Lügen, Triumphe, Heuchelei

Von | 20. Juli 2013

(ANDREAS UNTERBERGER) Es ist eine der meistverbreiteten Unwahrheiten über die Folgen der Euro-Teilnahme. Deutschland und Österreich hätten über die Steigerung ihrer Exporte in den Euroraum von der Währung enorm profitiert. Sie müssten daher geradezu froh sein über die Verschuldung der Südeuropäer.

Klingt gut, ist aber falsch. Österreich oder Deutschland haben wegen der Qualität ihrer Exportprodukte triumphiert und nicht wegen des Euro. Denn der Anteil des Euro-Raums an den Exporten beider Länder ist seit Euro-Einführung stark zurückgegangen. In den Ländern außerhalb des Euro gibt es hingegen sehr starke Zuwächse. Das sieht man ganz deutlich an Zahlen, die Thilo Sarrazin für Deutschland zusammengetragen hat, aber auch an denen der Statistik Austria.

Österreichische Industriebetriebe, früher meist nur südlich des Mains präsent, aber auch viele KMU bewegen sich heute souverän auf dem Weltmarkt. Auf deutliche rot-weiß-rote Spuren trifft man nicht nur in Mittel- und Osteuropa, sondern von Asien bis Lateinamerika. So habe ich – ein winziges, aber besonders erstaunliches Beispiel – in fünf verschiedenen Hotels in Indien beim Frühstück Marmeladen eines österreichischen Produzenten gefunden. Und zwar nur diese.

Freilich: Zunehmend stoßen Firmen gerade dieser beiden Länder auf von der Politik gebaute Hindernisse für ihre Exporte. Das sind die Antikorruptions-Gesetze. Diese gelten seit einigen Jahren auch dann, wenn es in bestimmten Ländern geradezu unmöglich ist, ohne Schmiergeld (für Politiker, Genehmigungsbürokraten, Zollinspektoren usw.) irgendeinen Handel, irgendeine Investition vorzunehmen.

Die Exporteure versuchen nun mit Hilfe aufwendiger und besonders teurer Konstruktionen, diese Barriere zu umgehen. Dabei werden meist an örtliche Berater oder Anwälte überhöhte Honorare bezahlt. Oder es gibt scheinbar ohne Zusammenhang für etwas anderes besonders günstige Preise. Oder es wird ein „Entwicklungs“-Projekt gefördert.

Aber die Tricks stoßen immer öfter an Grenzen. Das zeigt etwa jetzt der Prozess gegen die Gelddruckerei der Nationalbank wegen – „mutmaßlich“ – überhöhter Provisionen.

Die Antikorruptions-Regeln können jedenfalls nur dann funktionieren, wenn sie in allen exportierenden Ländern wirken. Das ist aber nicht der Fall. Ungarn beispielsweise denkt „im nationalen Interesse“ nicht daran, gegen den Ölkonzern MOL vorzugehen oder deren Chefs auszuliefern, obwohl Kroatien sehr konkret behauptet, dass MOL (ein Erzkonkurrent der OMV) bestochen habe.

Besonders infam verhalten sich die USA. Diese benutzen Korruptionsvorwürfe als Waffe gegen Konkurrenten auf Drittmärkten. Eigene Konzerne werden jedoch geschont. Siemens etwa wurde dadurch in die Knie gezwungen. Es ist daher alles andere als Paranoia, wenn die USA so unglaublich umfassend spionieren. Denn damit können sie ganz leicht in die Geschäftsgeheimnisse der europäischen Konkurrenten eindringen. (Tagebuch)

Ich schreibe in jeder Nummer der Finanz- und Wirtschafts-Wochenzeitung „Börsen-Kurier“ die Kolumne „Unterbergers Wochenschau“.

