Leserpost

Interessanter Leserbrief an das Mises-Institut Deutschland und die Replik eines der adressierten Autoren 
Sehr geehrter Herr Tögel, sehr geehrte Autoren des LvMI,
seit vielen Jahren lese und verfolge ich mit riesigem Interesse Ihre Beiträge und Gedanken und muss leider aber feststellen, dass so gut wie nichts davon (von der „Österreichischen Schule“) in der Gesellschaft, der nationalen und internationalen Politik umgesetzt und verwirklicht worden ist, von vielleicht marginalen Dingen abgesehen.
Sie beschreiben detailliert die bitteren Folgen für die Menschen und Gesellschaften, doch Sie haben nichts und werden auch mit großer Wahrscheinlichkeit in Zukunft nichts bewirken oder gar grundlegend verändern!
Sie und alle Ökonomen, egal welcher Richtung, machen für meine Begriffe einen fundamentalen Fehler: sie lassen den das gesellschaftliche Leben beherrschenden Faktor, die Macht, und deren Gesetze außer Acht.
Macht ist eine biologische Größe und keine physikalische, die im Gegensatz zu physikalischen Größen sehr schwer zu definieren ist aber doch gut einzugrenzen ist. So ist Macht z. B. nicht autoregulativ wie z. B. Hunger oder Durst und kennt damit keine Sättigung. Hieraus folgt, dass Macht sich niemals selbst begrenzt. Hieraus folgt weiter, dass Macht immer den Drang und die Tendenz hat sich auszudehnen. Da sich Macht nicht autoregulativ sättig, kennt sie auch keine, den Machtmissbrauch beherrschende Selbstkontrolle.
Macht kontrolliert sich nicht wirksam selbst. Macht ist unter anderem und in erster Linie die Fähigkeit, an das Eigentum des anderen zu gelangen, d.h. sich auf des anderen Kosten zu bereichern.
Schaut man sich die Entwicklung aller vergangenen und heutigen Gesellschaften an, so sehe ich keine, die nicht diesen Gesetzen der Macht folgte bzw. folgt. Und es hat bisher keine Gesellschaft gegeben, die diese Gesetzt der Macht ausgehebelt hat.
Betrachtet man z.B. das Geld und die Geldtheorien, die der Geldschöpfung aus dem Nichts das Wort reden, so folgen bzw. dienen sie genau diesen Gesetzen und Zielen der Macht.
Betrachtet man die Machtentwicklung in Deutschland und Österreich seit dem Ende der Naziherrschaft, in der es wie in jeder Gesellschaft auch eine Nomenklatur gab, so hat sich in beiden Staaten eine Nomenklatur des öffentlichen Dienstes entwickelt, die die Schlüsselpositionen der Macht, die Legislative, die Exekutive und die Judikative besetzt hat. Ihre Ideologie ist die Umverteilung des persönlichen Besitzes. Ihre Begründung ist die angeblich für alle Wohlstand stiftende und damit soziale Wirkung.
Diese schleichende, sich nicht begrenzende Ausdehnung des öffentlichen Dienstes findet man in ganz Europa, deren Machtentfaltung sich immer weiter steigert. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Österreichische Schule wesentlich größeren Einfluss nicht nur auf die sog. Intelligenzia sondern auch auf die Masse, den sog. Kleinen Mann, haben wird, wenn sie sich intensiv mit der Macht, der Machtbegrenzung, der Machtkontrolle und dem Machtmissbrauch beschäftigten würde.
In einer Demokratie, die die Demokratie nicht zum Machterwerb sondern als Methode zur Machtkontrolle ansieht, müsste die oberste Regel lauten: Wer vom Staat alimentiert wird, ist vom passiven Wahlrecht ausgeschlossen.
Allein diese zwingend notwendige Forderung zur Machtkontrolle würde die Gesellschaften vollkommen verändern – in Richtung mehr und nicht weniger Freiheit, in Richtung mehr und nicht weniger Wohlstand.

Mit den besten Grüßen und vielen Dank für Ihre so wichtigen und guten Beiträgen,
Dr. med. K. G.

