Mehr Sozialarbeiter für die armen Terroristen, bitte!

Von | 27. März 2016

(CHRISTIAN ORTNER)  Der Rauch hatte sich nach den Anschlägen von Brüssel noch nicht einmal verzogen, als ausgerechnet der ranghöchste Polizist des Landes, Konrad Kogler, im ORF den eigentümlichen Eindruck erweckte, Terror dieser Art sei vor allem einem Mangel an Sozialarbeit an von der Gesellschaft nicht ausreichend gewürdigten Jugendlichen mit Migrationshintergrund geschuldet – und nicht etwa Folge einer faschistoiden, religiösen Herrenmenschen-Ideologie. Die armen muslimischen Migranten, erfuhren wir da, litten in ihren tristen Wohnvierteln unter Arbeitslosigkeit, Ausgrenzung, Chancenarmut und Perspektivlosigkeit, was sie entweder der gewöhnlichen Kriminalität oder eben dem Jihad gleichsam naturgesetzlich in die Hände treibe. Die unausgesprochene Botschaft dahinter: Irgendwie sind unsere Gesellschaften letztlich selbst schuld am Terrorismus, weil wir dessen „soziale Ursachen“ nicht ausreichend bekämpfen.

Die Schuld nicht bei den Tätern, sondern bei der Gesellschaft der Opfer zu verorten ist ein nach islamistischen Anschlägen beliebter Topos. Dass viele der Täter – von den Terroristen des 11. September bis zu einigen der Pariser Mörder des Vorjahres – aus dem Mittelstandsmilieu oder sozial noch höheren Schichten kommen und in der nicht muslimischen Welt ziemlich viele Menschen ebenfalls unter bedauernswerten sozialen Umständen leben müssen, ohne deshalb Terroristen zu werden, falsifiziert die These von den „sozialen Ursachen“ des Terrors zwar weitgehend, mindert deren Beliebtheit aber nicht im Geringsten.

Das dürfte nicht zuletzt an einer unter den politischen und medialen Eliten Europas weit verbreiteten Lust an der „heuchlerischen Selbstbezichtigung des Westens“ (der slowenische Philosoph Slavoj Žižek) liegen, die alle Übel der Welt lieber bei sich selbst sucht und die Anklagebank der Weltgeschichte (Kreuzzüge! Kolonialismus!) als ihre liebste Sitzgelegenheit betrachtet.

Dieser „Meaculpismus“ (Samir Khalil Samir) hat freilich den großen Vorteil, seinen zahlreichen Anhängern ein paar als unangemessen empfundene Fragen zu ersparen: etwa jene nach dem Zusammenhang zwischen dem Wesen des Islam (nein, nicht des Islamismus) und den Motiven der Selbstmordattentäter. Die nach jedem Blutbad vorgebrachte Phrase, das habe ja nichts mit dem Islam zu tun, tönt von Massaker zu Massaker hohler.

Oder die Frage, ob die monatelang von Berlin und Wien geduldete Zuwanderung Hunderttausender Menschen, deren Identität zum Großteil unbekannt war und ist, nicht zumindest die Arbeit der IS-Jihadisten erleichtert und damit zumindest indirekt einen Beitrag zum Gedeihen des islamistischen Terrors geleistet hat (in Salzburg sitzen sechs „Schutzsuchende“ ein, die dem IS nahestehen dürften).

Oder auch die Frage, warum wir eigentlich annehmen sollten, dass die Integration der seit 2015 nach Europa gekommenen Migranten aus Nordafrika, dem Nahen Osten oder aus Afghanistan besser gelingen soll als die jener muslimischen Zuwanderer, die in Brüssel Jihad-Stadtteile wie Molenbeek geformt und geprägt haben, wo die Polizei von dort Ansässigen attackiert wird, wenn sie einen Terroristen verhaften will, weil er als „local hero“ gilt.

Frankreich müsste Molenbeek bombardieren, nicht Rakka“, kalauerte nicht ganz grundlos der französische Krawall-Intellektuelle Éric Zemmour nach den jüngsten Anschlägen von Paris.