14 Gedanken zu „Lügen, Triumphe, Heuchelei

  1. oeconomicus

    Ein Leistungsbilanzüberschuss bedeutet, dass im Land mehr produziert als investiert und konsumiert wird, die Güter werden zwar z.B. in D produziert, aber in F konsumiert. Die dadurch entstehende Forderung an das Ausland war früher ein Vermögenswert (handelbare Wertpapiere, Gold, Immobilien etc.), heute sind sie im Falle Deutschlands “wertlose” Targetforderungen (momentan ca. 600 Mrd.). Ein Leistungsbilanzüberschuss ist also in erster Linie eine Ersparnis, die nur dann etwas wert ist, wenn man sich später (z.B. im Alter) dafür etwas kaufen kann. Tatsächlich haben die GIIPSZ-Länder die Ersparnisse bereits verbraten, mit zu vielen Beamten, zu hohen Löhnen und zu viel Korruption.

  2. KClemens

    oeconomicus :Ein Leistungsbilanzüberschuss bedeutet, dass im Land mehr produziert als investiert und konsumiert wird, die Güter werden zwar z.B. in D produziert, aber in F konsumiert. Die dadurch entstehende Forderung an das Ausland war früher ein Vermögenswert (handelbare Wertpapiere, Gold, Immobilien etc.), heute sind sie im Falle Deutschlands “wertlose” Targetforderungen (momentan ca. 600 Mrd.). Ein Leistungsbilanzüberschuss ist also in erster Linie eine Ersparnis, die nur dann etwas wert ist, wenn man sich später (z.B. im Alter) dafür etwas kaufen kann. Tatsächlich haben die GIIPSZ-Länder die Ersparnisse bereits verbraten, mit zu vielen Beamten, zu hohen Löhnen und zu viel Korruption.

    Stimmt.

    Aber unterm Strich sollten wir doch froh sein, denn der Euro ist ein Friedensprojekt, wir müssen nicht mehr unsere DM im Ausland wechseln (seit Jahren DAS schlagende Argumente pro Euro, und somit lächerlich), und vor allem sind wir in Deutschland froh, daß wir dank des Euro von der instabilen D-Mark erlöst wurden, und wir dank Euro erst den Zugang zum Weltmarkt bekommen haben. Vor Einführung des Euro gab es Massenarbeitslosigkeit und Hunger in Deutschland, aber jetzt mit dem Euro geht es uns super!

    Wer Sarkasmus findet, darf ihn behalten!

  3. Klaus Kastner

    @KClemens
    Nein, stimmt nicht (zumindest nicht ganz)! Ein Leistungsbilanzüberschuss bedeutet, dass ein Land aus dem operativen grenzüberschreitenden Tätigkeiten mehr einnimmt als es ausgibt. Zu diesen ‘operativen Tätigkeiten’ gehören Exporte, Importe, Dienstleistungen, Current Transfers und Capital Transfers (wie z. B. EU Förderungen).

    Nehmen Sie eine Insel im Südpazifik, die absolut nichts produziert und alles importiert, was sie braucht (und möglicherweise auch nicht braucht). Ergo: ein enormes Handelsdefizit. Kein Problem für die Insel, solange sie aus dem Tourismus genug Devisen verdient, um die Importe bezahlen zu können.

    Bitte zu beachten, dass ein strukturell sehr hoher Leistungsbilanzüberschuss für eine Volkswirtschaft genauso gefährlich ist wie ein Defizit. Deuschland hat gar keine andere Wahl, als Kapital exportieren zu müssen, solange es einen so hohen Leistungsbilanzüberschuss hat. Und Kapitalexporte bedeuten auch immer Risiko (siehe Periphärie).

  4. Klaus Kastner

    Man muss beim Euro berücksichtigen, dass er die Währung eines Landes ist, das so nicht existiert. Es steht außer Frage, dass der Euro für ein Land wie Deutschland zu billig und für ein Land wie Frankreich zu teuer ist. Dadurch ergeben sich die gigantischen Ungleichgewichte in den Realwirtschaften einzelner Länder.

    Profitieren Länder wie Deuschland oder Österreich vom Euro? Natürlich tun sie das! Eine DM oder ein Schilling würde heute gegenüber anderen Währungen viel teurer sein, als es der Euro heute ist. Bei allem Respekt für die Qualität österreichischer und deutscher Produkte: ich habe in den letzten 10 Jahren meiner Bankkarriere mehrere hundert Gespräche mit namhaften süddeutschen und österreichischen Unternehmern geführt. Kein einziger hat je behauptet, dass er aufgrund der Qualiät seiner Produkte quasi konkurrenzlos ist. Im Gegenteil, fast jeder hat darüber geklagt, wie hart der internationale Wettbewerb ist und dass schon ein paar Prozent über Erfolg oder Mißerfolg entscheiden können.

