Merkel wartet und schweigt

Von | 21. März 2017

(JÜRGEN POCK) Wie man die Sozialdemokratie in Szene setzt, hat Christian Kern Anfang des Jahres in Wels wirkungsrvoll unter Beweis gestellt. Inzwischen hat sich die unbändige Lust an politischer Inszenierung zum Standard-Repertoire sozialdemokratischer Rhetorik entwickelt. Die SPD-Erlösergestalt Schulz zog jetzt in Sachen Theatralik am Sonderparteitag in Berlin nach und ließ sich mit großer Freude und bühnenreifer Vorstellung von seinen Genossen zum Kanzlerkandidaten küren. Klare Tendenzen sind erkennbar: Spektakuläre Bühnen- und Lichtshows, ein Gemisch aus Tingeltangel und Selbstinszenierung lösen Inhalt und Substanz ab.

Der gut vorgetragene Schein hat Kern zu knapp 97 Prozent Zustimmung verholfen, Schulz legte noch einen drauf und wurde mit 100 Prozent der 605 gültigen Stimmen zum Parteichef gewählt. Die neue Lichtgestalt schrieb sozialdemokratische Nachkriegsgeschichte, ausgestattet mit dem nötigen Rückhalt aus den eigenen Reihen sah sein überreiztes Ego darin den „Auftakt zur Eroberung der Kanzleramts“.

Seit Sigmar Gabriel an Schulz übergeben hat, verfällt die rote Anhängerschaft in einen regelrechten Begeisterungstaumel. Die Zepterübergabe lässt plötzlich auch alle Gabriel-Kritiker verstummen, das parteiinterne Dilemma ist vergessen, der einstmals angefeindete und nun scheidende Parteichef Gabriel wurde mit Standing Ovations gewürdigt. Immerhin habe er Demut bewiesen und freiwillig das Kanzler-Spielfeld geräumt. Die Genossen liegen sich in den Armen, der Weg zur Machtübernahme scheint nur mehr ein kurzer.

Während sich die Sozialdemokratie europaweit im Abwärtsstrudel befindet, klettern die Werte der SPD laut Umfragen nach oben, Tausende neue Mitglieder soll die Partei seit der Rückkehr von Schulz aus dem Brüsseler Bürokratiezentrum zählen. Der Schulz’sche Optimismus stellt den Pathos seiner Äußerungen gekonnt ins Zentrum, seine nach außen getragene gute Laune verstellt allerdings den Blick auf seine inhaltsleere Agenda. Eigenlob und Eitelkeit rahmten hingegen die Bewerbungsrede des Hoffnungsträgers aus Würselen. Gewürzt mit der obligatorischen Brise AfD-Ablehnung: „Nein, das ist eine Schande für die Bundesrepublik“. Auch der US-Präsident wurde nicht mit missbilligenden Worten verschont, laut Schulz würde Trump „die Axt an der Wurzel der Demokratie“ anlegen. Die Delegierten in der Arena beklatschen seine substanzlosen Kritikphrasen. Damit nahm „der fröhlichste und optimistischste Übergang zu einem neuen Parteisitz“, so Gabriel, seinen Lauf.
Während Schulz also lautstark nach Aufmerksamkeit schreit, wirbt Merkel mit Schweigen für ihre Wiederwahl. Egal ob Erdoğan mit Nazi-Vorwürfen und launigen Drohungen um sich wirft oder neuerdings sogar Deutschland eine Verstrickung in den Putsch vom Vorjahr nachsagt, Merkel bleibt stumm. Ein machtvoller Auftritt der Kanzlerin, die immerhin Europas Geschicke an ihre eigenen Wertvorstellungen und Interessen knüpft, bleibt  aus. Die Kanzlerin hat sich der Sehnsucht nach Stärke und Führung bislang erfolgreich verweigert. Merkel-treue Medien verwandeln ihre politische Schwäche in staatstragende Attitüde. Die Hamburger Zeit vergleicht ihre Stillhaltetaktik mit der fernöstlichen Kampftechnik des Jiu-Jitsu, „die darin besteht, den Gegner ins Leere laufen zu lassen und dessen Energie umzuleiten“.
Auf diese Weise steigen die Chancen auf einen SPD-Kanzler. Merkels müde Darbietung verhilft Schulz nach dem furiosen Wahlkampfauftakt zu noch mehr Präsenz. Ihr Mangel an Souveränität und notwendiger demokratischer Selbstachtung haucht der Sozialdemokratie neuen Lebensgeist ein. Schulz hat sich warmgelaufen für Herbst. Er setzt auf Show und lautes Geschrei, Merkel hingegen wartet weiter und schweigt.

