Lord Keynes klettert aus der Gruft und wittert Morgenluft

(C.O.) Sollen die Staaten Europas trotz der nun schon wieder drohenden Rezession weiter versuchen, ihre lebensgefährlich hohen Schulden halbwegs in den Griff zu kriegen, wie das vor allem die deutsche Bundeskanzlerin im Stil einer ökonomischen Spaßbremse seit Jahr und Tag einmahnt? Oder sollen die Europäer eher die Rezepte des 1946 verblichenen Ökonomen John Maynard Keynes anwenden, der Staaten in Zeiten von Wirtschaftskrisen angeraten hat, sich zu verschulden und damit im Weg öffentlicher Investitionen „die Wirtschaft anzukurbeln“, wie das von den Vertretern dieser Schule gern genannt wird?

Je weiter die Krise zu Herbstbeginn voranschreitet, umso beliebter wird in den meisten Regierungskanzleien Europas – mit Ausnahme des Berliner Kanzleramts – die keynesianische Methode. Eine „keynesianische Renaissance“ ortete jüngst das „Handelsblatt“ angesichts des um sich greifenden Widerstands gegen Merkels Sparkur und der grassierenden Sehnsucht der politischen Klasse Europas, sich dieser Kur zu entziehen. Auch der ÖVP-Klubobmann hat ja vor Kurzem gemeint, eine Steuerreform auf Pump sei kein Problem.

Keynesianische Renaissance? Dabei haben wir es in der Realität eher mit einer pseudowissenschaftlichen Legitimierung eines einfachen Fortschreibens jener durch und durch verantwortungslosen Politik des Schuldenauftürmens zu tun, die Europa früher oder später endgültig gegen die Wand wird krachen lassen, sollte sie munter weiterbetrieben werden.

„Renaissance des Keynesianismus“ wirkt auf die grosso modo ökonomisch nicht übertrieben informierten Wähler halt irgendwie seriöser als „noch mehr Schulden machen, die unsere Enkelkinder zurückzahlen sollen“, bedeutet in der politischen Realität aber das Gleiche, wie uns die Vergangenheit lehrt.

Das ist schon daran zu erkennen, wie die keynesianisch inspirierten Ökonomen und Politiker zuletzt auf die deutsche Wirtschaftsentwicklung reagiert haben. In guten Zeiten, so hat bekanntlich Lord Keynes einst seine Jünger gelehrt, müsse der Staat zügig jene Schulden abbauen, die er in schlechten Zeiten gemacht habe, um „die Wirtschaft anzukurbeln“.

Nun hat sich die deutsche Wirtschaft zwar bis vor Kurzem durchaus höchst gedeihlich entwickelt, aber keiner der bekannten keynesianischen Großökonomen, keines der gewerkschaftsnahen Wirtschaftsforschungsinstitute und kein einziger sozialdemokratischer Wirtschaftspolitiker Europas hat das in der Vergangenheit zum Anlass genommen, den Deutschen vorzuschlagen, ihre Staatsschulden abzubauen, wie das die Lehre des Herrn Keynes ja vorsehen würde.

Alle jene aber, die sich heute wieder auf Keynes berufen, wenn es darum geht, ein akademisches Feigenblatt für neue Schuldenexzesse zu organisieren, schwiegen sich aus. Das war freilich schon immer so: Dass keynesianische Politiker je tatsächlich in wirtschaftlich guten Jahren auch nur einen Teil jener Schulden zurückgezahlt hätten, die sie in schlechten Jahren aufgenommen haben, konnte im wirklichen Leben noch nie mit freiem Auge beobachtet werden.

Deshalb werden auch nur die allernaivsten Gemüter davon ausgehen, dass eine allfällige „Renaissance des Keynesianismus“ in Europa etwas anderes ist als der ordinäre Versuch, die nächste Welle von Schuldenexzessen ein wenig zu behübschen. Wer glaubt, dass jene Schulden, die heute angeblich der europäischen Konjunktur wieder auf die Sprünge helfen sollen, in besseren Zeiten tatsächlich wieder zurückgezahlt würden, dem ist wohl nicht mehr zu helfen.