  5. Wettbewerber

    @Klaus Kastner
    Ja genau, deshalb machen wir es doch unseren Exporteuren nicht dadurch einfacher, dass wir sie einfach ihre Geschäfte machen lassen (und unnötige Regulierungen abschafffen), sondern verhelfen wir ihnen zu einem unfairen Vorteil, indem wir eine weiche Währung erschaffen, für deren Absacken die übrige Bevölkerung still und ohne viel Aufhebens tagtäglich zur Kasse gebeten wird. Ein echt guter Deal, finden Sie nicht auch? Vor allem, wenn dann andere Währungshüter auf den gleichen genialen Einfall kommen, und (wie weltweit gerade zu sehen) ein regelrechter Wettlauf nach unten einsetzt. Sehr staatsmännisch, verantwortungsvoll, und vor allem sehr “nachhaltig”, oder?

  6. Klaus Kastner

    @Wettbewerber
    Um ganz ehrlich zu sein, ich habe keine Ahnung, was Sie mir mit Ihrer Wortspende sagen wollen.

  7. Christian Peter

    Klaus Kastner :

    Profitieren Länder wie Deuschland oder Österreich vom Euro? Natürlich tun sie das! Eine DM oder ein Schilling würde heute gegenüber anderen Währungen viel teurer sein, als es der Euro heute ist.

    Ihr lebenslanger Aufenthalt in der geschützten Werkstätte Bank scheint ihre
    Wahrnehmung getrübt zu haben. Vom Leistungsbilanzüberschuss profitiert,
    wer Vermögenswerte (Aktien, Immobilien, etc.) im Ausland und nicht bloß
    wertloses Papier (Target- Forderungen) erhält. Zudem übernahm Deutsch –
    land mittlerweile Haftungsrisiken von 2,2 Billionen Euro um das Friedens –
    projekt Euro am Leben zu erhalten.

    Außerdem ist die Behauptung, eine harte Währung wirke sich per se negativ
    auf den Export aus, unwahr, denn es werden dabei die zahlreichen positiven
    Effekte (günstiger Import von Rohstoffen, geringer Preis- und Lohnauftrieb,
    etc.) unterschlagen.

  8. Klaus Kastner

    @Christian Peter
    Sie vermischen 4 verschiedene Themen:

    1) Klar, dass ein Leistungsbilanzüberschuss Kapitalexporte in gleicher Höhe nach sich zieht. Das ist Konsequenz von Mathematik und nicht von Volkswirtschaft. Warum glauben Sie denn, dass deutsche Banken mit Krediten im Ausland so überexponiert sind?
    2) Target-Forderungen werden verzinst.
    3) Haftungsrisiken (viel mehr der ganze Konkursverschleppungsprozeß, der im Frühjahr 2010 begonnnen hat) sind zu verurteilen.
    4) kein Mensch kann genau prognostizieren, wie sich eine Aufwertung einer DM auf die deutsche Wirtschaft auswirken würde. Möglicherweise würde sie zu einer enormen Produktivitätssteigerung führen, die die Aufwertung kompensiert. Aber kurzfristig würde es auf jeden Fall große Karambolagen geben.

    Übrigens, Banken sind geschützte Werkstätten? Das hätte ich früher wissen sollen. Vielleicht hätte ich dann nicht 2mal einen Bankmanagerjob verloren (aber auch 2mal hervorragenden Ersatz gefunden).

  9. Christian Peter

    @Klaus Kastner

    1) Sie haben Recht, hat dem eigentlichen Thema nichts zu tun.
    2) Schwacher Trost bei Target – Forderungen von mittlerweile mehr
    als Euro 800.000.000.000.000.
    3) Haftungsrisiken verurteilen Sie ? Ohne Haftungsunion wäre die
    Währungsunion längst Geschichte.
    4) Freut mich, dass Sie anerkennen, dass eine harte Währung nicht unbedingt
    schlecht für den Export sein muss. Immerhin profitierten Österreicher und
    Deutsche jahrzehntelang von der Hartwährungspolitik.

