Lehrberufe in der Krise: Staat und Kammern als Chancenkiller

Von | 14. Oktober 2016

(ANDREAS TÖGEL) Finanzminister Schelling hat in seiner eben gehaltenen Budgetrede für 2017 ein „ausgeglichenes“ Budget in Aussicht gestellt (das allerdings nur nach Abzug der horrenden Kosten für die Versorgung der hier eingefallenen „Flüchtlinge“ darstellbar ist). Das ist – angesichts der hartnäckigen Forderung nach einer weiteren Ausdehnung der Staatsschuldenorgie durch den sozialistischen Koalitionspartner – immerhin bemerkenswert. Eine weitere Intensivierung des koalitionsinternen Streits scheint damit indes programmiert zu sein und vorzeitige Neuwahlen werden nun noch wahrscheinlicher, als sie es zuvor schon waren.

Doch die seit 1970 nahezu unentwegt regierenden Sozialisten verfügen keineswegs über ein Monopol auf hartnäckige Realitätsverweigerung. Die für unseren ständisch orientierten Gouvernantenstaat symptomatischen Zwangsinteressenvertretungen stehen in dieser Disziplin dem roten Kanzler nicht nach.

Ein Beispiel: Die liberale Denkfabrik „Agenda Austria“ hat kürzlich vorgeschlagen, die Gewerbeordnung dahingehend einer radikalen Reform zu unterziehen, als die Zahl jener Gewerbe drastisch reduziert werden sollte, deren Ausübung eine Meisterprüfung zur Voraussetzung hat. Durch diesen erleichterten Zugang zur beruflichen Selbständigkeit, so die Autoren des Papiers, könnte ein Gründerboom ausgelöst und damit auf preiswerte und unbürokratische Art und Weise eine Beschäftigungsinitiative gestartet werden.

Lange hat es nicht gedauert, schon sprengt die stets um die Bewahrung der Pfründe ihrer Zwangsmitglieder besorgte Wirtschaftskammer auf die Wallstatt, um leidenschaftlich gegen ein derart unerhörtes Ansinnen zu polemisieren. Angeblich würde nämlich das Angebot an Lehrstellen unter einer liberalisierten Gewerbeordnung leiden, wie das Beispiel Deutschlands zeige, wo eine derartige Maßnahme bereits im Jahr 2004 vorgenommen wurde.

Was der Aufmerksamkeit der Damen und Herren Kammerbeamten entgangen sein dürfte: Korrelation und Kausalität sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Dass die Zahl der Lehrlinge in Deutschland rückläufig ist, ist nicht der anno 2004 vollzogenen Deregulierung geschuldet. Vielmehr ist die demographische Entwicklung maßgeblich: Es gibt heute eben weniger Jugendliche als vor 12 Jahren. In Österreich ist zusätzlich die durch die Sozialisten mutwillig ins Werk gesetzte Zerstörung der Grundschulen von entscheidender Bedeutung. Die in „Neue Mittelschule“ umgetaufte Hauptschule, die als Lehrlingslieferant von größter Bedeutung ist, wurde dadurch – insbesondere in den größeren Städten – zur zeitweiligen Aufbewahrungsstätte für die Sprösslinge „bildungsferner Schichten“ degradiert.

Auch die landauf landab unentwegt kolportierte Behauptung, dass das Land mehr Akademiker benötige (denn wer nicht studiert hat, sei ein minderbemittelter Dummkopf), bedeutet eine indirekte Abwertung der Lehrberufe. Keiner möchte sich heute noch bei der Arbeit die Hände schmutzig machen. Dass ein einziger fähiger Handwerksmeister für die Gesellschaft wertvoller ist als alle Soziologen, Politologen und Genderwissenschaftler zusammen (die außerhalb staatlich geschützter Werkstätten kaum eine Aussicht auf eine Anstellung haben und für unternehmerische Tätigkeiten meist völlig ungeeignet sind), ist eine zwar naheliegende Erkenntnis, die aber dennoch ihrer Entdeckung durch Politik und Medien harrt.

