Mises, Ayn Rand und Barack Obama (Esssay zum Wochenende)

(KLAUS KASTNER)  Atlas Shrugged wurde 1957 von Ayn Rand veröffentlicht. Der Titel leitet sich aus der griechischen Mythologie ab, wo der Gigant Atlas die Welt auf seinen Schultern trug und unter der Last litt. Im Buch sind es die Wertschöpfer (konkret: die Industriellen), die in der heutigen Zeit die Last der Wohlstandsschaffung auf ihren Schultern tragen und von den staatlichen Umverteilern permanent mit Steuern/Abgaben bestraft, wenn nicht sogar via gesetzliche Interventionen teilweise enteignet werden. Die These des Buches ist, dass Atlas einfach mit der Schulter zucken („to shrug“) und die Welt fallen lassen sollte. Die Wertschöpfer sollten in Streik gehen, damit die Sozialschmarotzer sehen, wie es ihnen ohne die Wertschöpfer geht.

Vor allem in den USA hat sich ein Mythos um Atlas Shrugged gebildet. Von manchen wird behauptet, dass es nach der Bibel das meist verkaufte Buch ist. Auf jeden Fall gilt es als eines der einflussreichsten politischen Bücher des 20. Jahrhunderts. Viele konservative Amerikaner sehen es als das kapitalistische Äquivalent zum Kommunistischen Manifest von Marx & Engels und haben das Buch in Kultstatus erhoben. Seit der Finanzkrise sind die Verkaufszahlen des Buches wieder rasant angestiegen.

Der österreichische Nationalökonom Ludwig von Mises schrieb der Autorin kurz nach Veröffentlichung des Buches folgendes: „Atlas Shrugged ist mehr als nur ein Roman. Es ist auch (oder sollte ich vielleicht sagen, es ist vor allem?) eine überzeugende Analyse jener Übel, die unsere Gesellschaften plagen; eine fundierte Absage der Ideologie unsere selbsternannten ‚Intellektuellen‘ und eine schonungslose Entlarvung der Unaufrichtigkeit der Politik unserer Regierungen und politischen Parteien. Sie haben den Mut bewiesen, den Menschen das zu sagen, was ihnen kein Politiker sagen würde, nämlich: ‚Ihr seid minderwertig; jede Verbesserung Eures Lebensstandards, die Ihr für selbstverständlich erachtet, schuldet Ihr jenen, die tüchtiger sind als Ihr!‘“ (es überrascht nicht, dass Atlas Shrugged von Intellektuellen, auch von Intellektuellen des konservativen Lagers, abgelehnt bzw. ‚vernichtet‘ wurde und nach wie vor wird).

Der Grundbaustein der Autorin Ayn Rand, auf dem alles andere aufbaut, ist der Verstand des Menschen; die Fähigkeit des Menschen, rational zu denken („reason“). Im Reich des Verstandes gibt es keine wirklichen, sondern bestenfalls wahrgenommene Widersprüche. Dort, wo Widersprüche wahrgenommen werden, liegt die Ursache bei fehlerhaften Prämissen, die es mit dem Verstand zu überprüfen gilt. Check your premises! ist der Wahlspruch des Buches. An der Einhaltung dieses Wahlspruches muss auch das Buch gemessen werden.

Darüber hinaus ist im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit der Autorin auch die Frage, in wieweit sie selbst in ihrem persönlichen Leben nach der von ihr leidenschaftlich vertretenen Philosophie lebte, von überragender Bedeutung. Einem Alkoholiker ist es gestattet, mit einem Bier in der Hand andere vor dem Alkoholkonsum zu warnen. Immerhin kann er andere glaubhaft davor warnen, so zu werden wie er. Ein fanatischer anti-Alkoholiker hingegen, der den Alkoholkonsum verteufelt,  darf niemals mit einem Bier in der Hand ertappt werden. Ein solcher Faux-pas wäre weder rational noch moralisch vertretbar. Schon gar nicht bei einem Philosophen bzw. ‚Prediger‘ einer neuen Moralität. Dieser muss die von ihm selbst postulierten Maßstäbe einer neuen Moral beispielhaft vorleben. Der von Ayn Rand entwickelte Objektivismus erlaubt keinen Unterschied zwischen Theorie und Praxis; zwischen den Überzeugungen eines Menschen und seinen Handlungen.

Laut Ayn Rand ist es der Verstand, der den Menschen dazu bringen muss, sich von herkömmlichen (falschen bzw. zu verurteilenden) Moralvorstellungen zu lösen und zu erkennen, dass es nicht das öffentliche  bzw. gemeinschaftliche Interesse, sondern nur das Eigeninteresse ist, das dem Menschen den pursuit of happiness ermöglicht. Der Einzelne darf nicht erwarten, dass andere auf einen Teil ihres Lebens verzichten, um ihn glücklich zu machen. Er darf auch nicht auf einen Teil seines Lebens verzichten, um andere glücklich zu machen. Sich selbst glücklich zu machen, ist die größte Verantwortung des Menschen sich selbst gegenüber.  Herkömmliche Moralvorstellungen, so Ayn Rand, sehen es als menschliche Pflicht, anderen zu dienen; möglicherweise sich sogar im Zuge dessen für andere aufzuopfern. Für Ayn Rand gibt es dafür keine rationale Erklärung bzw. Rechtfertigung.

Schon Adam Smith hat den rational self-interest als Antrieb der Wertschöpfung erkannt. Das ist für Ayn Rand nicht deutlich genug – sie pocht auf Egoismus pur. Nicht Gefühle bestimmen zwischenmenschliche Beziehungen, sondern rationale Überzeugungen. Man liebt seinen Partner, weil man rational davon überzeugt ist, dass er es verdient, geliebt zu werden. Nur aus diesem gleichen Grund darf man erwarten, von seinem Partner geliebt zu werden. Das Selbstwertgefühl bedeutet, dass man sich wert fühlt, geliebt zu werden. Hat man dieses Gefühl nicht (bzw. hat man es sich nicht auf rationale Weise erarbeitet), dann verdient man nicht, geliebt zu werden. Würde man trotzdem Liebe erwarten, dann würde das von anderen verlangen, dass sie unverdiente Liebe schenken. Altruismus statt Egoismus. Selbstverzicht statt Eigeninteresse (“Self-sacrifice is the precept that man needs to serve others, in order to justify his existence. That his moral duty is to serve others. That is what most people believe today”).

Daraus leitet sich Ayn Rand’s philosophisches Gelübde ab: “I swear by my life and my love of it that I will never live for the sake of another man, nor ask another man to live for the sake of mine.” Eine doppelte Verneinung als Basis des pursuit of happiness? „Sag ‚nein‘ zum Leben“ statt „Sag ‚ja‘ zum Leben“? Check your premises, Ms. Rand! Sind es Verneinungen, die zum Glück führen oder Bejahungen? Aus dem Buch muss man schließen, dass Verneinungen eher zu Selbstquälerei führen. Die Helden des Buches kämpfen über weite Strecken mit sich selbst. Sie quälen sich bei ihrem pursuit of happiness. In Wirklichkeit kommt happiness im Buch fast nie vor.

Was ist die Quelle von Ayn Rand’s Philosophie? „ My own mind, with the sole acknowledgement of a debt to Aristotle, who is the only philosopher that ever influenced me. I devised the rest of my philosophy myself”. Check your premises, Ms. Rand! Friedrich Nietzsche hat in seiner Generalattacke auf das Christentum den Begriff der “Umkehrung aller Werte” geprägt. Es war das Christentum, so Nietzsche, das dem Menschen die schlimmsten aller Krankheiten beschert hat – das schlechte Gewissen; die Verantwortung für die Erbsünde; die zwangshafte Selbstaufopferung und altruistische Nächstenliebe; die Selbstkreuzigung als Tilgung einer Schuld von unbeteiligten Dritten (die diese Tilgung gar nicht verlangt hatten); etc. Laut Nietzsche hat das Christentum die starken Germanen nicht im harten Kampf erobert, sondern dadurch, dass es sie psychisch krank gemacht hat. Ayn Rand war das nicht bekannt? Natürlich war ihr Nietzsche bestens bekannt, sonst hätte sie ihn nicht ablehnen können. Aber trotzdem war Ayn Rand von Nietzsche nicht beeinflusst? Check your premise, Ms. Rand!