Sehr geehrter Herr Dr. G.,
vielen Dank für Ihre kritische Zuschrift.

Ich teile Ihre Beurteilung des Phänomens der Macht. Falls Sie es nicht kennen sollten: „On Power“ aus der Feder von Bertrand de Jouvenel, beschäftigt sich sowohl aus theoretischer Sicht, als auch historisch-empirisch mit der Tatsache, dass Macht stets zur Selbstverstärkung tendiert.
Das Dilemma aus meiner Sicht: Diejenigen, die der Macht aus eben diesem Grund kritisch gegenüberstehen und sie, da sie ihren verderblichen Charakter fürchten (der auch sie selbst nicht verschonen würde), wollen sie nicht haben, da am Ende auch ein Heiliger zum Verbrecher würde, sobald er sie in Händen hielte. Diejenigen aber, die nach Macht streben, sind entweder bereits vorher bis auf die Knochen korrupt oder sie werden es binnen kürzester Zeit sein, wenn sie erst einmal mit ihrem Gift infiziert wurden. „Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut“, wie wir von Lord Dalberg-Acton wissen. Mir ist kein einziger Fall bekannt, in welchem Macht einmal zu etwas anderem als zu Raub, Mord und Totschlag eingesetzt worden wäre. Es ist auch kein Zufall, dass die Geschichtsbücher überquellen von Lobliedern auf blutsaufende Massenmörder – von Alexander über Napoleon bis Mao. Jene Helden aber, die die Menschheit durch Handel und Wandel vorangebracht haben, sucht man in den Annalen dagegen weitgehend vergebens.
Ich sehe daher, so deprimierend diese Einsicht auch ist, weit und breit kein Entkommen aus der „Machtfalle“. Mehr als mit meinen schwachen Kräften zu versuchen, Aufklärung zu betreiben, kann ich nicht. Und vor exakt diesem Problem stehen auch alle anderen Libertären, die meist nur zu den bereits Bekehrten predigen und Krethi und Plethi niemals erreichen.
Der Gedanke des von Ihnen angeregten Entzuges des passiven Wahlrechts für Nettosteuerempfänger wurde von Hayek bereits 1960 in seiner „Verfassung der Freiheit“ sogar noch auf das aktive Wahlrecht ausgedehnt. Eine großartige, am Zensuswahlrecht des 19. JH orientierte Idee, die jedoch nicht die geringste Chance auf Umsetzung hat. Im Gegenteil – wir werden noch erleben, dass das Wahlrecht auf Schulkinder und illegal eingereiste Migranten ausgedehnt wird. Wenn erst einmal mehr als die Hälfte des Wahlvolks von Transferzahlungen lebt (und das ist, wie weiland im Weströmischen Reich vor seinem Untergang, längst der Fall), gibt es keine Umkehr mehr auf dem Weg zum finalen Crash der Gesellschaft.
Wir werden daher – so wenig verlockend diese Aussicht auch ist – das Schicksal der Kassandra teilen. Zu sehen und nicht gehört zu werden, trägt immerhin das Pathos der unausweichlichen Niederlage in sich. Ich jedenfalls kenne weit und breit keinen Libertären, der tatsächlich noch an einen „Sieg der besseren Ideen“ glaubt, von dem F. A. Hayek noch geträumt hat.
Die Bordkapelle der Titanic soll ja bis zur letzten Minute tapfer musiziert haben…das werde ich – mit meinen Mitteln – auch tun. Bleiben Sie mir/uns bitte trotzdem (oder gerade deshalb) gewogen!

Ich verbleibe mit freundlichen Grüßen,
Andreas Tögel

8 comments

  1. Gerhi09

    Ein herzliches Dankeschön den beiden Herren für ihre großartigen Beiträge. Letztendlich ist der Sukkus daraus folgender: “Wenn die Gescheiteren immer nachgeben, dann wird die Welt von Idioten regiert”. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

  2. Mourawetz

    Welche Volten die von Macht Besessenen anstellen, um wieder an die Macht zu kommen, haben wir erst unlängst gesehen.

