Lob der Ungleichheit

Von | 19. Mai 2014

(MANFRED JACOBI) Ungleichheit ist das Thema unserer Tage. Es ist sicher von Interesse, über die Hintergründe von Ungleichheit zu reflektieren. Ebenso kann man sich natürlich fragen, ob es vielleicht besser wäre, allzu große Ungleichheit gar nicht erst entstehen zu lassen. Und genau hier liegt die Crux: in diesem Attribut allzu groß liegt ein Ermessensspielraum, der sich eben nicht klar abgrenzen lässt. Ab wann ist die Ungleichheit zu groß? Und wer legt das fest? Und wie?

Menschen sind ungleich. Sie mögen zwar gleiche Rechte als Staatsbürger haben. Aber in ihren Fähigkeiten, ihrer Persönlichkeit, ihrer Kreativität sind sie eben doch sehr unterschiedlich. Das gilt nicht zuletzt auch, was ihr Einkommen betrifft. Wenn jemand eine gute Idee hat, diese beharrlich verfolgt und dazu noch das nötige Quantum Glück, dann kann er vielleicht eines Tages auf seine erfolgreiche Geschäftsidee zurückblicken, möge sie nun Google, Apple, Amazon oder Skype heißen.

Es sind immer nur einige wenige, die den Unterschied machen. Und das gilt nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht. Auch in sportlicher, intellektueller und künstlerischer Hinsicht sind die Befähigungen der Menschen nunmal höchst unterschiedlich verteilt. Nur Leute, die nicht über ihre eigene Nasenspitze hinausdenken können, werden das in Abrede stellen. Von diesen gibt es aber eine ganze Menge.

Und genau deshalb wird die alte Gleichheitsleier immer wieder gesungen, während sich hinter dem Gerede von Gleichheit nichts anderes als – Neid verbirgt. Klar, auch ich hätte gerne ein Unternehmen wie Microsoft gegründet. Auch ich würde gerne so Fußball spielen wie Messi. Auch ich würde gerne eine thailändische Zuckerbrause weltweit vermarkten. Doch all das wurde mir eben nicht in die Wiege gelegt. Vielleicht klappt es ja in einem anderen Leben…

Ungleichheit ist eben ein Faktum unserer Existenz, das sich längst nicht nur im unterschiedlichen Kontostand jedes Einzelnen manifestiert. Das zentrale, wenngleich nur philosophische Problem dahinter ist, dass es keine unabhängige Richtschnur gibt, die es uns erlaubt zu sagen, wieviel Ungleichheit gerecht, zulässig oder nachhaltig ist. Wir wissen es schlicht und einfach nicht.

Während das Thema Ungleichheit in salbungsvollen Politikerreden ein beliebtes Wahlkampftopos ist, mit dem sich gefahrlos auf vermeintlich oder tatsächlich Privilegierte eindreschen lässt, gibt es Bereiche, in denen die Ungleichheit in ebenso ausgeprägter Weise ihr Dasein fristet. Nur sind diese Bereiche eben nicht so der Allgemeinheit zugänglich, weshalb sie nicht die üblichen Neidreflexe auslösen.

Einer dieser Bereiche ist die Wissenschaft. Wenn man sich ansieht, wieviele und welche Institutionen von Fördergeldern profitieren, dann offenbart sich auch hier eine unübersehbare Schlagseite. Da zeigt sich beispielsweise, dass in Europa 0,4% der Forschungseinrichtungen nicht weniger als 34% aller Fördermittel (immerhin etliche Milliarden) in Anspruch nehmen. Mit anderen Worten: die restlichen 99,6% der Teilnehmer müssen mit den verbliebenen zwei Dritteln des Forschungsetats auskommen.

Dieser Sachverhalt gilt im Wesentlichen unabhängig von der Art der Teilnehmer an Forschungsprjekten, also unabhängig davon, ob es sich private Unternehmen oder öffentliche Institutionen handelt. Die Top-Teilnehmer (auch was den wissenschaftlichen Output betrifft), absorbieren auch den größten Teil des Kuchens. So nehmen gut 5% der öffentlichen Institutionen mehr als 56% der Forschungsgelder für sich in Anspruch. Die restlichen 95% der Teilnehmer aus dieser Gruppe müssen sich also mit ingesamt weniger als der Hälfte zufrieden geben.