Oder schließlich die Frage, ob es der Weisheit letzter Schluss ist, nun den Inhabern türkischer Pässe die visumfreie (und damit bis zu einem gewissen Grad unkontrolliertere) Einreise in die EU zu gestatten. Immerhin hat jüngst eine Meinungsumfrage ergeben, dass 20 Prozent aller Türken der Meinung sind, dass unter bestimmten Umständen Gewaltanwendung im Namen der Religion zulässig ist.

Eine ehrliche Antwort auf all diese Fragen dürfte zu Konsequenzen führen, vor denen sich die Politik derzeit noch drückt. Deshalb werden sie verdrängt, solange es halt geht. (“Presse”)

12 Gedanken zu „Mehr Sozialarbeiter für die armen Terroristen, bitte!

  1. Heinrich Elsigan

    Herr Ortner, darf ich diesen Artikel meinen indischen, lateinamerikanischen und chinesischen bekannten schicken?
    Die brüllen sich jedensmal nämlich ab, wie hilflos und untereinander zerstritten Europa wirkt.
    Besonders diese Verteidigung gegen die Türken mit einer bestimmten Art von Retro-archaischen Stallgeruch erheitert diese Leute sehr, weil sie sehen, wie wenig innovativ Europa ist und wie Türken fixiert hier manche konservativ liberale Kreise sind.
    Vielleicht wäre es strategisch gar keine so schlechte Idee, wenn die die Türken stärken würden, weil dann würden gewisse Kreise hier rot sehen und den Konflikt noch mehr verstärken.
    Aus strategischer Sicht ist das natürlich für diese Staaten durchaus interessant möglicherweise, die EU als im Moment noch größten Wirtschaftstreibenden Akteur durch geschickte List auf die Bretter zu legen, hat schon etwas Prestige 😉

  2. Heinrich Elsigan

    Nein, Herr Ortner, ich bin bösartig zu ihnen, ich halte von Zizek und dem jetzigen links-grünen Establishment genau nichts, aber sie wissen leider nicht, welche anderen Staaten sich in Position bringen wollen und Chaos und Konflikten unter den Muslimen geostrategisch ausnutzen wollen. Sie und Herr Unterberger haben leider nicht die Fähigkeit in die Zukunft zu projizieren und denken sie bitte nicht alle anderen Staaten (und hier meine ich nicht Russland oder die USA) haben long term keine imperialistischen oder Eroberungsgelüste. Sie sehen nicht die hidden player und ihr spiel, weil sie leise und unaufällig vorgehen.

  3. Herbert Manninger

    Was erwartet man von einem Polizisten/Beamten, der an den Maulkorb- Erlass gefunden ist und bestenfalls das von sich gibt, das seine Vorgesetzten für politisch opportun halten?
    Etwa die Wahrheit?

  4. Weninger

    @Elsigan
    Ich kenne zwar sonst nicht viele Ansichten von Ihnen, aber in Bezug auf Unterberger, Ortner & Co liegen Sie goldrichtig. Deren Analysen stellen nichts anderes dar als das dumpfe Wiederkäuen von Vorurteilen aus der mittlerweile 25 Jahre zurückliegenden zeit des Kalten Krieges. Statt die wahre triebfeder, nämlich die demografische Revolution in den Ländern des Südens zu erkennen, reitet man auf der Islmaophobie der Türkenkriege herum. Es ist nicht (in erster Linie) die Religion, sondern der der Überschuss junger Männer (s. Gunnar Heinsohn). Auch mit zwei Millionen Nigerianern, Ghanesen, ägyptischen Kopten oder christlichen Kongolesen würden wir keine Freude haben.

  5. waldse

    es sollte eigentlich:
    mea–maxima–culpismus heissen.

  6. astuga

    Wieder mal ein Lichtblick in der Presse.

    Bei anderen wie Frau Hamann macht man ja nur mehr *facepalm

  7. John Smith

    HEINRICH ELSIGAN:

    Na dann klären Sie uns Unwissende doch auf, wer hinter den Kulissen schon ein wenig Appetit auf uns verweichlichten europäischen Weicheier hat?
    Und sind unsere sagen wir “verhaltensauffällige” Politiker etwa schon im Solde dieser Schurkenstaaten, die uns die Sahne vom Kuchen stehlen wollen…unerhört!
    Wie gesagt….klären Sie uns doch auf, denn ich kann diesem Artikel nur zu 100% zustimmen…