26 Gedanken zu „Merkel wartet und schweigt

  1. Thomas Holzer

    Es stehen mittlerweile, auch in D, leider nur mehr Sozialisten zur Wahl; eben Linksnationalisten und Internationalisten, in verschiedenen Schattierungen, aber eben Sozialisten, sonst rein gar nichts

  2. Der Realist

    Dass Schulz auf so große Zustimmung stößt und als die Zukunftshoffnung gilt, zeigt genaugenommen den Zustand der SPD auf. Schulz wärmt eigentlich nur alte Thema der Genossen auf, alles alte Hüte die auch die heimischen Roten immer wieder hervorholen. Soziale Gerechtigkeit, Schaffung- und Sicherung von Arbeitsplätzen, Reichen-Bashing usw., alles Themen die wir schon unzählige Male gehört haben, und Zeit Dinge umzusetzen, hätten die Sozialisten auch genug gehabt. Gerade viele Genossen, darunter auch Schulz, haben sich in der Vergangenheit am System bedient oder das System benutzt, um sich maßlos zu bereichern.

  3. Fragolin

    Inhaltlich gibt es keine Unterschiede mehr. Deshalb zählt nur noch, wer die bessere Show abliefert.
    Politisch sind wir komplett am Sand.

  4. stiller Mitleser

    Merkel tut, was sie wirklich viel besser kann, als westlich Sozialisierte: den Mund halten und wittern. Das sind Überlebenstechniken die im Westen so eben nicht erlernt werden mußten und konnten.

    Und die SP- Rockkonzerte: versetze die Leute in swing, mit groove, mit Sentiment, in Wohlfühlstimmung,
    in kollektive Schwingung. Wer das schafft ist ein Künstler. Bei gutem swing begnügen Sie sich doch auch mit dem Mitsummen und kümmern sich nicht um den Text, oder?

  5. Reini

    Da fällt mir das Märchen Rapunzel Angela mit Prinz Erdogan ein: “Rapunzel so lass dein Haar herunter,… es ist zu kurz was machts du nun,… na dann werden wir den Turm sprengen müssen damit du herunter kommst!

  6. Falke

    Ich habe es schon gestern geschrieben: die Schulz-Inszenierung einschließlich der vorgeschriebenen “Begeisterung”, ja Anbetung seiner Jünger erinnert fatal an ähnliche Szenen von Parteitagen in China (Mao), der Sowjetunion (Breschnew) und Rumänien (Ceausescu). Da kann man ja richtig Angst bekommen.

  7. mariuslupus

    Warum diese Vergleiche ? Eine unsinnige Diskussion. Wo ist der Unterschied zwischen Merkel und Schulz ? Beide Träger und Verfechter antidemokratischer Ideen. Gemeinsam werden sie stärker. Getrennt marschieren, gemeinsam zuschlagen. Den letzten Vertretern einer freiheitlichen Weltanschauung wird nicht nur das, letzte, kümmerliche Lachen vergehen, sondern sie werden auch lernen im Gleichschritt, unter der roten Fahne der Gleichmacherei ihren verdienten Untergang als Klassenfeinde, entgegen zu streben.
    Wie undemokratisch die SPD Mitglieder sind, zeigt ihre Wahl per Akklamation, ihres neuen Führers, 100%. Dieses Ergebnis haben nicht einmal gestandene Diktatoren im 20. Jahrhundert erreicht.

  8. Fragolin

    @Falke
    Der Hang der Sozialisten zu Personen- und Führerkult ist heute kein anderer als vor 40, 60 oder 80 Jahren.
    Schulz hat noch icht einmal ein Programm, Inhalt gleich Null, aber alle Genossen hängen glücksbesoffen an seinen Lippen, wenn er wortreich Nichts zu sagen hat und rührige Geschichten von erfundenen Leuten märchenonkelt.
    Was die wohl sagen, wenn sein Programm ans Tageslicht kommt und ganz andere Inhalte vertritt als sie dachten? Umkehren oder wie schon häufiger in der Geschichte den eigenen Irrtum kaschieren und begeistert ihrem Führer folgen?
    Ich halte Schulz für brandgefährlich, gefährlicher als Merkel, und das will was heißen!

  9. Fragolin

    @Christian Peter
    Was für eine Frohbotschaft, wenn man erfährt, dass es doch nicht die Hitze ist sondern die Strahlung, an der man verreckt. Schulz ist Merkel mit Bart und gesteigertem Narzissmus, da ist es irrelevant, wer von beiden gewinnt. Schulz haut sich mit den Groupies der Mauerschützenpartei und den Ultralinksgrünen auf ein Packerl, und dann geht’s noch viel runder in Germanien. Und wetten, dass unser Fahrdienstleiter zu einem sozialistischen Genossen noch weniger Abstand findet als zu Merkel?
    Das ist keine Wahl mehr in Deutschland, das ist ein Abgesang!

  10. Christian Peter

    @Fragolin

    Nach 8 Jahren Schreckensherrschaft Merkel hat sich sogar ein Martin Schulz eine Chance verdient. Schließlich war Rot-Grün die beste Bundesregierung in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten.

