Macron, wirklich ein Mann der Mitte?

Von | 25. April 2017

(JÜRGEN POCK) Das große Zittern hat ein Ende. Ganz Europa kann Luft holen. Längst dient ja der gesamte Kontinent als Synonym für die Europäische Union, demzufolge dürfen sich nun auch die Brüsseler Beamten entspannt zurücklehnen. Die erste Runde der französischen Präsidentschaftswahl ist vorüber, der Kontinent steht noch, und auch die Meinungsforscher haben es nach einer endlos langen Durststrecke geschafft, ihre Profession zu rechtfertigen. Der Wunschkandidat des Systems, Emmanuel Macron, hat die erste Etappe erfolgreich hinter sich gebracht, die Inszenierung als Mann der Mitte wurde von allen Medien willig mitgetragen. Die verlorenen sozialistischen Schäflein, die unter Hollande in alle Winde zerstreut wurden, finden sich jetzt in den Armen des Newcomers wieder. Der Retter der europäischen Idee, so die repetitive Botschaft, werde den aufbrausenden Nationalismus im eigenen Land bannen, so auch die Extremistin Le Pen.
Mithilfe einer gesamtmedialen Koalition im In- und Ausland wurde die Kernbotschaft klar formuliert: Le Pen darf nicht gewinnen, sonst drohe der Kollaps der westlichen Welt. Mit dieser Doktrin im Rucksack wurde Wahlwerbung gemacht für einen Mann, der unter dem Vorzeigesozialisten Hollande politisch Karriere machte. Auch lässt sich die Masse gerne mit populärstrategischen Anreizen und Schlagzeilen von der politischen Agenda ablenken, die im Fall Macrons weitgehend Leerstellen beinhaltet. Der ehemalige Investmentbanker könnte immerhin als jüngster Präsident in die französische Geschichte eingehen und das erste Mal seit 1974 als Zentrist in den Élysée-Palast einziehen. Gleichzeitig könnte er seinem Land und Europa den größten Dienst überhaupt erweisen, indem er den bösen rechten Geist, verkörpert durch den Front National, exorziert. Gründe genug also für das verunsicherte Volk, um den smarten Parteigründer von En Marche! zu unterstützen. Darin einig sind sich im Augenblick der Wahlniederlage auch die restlichen Kandidaten, die nicht in die Stichwahl am 7. Mai einziehen. Prompt überschlagen sich Fillon und Hamon mit ihren Unterstützungserklärungen für Macron. Die zerbröselten Sozialisten suchen wie so oft im Gegner die Ursache für ihr Scheitern mit Ansage. Hamons desaströses Abschneiden mit 6,3 Prozent der Stimmen sei Resultat der „Auslöschung der Linken durch die extreme Rechte“. Viel mehr fiel dem sozialistischen Kandidaten dann auch nicht ein. Fast wie abgesprochen kontert auch der konservative Fillon: „Es gibt keine andere Wahl, als gegen die Rechtsextreme zu stimmen.“ Die Geschichte wiederholt sich, man denke an die Angstallianz während des österreichischen und amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs.
Der eigentliche Gewinner ist aber vermutlich der schon früh besiegte François Hollande. Er war es, der Macron mit weiser Voraussicht als Nachfolger angedacht hat, wissend, dass der sozialistische Kandidat Hamon vor die Hunde gehen wird. Es war Hollande, der den Weg des neuen politischen Messias ebnen und seinen Kontrahenten Steine in den Schritt werfen ließ. Nur Tage nachdem Macrons härtester Mitbewerber um das höchste Amt im Staat, François Fillon, in den Vorwahlen bestätigt wurde, startete das Innenministerium mit der Investigation um die Scheinbeschäftigung seiner Frau und Kinder. Daneben stellten sich die Medienanstalten in den Dienst Hollandes und übten sich als anständige Adlaten im rhetorischen Kampf gegen Fillon und Le Pen. Macrons finanzielle Affären wurden entweder übersehen oder mit EU-Schützenhilfe als Fake News deklariert.
Den Sozialisten wurde zwar kurzerhand das Licht abgedreht, aber Macron ist ein Mann für linke Experimente. Die ersten Schulterklopfer und Unterstützer kommen zudem aus der sozialistischen Ecke und werden früher oder später zweifellos mit politischen Posten belohnt.