    Im übrigen bin auch ich der Meinung, dass wer aus dem Säckel anderer lebt, das Wahlrecht entzogen gehört, um dem damit verbundenen Machtmissbrauch vorzubeugen, wie das eine bestimmte Partei propagiert: holt euch, was euch zusteht, so bewirbt diese politische Organisation Raub per Stimmzettel.

  3. Selbstdenker

    Die Ausübung von Macht setzt den Fatalismus, die Resignation oder gar die Willenlosigkeit der Beherrschten voraus.

    Ganz elementar ist die Definition der Begriffe Macht und Freiheit. Ich bin daher für die Diskussion, die mit dem Leserbrief von Dr. med. K. G. angestoßen wurde, sehr dankbar.

    Macht übt derjenige aus, der anderen die verfügbaren Handlungsoptionen aufzwingen kann. Frei von Fremdbeherrschung (also: selbstbestimmt) ist hingegen derjenige, dessen Handlungsoptionen nicht durch andere eingeschränkt werden.

    Eine funktionierende bürgerliche Gesellschaft basiert auf freiwillig eingegangene Vertragsbeziehungen und praktischer Ethik („behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst“).

    Die Utopie der Linken besteht darin, dass sich das Individuum im Kollektiv auflöst und das Denken sowie die Entscheidung wer wieviel zu produzieren hat und wer wieviel konsumieren darf dem Philosophenkönig überlässt.

    Während das Idealbild der bürgerlichen Gesellschaft darin besteht, dass sich dezentral organisierte Akteure im Sinne des Gemeinwohls in ihrer Machtausübung wechselseitig selbst beschränken, beruht das linke Idealbild auf zentralisierte, totale Machtausübung um das vom Philosophenkönig definierte „Gemeinwohlziel“ anzustreben.

    Im „Wohlfahrtsstaat“ wird die Freiheit von (=Selbstbestimmung) zur Freiheit zu (=Recht auf…) umdefiniert. Als moderne Variante der spätrömischen Brot und Spiele dient er kurzfristig der Konsolidierung von Macht und führt mittel- bis langfristig in den gesellschaftlichen und ökonomischen Ruin.

    An diesen Punkt sind wir angelangt: über eine “Demokratie”, die für die einen nur Rechte ohne Pflichten kennt, während sie für die anderen nur Pflichten ohne Rechte vorsieht, werden die Produzenten zunehmend zu Sklaven immer unverschämter auftretender Konsumenten degradiert. Es ist das vorletzte Stadium der Pöbelherrschaft.

    Ein Zusammenleben von Menschen mit derart ungleich verteilten Rechten und Pflichten kann dauerhaft nicht funktionieren. Man sollte aus der Geschichte lernen und friedliche Möglichkeiten schaffen mit denen sich Regionen zusammenschließen oder auftrennen können.

  4. Kluftinger

    Es lohnt sich, in Ergänzung zum Geschriebenen, auch das Büchlein von Romano Guardini “Die Macht-Versuch einer Wegweisung” zu lesen.
    (Sofern es noch erhältlich ist).

  5. FiBu

    Die Definition “Macht ist unter anderem und in erster Linie die Fähigkeit, an das Eigentum des anderen zu gelangen, d.h. sich auf des anderen Kosten zu bereichern.” beschreibt die Macht nicht vollständig.

    Macht sucht die vollständige Kontrolle über die anderen Individuen. Es genügt den Mächtigen nicht den Beherrschten das Geld abzunehmen, dann wäre ja sobald sinnvoll kein Geld mehr lukrierbar ist endlich Ruhe.
    Der Mächtige will mehr: Er will den Menschen seine Macht aufzwingen: Sie müssen so Leben wie er es will. Den Mächtigen geht es in Wirklichkeit nicht um Geld, sie wollen die Anderen in allen Ihren Entscheidungen entmündigen und beherrschen – und das ist schlimmer als wenn jemanden “nur” der “Geldsack” geleert wird.

  6. astuga

    Dem ist nichts hinzuzufügen.
    Außer, dass leider keine Veränderung zum Besseren in Sicht ist.