Man kann getrost davon ausgehen, dass Ähnliches auch in den USA und anderswo gilt. Einige wenige schnappen sich den größeren Teil des Kuchens.

Ist das gerecht? Oder ist es nicht vielmehr völlig verfehlt, diese Frage überhaupt zu stellen? Und ist es nicht so, dass eine renommiete Einrichtung wie etwa die Universität von Cambridge oder das MIT nun einmal bessere Forschungsresultate erzielt und deshalb bessere Forscher anzieht als Universitäten in anderen Ländern, deren Nennung aus politisch-korrekten Gründen hier unterbleiben muss? Es ist eben, wie im Sport, ein Wettbewerb der Ideen und der Kreativität, der hier stattfindet. Und wie in jedem Wettbewerb, so trennt sich auch hier die Spreu vom Weizen.

Sollte man etwas gegen diese Form der Ungleichheit unternehmen? Ich denke nein, solange sicher gestellt ist, dass der gesamte Pool der Teilnehmer in einem gesunden Konkurrenzverhältnis zueinander steht. Denn dann müssen sich die großen Fische immer gegen ihre Mitbewerber behaupten. Letzteres wird ihnen nur gelingen, wenn sie tatsächlich qualitativ bessere Wissenschaft liefern. Denn eine Institution, die sich auf ihren einstigen Erfolgen ausruht, wird schnell den absteigenden Ast beschreiten und Platz machen für andere, innovative Konkurrenten.

Man kann die Gretchenfrage auch anders stellen: Wäre es besser, mehr Geld an die Underdogs zu vergeben? Das müsste zwangsläufig zu Lasten der bisherigen Platzhirsche gehen, die dann ein kleineres Stück des Kuchens bekämen. Klar könnte eine bessere finanzielle Ausstattung dazu führen, dass eine Hinterwalduniversität den einen oder anderen hochkarätigen Forscher rekrutieren könnte. Aber es stellt sich auch die Frage, ob diese Forscher überhaupt dort arbeiten wollen. Letztlich werden die berühmteren und damit auch finanziell besser gestellten Universitäten auch die fähigeren Leute anziehen. Das ist nicht nur eine Frage des Geldes. Denn gerade in einem Bereich wie der Wissenschaft spielt auch das geistige Klima eine zentrale Rolle. Schließlich wollen die führenden Köpfe ja in einem Umfeld arbeiten, das sie fördert und fordert. Oder kann man sich vorstellen, dass Messi sich von heute auf morgen entscheidet, bei einem Drittligisten zu spielen?

Immer wird sich dort, wo es zu einem freien Spiel der Kräfte kommt, Ungleichheit herausbilden. Das gilt in der Wissenchaft, in der Wirtschaft, im Sport, in Musik und Kunst. Manche Maler erzielen eben höhere Preise als andere. Woran das liegt? Man könnte sagen: am Talent des Künstlers. Man könnte aber auch sagen: am Geschmack des Kunstsammlers. Wie dem auch sei, wenn beide zusammenkommen und sich auf einen Preis einigen, dann ist dem Spiel der Kräfte Genüge getan.

8 Gedanken zu „Lob der Ungleichheit

  1. Thomas Holzer

    “Immer wird sich dort, wo es zu einem freien Spiel der Kräfte kommt, Ungleichheit herausbilden”

    Verzeihung, falsch!
    Ungleichheit ist von Anbeginn der Menschheit, ohne aktives Zutun des Menschen vorhanden, die bildet sich nicht erst durch ein freies und/oder gezwungenes Spiel irgendwelcher Kräfte heraus.
    Ergo kann Ungleichheit nur durch staatlichen Zwang beseitigt werden

  2. Sybille Stoa

    1. Es kommt beim Reichen drauf an, ob der ein Bill Gates / Warren Buffet oder Texanischer Tea Party Oil-Prince oder Osama bin Laden ist. Man muss es nicht so extrem gleich betrachten, aber es reicht hier Vergleich: Erb- & Geldadel – Eder & Niss 
    und da wird mir Herr Ortner wahrscheinlich Recht geben, dass 100 Bill Gates, Warren Buffets, Eders und Niss besser sind als 100 Osama bin Ladens, oder?