18 Gedanken zu „Macron, wirklich ein Mann der Mitte?

  1. Thomas Holzer

    “Macrons finanzielle Affären wurden entweder übersehen oder mit EU-Schützenhilfe als Fake News deklariert.”

    Da wäre es schon “nett” gewesen, dies ein bisserl ausführlicher zu beschreiben 😉

    Macron wurde am vergangenen Sonntag von einem Journalisten des deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen gar als “konservativ-liberal” beschrieben, nachdem derselbe Journalist eben diesen Macron einige Tage zuvor als “mitte-links” etikettierte. In Frankreich wird Macron -von jungen, weiblichen Anhängern- schon als französischer Kennedy verehrt, in EU-Resteuropa sicherlich in den nächsten Tagen zum europäischen Obama stilisiert.
    Wie von mir schon hier an anderer Stelle getippt: Ich erachte den Ruf des Herrn Macron nach “mehr Europa” als Metapher für ein “wir wollen das Geld der Nettozahler”, zumindest eine offizielle Vergemeinschaftung der Schulden und Eurobonds. So lange er Chancen sieht, zu mehr Geld von anderen EU-Staaten zu kommen, wird er sich “pro-europäisch” gerieren, wird ihm seine Kasse nicht gefüllt werden, wird er zum Anführer der südeuropäischen Staaten

  2. TomM0880

    Das lustige ist, dass Macron in der Presse als “unabhängiger” Kandidat präsentiert wurde. Ich denke er ist so unabhängig wie unser Präsident bei der Wahl gewesen ist.

    Ich frage mich nur, wie die Franzosen jemanden Wählen können, der genau aus dem Lager kommt, dass sie gerade abgewählt haben?

  3. sokrates9

    Macron war doch Wirtschaftsminister der Sozialisten! Wo waren da eigentlich seine Verdienste??

  4. mariuslupus

    Dass Macron ein linker Kandidat ist, wird durch seine Anhängerschaft bewiesen werden. Alles was links ist in Frankreich, wird Macron wählen. Mit einer eigenartiger, völlig idiotischer Begründung. Le Pen muss verhindert werden. Sollten die Wähler dieses Argument durch ihre Stimmen unterstützen, ist Frankreich und die EU definitiv
    in Absurdistan gelandet.
    Aber wo bleibt der Stolz der Grande Nation, der Eigensinn, die Betonung der Unabhängigkeit, der Fähigkeit selbst zu bestimmen ? Sollte Macron gewinnen, und dass ist mehr als sicher, wird er zum besseren Statthalter Merkels in der Provinz. Die Zentrale befindet sich abwechselnd, ähnlich wie beim Karl dem Grossen, in Brüssel und Berlin. Paris hat sich selbst, den Sozialisten sei gedankt, zum Befehlsempfänger degradiert.
    Eine andere Facette. Die mögliche Wahl von Macron, zeigt das Ausmass der Infantilisierung der Gesellschaft. Ein erwachsener Mann, dem Alter nach, der seinen pubertären Mutterkomplex nicht überwunden hat, ist dazu prädestiniert von einer Abhängigkeit, in die andere zu geraten. Die Folgen sind vorhersehbar. Eine infantile Suche nach Vorbildern und Leitfiguren. Bietet sich da nicht die tönerne Germania im Hosenzug an ?

  5. Thomas Holzer

    @mariuslupus
    “Ein erwachsener Mann, dem Alter nach, der seinen pubertären Mutterkomplex nicht überwunden hat”

    Nun ja, aus der Ferne “tiefenpsychologische Diagnosen” zu “stellen”, erachte ich als ein bisserl verwegen. Würden Sie derlei auch im umgekehrten Falle schreiben?!