  7. libelle

    Andreas Tögel: “[Demokratie, Wahlrecht], [Es] gibt es keine Umkehr mehr auf dem Weg zum finalen Crash der Gesellschaft. Wir werden daher – so wenig verlockend diese Aussicht auch ist – das Schicksal der Kassandra teilen.”

    Die Wende zum Besseren, egal wie gering die Aussichten hierfür sind, ist ohne tiefes Verständnis nicht zu bewerkstelligen. Seicht bleibt ein Verständnis, welches allein oberflächliche Phänomene durchdringt und daraufhin — wie aktuell hier geschehen — Kommentatoren on-topic über das “vorletzte Stadium der Pöbelherrschaft” fabulieren läßt.

    Ochlokratie und Oligarchie liegen phonetisch nahe beinander, das kann man schon mal verwecheln, notabene dann, wenn zuvor Kassandra hierfür mittels “Über die Staatsgewalt” die breite Rutsche legte. Daß De Jouvenel in “On Power” nicht Macht per se analysierte, macht schon das Vorwort deutlich, zugleich wäre es hochgradig verblüffend, würde ausgerechnet eine dubiose Figur wie besagter Autor, der als Klatschhase zeitlebens zwischen Kommunismus, Nationalsozialismus, Bürgerlichkeit und schlußendlich 68er-Bewegung und Sozialdemokratie taumelte, den Schleier über reale Machtverhältnisse lüften.

    Was tatsächlich abläuft, durfte noch bis lange vor De Jouvenel ausgesprochen werden, exemplarisch von Bekannten wie Kalergi, Berneys oder H.G.Wells. Danach aber wurde rasch klar, daß man mit unverblümten Ansagen von wegen heilsamer Technokratie und künftiger Herrschaft einer schmalen Oberschicht keinen Topf mehr gewinnen würde, weswegen bei gleichem Endziel vom offenen Visier vollends auf Weapons-of-mass-Deception umgerüstet wurde.

    In den heutigen Zuschauerdemokratien regieren weder die Akteure auf der Bühne noch jene an den Schreibmaschinen, sonderen jene hinter den Medien, jene, die wissen wie die Herde tickt und welche Trensen zu welche Zeiten anzulegen sind, ohne daß das Vieh allzusehr in ungewollte Panik gerät. Die Vorstellung, die Hirten, die Hunde und die Metzker würden kooperieren und es gäbe einige, welche die Welt wie ihren privaten Bauernhof betreiben würden, — diese Vorstellung ist dem Wesen vor der Glotze nicht vermittelbar.

    Ob Röhre oder Flat, live oder gestreamt — die Bedeutung einer zunehmend vernetzten Welt war den mächtigen Farmern schon lange klar, bevor noch die aufgeweckteren unter den Schlafschafen “alternative Medien” entdeckten, ein Biotop, in dem nicht minder sorgsam gesetzte Drogenspender der Konsumation harren, aufdaß der Gedankenstrom tunlichst nicht hinter die Kulissen schwappt. Inszenierte Dammbrüche hin und wieder, da und dort ein Einblick auf eine Sumpfpflanze, – viel mehr oder gar das Gesamtbild darf nicht geboten werden, führte man doch andernfalls das seit jeher erfolgreich praktizierte Konzept der kontrollierten Opposition ad absurdum.

    Dem finalen Crash folgt die dann für jeden erkennbare Herrschaft der Wenigen. Diese herrschen auch heute, und mitursächlich dabei ist ein Folgen von falschen Propheten durch jene, die es hätten erkennen und breit thematisieren können. Versagt im Erkennen wiederum hatten sie, weil für sie Machtgier und Skrupellosigkeit jenseits üblicher Dimensionen unvorstellbar ist. Nicht der Mensch ist des Menschen Wolf, am Ende der Nahrungskette steht der pathologische Mensch, denn er ist der geborene Manipulator. Jagen diese zweibeinigen Raubtiere im Rudel, dann schreiben sie Geschichte, gestern, heute und morgen sowieso, wenn sie rückblickend das Unterkapitel “Westliche Demokratie” in der Runde mit besonders schwungvollen High-Fives abklatschen.

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