber vorgibt, viel zu wissen, Aufschneider, Schwindler, Hochstapler also“. Ich bin mir nicht sicher, ob das eine treffliche Charakteristik für Sebastian Kurz ist. Dass er nichts von seinem Fach, der Politik, versteht, ist Nonsens; und wenn der Mann ein „Schwindler oder Hochstapler“ ist, dann wäre das ein erheblicher Teil der politischen Klasse ebenso. Zutreffend ist, dass Kurz vor allem in der Coronakrise zu früh Entwarnung gegeben hat und die eine oder andere Entscheidung eher politisch denn medizinisch motiviert getroffen hat. Man kann das kritisieren – aber „Scharlatanerie“? Geht’s nicht um eine Konfektionsgröße kleiner?

Für mich gehört zu den enttäuschenden Aspekten der Ära Kurz die weitgehende Abstinenz im Einschlagen der richtigen wirtschaftspolitischen Pflöcke, wie das seinerzeit Wolfgang Schüssel unternommen hat, etwa durch die Privatisierung der Verstaatlichten Industrie, allen voran der Voest. Sebastian Kurz hat nicht einmal annähernd vergleichbares vorzuweisen, aus wirtschaftsliberaler Sicht war da kaum was, das Bestand haben wird. Verlorene Jahre in dieser Hinsicht, und dieser Vorwurf wiegt schwer genug – aber „Scharlatanerie“ ist das deswegen doch nicht; wie man das eigentlich keinem Kanzler der II. Republik seriöserweise zuschreiben kann.

Schon gar nicht als Scharlatanerie kann diskreditiert werden, was Kurz in anderen Politikbereichen an Markierungen hinterlassen hat. Dazu gehört das Vorantreiben der Agenda der „Frugalen Vier“, also der Versuch, den weiteren Umbau der EU zur Schuldenunion zu bremsen und den Tugenden der (staatlichen) Sparsamkeit wieder Gehör zu verschaffen. Auch sein harter Kurs in der Frage der illegalen Einwanderung und ihrer Bekämpfung („Festung Europa“), sein Widerstand gegen den UN-Migrationspakt und die sogenannte Aufteilung der Migranten gegen den Willen einzelner Mitgliedsstaaten waren nicht Scharlatanerie, sondern notwendige Realpolitik. Die übrigens, wie in der jüngsten Causa „Migranten als Waffe gegen Polen“ zu besichtigen war, langsam mehrheitsfähig wird in Europa.

Auch sonst liegt die „Scharlatanerie“ wohl im Auge des Betrachters. Israelis zum Beispiel werden den betont mit dem Judenstaat solidarischen Kurs der Kurz-Regierung als Wohltat empfinden. Dass ausgerechnet jemand wie Hans Rauscher das aus seinen diesbezüglichen Reflexionen ausklammert, erstaunt. Aber ich weiß: „Kurz muss weg, Kurz muss weg, Kurz muss weg, Kurz . . .“ (“PRESSE”)

8 Gedanken zu „Kurz muss weg, obwohl Kurz weg ist

  1. sokrates9

    Warum wurde Kurz abgeschossen? Es klingt lächerlich dass ein Bundeskanzler weil er die Krispa angelogen haben soll ,gehen muss. Noch dazu mit eigenartigen Background. Kurz hat bestritten sich nicht näher in die Besetzung wichtiger staatspolitischer Positionen eingemischt zu gaben. Eigenartig – es müsste doch seine Verpflichtung sein über Positionen wo es um Milliarden geht die im Eigentum des Staates sind, Nicht mitzumischen! Dass das Absägen von Mitterlehner sensible Gemüter für unfair halten, mag sein, doch ich bin sicher dass für die Details Kurz sich nicht die Hände schmutzig gemacht hat, einerseits weil ein 30 jähriger das Handwerkzeug der Intrige noch gar nicht beherrschen kann ( wer sind die Player, wem suche ich aus von den Medien, wem von den Meinungsforschungsinstituten ) und außerdem halte ich ihm dazu gar nicht für clever genug. Warum ist Kurz in Ungnade gefallen? Ein Indiz könnte sein Kurz hat 2x Aussagen getroffen die in den Medien ganz verschämt berichtet wurden weil sie nicht mainstream sind:: Nach der 2. Impfung ist die Pandemie vorbei, jeder der Angst, hat soll sich impfen lassen, wir müssen wieder zur reinen Selbstverantwortung zurückkehren. Mit der Impfung gibt es gutes Instrument individuell die Krankheit zu bekämpfen, das ist nicht Aufgabe des Staates. Bei Grippeimpfung funktioniert das auch.
    Könnte mir vorstellen dass das vielen Playern nicht ganz ins Konzept passte.