    Dank der gewählten Politikerdarsteller in (fast) allen EU-Mitgliedsstaaten haben sich eben diese Politikerdarsteller selbst zu Befehlsempfängern, egal ob aus Brüssel und/oder Berlin degradiert. Gezwungen wurden sie dazu nicht.

  6. stiller Mitleser

    @ Thomas Holzer
    das Patriarchat und seine sugar daddies sind eine solche selbstverständliche Wirklichkeit, daß sie gar nicht mehr thematisiert werden

  7. sokrates9

    Macron wird sicherlich Merkel gut gefallen und er wird tun was sie will! tEs ist ähnlich wie Venezuela! Das einst reichste Land Südamerikas versinkt in Anarchie und dasselbe wird mit Europa passieren! Diese Entwicklung ist wahrscheinlich nicht mehr zu stoppen!

  8. Christian Peter

    @sokrates9

    ‘Macron wird Merkel gut gefallen’

    Die Schreckensherrschaft Merkels wird 2017 enden, Martin Schulz wird Gefallen an Macron finden.

  9. Falke

    @Christian Peter
    Wenn man sich vorstellt, was von Schulz zu erwarten ist, würde man die “Schreckensherrschaft” Merkels (obwohl richtig charakterisiert) ja fast vorziehen.

  10. mariuslupus

    @Thomas Holzer
    Wie meinen Sie im umgekehrten Falle schreiben ? Eigentlich bin ich gegen Ferndiagnosen, habe bis jetzt noch keine Ferndiagnose versucht zu stellen. Aber, es ist mir um etwas anderes gegangen. Der Fokus ist nicht Macron, sondern die infantilen Massen.
    Bei Macron ist sein ödipaler Entwicklungsdefizit so evident, dass ich der Versuchung nicht widerstehen konnte. Einmal, ist kein mal.

  11. mariuslupus

    @Falke
    Schreckensherrschaft Merkel ist jetzt, Schreckensherrschaft Schulz kommt, vielleicht. Kein Unterschied. Die gleiche Tyrannei.

  12. Mona Rieboldt

    Mit Macron wird es weitergehen wie bei Holland, wirtschaftlich wird sich nichts ändern, nichts verbessern. Das Defizit Frankreichs wird dann von Deutschland bezahlt. Das nennt sich dann EU.

  13. Thomas Holzer

    @Mona Rieboldt
    Sie schreiben es, genau das ist der Grund, warum sich Macron als “Europäer” geriert 🙁

  14. Der Realist

    @Thomas Holzer
    bezüglich Ferndiagnosen bin ich ganz bei Ihnen, aber geistern solche nicht täglich durch heimische Medien, und die Diagnostiker dürfen sich auch noch zu den Intellektuellen zählen.

  15. MM

    Macron hat seinen Wahlsieg im kleinen Kreis gefeiert. Mit dabei: Daniel Cohn-Bendit. Wir erinnern uns auch noch gut an sein Buch, in dem er beschreibt , wie er sich von kleinen Kindern streicheln lässt.

  16. mariuslupus

    @Der Realist
    If you`re explaining, you`re losing.

  17. aneagle

    Merkel -Macron , Schulz -Macron , whats the difference? Schweden wird sich mit dem Eingehen am Malmö-Syndrom beeilen müssen, sonst überholt die RestEU, es,dank ihrer “Führer”-Qualitäten, noch. Claude Juncker hat seine Vorbildwirkung restlos übererfüllt. Sein politisches Credo ” wenn es ernst wird, muss man lügen, lügen und lügen” erfüllt das Wertevacuum der EU mit einem bösen Inhalt. Dagegen ist Darth Vader ein Kinderopa. Das Friedensprojekt EU entledigt sich seiner Ziele, es wird abgewickelt.

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