Das Gebot des rationalen Denkens als Voraussetzung für den „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ ist spätestens seit Immanuel Kant bestens bekannt. Unmündigkeit ist, so Kant, „das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen“. Ayn Rand bezeichnete Kant als ‚Monster‘, weil sie ihm die Absicht unterstellte, den rationalen Verstand des Menschen töten zu wollen. Check your premise, Ms. Rand! “My philosophy, in essence, is the concept of man as a heroic being, with his own happiness as the moral purpose of his life, with productive achievement as his noblest activity, and reason as his only absolute”, schreibt Ayn Rand. Wo genau unterscheidet sie sich da von Kant?

Die knapp 1.200 Seiten des Buches haben mich aufgewühlt und mich veranlasst, umfangreiche Recherchen über Ayn Rand und ihre Philosophie zu machen. Ich verspürte gewissermaßen einen Ayn-Rand-Kult und fühlte mich teilweise sogar darin verfangen. Innere Intuitionen wurden getroffen und Emotionen wurden geweckt. Wäre ein John-Galt-Express mit leidenschaftlichen Objektivisten vorbeigefahren, wäre ich vielleicht spontan aufgesprungen. Dann erinnerte mich jedoch mein Verstand an den Wahlspruch Check your premises!

Das Buch handelt vom Konflikt  zwischen den Guten (den Wertschöpfern, den ‚job creators‘) und den Bösen (den staatlichen Umverteilern, den Schmarotzern; teilweise sogar den Gutmenschen) in der Gesellschaft. Die Wertschöpfer gehen in Streik und die Schmarotzer müssen erfahren, wie schlecht es ihnen ohne die immer verteufelten Wertschöpfer geht. Hank Rearden, Dagny Taggart & Co. sind die heroischen (wenngleich egoistischen) Vertreter der Wertschöpfer in nahezu übermenschlicher Perfektion. Wesley Mouch, Dr. Ferris & Co. sind die widerwärtigen Vertreter der Schmarotzer in geradezu tollpatschiger Form. Check your premises! Entsprechen Rearden & Co. den Wertschöpfern der heutigen Zeit? Sind Mouch & Co. repräsentativ für die heutigen Schmarotzer?

Auf der Suche nach einem aktuellen Beispiel der Wertschöpfer im Sinne von Ayn Rand bin ich bei Steve Jobs gelandet. Der hervorragenden Jobs-Biographie von Walter Isaacson kann man entnehmen, dass Jobs ein grenzenloser Egoist ohne jegliche Empathie war. Ein Mensch, der kompromisslos seine eigenen egoistischen Prinzipien verfolgte und dies auch von anderen einforderte; für den jedwede Form des Altruismus, des Mitgefühls für andere  fremd war; für den es nur ein Ziel gab – die Perfektion seiner Produkte (der Multi-Milliardär Jobs engagierte die teuersten Anwälte, um gegen ein Gerichtsurteil, für seine uneheliche Tochter 700 Dollar monatlich Unterhalt zu zahlen, anzukämpfen. Begründung: das Kind in die Welt zu setzen, war nicht seine Entscheidung gewesen. Im Gegenteil: es geschah sogar ohne sein Wissen. Ergo: er sei dafür nicht verantwortlich). Kurz: nach allen gängigen Moralvorstellungen war Steve Jobs ein widerwärtiger Menschentyp.

Und trotzdem: wäre Steve Jobs in jugendlichem Alter in Streik gegangen und/oder hätte er sich in eine buddhistische Kommune zurückgezogen, statt Apple zu gründen, dann hätten Millionen von Menschen nicht erleben können, was es bedeutet, ‚the power to be at your best‘ zu haben. Millionen von Menschen hätten nicht erfahren können, was ‚think different‘ bedeutet und zu welchen Hochleistungen es anspornen kann. Die Welt wäre ohne Steve Jobs eine ärmere gewesen. Ist das ein Beweis für die Gültigkeit von Ayn Rand’s These, dass egoistisches Handeln seitens der Wertschöpfer Gutes für die Menschheit bringt?

Ich meine nein. Wir wissen, wie viel Steve Jobs der Gesellschaft geben konnte, obwohl er nach allen gängigen Moralvorstellungen ein widerwärtiger Menschentyp war. Wir wissen jedoch nicht, wie viel mehr er hätte geben können, wenn er ein anderer Menschentyp gewesen wäre.

Ayn Rand vermittelt den Wertschöpfern à la Rearden & Co. die Bestätigung ihrer Opferrolle. Sie werden von undankbaren Parasiten ausgenützt und von begehrenden Regierungen unterdrückt. Check your premises, Ms. Rand! Wer sind in der heutigen Zeit die Wertschöpfer? In den USA sind es vor allem die oft zitierten  „top 1%“, die sich von Ayn Rand angesprochen bzw. bestätigt fühlen. Sind es Rearden & Co., die die diese „top 1%“ ausmachen? Nein! In diesen „top 1%“ sind Rearden & Co. eher die Ausnahme. Stattdessen sind es die Genies der Finanzintermediation, die CEOs von großen Kapitalgesellschaften und die Erben großer Vermögen, die das Gros der „top 1%“ ausmachen. Das sind die wahren Parasiten, die nur deshalb zu den „top 1%“ gehören, weil sie die Wertschöpfung anderer ausnützen und die Heerscharen von Lobbyisten beschäftigen, damit ihr Parasitendasein nicht gefährdet wird. Hank Rearden war besessen davon, den besten Stahl zu produzieren. Detto für Steve Jobs, dessen einziges Ziel es war, die schönsten elektronischen Produkte zu produzieren. Der Großteil der „top 1%“ ist jedoch besessen davon, die höchsten Renditen zu erzielen unabhängig davon, um welches Grundgeschäft in der Realwirtschaft es sich handelt. Sie würden sogar das Grundgeschäft ruinieren, wenn es der Rendite hilft.

Jene wenigen unter den „top 1%“, die tatsächlich noch so agieren wie ein Hank Rearden mit seinem Stahl; wie eine Dagny Taggart, die für ihre Geschäftsidee persönlich in die Haftung ging; jene, die tatsächlich an realer Wertschöpfung interessiert sind; wie agieren die? Wenn man Warren Buffett als Beispiel nimmt, dann kritisiert dieser, dass sein tatsächlicher, persönlicher Einkommenssteuersatz unter der Hälfte jenes seiner Sekretärin liegt. Wenn man Bill Gates als Beispiel nimmt, dann bringt dieser (wie auch Buffett) einen Großteil seines Vermögens in eine wohltätige Stiftung ein.

Mitt Romney hatte als Präsidentschaftskandidat 47% der Amerikaner Parasiten genannt, die von Sozialtransfers leben und deshalb Obama wählen. Er selbst zählte sich zu den Wertschöpfern à la Ayn Rand und prahlte, mit seiner Bain & Co. große Werte geschaffen und damit sein Vermögen aufgebaut zu haben, das er nun unter Ausnützung sämtlicher legaler Steueroasen bestens veranlagt. Ein Unternehmen wie Bain & Co. schafft keine realen Werte! Es verdient sein Geld damit, das es eine in Schwierigkeiten geratene Rearden Metal billig kauft und einem anderen, der den Wert von Rearden Metal erkennt und der über die finanziellen Ressourcen verfügt, teuer weiterverkauft. Die Wertschöpfung von Rearden Metal verändert sich nicht; nur deren Nutznießer. Hank Rearden würde behaupten, dass Bain & Co. ihn bestohlen hat. Ellis Wyatt hätte seine Firma niedergebrannt, bevor Bain & Co. sie kaufen könnte.