Dass eine wirtschaftspolitische Rezeptur, die Europa schon einmal – in den 1970er-Jahren – Stagnation und Inflation eingebrockt hat und in Japan gerade spektakulär scheitert, in der politischen Klasse trotzdem so beliebt ist, hat einen einfachen Grund: Sie erlaubt es eine Zeit lang, dem Wähler eine Wohlstandsillusion vorzugaukeln – und die Kosten dafür späteren Generationen aufzuhalsen, die sich dagegen nicht wehren können. (“Presse”)

9 comments

  1. Gerhard Huemer

    Sollte Lord Keynes wirklich aus der Gruft steigen, würde er bestenfalls den sogenannten Keynesisanen verbieten den Namen Keynes zufuhren. Selbst der unverdächtige Stephan Schulmeister hat kürzlich in Alpbach gezeigt, dass Roosevelt (von Keynes beraten), im Zuge des Big Deal die Staatsschulden nicht signifikant erhöht hat, sondern die Finanzmärkte gefesselt, die Realwirtschaft entfesselt und nur die wirklich Bedürftigen unterstützt hat.

    Jene die Heute als selbsternannte Keynesisaner Staatsschulden anhäufen um sich notwendige Reformen zu ersparen, missbrauchen den Namen von Lord Keynes oder haben keine Ahnung von dessen wirtschaftspolitischen Theorien und Verständnis.

  2. Klaus Kastner

    Ich bin zwar kein Ökonom und schon gar kein Keynes-Experte, ich habe aber seit Ausbruch der Krise einiges von Keynes ‘nachgelesen’ (zuletzt bei meinem Studium). Ich habe nirgendwo den Eindruck bekommen, dass Keynes gesagt hätte, immer Schulden auf Teufel komm’ raus zu machen. Im Gegenteil! Mein Eindruck ist in der Tat, dass Keynes meinte, “in guten Zeiten müsse der Staat zügig jene Schulden abbauen, die er in schlechten Zeiten gemacht habe, um die Wirtschaft anzukurbeln”.

  3. Thomas Holzer

    “Alle jene aber, die sich heute wieder auf Keynes berufen, wenn es darum geht, ein akademisches Feigenblatt für neue Schuldenexzesse zu organisieren,……..”

    Sollte wohl richtig heißen: “Alle jene aber, die sich noch immer! auf Keynes berufen………..”

  4. cmh

    Die schulmeisternden Keynesnachfolger sind doch für Keynes einfach zu dumm. Sonst würden sie nicht den Keynes mit marxistischer pardon bei uns sozialistischer Brille lesen.

    So ausgereift kann kein Dogmengebäude sein, dass es nicht von irgendwelchen Hornochesen missverstanden werden kann. Das zeigt ja im übrigen auch der Koran, der ja eigentlich eine Religion des Friedens bringen hätte sollen. Odärr?

  5. FDominicus

    Roosevelt als kluger Politiker, ja dieses Mythos hat man fein aufgebaut. Wie wäre es mit
    Das er die Schulde nicht signifikant erhöht hat, ist schlicht und einfach nicht wahr und was er so alles gerissen hat kann man auch hier nachlesen: http://www.simeunovic.com/archives/152
    “The Politically Incorrect Guide to the Great Depression and the New Deal ”
    oder auch den entsprechenden Band von Rohtbard.

    Der New Deal war nichts als der Anfang vom Ende des wirtschaftens, seitdem wurden alle Krisen mit Geld drucken beantwortet. Was in allen Fälle zu einem massiven Kaufkraftverlust des Geldes geführt hat. Einen Erfolg daran zu sehen, daß ein Dollar heute noch 3¢ Kaufwert hat, kann wirklich nur Pervertierten als Erfolg gelten.

  6. FDominicus

    Ach ja der wichtigste Punkt an dem Link lautet:
    regular“ federal budget
    “”emergency budget”
    Roosevelt war Anfangs ein Anhänger des ausgeglichenen Haushalts, aber die Menge an Rettungsprogrammen zwang ihn schließlich zum “deficit spending”. Er sorgte im Rahmen des regulären Haushalts für Ausgleich, finanzierte den Notfall-Haushalt dagegen aus Schulden.”

    Ja ist schon klar, nicht mehr Schulden, alles super.

