Lesetip: Testosteron macht Politik

Von | 14. März 2017

(ANDREAS TÖGEL)  Im vorliegenden Buch widmet sich die ehemalige Diplomatin und Nahostexpertin Karin Kneissl der Analyse politischer Dynamiken. Sie wählt dafür einen ungewöhnlichen Blickwinkel und richtet ihre Beobachtungen auf das „Männlichkeitshormon“ Testosteron.

Dabei geht es ihr, wie sie betont, nicht um den Versuch, mit „biologistischen“ Überlegungen politisches Handeln (das insbesondere im Nahen, Mittleren und Fernen Osten meist fast ausschließlich in der Hand von Männern liegt) zu erklären, sondern lediglich um eine Erweiterung der Analyse politischer Entwicklungen um einen zusätzlichen Aspekt.

Ausgehend von der Beobachtung, dass Revolutionen stets von Männern getragen werden, zieht die Autorin ihre Schlüsse aus dem „arabischen Frühling“, um zum Schluss zu kommen, dass dieser keineswegs allein durch den Wunsch bedingt war oder ist, politische Veränderungen herbeizuführen, sondern auch sexuell konnotierte Ursachen hat. In den stark wachsenden und sexuell repressiven orientalischen Gesellschaften, sieht eine immer größer werdende Zahl junger Männer keine Chance, jemals eine Familie gründen zu können. Da außerehelicher Sex in muslimischen Kulturen aber strikt verpönt ist, ergibt sich daraus ein erhebliches Potenzial an Unzufriedenheit, das politischen Sprengstoff bildet.

Die Eroberung der Welt durch europäische Seefahrernationen im 15. Und 16 Jahrhundert, war eine Folge des Überschusses an jungen Männern, die in der Ferne (kriegerische) Entwicklungsmöglichkeiten fanden, die sich ihnen daheim niemals eröffnet hätten. Heute dagegen schrumpf die westliche Population, während die islamische Welt mit einem gewaltigen „youth-bulge“ konfrontiert ist. Perspektivlose junge Männer waren und bilden aber nun einmal Sprengstoff, der nach Entladung sucht. Sie waren und sind Kanonenfutter, jenes „Material“, dessen Vorhandensein die Voraussetzung zu politisch-militärischen Eroberungen bildet.

Als einen die Probleme fernöstlicher Gesellschaften verstärkenden Aspekt (dies gilt besonders für Indien und China), beleuchtet Kneissl das Phänomen der „selektiven Abtreibungen“, das die Geschlechterverteilung immer weiter in Richtung eines massiven Männerüberschusses verschiebt. Viele Millionen junger Männer werden dadurch jeder Chance beraubt, jemals eine Frau zu finden – mit unabsehbaren Konsequenzen, wie der Blick in die Geschichtsbücher (Stichwort „Raub der Sabinerinnen“) zeigt.

Im letzten Teil widmet die Autorin sich den Erkenntnissen der modernen Hirnforschung, die nahezulegen scheinen, dass es mit dem freien Willen des Menschen nicht so weit her sein könnte. Viele in diesem Zusammenhang zu stellende Fragen sind bislang indes unbeantwortet.

Kneissl: „Politik wird eben von Menschen gemacht und daher ist es nützlich und wichtig, sich mit der Natur des Menschen zu beschäftigen.“ In der Natur des Menschen liegt es aber, nicht ausschließlich rational begründete Entscheidungen zu treffen. Es bedarf einer erheblichen Zivilisationsleistung, um Gefühle, die von Hormonen maßgeblich gesteuert werden, zu kontrollieren und zu zügeln.

Mit ihrem „biochemischen Blick auf die Weltpolitik“ geht es der Autorin weniger um Antworten, sondern darum, Fragen zu stellen. Ein zum besseren Verständnis menschlichen Handelns wertvolles Unterfangen.

 

Testosteron macht Politik

Krin Kneissl

Braumüller-Verlag

149 Seiten, gebunden

ISBN: 978-3-99100-068-6

22,90,- Euro

12 Gedanken zu „Lesetip: Testosteron macht Politik

  1. Thomas Holzer

    “Es bedarf einer erheblichen Zivilisationsleistung, um Gefühle, die von Hormonen maßgeblich gesteuert werden, zu kontrollieren und zu zügeln.”