Paul Ryan, Romney’s Kandidat zum Vize Präsidenten, deklarierte sich als Jünger von Ayn Rand. “I grew up reading Ayn Rand and it taught me quite a bit about who I am and what my value systems are, and what my beliefs are. It’s inspired me so much that it’s required reading in my office for all my interns and my staff”, so der ursprüngliche Ryan. Weiter: “The reason I got involved in public service, by and  large, if I had to credit one thinker, one person, it would be Ayn Rand”. Und: “I think Ayn Rand did the best job of anybody to build a moral case of capitalism, and that morality of capitalism is under assault”. Als Ryan Vize-Präsidentschaftskandidat wurde, hatte er eine plötzliche Erleuchtung: „I reject her philosophy. It’s an atheist philosophy. It reduces human interactions down to mere contracts and it is antithetical to my worldview. If somebody is going to try to paste a person’s view on epistemology to me, then give me Thomas Aquinas”. Wieder eine Umkehrung aller Werte? Diesmal von Ayn Rand zu Thomas von Aquin?

Viele konservative Republikaner sehen heute in Ayn Rand die Antwort auf die Probleme unserer Zeit. Sie brüllen lautstark „Ayn Rand was right!“ und verfechten gleichzeitig die These, dass Gott in der Tat die Erde in 6 Tagen erschaffen hat. Check Ayn Rand’s premises, dear conservative Republicans!

Ayn Rand lässt ihren Helden Ragnar Danneskjöld als Piraten auftreten, der staatliches Vermögen raubt, um es den vorher beraubten Wertschöpfern zurückzugeben. Danneskjöld’s größter Feind ist Robin Hood, der die Reichen beraubte, um es den ‚unwerten‘ Armen zu geben, die das Geld nicht verdient haben. Leider erkennt Danneskjöld nicht, dass er selbst ein Robin Hood ist; nur eben im umgekehrten Sinn. Beide wollen Gerechtigkeit, aber Gerechtigkeit ist auch eine Frage der Wahrnehmung und des Standpunktes; sie kann nicht objektiv und rational bestimmt werden. Haben die Juden Jesus gekreuzigt oder hat Jesus seine Kreuzigung provoziert? Was ist die Wahrheit? Pontius Pilatus hat die richtige Antwort gegeben: Was ist schon Wahrheit?

Es steht außer Frage, dass wir in einer Zeit leben, wo in vielen Wohlfahrtsstaaten die wirtschaftlichen Leistungsträger der Gesellschaft über Gebühr von staatlichen Umverteilern in Anspruch genommen werden. Vereinzelt hört man schon Aufrufe zu einem Steuerstreik seitens dieser Leistungsträger. Ich meine jedoch, dass diese Leistungsträger nicht jene Wertschöpfer sind, von denen Ayn Rand spricht und die sich von Ayn Rand angesprochen fühlen. Es sind nicht die „top 1%“, sondern vielmehr sind es die Mittelständler, die das Rückgrat vieler Volkswirtschaften ausmachen. Erfolgreiche Mittelständler wissen, dass für den Erfolg nicht nur rationales Management, sondern auch emotionale Menschenführung unverzichtbar ist. Ich würde sogar behaupten, dass erfolgreiche Mittelständler der beste Beweis sind, dass das ganze Unternehmen mehr ist als die Summe egoistischer Leistungen von Individuen.

Eine Frage steht vom Beginn des Buches im Raum: Who is John Galt? Für mich stellte sich relativ bald die Frage ein: Who is Ayn Rand?

Ayn Rand, eine gebürtige Russin, wanderte im Alter von 21 Jahren in die USA aus. Ihre Eltern verkauften Familienjuwelen, um dies zu finanzieren. Verwandtschaft in Chicago ermöglichte es ihr, nach Kalifornien, nach Hollywood zu kommen. Dort heiratete sie Frank O’Connor, eine ‚geduldige Seele‘, einen Gentleman Farmer und Künstler, der in den ersten Jahren ihrer Ehe für den finanziellen Unterhalt sorgte. O’Connor, der in Kalifornien verwurzelt war, musste später diesen Wohnsitz aufgeben, weil Ayn Rand nach New York wollte, um sich dort künstlerisch besser verwirklichen zu können. Außerdem war ihr 25 Jahre jüngerer ‚philosophischer Jünger‘ (und späterer Liebhaber) Nathaniel Branden nach New York übersiedelt und sie wollte in seiner Nähe bleiben. O’Connor’s wiederholt geäußerte Sehnsucht, für den Rest seines Lebens auf die kalifornische Ranch zurückzukehren, wurde von Ayn Rand mit den Worten “He loves New York. He hated California“ abgetan. “I swear by my life and my love of it that I will never … ask another man to live for the sake of mine”? Check your premise, Ms. Rand!

1959, zwei Jahre nach Erscheinen von Atlas Shrugged, gab Ayn Rand im Alter von 54 Jahren Mike Wallace ihr berühmtes TV Interview, bei dem sie u. a. sagte „I am the most creative thinker alive“. Zu beobachten war eine Dame, die mit der Souveränität eines geläuterten Philosophen à la Aristoteles nichts gemein hatte. Eher ein Mensch, der unruhig mit sich selbst kämpft und Schwierigkeiten hat, seinem Gegenüber in die Augen zu schauen. Eine Philosophin, deren Philosophie eher als Ergebnis von Qualen statt von Erleuchtung erscheint. Eine Frau, die in Atlas Shrugged seitenlang (und vollkommen unnötigerweise) über die weibliche sexuelle Erfüllung referierte und bei deren Beobachtung man durchaus zweifeln konnte, ob sie eine solche Erfüllung schon einmal erlebt hat.

Etwas später trat Ayn Rand bei Johnny Carson auf, wo sie ausführlich interviewt wurde. Ich habe sehr, sehr viele Johnny Carson Shows gesehen. Dies war die einzige, bei der nicht gelacht wurde.

Ayn Rand’s Verhältnis mit dem 25 Jahre jüngeren Nathaniel Branden erfuhr mehrere längere Unterbrechungen, wurde jedoch von Branden endgültig beendet, als Ayn Rand schon über 60 war. Branden teilte ihr mit, dass der Altersunterschied ein romantisches Verhältnis mit ihr nicht mehr ermöglichte und dass er schon seit langem ein Verhältnis mit einer jungen Studentin hatte. Rand schrieb eine Öffentlichen Brief, in dem sie Branden, einem langjährigen Mitstreiter des Objektivismus und Geschäftspartner von Rand, plötzlich philosophische Inkompetenz und geschäftsschädigendes Verhalten vorwarf. Privat schrieb sie Branden: “If you have one ounce of morality left in you, an ounce of psychological health—you’ll be impotent for the next twenty years! And if you achieve potency sooner, you’ll know it’s a sign of still worse moral degradation!”

Ayn Rand erkrankte im Alter an Lungenkrebs, dessen Behandlung hohe Kosten verursachen würde. Ayn Rand, die leidenschaftliche Gegnerin von staatlichen Sozialtransfers jeglicher Art, registrierte sich bei der staatlichen Medicare und Social Security, deren Leistungen sie in Anspruch nahm. Allerdings nicht unter ihrem Namen Ayn Rand, sondern als Ann O’Connor, ihrem sonst nie verwendeten ehelichen Namen. Sie hatte vorher wütend gegen beide Programme, die sie als Beispiele des intrusiven Staates beschrieb, protestiert. Ihre spätere Rechtfertigung war: Ärzte sind sehr teuer und kosten mehr, als man mit dem Verkauf von Büchern verdienen kann. Die Arztrechnungen hätten sie finanziell total ruiniert. Sie habe ihr Leben lang Beiträge geleistet und somit Ansprüche erworben. ‚Wohlerworbene Rechte‘ hätten das die von ihr verteufelten Parasiten genannt.