  2. Cora

    Kurz wurde abgeschossen von undemokratischen Kräften durch eine Indiskretion, die ihn kompromittieren sollte und das auch hat. Erst dadurch wurde ihm das Vertrauen der Menschen und in der Partei entzogen. Kurz ist ein von machtgierigen und mächtigen subversiven Kräften abmontierter Volkstribun, die es nicht derkiefeln konnten, daß jemand mit einer ihnen konträr entgegengesetzten Ansicht so viel Erfolg haben kann. Nun haben wieder die Aufwind, denen das Land und die Freiheit herzlich wurscht ist. Hauptsache, sie sind an der Macht. Nachgetreten wird, damit das auch so bleibt. Kaltgestellt ist er durch die laufenden Ermittlungen der WKSta, die sich in die Länge ziehen werden, siehe Grasser, das kann Jahre dauern, vor allem wenn man nur fadenscheinige Beweise hat, SMS auf einem Handy, das nicht einmal seines ist, und so lange bleibt er kalt gestellt. Es ist eine der größten Dysfunktionalitäten im Justizapparat, jemanden unverhohlen anzuschuldigen, ihn öffentlich zur Sau zu machen, das dann so stehen zu lassen und nichts dafür zu tun, das schnellstens aufzuklären, zu dem Zweck seinen Ruf nachhaltig zu schädigen. Kurz dagegen hat alles unternommen, um rasch aufzuklären, er hat seine Immunität aufgegeben. Das alles wirft ein schiefes Licht auf die WKSta und ihre Helfer§innen.

  3. Rado

    Den Migrationspakt hätte Kurz anfangs liebend gerne unterschrieben, wenn die FPÖ, aufmerksam gemacht durch einen mittlerweile verfemten Identitären, nicht einen Riesenwirbel gemacht hätte.
    Kurz hat das nie vergessen und seine Rache zeigte seinen Hang zum Autoritären, den er über die Jahre immer konsequent verfolgt hat. Mit den oben erwähnten Politischen Spuren von Kurz verhält es sich ähnlich. Das Erbe von Kurz werden seine für einen österreichischen BK völlig ungewohnten Äusserungen bleiben. Etwa die verbale Änderung der Haltung zu Erdogans Türkei. Bei der Politik selber sieht es aber völlig anders aus. Da hätte man auch einen Mitterlehner behalten können.

  4. Johannes

    Nachtreten ist eine Charaktereigenschaft, entweder man hat die Größe nach einem Sieg- und das ist der Putsch gegen Kurz für seine Gegner- sich an diesem Unrecht zu erfreuen und seine politische Agenda nun eben ohne den aus dem Weg geräumten weiter zu treiben oder man ist halt so, dass man nicht anders kann.
    Wer Spott und Hohn zu seinem Wesen macht bleibt im Grunde ein giftiger Kleingeist, berechenbar uninteressant, also etwas das einen Qualitätsjournalisten nicht gerade auszeichnet.

    Ich glaube es ist die Angst, Kurz könnte -wenn die rechtlichen Anschuldigungen gegen seine Person nicht halten – zurückkommen.