Im Ergebnis sehen sich Gewerbetreibende heutzutage mit einem Angebot an Lehrstellenwerbern konfrontiert, von dem nur diejenigen unter ihnen Gebrauch machen wollen, die starke masochistische Neigungen verspüren. Was zum Beispiel soll ein Malerbetrieb mit Lehrlingen anfangen, die schon an der Berechnung einer Fläche (zwecks Kalkulation der für den Anstrich benötigten Farbmenge) scheitern? Sollen sie etwa den durch das staatliche Schulsystem in neun Jahren nicht vermittelten Stoff nachholen?

Dass die Arbeiterkammer in der jüngsten Ausgabe ihrer Klassenkampfpostille „AK Für Sie“ der Lehrlingsproblematik einen mehrseitigen Artikel widmet, passt ins düstere Bild. Die alarmierten roten Kämmerer beklagen darin, dass potentielle Ausbildner sich zu sehr auf die Schulnoten fixieren und dafür auf die manuelle Geschicklichkeit von Lehrstellenwerbern keinerlei Rücksicht nehmen würden. Diese Kritik geht indes völlig an der betrieblichen Realität vorbei, von der sie als Quasibeamte, die selbst nie im Betrieb gearbeitet haben, naturgemäß keine Ahnung haben. Heute reicht die bloße manuelle Geschicklichkeit in den meisten Lehrberufen einfach nicht mehr aus! Ein Automechaniker, Elektromonteur oder Verkäufer muss heute eben nicht nur mit dem Schraubenschlüssel, dem Leitungsprüfer oder der Registrierkasse, sondern auch mit dem PC oder komplizierten Mess- und Diagnosegeräten umgehen können. Wer das – dank des inferioren staatlichen Zwangsschulsystems – nicht bringt, hat auch im „einfachen Handwerk“ heute kaum noch eine Chance.

Ohne eine grundlegende Reform des Schulwesens, dessen Totalprivatisierung wohl die wirkungsvollste aller möglichen Maßnahmen wäre, wird es daher kaum möglich sein, die Betriebe mit der Art von Berufsnachwuchs zu versorgen, den diese benötigen. Der Beatles-Drummer Ringo Starr war/ist nicht der einzige, der zur Einsicht gelangt(e), dass „…sich alles, was die Regierung in die Hand nimmt, in Scheiße verwandelt.“

Tagebuch

14 Gedanken zu „Lehrberufe in der Krise: Staat und Kammern als Chancenkiller

  1. Fragolin

    “Korrelation und Kausalität sind zwei verschiedene Paar Schuhe.”
    Ich wage aus Erfahrung zu behaupten, dass ein erklecklicher Teil der sich bei jedmöglicher Gelegenheit großmäulig zu Propagandawort meldenden Kammeristen und Dysfunktionäre nicht einmal ansatzweise erklären kann, was Korrelation und Kausalität überhaupt bedeuten.
    “Die alarmierten roten Kämmerer beklagen darin, dass potentielle Ausbildner sich zu sehr auf die Schulnoten fixieren…”
    Gelebte Ahnungslosigkeit, wie unter den Dysfunktionären üblich. Ich bin in vielen Industrie- und Gewerbebetrieben der Metallbranche in die Lehrlingsausbildung involviert und kann nur eines sagen: Jugendliche, die nicht zumindest ein Praktikum im Betrieb absolviert und von den dortigen Meistern geprüft und bewertet wurden, haben in sehr vielen Firmen gar keine Chance mehr auf einen Lehrplatz. Die Firmen kaufen keine Katze im Sack; selbst gute Schulnoten sind vollkommen irrelevant, weil durch das subjektive Benotungssystem ruhegenussorientierter Lehrbeamter vollkommen aussagefrei. Wer sich mit miesem Schulabschluss zu einem Praktikum meldet, zeigt, dass er gewillt und motiviert ist und bekommt eher eine Chance als einer, der mit einem guten Abschluss die Ferien genießt und dann glaubt, Ende August zur Firma seiner Wahl gehen zu können und dort mit Kusshand aufgenommen zu werden. Ohne Praxis geht da gar nix mehr.
    Aber Kämmerer und Amtsschimmel kennen nur das dortige Bewerbungssystem (Es kommt nicht darauf an, was du kannst, es kommt darauf an, wen du kennst.) und sind deswegen maximal zu ignorieren.
    Das Ringo-Zitat bringt es auf den Punkt, kann ruhig auf Parteien, Kammern und Ämter ausgeweitet werden.