    Diese Zivilisationsleistung mag in einer Gruppe/Masse erheblich sein, ansonsten erachte ich diese aber viel eher als zwingend normal, vor allem dann, wenn man von einer Gesellschaft spricht, welche von sich behauptet, zumindest einen zivilisatorischen Anstrich zu haben.

  2. Weninger

    Wenn die Hormone überschießen, ist der zivilisatorische Lack sehr schnell ab, nicht nur bei jugendlichen Südländern, auch bei alten Krauterern, die zu lange den Patriarchen spielen durften.

  3. stiller Mitleser

    Sex sells und das wird auch diesem Buch nützen. Schon Oriana Fallaci (die daraufhin auf den pc Index kam)
    schrieb, daß (hier aus dem Gedächtnis zitiert) Geburtenüberschuß und Testosteron die Wurzel des Nahostkonfliktes seien.

    Das betrifft aber nicht nur den nahen und ferneren Osten, sondern auch unsere Migrantenpopulationen hier, die muslimische Familienmuster strikt beibehalten. Außer bei den Sufis (kleine – von Sunniten verfolgte –
    Restgruppen in Pakistan, die der Westsahara sind bereits von Boko Haram ausgerottet) gibt es im Islam kein Modell ehelosen Lebens. Zolibatäre (und sozial nützliche, weil kulturvermittelnde, Klöster, pflegende und lehrende Orden) Lebensformen sind unbekannt. Für Frauen gibt es (und auch deswegen wird die Ausweitung der Scharia für Europa so angestrebt) die Möglichkeit als zweite und dritte Frau einen sozialen Platz und Versorgung zu finden, für Männer aber gilt: sie müssen eine Familie erhalten können und in jedem Fall wird nur innerhalb der eigenen ethnischen und religiösen Gruppe geheiratet. Bis zu einem gewissen Grad
    ersetzt der Staat mit seiner Alimentation den Ehemann, er kann aber nicht die soziale Einbettung ersetzen, da der Islam das europäische Modell der unverheirateten, in der Familie mithelfenden Tante nicht kennt.
    .
    Die Schulen hier sind ethnisch und religiös gemischt, erste Erfahrungen können Burschen mit nichtmuslimischen Mädchen machen, sie müssen aber geheim gehalten werden und beiden ist klar daß sie nicht zur Ehe führen werden. Anbandeln für junge Muslime ist gar nicht leicht, die Familie mischt erheblich mit, wenn man als Heiratskandidat abgelehnt worden ist bedeutet das nicht nur eine persönliche Kränkung, es spricht sich herum und reduziert weitere Chancen. Gern wird bei der Brautschau in die Heimat ausgewichen, was zu dem Phänomen ewiger Fremdheit, ewiger Beibehaltung der Herkunftssprache als Mutter-und Umgangssprache mit all den Konsequenzen für Bildung und Integration führt. Interethnische Heiraten gibt es nur bei sozialer Marginalität (Scheidung, Freiheitsstrafen).

  4. Reini

    stiller Mitleser,… bei uns war dies mit der Ehe vor 300 Jahren ebenfalls der Fall, und darum passt in der heutigen Zeit diese Religion nicht nach Europa! … meist werden die Zweit- oder Drittfrauen wie Sklaven gehalten, sie sind minderwertiger. Die “Vielweiberei” ist in Österreich eigentlich verboten, aber durch die Narrenfreiheit mit der Religion wiederum geduldet!

  5. mariuslupus

    Das ganze Problem der fehlenden Akkulturation im islamisch-arabischen Raum zurückzuführen, nur auf das Testosteron ist eine unzulässige Simplifizierung. Diese Zuschreibung hat das Testosteron nicht verdient.
    Die Neigung zum monokausalen Denken, hat erkenntnistheoretisch immer in eine Sackgasse geführt.
    Die Behauptung dass die Entdeckungsreisen der europäischen Staaten im 16. Jahrhundert wegen einen Überschuss an Männern stattgefunden haben, ist simplifizierend und eindimensional
    Die Entdeckungsreisen und die nachfolgenden Eroberungen hatten eine einfache Ursache. Dass war zuerst die Neugier, anschliessend die Habgier.Der technologische Fortschritt in Europa am Ende des Mittelalters hat die Entdeckungsreisen ermöglicht.
    Das Testosteron kann die Ursache und Auslöser von sexuellen Wünschen sein, darf aber in einer zivilisierten Gesellschaft, dass Handeln nicht bestimmen. Es ist unzulässig asoziales Handeln mit einen Überschuss an Testosteron zu erklären.

