Lesetip: “Die Billionen-Schulden-Bombe”

Die Krise der Eurozone, behauptete jüngst der französische Staatspräsident François Hollande, sei bereits “vorbei”. Zu befürchten ist, dass dieser Satz eines Tages in die Geschichtsbücher ungefähr ebenso als monumentaler historischer Irrtum eingehen wird wie jener des britischen Premierministers Neville Chamberlain im September 1938, wonach “Frieden für unsere Zeit” bevorstehe. Warum die Weltwirtschaftskrise nicht nur nicht vorbei ist, sondern ganz im Gegenteil erst in der näheren Zukunft mit voller Wucht losbrechen wird, beschreibt der deutsche Unternehmer Daniel Stelter in seinem jüngst erschienen Buch “Die Billionen-Schuldenbombe” gut verständlich, logisch argumentiert und angenehm unaufgeregt.

“Keine normale Rezession”
Stelter, im Hauptberuf Senior Partner des renommierten deutschen Beratungsunternehmens “Boston Consulting Group”, gehört nicht zu jener wachsenden Gruppe ökonomischer Panikmacher, die ihre überdrehte Lustangst am nahenden Weltuntergang schlau monetisieren, sondern gilt eher als kühl denkender Zahlen-Mensch aus der wirtschaftlichen Praxis – und das macht sein Buch eher erschreckend. Er moralisiert nicht, er teilt keine einseitigen Schuldzuweisungen aus, er ist weder fundamentaler Kapitalismus-Kritiker noch blinder Marktverehrer – er rechnet und analysiert einfach. Und kommt dabei zum unerfreulichen Schluss: “Es handelt sich in westlichen Ländern nicht um ein Liquiditätsproblem, sondern um ein Solvenzproblem – wir sind pleite.”

Tatsächlich haben sich sowohl Staaten als auch Private in den vergangenen Jahrzehnten in einem historisch jedenfalls in Friedenszeiten nahezu einmaligem Ausmaß verschuldet. Selbst unter Berücksichtigung der erheblichen Vermögenswerte, die in dieser Zeit angehäuft worden sind, “zeigt sich, wie nahe wichtige Volkswirtschaften dem Punkt sind, wo bei realistischer Bewertung der Vermögenswerte eine Überschuldung vorliegt.” Ein Zustand, den man üblicherweise Pleite nennt.

Wir erleben, argumentiert Stelter, “keine normale, etwas stärkere Rezession, sondern das Ende eines dreißigjährigen Superzyklus, in dessen Verlauf sowohl der öffentliche Sektor als auch der private hohe Kredite aufgenommen haben, um Abschwünge abzumildern und das Wachstum zu stützen. Jede unangenehme Situation wurde mit neuen Krediten bekämpft. (…) Der Sozialstaat ist zu teuer und wir können die Steuern nicht weiter erhöhen? Kein Problem, lasst uns mehr Schulden machen!”

Doch das geht, wie leicht zu verstehen ist, nicht endlos: “Die Verschuldungskapazität des Westens ist erschöpft und es wird immer schwerer, noch jemanden zu finden, der verschuldungsfähig und -bereit ist.” Die naheliegende Folge: “In zahlreichen Industrieländern müssen die Staaten, die privaten Haushalte und die Unternehmungen nun ihre Verschuldung reduzieren. Dies führt zu einer schwächeren Nachfrage und geringerem Wachstum… Eine solch bösartige Wahrheit möchte (aber) niemand aussprechen.” Schon gar nicht wenn, wie im Sommer 2013, sowohl in Österreich als auch in Deutschland wichtige Wahlen bevorstehen – obwohl auch schlichte Gemüter verstehen werden, dass auf eine lange Zeit des Überkonsums zwingend eine Phase des Unterkonsums folgen muss.

Drei denkbare Szenarien
Die Politik kann deshalb nur entscheiden, wie diese Wohlstandsverluste organisiert werden und wer sie zu tragen hat. Stelter hält drei Szenarien für denkbar:

“Erfolgreiches Durchwursteln”: Moderate Inflation, eine teilweise Entschuldung der Krisenstaaten, eine echte Rezession kann vermieden werden. Für sehr realistisch hält der Autor dies nicht: “Die Problem sind zu groß, als dass man sie so einfach lösen könnte.”

