Andreas Unterbergers Erfahrungen mit Herrn Menasse

(von ANDREAS UNTERBERGER) Für mich war es ein wenig erstaunlich, dass jetzt allerorten helle Aufregung über Robert Menasse aufbrandet. Zahllose Medien berichten groß darüber, dass der Lieblingsautor vieler Linker mehrfach beim wilden Erfinden historischer Fakten erwischt worden ist. Mir war diese kreative Fakten-Gestaltung des Autors und Rekordhalters an wohldotierten Förderungsgeldern (entweder aus Steuermitteln oder von Firmen, die dadurch ihr übles Image korrigieren wollen) freilich schon seit 14 Jahren aus eigenem Erleben wohlbekannt.

Ich brachte damals ein Buch “Österreich und Jetzt? – Gespräche zum Nachdenken” heraus (Heute leider trotz großer fünfstelliger Auflage vergriffen). Es waren hochinteressante Gespräche mit 15 verschiedenen prominenten Österreichern aus allen möglichen geistigen Lagern. Von Christoph Schönborn bis Fred Sinowatz, von Susanne Riess-Passer bis Angelika Kirchschlager, von Franz Olah bis Maria Schaumayer, von Leon Zelman bis Lothar Höbelt.

Menasse sollte eigentlich der 16. Partner sein. Ich hatte auch tatsächlich ein langes Gespräch mit ihm in einem Wiener Kaffeehaus, das ich dann möglichst wortgetreu transkribierte. Inhaltlich war dieses Gespräch freilich ein wenig erstaunlich, weil Menasse (auch schon damals) die wildesten Behauptungen zu Details der österreichischen Geschichte aufstellte, die nicht einmal annähernd etwas mit den historischen Fakten zu tun hatten. Da ich die meisten dieser Fakten selbst gut kannte, machte ich ihn in meinen eigenen Wortmeldungen in diesem Gespräch auch immer wieder darauf aufmerksam. Davon versuchte er dann aber meist mit einem Themenwechsel abzulenken. Jedenfalls hatte ich ihm mehr widersprechen müssen als irgendeinem der anderen Gesprächspartner. Aber das hätte ja im Prinzip nicht gestört. Kontroversen sind oft das Salz eines spannenden Gesprächs.

Vereinbarungsgemäß schickte ich ihm das Transkript zur formellen Freigabe für die Veröffentlichung. Ich bekam auch nach ein paar Tagen Antwort – allein: Der von ihm zur Veröffentlichung mitgeschickte Text hatte bis auf meine Anfangsfrage fast nichts mehr mit dem eigentlichen Gespräch zu tun. Er hatte fast überhaupt nichts mehr mit einem Gespräch zu tun. Meine Worte waren entweder ganz eliminiert oder hingen sinnlos in der Luft. Menasse hat einfach durch komplettes Umschreiben den Unsinn aus der Welt zu schaffen versucht, der ihm beim Reden halt so ausgekommen war.

Ich versuchte ihn mehrfach darauf aufmerksam zu machen, dass die Autorisierung eines Gesprächs-Transkripts eigentlich nur dazu da ist, um akustische Missverständnisse, nicht zur Veröffentlichung bestimmte Vertraulichkeiten oder sprachliche Holprigkeiten zu eliminieren, nicht aber um ein Gespräch völlig neu zu erfinden. Und vor allem versuchte ich  ihm zu vermitteln, dass es sich um ein Gesprächs- nicht ein Monolog-Buch handle.

Menasse ließ sich aber nicht überzeugen. Vielleicht auch, weil er nicht glaubte, dass ich wirklich tun würde, was ich später tat: Das Buch ist dann halt ohne irgendeinen Satz von ihm erschienen. Es tat dem Erfolg des Buches keinen Abbruch.

Seither habe ich mich für keine Zeile von Menasse interessiert. Geschichtliche Ahnungslosigkeit und Vermischung von Dichtung und Wahrheit ergeben für mich keinen Sinn. Es überrascht daher ein wenig, dass andere Journalisten 14 Jahre länger gebraucht haben, um da draufzukommen. Und manche haben Menasse bis heute nicht durchschaut und geben ihm großflächig Raum, damit er seine Unwahrheiten irgendwie wegschwadronieren kann.