Check your premises, Ms. Rand!

Atlas Shrugged ist, wie schon gesagt, ein aufwühlender, wenn nicht sogar aufputschender und packender Roman. Es gibt hervorragende Dialoge zwischen den Wertschöpfern und den Parasiten. Die besten Antworten auf die Parasiten werden Hank Rearden in den Mund gelegt. Vor Gericht wird Hank Rearden vorgeworfen, dass sein Profit im Kontext des öffentlichen Interesses viel zu hoch ist. Rearden antwortet darauf:  “The public may curtail my profits any time it wishes – by refusing to buy my product. Any other method of curtailing profits is the method of looters – and I recognize it as such”. Thesen der gängigen Moralvorstellungen werden Gegenthesen brutal gegenübergestellt, was zum Nachdenken anregt. Trotzdem wird man nicht überzeugt, dass die gängigen Moralvorstellungen komplett falsch sind.

Das Buch ist wesentlich zu lang für eine Version des ‘Marxismus der Rechten’. Marx & Engels benötigten nur einen Bruchteil der Seiten, um ihr Kommunistisches Manifest darzustellen. John Galt brauchte 3 Stunden, um in seiner Rede seine Überzeugungen darzulegen und man darf zweifeln, ob die Zuhörer am Ende seine Rede wirklich verstanden haben. Ob sie darin etwas Positives erkannten oder das Gegenteil. Mit Sicherheit haben alle Angst verspürt. Es war eine Rede, die an Big Brother von George Orwell erinnert. Steve Jobs hingegen verstand es, bei seiner Commencement Speech an der Stanford University den Absolventen seine Philosophie in 15 Minuten rüberzubringen und anhand der Standing Ovation darf man vermuten, dass seine Rede nicht nur verstanden, sondern begeistert angenommen wurde.

Francisco d’Anconia hält eine langatmige Money Speech, in der er sein Verständnis von der Rolle und Bedeutung des Geldes für die Menschheit darlegt. Fraglich ist, ob irgendjemandem der begeisterten Zuhörer (und Leser!) aufgefallen ist, dass die Rede absolut nicht mit irgendeiner rationalen Geldtheorie vereinbart werden kann. Dies soll nicht bedeuten, dass alle rationalen Geldtheorien stimmen. Im Gegenteil, die Geldtheoretiker von heute, die mächtigen Notenbanker, sind den gutmeinenden Umverteilern von Atlas Shrugged, Wesley Mouch, Dr. Ferris & Co., nicht unähnlich. Sie bestimmen über gigantische Vermögenstransfers von reich zu arm; von Sparern zu Schuldnern. Darauf ist Francisco d’Anconia in seiner Geldromantik nicht eingegangen.

Ayn Rand versteht Atlas Shrugged als Epos im Kampf zwischen Individualismus und Kollektivismus. Individualismus und Kollektivismus sind keine Entweder-oder, sondern Sowohl-Als-Auch Positionen. Das Kollektiv kann nur dann gut funktionieren, wenn die Individuen optimal eingestellt und frei in ihrer Entfaltung sind. Es gibt keinen materiellen und/oder immateriellen Wert in der ganzen Welt (Werte, die die Natur geschaffen hat, ausgenommen), dessen Ursprung nicht entweder im Hirn oder in den Händen eines Individuums zu finden ist (mit Rücksicht auf Fußballer und Skifahrer füge ich die Füße eines Individuums hinzu…). Gleichzeitig gibt es kein menschliches Individuum, das – wenn ganz alleine auf sich gestellt – in der Welt überleben könnte. Zumindest nach der Geburt braucht es die Unterstützung (den Altruismus) einer Mutter. N. b.: die Thematik zwischen Individuum und Kollektiv ist keine (rein) philosophische Frage. Soziologisches Verhalten ist ein Produkt der Evolution, und die Wechselwirkungen zwischen dem Individuum und der Gesellschaft sind wohl untersucht.

Wer die Debatte Individualismus vs. Kollektivismus führen möchte, ist besser beraten, die „Constitution of Liberty“ oder „The road to serfdom“ zu lesen (beide von Friedrich von Hayek). Dort werden rationale Argumente ins Rennen geführt und nicht ‘unendlicher ideologischer Pallawatsch’ (William F. Buckley) wie im Falle von Atlas Shrugged.

Kant sagt, dass der Mensch sich rational verhalten sollte, damit er seine happiness finden kann. Ayn Rand behauptet, dass der Mensch rational ist und dass alle jene, die nicht rational sein können, es nicht verdienen, Mensch zu sein. Check your premise, Ms. Rand! Wäre der Mensch ein rationales Wesen, dann gäbe es keine Religionen. Natürlich gibt es viele Menschen, die aufgrund ihres Intellektes, ihrer Begabung, ihrer Prägung, etc. in der Lage sind, rational zu denken und ihr Leben auf rein rationalen Prämissen aufzubauen. Vielleicht werden in Hunderten von Jahren alle Menschen dazu in der Lage sein. Dann werden wir genau verstehen, wie das Universum entstanden ist und welchen Teil wir als Menschen in diesem Universum spielen. Bis es so weit kommt, ist man besser beraten, die Wirklichkeit so zu akzeptieren, wie man sie wahrnimmt und Toleranz anderen entgegenzubringen, die sie anders wahrnehmen. Wer diese Toleranz nicht hat, muss in Kauf nehmen, einmal so verzweifelt zu enden wie Friedrich Nietzsche oder — Ayn Rand. Es ist nicht vermeidbar, dass eine Philosophie, die nur auf das ‚Selbst‘ unter Ausschluss des ‚Anderen‘ abstellt, ihre Anhänger in Isolation und Einsamkeit enden lässt.

Abschließend eine Ayn-Rand-Einschätzung von Barack Obama, die ich für sehr treffend halte:

“Ayn Rand is one of those things that a lot of us, when we were 17 or 18 and feeling misunderstood, we’d pick up. Then, as we get older, we realize that a world in which we’re only thinking about ourselves and not thinking about anybody else, in which we’re considering the entire project of developing ourselves as more important than our relationships to other people and making sure that everybody else has opportunity – that that’s a pretty narrow vision. It’s not one that, I think, describes what’s best in America.”

30 comments

  1. Thomas Holzer

    “Der Großteil der „top 1%“ ist jedoch besessen davon, die höchsten Renditen zu erzielen unabhängig davon, um welches Grundgeschäft in der Realwirtschaft es sich handelt. Sie würden sogar das Grundgeschäft ruinieren, wenn es der Rendite hilft. – See more at: https://www.ortneronline.at/?p=28721#sthash.E50Ex7hg.dpuf

    So what? Herr Kastner!
    Es soll doch bitte jedem Einzelnen überlassen sein, selbst zu entscheiden, ob er altruistisch sein möchte, die höchst mögliche Rendite erzielen oder den “besten Stahl” produzieren will.

  2. Klaus Kastner

    @Thomas Holzer
    Rein von den Buchstaben her betrachtet, würde ich Ihrer Aussage zustimmen. Ja, die Freiwilligkeit sollte immer an der Spitze stehen. Das ist m. E. auch ein Eckpfeiler jedes freiheitlichen Denkens. “Freiheit vor der Willkür von Dritten” hat das Hayek genannt.

    Beachten Sie jedoch, dass es ohne den ‘besten Stahl’ auf Dauer keine Rendite geben wird, weder beim Stahlunternehmen, noch beim Aktionär. Man muss immer unterscheiden zwischen dem Grundgeschäft, dem ‘underlying’, und dem ‘Derivat’. Das ‘underlying’ ist die Realwirtschaft; die Finanzwirtschaft ist das ‘Derivat’. Wenn die Voest auf Dauer 100 Einheiten pro Jahr verdient, die Aktionäre jedoch 1.000 Einheiten jährlich bekommen, dann wird es früher oder später zu einer Stunde der Wahrheit führen. Wer sollte denn den Unterschied zwichen 100 und 1.000 bezahlen? Warren Buffett hat das einmal – wie immer sehr treffend – folgendermaßen beschrieben:

    “Sie können alle S+P 500 Aktionäre in eine große Halle nehmen, wo sie sich gegenseitig den Wert ihrer Aktien hochlizitieren. Möglicherweise werden sie sich sehr reich fühlen. Das einzige was zählt ist jedoch die Frage: wieviel Geld verlässt den Saal? Und das kann auf Dauer nie mehr sein, als die Unternehmen verdienen”.