  2. Reini

    …wer ein Hirn hat macht eine Lehre (eventuell mit Matura) und Lehrabschluss! …
    Die Massen an Akademikern, mit der Ausbildung für “Nichts brauchbares”, sind fürs AMS angelernt, … die müssen aber gut zahlen bei dem Zuwachs! 😉

  3. Andreas73

    @ Reini:
    D’accord; Nur woher in einer vernünftigen Qualität kriegen?
    Bin auf der Suche für meine Kinder. Im Süden Wiens bin ich nicht wirklich fündig geworden.

  4. humanist und techniker

    “Mein” fleissiger Lehrling ist gestern zum Giessereitechnik-Gesellen avanciert. Mit Bravour hat er eine Skulptur (Heilige Barbara, mit Kern, nicht ganz einfach und kolossal konturiert auch noch) eingeformt, ein schlüssiges Anschnittsystem erarbeitet und mit Aluminium abgegossen. Eine Freude, so etwas zu schaffen. Und alle Fragen so intelligent beantwortet, dass er zudem eine Auszeichnung erhielt.
    Seine Lebensleistung ist allein damit trotz juvenilen Alters erheblich grösser als jene nicht nur elektrotechnisch unerwünschte Scheinleistung der mittlerweile zahllosen Umlagefinanzierten in Kammern, Regierung, Ländern, ORF etc. Deren dysfunktionale Scheinleistungen penetrieren die Welt der wenigen verbliebenen wertschöpfend Tätigen nicht nur durch Absenz von echter Arbeit und Verursachung unnötiger Kosten, sondern längst auch noch zusätzlich durch penetrantesten Zeitraub, indem sie uns Werktätigen immer blöder werdende Rechtfertigungs-Papiere aufzwingen, die nur einen einzigen Zweck haben: Ihnen das Gefühl zu geben, eine Leistung zu erbringen. Und uns, “schuldig” zu sein. Die EU akklamiert euphorisch und bastelt – den apparatus exponentiell im eigensaft vermehrend – mit erhobenem zeigefinger mit an immer schwachsinnigeren Gängelungen zum irreversiblen Schaden der europäischen Restindustrie.

    Jetzt aber zurück an die Arbeit!
    Mein frischgebackener Geselle werkt auch bereits wieder seit 6.00h. Fleissig und mit einem zu Recht stolzen Lächeln auf der Lippe. Gut so!

    Guter Artikel, Herr Tögel. Fragolin, d’accord! Danke, Herr Ortner.

  5. Reini

    Andreas73, … für Handwerksberufe mit Qualität müssen sie sich eher in der Ländlichen Umgebung umsehen.

  6. sokrates9

    Wenn ich mir jetzt den Mitterlehner für sein unbedingtes CETA – Ja anhöre; große Chance für Europa, große Chance für Österreich und das obwohl ich keine einzige Studie finde die hier einen Nutzen für Europas Bevölkerung hat, finde zeigt das wie sehr der Fisch vom Kopf stinkt! Eine derartig bescheidene und dürftige Pro – CETA Argumentation ist traurig! Reines Nachplappern von EU – Phrasen!

  7. Falke

    Zum von Schelling so gelobten “ausgeglichenen Budget”: Da werden die 2 Mrd., die uns die Flüchtlinge nächstes Jahr (und wohl mindestens in alle Ewigkeit) kosten werden, ganz einfach aus dem Defizit herausgerechent, und schwupps! hokus-pokus! haben wir ein großartiges Budget mit “nur” knapp 5 Mrd. Defizit, so etwa nach dem Motto: Was nicht drin steht, das gibt es auch nicht. Da gibt noch sehr viel Luft nach oben: Nächstens werden vielleicht die Beamtenpensionen herausgerechnet und – siehe da! – wir haben einen Überschuss. Ich nehme nicht an, dass Schelling diese Art der Rechnung bei Lutz gelernt und angewendet hat – sonst gäbe es die Firma wohl längst nicht mehr. Aber im Staate Österreich kann man diese fehlenden Beträge mittels Steuererhöhungen bzw. Schulden locker wieder eintreiben, was bei einer Möbelfirma mittels Preiserhöhungen wohl voll in die Hosen ginge.