Endgültig Bescheid wusste ich über Menasse, als sich ein Salzburger Autor acht Jahre später penibel die Mühe machte, aus offiziellen Veröffentlichungen herauszurechnen, was Menasse allein in den zehn Jahren bis 2011 allein vom österreichischen Kunstministerium allein an direkten Unterstützungen erhalten hat. Es waren unvorstellbare 289.357 Euro. Dazu kamen noch indirekte Förderungen aus Steuergeldern durch das gleiche Ministerium etwa für Übersetzungskosten.

Das nährt natürlich die Annahme, dass Menasse auf dem Lesermarkt gar nicht so beliebt ist, dass er von seinen Lesern leben hätte können. War er vielleicht nur auf dem Beamten- und Politikermarkt beliebt (sowie zweifellos auf dem der Kulturjournalisten)? Es gibt jedenfalls sehr viele Österreicher, die mit weniger Geld auskommen müssen, als Menasse allein aus Steuergeldern erhalten hat. Vor allem in jenen noch viel billigeren Jahren waren das Millionen Menschen.

Dabei ist die Recherche des Salzburger Autors noch erschienen, bevor der seltsame Beginn der späten “Liebe” des ursprünglich wie alle Linken durchaus EU-kritischen Autors zur Brüsseler Union bekannt geworden ist: Ein saftiges Stipendium des “Novomatic”-Konzerns hat ihm eine schöne Zeit in Brüssel verschafft. Und ein schönes Umdenken, das sich in etlichen EU-euphorischen Publikationen niedergeschlagen hat … (hier)

13 comments

  1. nattl

    Wenn man jetzt noch in Betracht zieht, dass kaum ein Tag vergeht, an dem der unseelige Herr nicht in irgendeiner Ö1-Sendung zu Wort kommt und kaum eine Woche vergeht, in dem nicht ein Essay von ihm in irgendeiner “Qualitätszeitung” abgedruckt wird, kann man sich ausrechnen, wie hoch das jährliche Salär des besagten Herren ist.

    In meinem nächsten Leben werde ich Moralist und linker Ideologe. 😉

  2. Triumph Cruiser

    … trotz allem ist es doch immer wieder erstaunlich, wie lange sich derartige “‎Nacktmulle” in Österreich über Wasser halten …

    @nattl:

    Zitat: In meinem nächsten Leben werde ich Moralist und linker Ideologe. 😉

    … bitte tun Sie das net ! 😉

  3. GeBa

    @nattl
    Ich glaube nicht dass du dich selbst so verleugnen könntest, nur des schnöden Mammons willen 💆‍♀️

  4. sokrates9

    Warum hinterfragt man nie wer die Personen sind die da Auszeichnungen verteilen und Geldpreise verleihen die in der Regel aus Steuergeldern kommen??
    GeBa: Um sich selbst zu verleugnen muss man entweder so blöd sin dass man das gar nicht bemerkt, oder keinen Charakter haben!:-)

  5. GeBa

    @GeBa – meinte ja, gierig, charakterlos. Und war nattl gegenüber selbstverständlich ironisch gemeint

  6. GeBa

    Lach, natürlich an sokrates9 gerichtet nicht an mich selbst 🤭
    Noch bin ich nicht so weit …..

  7. Falke

    @Triumph Cruiser, GeBa
    Ich glaube, nattl nimmt sich Hadmut Danisch zum Vorbild, der auch immer wieder (natürlich ironisch) bedauert, dass er nicht bestimmte Berufe ergriffen hat, wo man ohne etwas Nüzliches (oder überhaupt etwas) zu tun, meist vom Staat mehr als üppig alimentiert wird.