    Ich bin ein Verfechter einer unternehmerischen Rendite. Warum sollte ein Unternehmer ins Risiko gehen, wenn er sich keine Rendite erwarten darf? Es ist jedoch ein gewaltiger Unterschied zwischen einer unternehmerischen Rendite aud das Gundgeschäft und einer finanziellen Rendite auf das Derivat! Die Rendite auf das Grundgeschäft ist ‘verdient’ (um Ayn Rand’s Logik zu folgen). Die Rendite auf das Derivat mag verdient sein — oder auch nicht! Auf keinen Fall ist sie ‘verdient’, wenn ihre Erreichung eine Einschränkung des Grundgeschäftes in der Realwirtschaft erfordert! Dann kommt es zu enormen wirtschaftlichen Verzerrungen, die kurzfristig vielleicht nicht erkennbar sind. Wenn sie jedoch erkennbar werden, dann führen sie rasch vom Boom zum Bust.

  3. aaaaaaa

    Das meistverkaufte Buch der USA ist nicht die Bibel, sondern Common Sense von Gründervater Thomas Paine, übrigens auch lesenswert.

  4. Heinrich Elsigan

    Ich gebe ein Kontra. Das quelloffene und frei verfügbare Betriebssystem linux hat in vielen Branchen (z.B. deutsche Automobil-Industrie) sehr zur Wertschöpfung beigetragen und das obwohl es frei verfügbar ist. (free in sense of speach, but not in sense of beer) Das heißt die Leute, die an linux mitarbeiten, bieten üblicherweise ihre Dienstleistungen linux an die speziellen Bedürfnisse großer Firmen anzupassen nicht gratis an, sondern verlangen meist ein sehr schönes Honorar für die Erbringung ihrer Leistungen. Linux ist nur der kern eines freiverfügbaren Betriebsystems, dass sehr leicht als Basis für Router, android phones und embedded devices genutzt werden kann. Die Anpassungen von linux funktionierten in der gewerblichen Wirtschaft und privaten nicht kommerziellen Umgebung durchaus erfolgreich. Als der deutsche Staat in einzelnen Verwaltungsbereichen linux für seine Bedürfnisse anpassen wollte, stiegen aber die Kosten immens.

    Ich finde es auch OK, wenn sich ein Verein rein privat finanziert, obwohl dort keine Gewinne anfallen.
    Ich möchte hier ein Beispiel aufzeigen, wie der Staat selbst sehr linke (aber nicht radikale) private finanzierte Projekte nicht duldet und in seine Abhängigkeit zu bringen versucht: http://blog.area23.at/2014/05/der-aparatundder-staat.html

  5. Rennziege

    Vielen Dank, Herr Kastner! Daran gibt es viel zu kniefeln und im eigenen Inneren zu hinterfragen.
    Drei Dinge fallen auf — vom gedanklichen und emotionalen Reichtum Ihres Essays abgesehen.
    (a) “Check your premises, Ayn Rand.” Geht nimmer, wie Sie wissen; die Gute ist 1982 gestorben, und in 32 Jahren hat sich an den premises zwar nicht alles, aber vieles verändert..
    (b) Dass Barack H. Obama Ayn Rand als “one of those things” bezeichnet, nicht aber als Mensch oder wenigstens als Autorin, ist mehr als ein lapsus linguae. Es ist die Verachtung von andersdenkenden Individuen, die dem in der Wolle gefärbten Sozialisten entfleuchte. Entlarvend.
    (c) Die Zuwendung einer Mutter, in idealen Verhältnissen auch des zugehörigen Vaters, zu ihren Kindern, neugeboren oder etwas älter, ist keine “Unterstützung” (mit solchen Wörtern brüstet sich nur ein Staat) und auch kein Altruismus, sondern Liebe, so altmodisch das klingen mag — keine rationale oder soziale Handlung. So gut wie alle Säugetiere, und das sind wir ja auch, schützen, ernähren und lehren ihre G’schrappen mit Hingabe, Zähnen und Klauen. (Mit dem kleinen Unterschied, dass Menschenkinder halt später auf eigenen Beinen ins Leben gehen.)

    So, und jetzt lese ich Ihre Texte noch einmal. Herzliche Grüße!

  6. Apophis

    Ich fürchte die Steuern sind zu niedrig und die Privaten zu rebellisch, wenn sie die Ordnungsfunktion des 2 Parteien Proporzsystems in Frage stellen, das alleine die immerwährende Stabilität des Staates und die Ordnung garantieren kann. Dank der uneingeschränkten Macht über die Gesetzgebung und der Kontrolle vieler lokaler Medien sind solche anarchokapitalistische Ideen zum Glück kaum umsetzbar.
    Neoliberale eigenständige Denker und unabhängige Künstler sind trotzdem immer ein kleines Risiko für den reibungslosen Ablauf der Herrschaft.
    Diese linken intellektuellen vom Aparat haben es doch tatsächlich gewagt, die Staatsehe in Frage zu stellen und hatten weiters so radikale Ideen, dass das Prekariat bei linken Soziostudien durch das Überangebot durchaus legitim sei. Weiters stellten sie die höhere Entlohnung von Akademikern im Staatsdienst in Frage. Dem Giant wird es auch nicht gelingen, die Position der Wertschöpfer wieder zu stärken. Der Giant entwickelt in letzter Zeit zu viel Sympathien für Freiheit und Leistung entgegen der Ordnung der Dinge. Wertschöpfer müssen wieder an ihre Funktion erinnert werden, dass sie nur unter der Herrschaft ihren Teil am Wohlstand behalten dürfen.
    Divide et impera!

  7. gms

    Klaus Kastner,

    “Es ist jedoch ein gewaltiger Unterschied zwischen einer unternehmerischen Rendite aud das Gundgeschäft und einer finanziellen Rendite auf das Derivat! [..] Die Rendite auf das Derivat mag verdient sein — oder auch nicht!”

    Verdient oder nicht verdient kann sich einzig an Vertragstreue und Freiwilligkeit der beteiligten Parteien messen. It takes two to tango — sprich auch auf der Gewinner- und Verliererseite eines Derivatekontraktes stehen consenting adults. Jede andere Bedeutungsaufladung von “verdient” riecht verdammt nach Moralisierung ohne reale Basis (pardon the pun).

  8. Thomas Holzer

    @Klaus Kastner
    Ihr Wunsch nach einer “unternehmerischen Rendite” sei Ihnen unbenommen, genauso wie der Wunsch anderer, nach einer “Derivate Rendite”

    “Wenn die Voest auf Dauer 100 Einheiten pro Jahr verdient, die Aktionäre jedoch 1.000 Einheiten jährlich bekommen, dann wird es früher oder später zu einer Stunde der Wahrheit führen – See more at: https://www.ortneronline.at/?p=28721#comments

    So ist es! Und wollen Sie jetzt ex lege Dummheit verbieten?