  6. Andreas Tögel

    Ad mariuslupus: Das hat die Autorin auch nicht getan. Wie in der Rezension betont, geht es um EINEN Aspekt unter vielen, der bei den meisten Untersuchungen ansonsten völlig unter den Tisch fällt. Von einer “eindimensionalen Erklärung” kann in dem Buch keine Rede sein.

  7. Thomas Holzer

    @Reini
    Zweit- und Drittfrauen waren hier in Europa auch vor 300 Jahren nicht üblich!
    “Üblich” waren in besseren Kreisen Mätressen, die wurden aber nicht wie Sklavinnen gehalten, sondern verwöhnt und mit Geld überschüttet 😉

    @mariuslupus
    Die paar Hanseln, welche auf den Schiffernakeln eines Vasco da Gama, Magellan, Kolumbus et al. die Welt erkundeten, haben definitiv einen allfälligen Jungmännerüberschuß in Europa nicht reduziert.
    Außerdem: Niemand hat weder die Araber noch Afrikaner -um nur zwei wehleidige Bevölkerungen zu nennen- davon abgehalten, in See zu stechen und/oder ihr Hirnschmalz für Erfindungen einzusetzen.

  8. stiller Mitleser

    Um Mißverständnissen vorzubeugen: ich halte so ein Buch auch für sehr verdienstvoll.

    .
    @ mariuslupus und Thomas Holzer
    Bis ins 19.Jh hat sich Geburtenüberschuß ohnehin durch Kindersterblichkeit reduziert, für “weichende Söhne”
    gabs Klerus und Militär als Berufs-und Lebensfelder, nicht passend verheiratbare Töchter kamen ins Kloster,
    wo das Leben z.B. zu Zeiten Teresa von Avilas ganz gemütlich und nicht sehr asketisch war, wenn dazu kein Geld/Besitz da war (Orden verlangten beim Eintritt eine Mitgift) konnten sie in der Großfamilie mithelfen. Es gibt die These daß Fideikomiss (Untrennbarkeit des Besitzes) die soziale Basis der Kreuzzüge war, dazu müßten die Orden (Malteser, Deutscher Ritterorden) Genaueres wissen…

  9. Thomas Holzer

    @stiller Mitleser
    Ihrem letzten Satz darf ich zustimmen!
    Viele Teilnehmer der Kreuzzüge verdingten sich in diesen, da sie eben kein Erbe zu erwarten, anzutreten hatten.
    Nur: Die Kreuzzüge fanden ein bisserl früher statt als die “großen” Entdeckungsfahrten 😉

    Als “Beitrag” zu den – von mir euphemistisch Verwerfungen genannten- Auseinandersetzungen in der arabischen Welt inkl. Nord- und Subsaharaafrika nicht zu unterschätzen ist der doch ziemlich “verschwenderische” Umgang mit den natürlichen Ressourcen, anscheinend wiederum der Kultur, Tradition, Religion geschuldet. (Ich nenne nur mehrere Dürreperioden in den vergangenen Jahren)

    Dazu vergleiche man die Landwirtschaft in Israel mit der -vor allem selbst entwickelten Tröpfchenbewässerung!

  10. stiller Mitleser

    @ Thomas Holzer
    sind die semitischen Stämme nicht eigentlich alle Hirten (extensive Viehzüchter)und keine (intensiv landnutzende) Ackerbauern?? (andrerseits: woher kommt dann das biblische “Du sollst dem Ochsen, der da drischt das Maul nicht verbinden” – einer meiner Lieblingssprüche; gibt’s nur den Nil entlang Gärten und Ackerbauern?

  11. Thomas Holzer

    @stiller Mitleser
    now well; die semitischen Stämme scheinen sich weiter entwickelt zu haben 😉

  12. mariuslupus

    @Andreas Tögel
    Selbstkritik, aber die Überschrift hat diese Argumentation beflügelt.
    @Thomas Holzer
    Ganz meine Meinung. Die Araber hatten auch Schiffe, waren aber Pragmatiker. Benutzten die Schifffahrt für den Handel mit Sklaven und für Piraten Überfälle im Mittelmeer.

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