  8. Cora

    Umso überraschender ist es nun für mich, dass Konrad Paul Liessmann in der gestrigen Ausgabe der NZZ Robert Menasse in Schutz genommen hat. Kurz gesagt, Menasse darf ungestraft lügen, weil er ein Dichter ist. Er spricht den Dichter in einem Aufwaschen mit Relotius frei.
    „Der Betrug ist eine Methode der Erkenntnis. Nietzsches Kollege Sören Kierkegaard hat dies klar ausgesprochen: Man müsse die Menschen hineintäuschen in das Wahre.“ (Liessmann, NZZ, 15.01.2019).
    Und das sagt ein Universitätsprofessor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik. Und er insinuiert, dass die Kritiker Menasses selbst Lügner seien. Denn er schließt mit den Worten:
    „Und man könnte vielleicht auch dem politischen Gegner zugestehen, sich durch seine Überzeugungen zu ähnlichen Feindseligkeiten der Wahrheit gegenüber hinreissen zu lassen wie man selbst. Dazu aber wäre Grösse erforderlich, und das ist heute zu viel verlangt. Zumindest moralische Überlegenheit aber ist in einer Welt von lauter Lügen prinzipiell fehl am Platz.“
    Diese Einstellung kann ich mir nur so erklären, dass auch Konrad Paul Liessmann in der Blase „Literaturbetrieb“ lebt, in der es effektiver ist, zu lügen.
    Denn es scheint für Dichter und Denker und Uniprofessoren, abgekapselt in ihrer eigenen Wirklichkeit, normal zu sein, mit Lügen weiterzukommen. Sie haben offenbar gelernt, dass Lügen durchaus lange Beine haben, solange man sie nur möglichst ungeniert vorbringt, ein paar Dumme gibt es ja immer, die darauf hereinfallen. Und wenn die an den richtigen Schalthebeln sitzen, passt es ja.
    Aus meiner Lebenserfahrung heraus kann ich sich sagen, dass dies dem Vorgehen derjenigen entspricht, die sich selbst für ziemlich inkompetent halten, die meinen, nur mit Lügen überhaupt eine Chance zu haben, im fairen Wettbewerb würden sie auf alle Fälle unterliegen. In einem solchen Habitat, das muss nicht die Dichterlügnerblase sein, kann auch eine Firma sein, wo das geschehen kann, färbt das auch auf diejenigen ab, die das gar nicht nötig haben. Da diese sehen, dass das reingeht, dass den Traummärchen der Lügner Glauben geschenkt wird und ihre eigene, naturgemäß nicht so sensationelle Wahrheit übervorteilt sehen. Das heißt, sie werden gezwungen, selbst zu lügen, dass sich die Balken biegen, wenn sie mit den Fantasten noch mitkommen wollen. Das ist desaströs. Die Lüge gebiert neue Lügen. Diese Blasen gedeihen dort, wo es auf Prahlerei ankommt, wo man den Test der Zeit nicht machen muss, wo sich nicht am freien Markt beweisen muss. Wo der Schein der schönen Lügen belohnt wird und man nicht auf die Schnauze fällt, wenn man erwischt wird. Im subventionierten Literaturbetrieb ist es offensichtlich nicht notwendig, ehrlich zu sein. Lukrativer und bequemer ist allemal die große Lügnerei.

  9. Johannes

    Politisch ist der Mann erledigt, seinen Bekanntheitsgrad hat er erhöht, Marketing in eigener Sache und das war es dann wohl. Die Linken in Europa werden seine Bücher kaufen, die ganze Sache hat sich gelohnt.
    Diese Episode ist nun vorbei, die nächsten Wichtigmacher drängen schon nach.

  10. Alfons Kuchlbacher

    Rule 8: Tell the truth or least don’t lie!
    @Cora: Aus philosophischer Sicht hat Liessmann auch Recht: Zur Darstellung (bzw. um die Wirkung zu erhöhen) komplexer ethischer oder moralischer Wahrheiten werden ja meist “erfundene” Narrative verwendet, einfach weil sie griffiger und nachvollziehbarer werden, als wenn man rein rational argumentiert. (z.B. die vielen religiösen Narrative, oder warum glauben Sie hat Nietzsche den Zarathustra geschrieben?). Sogesehen hat Liessmann Menasse ja nicht verteidigt, sondern lediglich seine Mechanismen aufgezeigt. Lesen Sie auch bei Peterson nach (od. das interessante Gespräch zwischen Peterson und Sam Harris, zu finden auf youtube).
    Mein Kritikpunkt an Menasse ist ja, wenn das alles, was er sagt so offensichtlich richtig und wahr und gut ist, warum braucht er dann überhaupt Rechtfertigungen von “erfundenen” Zeugen dieser Wahrheit. Oder ist es doch die Angst, seine Argumente sind schwach, er will sie aber trotzdem durchsetzen?

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