    Seit der Mensch Mensch ist, wird spekuliert, gezockt, gehandelt, gewettet; und dies wird bis zum Ende der Menschheit so bleiben; das Einzige, was sich immer ändert, sind die Methoden und Möglichkeiten

    Nicht die Zocker, Spekulanten (mit Derivaten) sind die wahren Zocker, Spekulanten, sondern die Politik, die als Einzige eine “endlose” Ressource geschaffen hat, nämlich das “fiat money”

  9. Klaus Kastner

    @Rennziege
    Ich bin mit Sicherheit nicht kompetent, Ayn Rand’s Philosophie komplett zu verstehen, ganz zu schweigen davon, sie zu widerlegen. Meine Absicht war nur, Widersprüche aufzuzeigen. Ich glaube schon, dass ich ihr im Großen und Ganzen folgen konnte, was das Primat des rationalen Denkens und Handelns betrifft, aber bei Themen wie z. B. Liebe, zwischenmenschliche Gefühle, Glauben, etc. hat sie mich verloren. Interessanterweise kommen Kinder bei Any Rand nicht vor; weder in diesem Buch noch sonst wo. Was auch nicht vorkommt, sind Themen wie die von ihr gerühmte happiness, Humor, Heiterkeit und/oder Ironie. Ich habe mir auf YouTube viele Interviews mit ihr angeschaut. Da ist von Sympathie nichts zu spüren; weder, dass sie Sympathie schenken würde, noch dass sie sie sucht. Ich würde sagen, ein 100%-iger Gegenpol zum Dalai Lama. Und der scheint immer recht glücklich zu sein…

  10. Klaus Kastner

    @gms
    Dem Begriff “verdienen” kommt bei Ayn Rand eine ganz große Bedeutung zu und deswegen habe ich das Wort verwendet. Der Profit des Stahlerzeugers ist “verdient”, wenn er aufgrund von freiem Angebot/Nachfrage verdient wurde. Wenn er aufgrund von “Deals mit dem Gesetzgeber” verdient wurde, dann ist er laut Ayn Rand “nicht verdient”. Der Sozialhilfeempfänger hat zwar Anspruch auf Sozialhilfe, aber er hat sie laut Ayn Rand nicht “verdient”. “Verdient” hat das Geld ein anderer, dem es nun weggenommen wird, um es jenen zu geben, die es nicht “verdient” haben. Selbst wenn der Stahlerzeuger seinen verdienten Profit dem Bedürftigen freiwillig geben würde, entspäche das nicht der Moral von Ayn Rand. Aus der Sicht des Empängers, so Ayn Rand, sind auch Almosen nicht verdient (und demzufolge nicht moralisch).

  11. Thomas Holzer

    @Klaus Kastner
    Ich habe dieses Buch (noch) nicht gelesen!
    Ergo erlauben Sie mir folgende Frage:
    Meinen Sie mit “verdienen”
    to earn
    to deserve
    to make
    die englishe Sprache ist -erfreulicher Weise- sehr genau 🙂

  12. Rennziege

    11. Mai 2014 – 19:26 Klaus Kastner
    Die Widersprüche aufzuzeigen ist Ihnen auch gelungen; an diesen war auch meine Replik aufgehängt. Ich steh’ zwar nicht auf die Mode, literarische Werke und deren Qualität anhand des Privatlebens ihrer Urheber zu relativieren — weder Goethe noch Hemingway war ein Chorknabe —, aber im Fall Ayn Rands ist die Kluft zwischen Schreiben und Leben auch für mich eine tiefe. Dennoch hat sie etwas bewegt,wie auch immer.
    Das Glück des Dalai Lama ist, gar nicht überraschend, ein verwandtes Kapitel. Er teilt nicht das Schicksal derer, für die er sich einsetzt; er wirkt aus dem Ausland, risikobefreit.
    Ayn Rand teilte das Schicksal ihrer Leser ebenfalls nicht, hat diese aber nachhaltig beeindruckt. Erinnert mich an den alten Kärntner Dorfarzt, von dem meine Oma oft berichtete:
    Patient: “Sie sagen mir, i muaß mit’m Rauchen aufhören. Dabei ham S’ selba an Tschik in der Goschn.”
    Arzt: “Ham Sie schon amoi an Wegweiser g’sehn, der in die Richtung geht, die er anzeigt?”

  13. Klaus Kastner

    @Thomas Holzer
    Ich kann nur interpretieren, wie es Ayn Rand meint. Unter Ihren angebotenen Varianten wäre es “to earn”. Der Stahlerzeuger investiert und geht Risiko ein; wenn er daraus Erträge erzielt, die seine Kosten übersteigen, dann hat er Profit und dieser Profit ist “earned”. Wenn der Staat einen Teil dieses Profits als Steuern für sich holt, dann holt sich der Staat etwas, was er nicht “earned” hat, sondern was er einem Anderen, der es “earned” hat, wegnimmt. Anders ausgedrückt: alles, was ich bekomme, ohne es selbst “earned” zu haben, ist – laut Ayn Rand – Diebstahl. Das Zitat von Hank Rearden, das ich im Text zerwähnt habe, beschreibt das sehr gut.

  14. gms

    Klaus Kastner,

    “Der Profit des Stahlerzeugers ist “verdient”, wenn er aufgrund von freiem Angebot/Nachfrage verdient wurde.”

    D’accord. Vertragstreue und Freiwilligkeit der Beteiligten sind notwendige und hinreichende Kriterien.

    “Wenn er aufgrund von “Deals mit dem Gesetzgeber” verdient wurde, dann ist er laut Ayn Rand “nicht verdient”.”

    Klar, hier werden durch einen Vertrag zulasten Dritter beide oben genannten Kriterien verletzt.

    Die Relevanz der Frage von wegen Basis- oder Derivatgeschäft auf den Verdienst bleibt aber immer noch unbeantwortet.

    “Aus der Sicht des Empängers, so Ayn Rand, sind auch Almosen nicht verdient (und demzufolge nicht moralisch).”

    Der Nicht-Verdienst liegt mangels Dienst auf der Hand, der Schluß eines “nicht moralisch” im Sinne von “Almosen sind moralisch nicht vertretbar” ist zumindest mit meiner Moral nicht vereinbar, aber ich würde Rand daraus keinen Strick drehen, zumal ihr Standpunkt brauchbar begründet werden kann.

  15. perry

    @rennziege
    liebe rennzeige! soviel ich weiß hat das mit dem wegweiser schopenhauer gesagt (aber vielleicht hat es der von dem dorfarzt!).

  16. Klaus Kastner

    @gms
    Basis vs. Derivat. Nehmen Sie einen Mittelständler, der 10 MEUR Free Cash Flow im Jahr hat. Der Eigentümer ist ein wahrhafter Mittelständler und weiß schon, in welche Neuinvestitionen er die 10 MEUR investieren wird. Dann kauft ein Finanzinvestor die Firma. Er kalkuliert, wie viel Schulden er mit den 10 MEUR bedienen kann und macht auf Basis dessen ein Kaufpreisangebot. Am Ende des Tages hat der Finanzinvestor eine schöne Rendite und der Verkäufer hat viel Geld auf der Bank.

    Kleiner Nebeneffekt: die Firma hat keine 10 MEUR mehr, die sie in Neuinvestitionen stecken könnte. Die Firma wird im Wettbewerb zurückfallen, vielleicht sogar früher oder später pleitegehen. Kein Problem für Verkäufer und Finanzinvestor; die haben ihr Geld gemacht. Wer hat die Rechnung bezahlt? Die Realwirtschaft!

  17. gms

    Klaus Kastner,

    > Wer hat die Rechnung bezahlt? Die Realwirtschaft!

    Begründung?!

    Nach der Firmenübernahme, für die nebenbei ja Geld an den ehemaligen Inhaber floß, waren aus Sicht des neuen Eigentümers die laufenden Erträge offenbar wo anders besser angelegt, als in der Firma selbst. Irrtümer hierbei sind möglich, doch niemand wird wissentlich ein schlechtes Geschäft machen.

    Jeder Verkauf eines Gutes oder eben auch einer Firma unterliegt der Annahme, der Erwerber könne mit seiner Anschaffung mehr anfangen als der Abgebende. Ob eine der beiden Parteien nun Huber heißt oder Investment-AG ist belanglos.