  7. FDominicus

    Und weil die Lügen über die nicht zunehmenden Schulden so eklatant sind:
    “Meist wird die Bewältigung der Weltwirtschaftskrise durch Franklin D. Roosevelt als Gegenbeweis ins Treffen geführt: Indem er die Staatsschuld von 23,4 Milliarden Dollar im Jahr 1934 auf 48,9 Milliarden im Jahr 1939 mehr als verdoppelte, finanzierte Roosevelt staatliche Großaufträge, Sozialprogramme und eine Arbeitslosenunterstützung.

    Das Resultat fiel freilich keineswegs berauschend aus: Die Arbeitslosenrate, die 1933 mit 25 Prozent ihren Höchststand erreicht hatte, ging bis 1938 lediglich auf 18,5 Prozent zurück. Manche liberale Ökonomen ziehen daraus den Schluss, dass Keynes in Wahrheit gar nicht funktioniert hat: Der festgestellte geringfügige Aufschwung sei nichts anderes als die auf jeden Tiefpunkt folgende Erholung gewesen. Von einem auf vollen Touren laufenden Wirtschaftsmotor konnte jedenfalls nicht die Rede sein. ”

    http://www.profil.at/articles/1131/575/303742/peter-michael-lingens-scheitern-usa-keynes

    Und dazu noch die Unverschämtheit zu behaupten er hätte etwas entfesseln. Roosevelt kam auf die “tolle” Idee Prämien für das nichtanbauen von Lebensmitteln zu bezahlen, damit die Preise stiegen. Und auch sonst sollte man einfach den Leuten mehr Geld geben und alles würde gut.

    Wie perverst muß man sein um Leuten die eh schon wenig haben noch die Lebensmittel zu verteuern im Namen von ja was? Das man etwas tut. Roosevelt ist einer der schlimmsten Präsidenten gewesen und hier wird er als Held gefeiert. Man kann bei soviel Ignoranz und Lügen wirklich nur noch staunen.

  8. gms

    Gerhard Huemer,

    “Selbst der unverdächtige Stephan Schulmeister hat kürzlich in Alpbach gezeigt, dass Roosevelt (von Keynes beraten), im Zuge des Big Deal die Staatsschulden nicht signifikant erhöht hat, sondern die Finanzmärkte gefesselt, die Realwirtschaft entfesselt und nur die wirklich Bedürftigen unterstützt hat.”

    Mit einer willkürlichen Bedeutung von ‘unverdächtig’, ‘nicht signifikant’ und ‘entfesselt’ ist das vollkommen richtig. Angetreten ist Roosevelt 1933, richtig? Sehen wir uns dessen eingedenk doch mal ein paar BIP-Wachstumszahlen (in %) an:

    1933: 6.3; 1934: 9.1; 1935: 7.5; 1936: 8.8; 1937: 6.0; 1938: 7.7; 1939: 9.4

    Respektable Zahlen, in der Tat. Das einzig Dumme daran — es sind nicht jene der USA, sondern jene aus Deutschland. Die Staatsschulden hatte Roosevelt nämlich ebenso durch die Decke gehen lassen wie sein schnauzbärtiger Genosse diesseits des Atlantiks, bloß in Relation zu einer künstlich aufgeblasenen Wirtschaft wird der signifikante Schwindel nicht bemerkt. Dank WKII mußte auch keiner der beiden Wirtschaftsverkurbler den Beweis einer Nachhaltigkeit antreten.

    Gezeigt hat der von Ihnen als unverdächtig titulierte Schulmeister somit garnichts, denn alles, was als Erfolg verkauft werden soll, muß sich an Vergleichbarem messen lassen. Vergleichbar aber sind insbesondere jene Länder wie Dänemark, Finnland oder Portugal, die (a) nicht so tief in die Rezession gerieten respektive (b) noch schneller draussen waren, als die USA. Daß ein Patient einige Jahre lange in der Gummizelle überlebt und sich dank der flankierend gedealten Medikation dabei sogar subjektiv wohlfühlt, ist weder ein Beweis für die Richtigkeit dieser Therapieform noch für das Ausbleiben von späteren Nebenwirkungen — im Anlaßfall eben die Verschuldung bezogen aufs BIP.

  9. Thomas Holzer

    Die “Leih- und Pachtverträge” der US-Regierung halfen erst, die Arbeitslosigkeit wesentlich zu reduzieren, und schlußendlich kam der Angriff der Japaner auf Pearl Harbour Roosevelt auch nicht so ungelegen………………

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