Laster, Sünde und Profit

Von | 17. November 2020

(ANDREAS TÖGEL) Wer unter Knappheitsbedingungen agiert, muss bekanntlich auf das eine verzichten, um das andere zu erhalten – eine Präferenzentscheidung, wie im Krieg zwischen Kanonen und Nahrungsmitteln.
Dass auch heute, in Zeiten des mehr und mehr Ressourcen aufzehrenden Wohlfahrtsstaates die Präferenzen zugunsten von Kanonen ausfallen können, haben soeben die Schweizer vorgeführt, die, wenn auch mit hauchdünner Mehrheit, für eine Ausgabe von 6 Mrd. Franken zwecks Erneuerung ihrer in die Jahre gekommenen Kampfflugzeugflotte von insgesamt 60 Maschinen der Typen F-5 (1978 eingeführt) und F-18 (1996 eingeführt) gestimmt haben. Eine Entscheidung über das Nachfolgemuster wurde bislang noch nicht getroffen.

Im Waffengeschäft steckt jedenfalls jede Menge Phantasie: Die USA versuchen, ihre Rolle als Welthegemon zu verteidigen. Chinas Ehrgeiz, zur globalen Supermacht aufzusteigen, beschränkt sich nicht auf die Güterproduktion und den Handel, sondern zielt auch auf seine militärische Schlagkraft. Einige europäische Nato-Staaten – allen voran Deutschland – werden, ungeachtet des Ausgangs der US-Präsidentschaftswahlen, in den kommenden Jahren genötigt sein, ihre Verteidigungsetats aufzustocken. Schließlich dräut bekanntlich der bestens bewaffnete russische Bär. Indien sieht sich ständig von China bedroht und im Mittleren Osten rivalisieren mehrerer Mächte um die regionale Vorherrschaft. Die Aussichten für Lockheed-Martin, Boeing, General Dynamics, Airbus, Rheinmetall u.v.a.m. sind daher günstig.

Ein paar Daten: Moderne Kampfpanzer wie der Leopard II kosten 4 – 7 Mio. Euro/Stück, Kampfflugzeuge 100 – 200 Mio. (beides Systempreise), Panzerabwehrlenkraketen wie die FGM-148 Javelin 80.000 USD, und Zerstörer der USS Zumwalt-Klasse rund 4,4 Mrd. USD.

Ob es in Zeiten nach unten manipulierter Zinsen Sinn hat, nach Renditen im Waffengeschäft zu suchen? Eindeutig ja. Doch eines vorweg: Die Umsätze, die mit im zivilen Sektor gehandelten Waffen gemacht werden, sind im Vergleich zu denen im Militär- und Behördenbereich zu vernachlässigen. Wer in Waffen investiert, finanziert die Rüstungsproduktion – und damit die am stärksten politisierte Branche der Welt. Eine private Nachfrage nach Flugzeugträgern, U-Booten, Panzern und Jagdbombern existiert ja nicht.

Ebenso wenig kann von einem freien Markt die Rede sein, da für Rüstungsgüter ausschließlich Steuermittel aufgewendet werden und deren Zahler keinerlei Einfluss auf einschlägige Beschaffungsvorgänge haben. Nirgendwo gedeihen Lobbyismus, Korporatismus und Korruption prächtiger als im Rüstungsgeschäft. Das kann für Libertäre ein k. o. -Kriterium sein.

Natürlich gibt es Möglichkeiten, auf „sündige Anlagen“ wie Alkohol, Tabak oder Waffen zu setzen – entweder durch den Kauf von Aktien entsprechend ausgewählter Unternehmen, oder mittels einschlägig strukturierter Fonds. Das „Global Investment Returns Yearbook 2015“ der Credit Suisse beantwortet die Frage, ob mit einem „Vice-Fund“ (z. B. dem, der von der US-Fondsgesellschaft Mutuals.com im Jahr 2002 aufgelegt und mittlerweile in US-Barrier-Fund umbenannt wurde) gutes Geld zu verdienen wäre, ganz klar mit ja. Die langfristigen Daten lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Aktien von „Laster-Branchen“ den Gesamtmarkt schlagen.

In den Konzernzentralen und auch an den Börsen gewinnt die politische Korrektheit an Boden. Viele professionelle Anlagehäuser meiden daher „sündige Investments“, um ihr Image zu pflegen. Gerade das könnte – im Hinblick auf die Erwartung, dass die Welt in den kommenden Jahren mit eher weniger als mehr Stabilität wird leben müssen – ein Signal sein, sich vom ausgetretenen Pfad der „ethischen Investments“ zu entfernen und auf das Gegenteil zu setzen. Tun Sie es nicht, werden es andere tun. Diese Überlegung könnte „sündigen“ Anlegern weiterhin eine hohe Schlafqualität gewährleisten.

Dieser Beitrag stellt ausdrücklich keine Anlageempfehlung dar! Der Text ist soeben in der Dezember-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 208 erschienen

Ein Gedanke zu „Laster, Sünde und Profit

  1. sokrates9

    Habe noch nie ghört dass mit grünen Aktien die Renditen diverser “sündiger Firmen”- Waffenhandel, Tabak, Alkohol, Glücksspiel verdient werden können.

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