“Rezession mit Deflationsdruck”: Ähnlich wie in Japan in den letzten Jahrzehnten schaukeln sich sinkende Nachfrage und sinkende Ausgaben gegenseitig auf, Stagnation und Lähmung der Wirtschaft sind die Folge.

“Beachtliche Inflation”: Je mehr die Zentralbanken versuchen, den Schuldenabbau durch eine aggressive Geldpolitik (also Geld drucken, Anm.) zu unterstützen, desto höher ist das Inflationsrisiko.

Eine Illusion wird durch die Lektüre der “Billionen-Schuldenbombe” jedenfalls völlig zerstört: die Vorstellung, dass es einen auch nur annähernd schmerzfreien Weg aus der Wirtschaftskrise geben könnte. Dergleichen existiert nämlich schlichtweg nicht. (WZ)

 

5 comments

  1. PeterT

    Es fragt sich nur wo der Neuigkeitswert dieses Buches liegt. Alles das ist mittlerweile wohlbekannt.
    Das Problem sind weiters nicht nur die Staats- und anderen Schulden, sondern auch die andere Seite der Gleichung, daß nämlich den angehäuften Guthaben keine entsprechende Menge an lohnenden Investitionen gegenübersteht. Überall wo lohnende Investitionen vermutet wurden, sind mittlerwweile in kürzester Zeit Blasen entstanden.
    Insoferne werden diese Guthaben abzuwerten sein (und das meine ich keineswegs klassenkämpferisch – nur realistisch).
    Wem gehören diese Guthaben? Zum einen Teil große Vermögen, zum anderen Teil ist das Altersvorsorge (in Pensionsfonds oder in anderen Anlagen).
    Der Knackpunkt ist die Altersvorsorge. Sowohl die umlagefinanzierte Pension alsauch die kapitalgedeckte Pension sind unter Druck.
    Die umlagefinanzierte wird aufgrund der Demographie und mangelnden Wirtschaftswachstums gekürzt werden müssen.
    Die kapitalgedeckte wird aufgrund der Schulden/Guthabenkrise nicht die Erwarrtungen erfüllen.
    Die Frage ist nur, werden diese Systeme (von den Ansprüchen her) gesundgeschrumpft, oder brechen sie zusammen.

  2. Ehrenmitglied der ÖBB

    © Peter T
    die Frage ist weniger der Neuigkeitswert als die Frage der Mitteilbarkeit.
    Wir gehen zu oft davon aus, dass unser (Experten) Wissen auch anderen bekannt ist?
    Ist es aber nicht!
    Daher müssen manche Sachverhalte und Fakten immer wieder gesagt werden, und zwar in einer Sprache die auch von interessierten Laien verstanden wird!
    Ihr Argument mit dem Spannungsfeld : Schulden – Guthaben kann ich nur voll unterstützen!

  3. Christian Peter

    Die Ursachen liegen im heutigen “Schuldgeld” – “Kreditgeld” – system, welches die allermeisten Bürgern wohl noch nicht verstanden haben. Wie der Name schon sagt, sind Schulden Grundlage unseres Geldsystems, ohne Schulden existiert kein Geld, da Geld durch Kreditvergabe aus dem Nichts entsteht.

    http://www.youtube.com/watch?v=X6k6-lRYHck

    Die Lösung kann nur darin liegen, den Banken endlich das Privileg der Geldschöpfung aus dem Nichts durch Kreditvergabe zu entziehen.

  4. PeterT

    @Ehrenmitglied der ÖBB
    schon richtig Ihr Punkt mit der Mitteilbarket.
    Für die Leserschaft dieses blogs ist das allerdings eher ‘preaching to the converted’ (von ein paar Trollen abgesehen).
    Für die Leserschaft der WZ kann es hingegen tatsächlich durchaus hilfreich sein.

  5. Ehrenmitglied der ÖBB

    ad Peter T
    wenn es sich um die Leserschaft des blogs handelt: ok.
    die” Mitteilbarkeit” habe ich eher auf die Leserschaft des Buches allgemein bezogen!

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