  8. mariuslupus

    Sollte es in einigen Jahrzehnten noch Historiker, die lesen und schreiben können geben , werden sie den Anfang des 21. Jahrhunderts beschreiben, als vom genialen Zweigestirn, den grossen Visionären. Merkel und Erdogan, entscheidend geprägt. Die Beiden haben sich nicht gesucht, trotzdem haben sie sich gefunden. Die Gemeinsamkeiten sind verblüffend.
    Beide führen ihre Reiche, Entschuldigung Staaten, zielbewusst in die Verangenheit. Der eine ist dabei den Nachlass von Kemal Pascha zu überwinden, die andere hat immerhinn von einen ihrer Ahnen etwas gelernt, “Was interessiert mich mein Geschwätz von Gestern”.
    Beide verbindet das tiefliegende Misstrauen und Verachtung der amorphen Menschenmasse, auch Volk gennant, gegenüber.
    Beiden ist gemeinsam dass sie in jeder Situation in der Lage sind, dass Volk zu ihren Gunsten zu manipulieren.
    Beide stammen aus rigiden, religiös-ideologischen Verhältnissen. Beim Erdogan ist es der Islam, bei Merkel der Kommunismus.
    Beide haben sich zum Ziel gesetzt endlich eine Durchmischung ihrer Völker zu erreichen. An diesen Ziel wird zielstrebig gearbeitet. Die ersten Erfolge sind bereits sichtbar.
    Beide wissen dass die Durchmischung eine Einbahnstrasse sein wird. Beide sind damit aus verschiedenen Gründen damit einverstanden.Merkel bekommt neue Wähler, Erdogan wird seine Vorfahren übertrumpfen. So weit ist nicht einmal Soliman der Prächtige nach Europa vorgedrungen.
    Für die indoktrinierten Vasallen bleibt nur eine Aufgabe. Mit Taferln mir der Auschrift “Willkommen Türken” sich an den Bahnhöfen einzufinden.

  9. astuga

    @Weninger
    Sie haben nur insofern recht, als der sog. Youth Bulge dem Islam eine neue Dynamik ermöglicht.
    Aber die Ideologie des Islam ist immer die selbe, ob es jetzt viele oder wenige Muslime gibt.
    Nicht anders als bei Faschismus oder Kommunismus.
    Es gibt dafür sogar ein islamisches Konzept – Hudna (ein befristeter Waffenstillstand, wenn Muslime aus einer Position der Schwäche heraus agieren)

    Der Islam als expansionistische aber sterile Ideologie hat immer schon davon gelebt, andere Kulturen und Zivilisationen zu okkupieren und sich deren Energie und Tatkraft zu Nutze zu machen.
    Bis das vorislamische Erbe aufgebraucht war.
    Dann folgte Stagnation, bis zum nächsten Wachstumsschub.
    Der Islam passt perfekt in die sog. Mem-Therorie (Memetik), er ist wie ein Virus, das eine Wirtszelle für Wachstum und Ausbreitung benötigt.

  10. Wanderer

    @Weninger
    “Wir sind alle die Enkel von Sultan Süleyman und die Enkel von Kara Mustafa” und man müsse “die Tore bis Wien öffnen” sagte Erdogan letztes Jahr. Bei solchen Zitaten kann man wohl niemandem vorwerfen grundlos die Türkenkriege in der aktuellen Debatte zu bemühen. Die lateinamerikanischen, chinesischen etc. Freunde des Herrn Elsigan, die das offensichtlich lustig finden, würde ich auch nicht als die geeignetste Instanz zur Beurteilung des mittelosteuropäischen Kollektivbewusstseins über die Türkenkriege einstufen. Der Griff nach dem “goldenen Apfel” war und ist ein türkischer Traum. Mit “Ihrem” Männerüberschuss wird er machbar. Dass die Bevölkerung im Nahen Osten und in Afrika schneller wächst, wird ja auch Herr Ortner seit der Mittelschulzeit wissen. Natürlich ist das global betrachtet ein Problem, mit dem keiner Freude hat. Die angeführten Afrikaner brächten als wichtigen Integrationsfaktor aber den christlichen Glauben mit. Zu diesem kann man stehen wie man will, doch dass z. B. Ostern und Nächstenliebe eher verbinden als Geschlechtertrennung und religiöser Vorherrschaftsanspruch liegt auf der Hand.

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