    Die Formulierung, die Realwirtschaft bezahle eine Rechnung, enthält die esoterische Note, ihr würde etwas etwas gegen ihren Willen genommen, was hernach in einem Paralleluniversum verschwinden würde. Wollte man versuchen, das in einem Inselbeispiel mit einer Handvoll Beteiligten zu demonstrieren, würde man scheitern. Im Abstrakten, im Nebulösen aber lassen sich leicht böse Dämonen konstruieren, die diabolisch ihr Umfeld um die Früchte ihrer Arbeit bringen. In den Brochuren der Arbeiterkammer heißen die dann “Investoren”.

  18. Klaus Kastner

    @gms
    Sie würden vom Buch Atlas Shrugged (“Der Streik”) profitieren. Dort haben das Primat die Schöpfer von realen Werten in der Wirtschaft; vor allem die Produzenten (Ayn Rand: “Man is a herioc being … with productive achievement as his noblest activity”). Es gibt herrliche Dialoge zwischen diesen Wertschöpfern und “den Anderen”, wobei diese “Anderen” nicht nur Schmarotzer und/oder staatliche Umverteiler sind, sondern alle jene, die nicht produktiv sind. Die Argumente der Wertschöpfer sind idealistisch gut und man kann sie in Zeiten einer HypoAlpeAdria Bank nur genießen; jender der “Anderen” sind einfältig dumm (z. B.: der Bundesstaat Colorada muss in seinem wirtschaftlichen Boom eingebremst werden, damit sich die anderen nicht ausgegrenzt fühlen; erinnert etwas an die Deutschland-Debatte in der Eurozone…).

    Der Firmenverkäufer und Finanzinvestor würden m. E. dem Ideal von Ayn Rand nicht entsprechen, weil sie keine realen Werte schaffen. Im Gegenteil, sie behindern diesen Prozess bzw. zerstören möglicherweise reale Wertschöpfung. Für solche Leute hätte Ayn Rand die Gaskammer parat (schrieb einmal einer ihrer Kritiker, ein Spitzenvertreter des konservativen amerikanischen Lagers).

    Ihr Argument erinnert mich an die deutschen Großbanken, die Anfang der 2000er Jahre gesagt haben, sie könnten den produktiven deutschen Mitttelstand nicht finanzieren, weil sie anderswo bessere Renditen bekämen (keine Riskokosten bei Staatsanleihen und nur minimale Risikokosten bei AAA-gerateten sub-prime Papieren). Inzwischen wissen wir, wer diese höheren Renditen bezahlt hat bzw. noch bezahlen wird.

    Der Kapitalismus setzt voraus, dass Kapital wertschöpfend in der Realwirtschaft eingesetzt wird. Woher sollten den sonst Profit und Renditen kommen? Weil wir uns gegenseitig Papiere verkaufen? Hinter den Sparzinsen verbirgt sich irgendein Kreditnehmer der Bank, der durch seine realwirtschaftlichen Aktivitäten genug “verdient”, um der Bank Zinsen auf das geliehene Kapital zu zahlen (und die Bank gibt Zinsen an jene weiter, vor denen sie sich das Kapital geborgt hat; z. b. den Sparern). Wenn die Bank einem realwirtschaftlich nicht produktiven Kreditnehmer Geld leiht (z. B. dem griechischen Staat), dann kann es sehr rasch eng werden (obwohl man kurzfristig vielleicht eine schöne Rendite hat).

    Der Bäcker muss mit seinem Brot genug verdienen, um dem Zahlarzt seine Rechnung zahlen zu können. Wenn der Zahnarzt keine Patienten hat, dann wird er beim Bäcker kein Brot kaufen können. Hoffentlich sind sie beide tüchtig und werden reich dabei. Sollten beide aufhören, produktiv/tüchtig zu sein, dann werden sie verarmen.

  19. gms

    Klaus Kastner,

    “Ihr Argument erinnert mich an die deutschen Großbanken, die Anfang der 2000er Jahre gesagt haben, sie könnten den produktiven deutschen Mitttelstand nicht finanzieren, weil sie anderswo bessere Renditen bekämen (keine Riskokosten bei Staatsanleihen und nur minimale Risikokosten bei AAA-gerateten sub-prime Papieren). Inzwischen wissen wir, wer diese höheren Renditen bezahlt hat bzw. noch bezahlen wird.”

    Ich hatte kein Argument gebracht, sondern selbiges in Ihren Ausführungen vermißt und daher nach einer Begründung gefragt.

    Wenn ich obige Aussage wider Investoren also richtig verstehe, besteht deren vorgebliches unmoralische Treiben darin, Staaten oder staatsnahen Einrichtungen Geld zu überlassen. Ist das der Punkt?
    Falls ja, so könnte man diese Kritik auch auf alle anderen ausdehnen, die bei einem crowding out seitens des Staates mit eben diesem Geschäfte machen, anstatt mit Privaten, deren Angebot durch die Übermacht des Staates schlechter ausfällt. Bloß hieße dies, Ursache und Wirkung zu verkennen.

  20. nometa

    Mein Gott, jetzt hab ich den Artikel zu lesen begonnen und festgestellt, dass er recht differenziert ist. Sorry für meine überschnelle Reaktion auf die Überschrift. Ich kann Ayn Rand einfach auf den Tod nicht ausstehen, weil sie für mich wirklich eine lupenreine Soziopathin ist, noch dazu eine dumme*, und auch noch von millionen Menschen angehimmelt wird…
    Der Rothbard-Artikel bleibt höchst lesenswert.

    *Soziopathisch, offensichtlich, weil sie empathische Menschen verachtet. Dumm, weil sie glaubt, Menschen würden wie Roboter von “rationalen” Gedanken geleitet und nicht von Gefühlen.

    So, ich klink mich aus.Bye

  21. Thomas Holzer

    @nometa
    “………….hat ihr schon vor Jahrzehnten so richtig einen Stiefel in den Arsch gerammt:”

    Wieder einmal den Beweis erbracht, daß die verwendete Sprache sehr wohl Ausdruck der eigenen Geisteshaltung ist.

    Es freut mich, daß Sie sich ausklinken; und ich hoffe, daß “Personen” wie Sie nie die Möglichkeit bekommen, Macht auszuüben; jeder Andersdenkende müsste um sein Leben fürchten!

  22. Rennziege

    12. Mai 2014 – 14:13 Thomas Holzer
    Nicht so streng, pittäh, mit dem armen nometa! Das geistige Prekariat ist eine bedrohte Art auf der knallroten Liste. Auch der primitive Wortschatz ist damit geschützt. 🙂

  23. Herr Höll

    Ich möchte empfehlen, die nicht unumstrittene Gestalt Ayn Rands und den besprochenen Roman doch etwas voneinander zu trennen. Der Person Rands stehe ich auch zwiespältig gegenüber, dem Roman indes sehr viel weniger. Es steckt sehr viel Wahrheit darin, fast als wäre er mit der EU und dem modernen wirtschaftlichen und politischen Degenerationsprozess im Sinn geschrieben worden. Wie sagte unlängst Vaclav Klaus in einem Interview: “Der Unterschied zwischen Kapitalismus und Kommunismus? Im Kommunismus werden Unternehmen erst verstaatlicht und dann ruiniert, im Kapitalismus werden sie erst ruiniert und dann verstaatlicht.”

    Ich möchte auch dem Vergleich der Unternehmergestalten im Roman mit den Bankern der Gegenwart entgegen treten. Letztere sind nicht die Sorte “ehrbarer Kaufleute”, auf die der Roman ein Hohelied singt, sie sind keine wertschaffenden Produzenten, sondern als Verwalter des Papiergeldverbrechens stehen sie nicht für den “reinen” Kapitalismus, sondern für einen mißbrauchten, pervertierten Kapitalismus, der den Wert des Kapitalbegriffs und des eigentlichen (Wert-)Geldes verleugnet und die systemweite Degeneration, die sich daraus als Folge ergibt, verschleiert, um die Interessen profitierender Parasiten in Führungspositionen dieser mißbrauchenden Hierarchie zu schützen.