    2. Die Idee, dass der Staat immer zum Wohle der Bürger vollkommen gleich und gerecht verteilt, ist surreal und lässt sich in Östereich an den Privilegienpensionen sofort widerlegen. Es rechtfertigen dort weder besondere Bedürftigkeit noch außerordentliche Leistungen die viel höhere Umverteilung, dennoch wurde das in der Verfassung teilweise einzementiert.

    Conclusio: Ungleichheit per se ist ein Faktum, aber ob sie gut oder schlecht ist, hängt von der Perspektive und den Handlungen der Individuen ab.
    Die Annahme, dass der Staat einfehobenes Steuergeld vollkommen ethisch gut verteilt, ist vollkommen falsch. Der Staat schafft durch seine Besteuerung beim Nehmen neue Ungleichheiten (KEST zu EKSt), die Verwaltung des Verteilens ist voller neuer Ungleichverteilungen und in Transfers werden letztendlich wieder große Ungleichheiten erzeugt.

  3. Thomas Holzer

    Es geht niemanden an, ob en Donald Duck in seinen Talern badet, oder ein anderer Vermögender sein Vermögen unter den Leuten verteilt.
    So lange jemand mit seinem Vermögen, egal wie groß oder klein es ist, kein Gesetz verletzt, sollten wir den moralisierenden Zeigefinger jedenfalls nicht erheben!

  4. DTR

    @Thomas Holzer
    Ich glaube ich verstehe Ihren Punkt. Aber den moralisierenden Zeigefinger von geltenden Gesetze abhängig zu machen halte ich doch für sehr gewagt. Was, wenn die Gesätze geändert werden und plötzlich der Besitz von Vermögen, z.B. in Form von Gold kam das schon vor. Oder Ein Gesetzt schreibt vor in Vermögen in gewisser weise zu investieren, z.B. Zwangsanleihen wurden hierzu diskutiert. Haben diese geänderten Gesetze tatsächlich einen Einfluss auf die moralische Bewertung der Handlungen?

  5. Thomas Holzer

    @DTR
    Da haben Sie natürlich vollkommen recht!
    Mit Einhaltung der Gesetze meinte ich primär, daß mit dem Vermögen niemand anderer an Leib und Leben geschädigt werden soll.
    Wenn Donald Duck in seinen Talern badet, schadet er in diesem Sinne niemandem; aber Philanthropie einzufordern, finde ich, geht dann doch zu weit.
    Da werde ich das Gefühl nicht los, daß diese Forderung nach Philanthropie von einem nicht geringen Maß an Neid getrieben ist. So nach dem Motto: “Der hat ja eh mehr als genug, der soll ruhig geben (zahlen)”

  6. Rennziege

    19. Mai 2014 – 16:54 Thomas Holzer
    San S’ ma ned pasch! Aber ein bisschen Kenntnis der Familie Duck und ihres genialen Schöpfers Carl Barks darf erbeten werden. Nicht Donald, der liebenswerte, chronisch arme Schlucker, badet in Talern, sondern sein Onkel Dagobert, im Original: Old Scrooge, alter Geizhals, inspiriert von Ebenezer Scrooge in Charles Dickens’ unsterblicher Weihnachtsgeschichte “A Christmas Carol”.
    Servus, mit einer Träne im Knopfloch!

  7. Sybille Stoa

    Es nützt eh ah nix!
    Als einziges kommen F und Neos in Frage und die Regierung hält bis 2018 und dann kommt gleich übergangslos die Troika!

  8. Thomas Holzer

    @Rennziege
    Verzeihung, Sie haben natürlich recht bezüglich des Herrn Dagobert Duck 🙂

    @Sybille Stoa
    Verzeihung, aber Sie haben es anscheinend noch nicht durchschaut: Die FPÖ ist genauso sozialistisch und etatistisch wie alle anderen Parteien in Österreich, zusätzlich halt mit einem nationalem Mantel ausgestattet.
    Und das einzige, was die Neos sind, sagt schon ihr Name: nämlich “neu”, sonst aber schon gar nichts; schon gar nicht libertär

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