    Geschützte Werkstätte insofern, als das Geschäftsmodell von Banken im
    Wesentlichen auf das staatlich gewährte Privileg der Teilreservehaltung
    beruht.

  10. Klaus Kastner

    2) Dass die EZB bei Target (und anderen) Forderungen das Sicherheitenerfordernis total aufgeweicht hat, ist zu verurteilen. Trotzdem muss man bei Target einen Nebeneffekt berücksichtigen. Target Forderungen entstanden im wesentlichen dadurch, dass Banken ihre Kredite an griechische Banken zurückforderten und keine neuen mehr vergaben (Kapitalflucht kam auch noch hinzu). Anders ausgedrückt, Bankforderungen wurden durch Targetforderungen ersetzt. Und jetzt: wenn eine Deutsche Bank beispielsweise 100 MEUR zurückforderte, dann entstanden dadurch 100 MEUR Targetforderungen. Gewissermaßen konnte sich Deuschland, als Land, etwas entschulden, weil es bei den Targetforderungen nur 27% des Risikos trägt, während die Deusche zu 100% unter deuscher Verantwortung steht. Damit Sie meine Meinung zu diesem Thema besser verstehen, schlage ich Ihnen vor, nachstehenden Link zu öffnen.

    http://klauskastner.blogspot.co.at/2011/06/geldverwenung-verschwendung-der.html

    3) Das ist ganz und gar nicht gesagt, dass die Haftungen ‘alternativlos’ waren. Im Gegenteil, sie waren der große Fehler, weil man via Steuerzahler die Banken viel zu rasch aus der Pflicht genommen hat. Die richtige Vorgangsweise wäre gewesen, von Griechenland und Banken zu verlangen, dass sie gemeinsam eine Umschuldung verhandeln und der Steuerzahler hätte nur für das Fresh Money aufkommen sollen. Beispiel Griechenland: 247 Mrd.EUR wurden 2010-12 an ‘Rettungskrediten’ ausbezahlt und 206 Mrd.EUR davon gingen direkt an Banken zurück. Eine Umschuldung hätte (zunächst einmal) den Steuerzahlern diese 206 Mrd.EUR erspart und ihnen stattdessen nur 41 Mrd.EUR abverlangt. Ich betone ‘zunächst’, weil in weiterer Folge die Steuerzahler viele Großbanken retten hätten müssen und das hätte auch sehr viel gekostet. Nur: dann hätte es Transparenz gegeben, welches Geld wohin fließt. Wenn Steuerzahler ein Land retten, dann ist das rasch verpufftes Geld. Wenn sie eine Bank retten, dann bekommen sie Eigentum der Bank im Gegenzug für ihr Geld. Letzteres ist allemal besser.

  11. Christian Peter

    @Klaus Kastner

    2)Target2 ist nichts weiter als ein außerparlamentarisches Instrument zur Euro –
    Rettung.
    3) Eine Währungsunion mit wirtschaftlichen Ungleichgewichten führt unweigerlich
    in eine Haftungsunion, denn anders lassen sich die immer größer werden Leistungs-
    bilanzdefizite der Südländer nicht finanzieren.

  12. Christian Peter

    @Klaus Kastner

    2) Target2 ist nichts weiter als ein außerparlamentarisches Instrument zur
    Euro – Rettung.
    3) Eine Währungsunion mit wirtschaftlichen Ungleichgewichten führt
    unweigerlich in eine Transferunion, denn anders lassen sich die immer
    größer werdenden Leistungsbilanzdefizite der Südländer nicht finanzieren.

  13. Christian Peter

    Der Vorwurf, die USA würden Korruptionsvorwürfe als Waffe gegen Konkurren-
    ten in Drittmärkten nutzen, ist lächerlich. In den USA wird – im Gegensatz zu
    Ländern wie Österreich oder Deutschland – lediglich Recht angewendet und
    konsequent gegen Korruption und Wirtschaftskriminalität vorgegangen, wäh-
    rend große Unternehmen im deutschsprachigen Raum wegen politischer
    Intervention und weisungsgebundenen Staatsanwälten praktisch strafrecht –
    liche Immunität genießen.

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