  11. Christian Peter

    Korrektur : 12 Jahre sind es bereits, es wird höchste Zeit für die CDU/CSU, einem Regierungswechsel Platz zu machen und sich in die Opposition zu verabschieden.

  12. Kluftinger

    @ Christian Peter
    …Opposition wäre auch in Österreich eine Alternative für die SPÖ.

  13. waldsee

    Darf Erdogan auch in D gewählt werden? (Das ist kein Witz!)

  14. Christian Peter

    @Kluftinger

    Eher für die ÖVP, schließlich regiert diese Partei die Republik seit nunmehr 35 Jahren ohne Unterbrechung in den Ruin.

  15. Der Realist

    @Falke
    Schulz ist ein Maulheld, sein rhetorisches Talent wird ihm ja nur von den Medien zugeschrieben, bei genauem Hinhören sagt er so gut wie nichts, da gleicht er ziemlich unserem Bundeskanzler.
    Ich gehe davon aus, dass die Deutschen diesen Blender schon noch rechtzeitig durchschauen, auch bei Kern wird die Show bald der Realität weichen müssen. Die Sozialisten stellen seit 1970, mit ein paar Jahren Unterbrechung, den Bundeskanzler, genau genommen haben sie das Land abgewirtschaftet, wie eben überall wo die Sozis regieren.

  16. Thomas Holzer

    @Falke 10:21h
    Nun ja, die Begeisterung der Trump-Anhänger und deren Auftreten ist ja auch nicht von “schlechten Eltern” 😉

  17. Christian Peter

    @Der Realist

    ‘Die Sozialisten stellen seit 1970 den Bundeskanzler’

    Nicht wirklich, Deutschland wurde in den vergangenen 34 Jahren mit einer einzigen Ausnahme (Regierung Schröder) mit einem Bundeskanzler von der CDU/CSU in den Niedergang regiert.

  18. Kluftinger

    @ Christian Peter
    Kreisky : Lernens Geschichte ! Die SPÖ hat (mit Ausnahme 2000-2007 ) seit 1970 den Bundeskanzler gestellt und hatte daher die Mehrheit in der Regierung. Also wer hat den Staat an die Wand gefahren?

  19. Kluftinger

    @ Christian Peter
    ..aber sie wollen doch die ÖVP in die Opposition schicken und die ist in Österreich!
    (oder lesen sie ihre eigenen Postings nicht mehr?) 🙁

  20. mariuslupus

    @Der Realist
    Ist dass eine realistische Einschätzung von Schulzens Wählern ? Schulzens Wähler sind vom grossen Maul und der gähnenden inhaltlichen Leere, ihres neuen Idols begeistert, 100% begeistert.
    Hätte Thomas Bernhard diese Begeisterung noch erlebt, müsste er sich abwenden weil die Begeisterung, aus seiner Sicht, aus der falschen Ecke kommt.

  21. Christian Peter

    @Kluftinger

    Die ÖVP regiert seit 35 Jahren ohne Unterbrechung in Österreich – selbst in afrikanischen Diktaturen kommt es weit häufiger zu Regierungswechsel. Gäbe es eine unabhängige Justiz, würden Parteien wie die ÖVP längst nicht mehr existieren, wie die italienische Schwester- und ehemalige christliche Großpartei Democrazia Cristiana erfahren musste, deren gesamte Führungsriege nur wenige Monate nach Unabhängigkeit der Staatsanwaltschaft angeklagt wurde und später aufgelöst werden musste.

  22. Kluftinger

    @ Christian Peter
    Schön langsam wird es mühsam, ihnen die Spielregeln österr. Bundesregierungen zu erklären. Die Tatsache, dass die SPÖ mit Ausnahme (2000-2007) die Regierungslinien bestimmte und daher auch die Verantwortung zu tragen hat, ist ihnen wohl unbekannt. Aber ich geb`s auf, sie wollen es ohnehin nicht verstehen.

  23. Christian Peter

    @Kluftinger

    Werden Sie nicht kindisch, bei den Rot-Schwarz – Regierungen der vergangenen Jahrzehnte machte es kaum einen Unterschied, welcher der beiden Parteien den Kanzler stellte. Minderheitspartner einer Regierung sind gleich verantwortlich für die Politik wie die den Kanzler stellende Partei, schließlich gibt es kein Gesetz in Österreich ohne parlamentarisch Mehrheit, also ohne Zustimmung des Koalitionspartners.

  24. Kluftinger

    @ CP
    Ihrer Logik folgend müsste auch die SPÖ verboten, angeklagt oder so in etwa eingesperrt werden.
    wenn schon denn schon….
    Aber das werden sie nie begreifen, dass Verantwortung nicht auf die Minderheit verlagert werden kann.
    Dixit

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