  8. mariuslupus

    Auch ein Staat sollte überlegen ob seine Investitionen auch eine Rendite erzielen. Die, mindestens 2 Milliarden, ohne zeitliche Beschränkung, ist ein herausgeschmissenes Geld. Ein Geld dass nicht durch eine unvorhersehbare Katastrophe, Erdbeben, Vulkanausbruch, um die Milderung der Folgen einer Naturkatastrophe benötigt wird. Sondern, diese Summe wird kaltschnäuzig der arbeitenden Bevölkerung entzogen.
    Diese Summe in die Ausbildung der Jungen investiert, würde einen enormen Schub in der Qualifikation der Jugendlichen, bedeuten.
    Aber zu dieser Einsicht sind verblendete, unfähige Politiker, nicht nur nicht fähig, sondern sie lehnen es ab Zukunftsorientiert zu denken.

  9. Fragolin

    @humanist und techniker
    Gratulation zu diesem Gesellen!
    “Seine Lebensleistung ist allein damit trotz juvenilen Alters erheblich grösser…”
    Haargenau! Wir arbeiten den halben Tag für ein großes Therapieprogramm von Massen an unproduktiven und auch nie zur Produktivität Fähigen, die andere in Arbeit ertränken um sich selbst nicht ihre absolute Bedeutungslosigkeit eingestehen zu müssen. Geschwätzproletariat und Sozialschmarotzer.

  10. sokrates9

    hunmanist und Techniker@ Ist ihr frischgebackener Gesell arabischer Moslem oder kommt er aus Osteuropa?- Macht erheblichen Unterschied aus! schlimm ist dass viel Geld das unter dem Titel Schule, Qualifizierung ausgegeben wird nicht den Eliten zu Gute kommt sondern dazu dient, dass Ali nach 8 Jahren seinen Namen schreiben kann!

  11. Fragolin

    @sokrates9
    Und wenn man Pech hat, kann Ali das nur mit dem Messer in den Nacken eines Schweinefressers ritzen…
    Meine bisherigen vielschichtigen Erfahrungen mit Lehrlingen, oder meistens eher Lehrversuchen, mit Migrantenkindern aus dem arabischen und afrikanischen Raum, bilden ein praktisches Abbild der theoretischen angeblichen “Hetze” eines Herrn Sarrazin. Es ist eine Frage der Mentalität, die immer und immer wieder von links bestritten wird, unter dem Strich aber in der Praxis zum Schlagen kommt.
    Und btw. ist auch ein extremes Stadt-Land-Gefälle bei den Heimischen zu beobachten. Früher kamen die Klugen aus der Stadt und die Hiasl vom Land, heute ist es massiv umgekehrt.
    Über Osteuropa würde ich nicht viel sagen, ich habe schon einige sehr fähige und hoch motivierte Jungs aus Ukraine, Rumänien und Ungarn erlebt. Wenn man denen mit Vorurteilen kommt, hört man immer nur: “Das sind die Zigeuner. Die haben zwar unsere Staatsbürgerschaft, aber nichts mit uns zu tun! Die bringen uns nur in Verruf!”
    Tja, rassistische Hetze ist weit verbreitet. Muss daran liegen, dass da was dran ist…

  12. sokrates9

    Fragolin@ Stimme voll überein! Habe gute Erfahrungen mit Leute aus ehemaligen Ostblockinklusive Rumänien / Bulgarien! Miese mit unseren arabischen Moslems

  13. Thomas Holzer

    “Staat und Kammern als Chancenkiller”

    Kürzer gefasst: it’s (always) the politics, stupid 😉 im Endeffekt aber der Wähler

  14. Humanist und Techniker

    @fragolin: vielen Dank! D’accord!

    @sokrates9: Ich habe – Glückes Geschick – einen österreichischen Gesellen. Ich kenne und schätze seine Familie. Verkehre mit den hochanständigen und fleißigen Eltern sehr gerne. Und bin stolz, ihm und mir zu einer win win Situation verholfen zu haben. Er ist sozusagen handverlesen.

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