    Die Probleme der Massenimmigration sind nicht kleiner geworden, die SPÖ fordert wieder einmal die unbegrenzte Einwanderung, wirtschaftlich fordert sie die komplette Anpassung an die EU, sowohl in Fragen des inflationären Gelddruckens wie auch der Anpassung an EU Recht, was einer Selbstaufgabe gleicht.
    Die FPÖ ist nicht fähig die durchaus berechtigten Sorgen der Impfskeptiker in einer intelligenten Form zu repräsentieren.
    Sie scheint nicht einmal mehr fähig irgendein anderes politisches Thema daneben zu formulieren.
    Die Neos ernähren sich von U A-schüssen und von plakativen Aktenweglegungen deren Ablegung vom BK seinerseit, als großes Brimborium zelebriert wird.
    Die Grünen betreiben fleißig ihr Geschäft haben aber die klassischen Grünwähler durch ihre Koalition verloren und bürgerliche Grünwähler noch nicht gewonnen, also treten auf der Stelle.

    So gesehen kann ich Herrn Rauscher fast schon wieder verstehen.
    Da ist nicht viel, das der politischen Ausnahme Kurz das Wasser reichen könnte.
    Wenn der es schafft schneller zurückzukommen, vielleicht mit einer Wirtschaftspartei, als es seinen vermeintlichen Henkern recht ist, könnte er womöglich wieder Erfolg haben.

    Daher weitermachen Herr Rauscher, am besten als Gastschreiber ,zack-zack wenn ich bitten darf!

  5. Susi

    Kurz „musste weg“, weil er ein politisches Talent ist, das man unter den anderen Parteien nicht findet, auch nicht im Ausland, man denke nur an Frau Baerbock, der neuen deutschen Außenministerin, die mit dem Privatjet herumdüst und UNS das Autofahren und Fliegen verbieten will. Neben Herrn Kurz konnte man die „Schwächen und Defizite“ seiner polit. Mitbewerber sehr deutlich erkennen, auch die der ORF Moderatoren, daher „musste er weg“, mithilfe der Staatsanwaltschaft, denn ansonsten hätte es nicht so schnell geklappt. Auch die opportunistischen „alten schwarzen“ ÖVP´ler haben kräftig mitgeholfen und ich hoffe bei den nächsten Wahlen werden Wallner und Co. dafür ihre Rechnung bekommen! Denn die veröffentlichte Meinung durch die Medien ist in keinster Weise die öffentliche und ich bedanke mich bei Herrn Nehammer, Frau Köstinger und anderen dass sie durchhalten und uns somit die Achse Rendi-Wagner und neuer bester Freund Kickl, sowie Grüne und Neos zusammen als „Schreckensregierung“ vom Hals halten.

  6. aneagle

    Österreich hat Tradition im Abschiessen seiner größten Talente. Dafür sorgt schon der SVUUPÖ
    (=stiller Verband untalentierter,unwählbarer Politiker Österreichs).

  7. Falke

    Kurz ist natürlich nicht für jedes denkbare Übel dieser Welt verantwortlich. Sehr wohl verantwortlich ist er aber, dass er uns die grünen Kryptokommunisten angetan hat. Und, wie sich dann herausgestellt hat, hat er sie sich auch selbst “angetan”: sie haben ihn nämlich abgeschossen. Wenn jemand (euphemistisch ausgedrückt) so naiv ist zu glauben, er könne irgend eine sinnvolle Politik mit Grünen machen, hat er sich für das Amt des Bundeskanzlers nachhaltig disqualifiziert. Daher hat er es durchaus verdient, dass er jetzt “weg” ist. Wobei ich natürlich keineswegs der Meinung bin, dass da etwas Besseres nachgekommen ist, ganz im Gegenteil. Ob zu Recht oder nicht: in der derzeitigen Situation präsentiert sich die FPÖ (trotz oder wegen Kickl, je nach Geschmack) als einzige echte Opposition, die auf Seiten der Bürger ist – jedenfalls setzt sie sich für deren verfassungsmäßig garantierte Freiheiten und Rechte ein, die von der Regierung (unter tatkkräftiger Mithilfe der beiden anderen sogenannten Oppositionsparteien) seit rund Jahren mit Füßen getreten werden.

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