    Man kann nur schwerlich versuchen, die Fehlerhaftigkeit des Modells in Atlas Shrugged beweisen zu wollen, indem man auf eine Realität verweist, die nicht an diesem Modell, sondern an seinem massiven Mißbrauch – d.h. der Abwesenheit dieses Modells in einem intakten Zustand – leidet. Das ist nicht nur logisch nicht machbar, es wäre auch in der Intention nicht integer.

    Die unausweichliche Tendenz einer Demokratie, sich stets und immer in einen zunehmend totalitären Sozialismus und schließlich eine kommunistische, zentral-autoritäre und planwirtschaftliche Diktatur wandeln zu müssen, ist stets die antagonistische Antithese zum eigentlichen Kapitalismusmodell als freiem Markt, in dem Markteilnehmer frei und undrangsaliert von Staaten und Politikern freie Verhandlungen zur Preis- und Wertfestlegung von Leistungen und Gütern führen. Die gegenseitige Verstärkung von Politikerversprechen und Wählererwartungen führt einerseits zum Wahlsieg der skrupellosesten Schwindler und Maulhelden, andererseits zur Erosion von Wirtschaft und Finanzen. Das Demokratieprinzip stellt sicher, daß zumeist die minderwertigsten, schamlosesten Charaktere das Sagen haben. Deshalb hat die Demokratie auch bis vor hundert Jahren, als der erste Weltkrieg die Monarchien endgültig beiseite fegte und mit der Idee der demokratischen Republiken ersetzte, einen so abgrundtief schlechten Ruf gehabt. Im Sinne des heute verwendeten Demokratiebegriffes sogar schon im antiken Griechenland.

    Das Verdienst des Romans liegt darin, Begriffe klar zu verdeutlichen, die heute von unseren Vollmund-Politikern und Rattenfängern bewußt verwässert und verleugnet werden, und elementare konzeptionelle Zusammenhänge und Bedingungsketten sowohl moralischer als auch politisch-wirtschaftlich-soziologischer Natur darzustellen, über die sich heute die breite Masse nicht mehr im Klaren ist und – dem Wunsch zur kollektiven Infantilität und Volksverdummung ist’s geschuldet – auch nicht klar sein will, denn das wäre ja das Ende mancher lieb gewonnenen Illusionen. Die Figuren im Roman pflegen häufig das scharfe, das klare, das gnadenlose Wort, mancher Dialog und manche Rede ist wie mit dem Laser gesetzt, die Grundhaltung der positiv besetzten Akteure ist archaisch-heroisch und – in einer Welt, die dem selbstverschuldeten Verfall geweiht ist – notwendigerweise einsam. Dieses Lehrstück für sich zu nehmen und nicht mit Kontroversen um Ayn Rand’s Leben, ihre wahren und ihre verzerrenden Jünger, und allerlei Trittbrettinstitute, die sich mit ihrem Ruhm schmücken, belasten zu wollen, wäre weise, und ein Gewinn. In einer Gegenwart, in der jeder mit seinen Händen in den Taschen anderer lebt, und in der Führer und Geführte sich und andere belügen, daß sich die Balken biegen, ist die Klarheit der Situationsanalyse und die Diagnose der Ursachen von unschätzbaren Wert. Was schert es mich, wie abstrakt sie in anderen Werken über ihre Philosophie fabuliert haben mag oder nicht. Der Roman steht, wie er ist. Und er ist großartig genug, um sich damit vollauf zu genügen.

  24. Herr Höll

    Eine Ergänzung zu Rand’s Biographie. Ihre Familie jüdischer Abstammung ist nicht einfach nur ausgewandert aus Rußland. Während der russischen Febnruzar- und Oktoberrevolution 1917 erlebte sie, wie die selbstständige Existenz ihres Vaters als Apothekenbesitzer von den Kommunisten zerstört und ihre Familie zwangsenteignet wurde und in Armut stürzte. Die Familie floh in die Ukraine. Nach einer zeitweiligen Rückkehr Ayn Rands nach Rußland zwecks eines Studiums, nutzte sie die Genehmigung eines Auslandsbesuchs in den USA, um sich dort abzusetzen und in den USA zu bleiben.

    Das bedeutet, daß sie sowohl die Katastrophe des Kommunismus und seine menschenentwürdigende Natur am eigenen Leib erlebte, als auch das Gegenteil in Form des amerikanischen Entrepreneurs, der es mit Arbeit und Ehrgeiz und Wille zur Eigenverantwortung zu Reichtum bringt. Und dieses Reichtum in Form der modernen Städte und Wolkenkratzer muß im Schatten der traumatischen Erfahrungen in Rußland umso strahlender erschienen sein. In den frühen Jahren knüpfte sie mit Vorliebe Kontakte zu reichen und einflußreichen Persönlichkeiten, die sie trotz einer stacheligen Persönlichkeit anscheinend durchaus zu faszinieren wußte.

    Dieser Kontrast zwischen den Erlebnissen in Rußland und Amerika mag manche manchmal doch arg pathetisch geratene Verklärung des amerikanischen Unternehmertums, das sie begeistert bejubelte, erklären. Traumatisierung und Verklärung – in der Erlebniswelt ihres Lebens erfuhr und durchlebte sie beides.

  25. Klaus Kastner

    @Herr Höll
    Danke für Ihren konstruktiven Kommentar. Vorab ein Missverständnis Ihrerseits: ich habe auf keinen Fall Rearden & Co. mit den Bankern der Gegenwart verglichen. Im Gegenteil: ich habe gesagt, dass Rearden & Co. eher die Aunahme unten jenen sind, die sich heute auf Atlas Shrugged berufen (wobei ich Warren Buffett als eine dieser Ausnahmen genannt habe).

    Ich stimme Ihnen zu, dass man die Person Ayn Rand vom Buch Atlas Shrugged idealerweise trennen sollte. Hätte Ayn Rand sich nach der Buchveröffentlichung in die Anonymität zurückgezogen, hätte das Buch m. E. eine andere, positivere Wirkung gehabt. Stattdessen hat sie sich, m. E. wegen der großen Resonanz des Buches, erst nach Veröffentlichung auf ihren Kreuzzug der neuen Philosophie und Moralität begeben, was dazu führt, dass sich seither kaum eine Kritik auf die Handlung des Buches bezieht, sondern fast nur auf die Philosophie (und die teilweise extremen Äußerungen) von Ayn Rand und auf ihre kontroversielle Persönlichkeit. Ich selbst hatte beispielsweise ein negatives Vorurteil gegen das Buch, ohne seine Handlung auch nur im gerinsten zu kennen. Warum? Weil mich die Diskussion um Ayn Rand herum befremdet hatte.

    Ich habe mich erst kürzlich zum Lesen des Buches buchstäblich durchgerungen, weil ein jahrzehntelanger Freund, der mit meiner TINSTAAFL-Überzeugung bestens vertraut ist („there is no such thing as a free lunch“), mich um meine Meinung gebeten hatte. Er hatte das Buch in seiner Studentenzeit ‚verschlungen‘ und vor 20 Jahren noch einmal. Jetzt, im Alter von 75 Jahren, wollte er das Buch noch einmal lesen, um das ‚Parasitentum der heutigen Gutmenschen‘ besser verkraften zu können. Seine Reaktion auf meinen Essay war: „Ohne die Person Ayn Rand, ihre Rationalität oder Moralität zu betrachten, habe ich die Story verschlungen, so wie ganz früher die Karl May Schinken. Ich neige halt dazu, mehr zu konsumieren als zu reflektieren. Ich war hingerissen – und bin es noch immer – von der Vorstellung: die ‚Wertschöpfer‘ streiken und die ‚Sozialschmarotzer‘ sollen sehen, wie sie zurechtkommen“. Auch ich hatte mich vor fast 60 Jahren für Kara ben Nemsi, Old Shatterhand und Winnetou begeistert, ohne darüber darüber zu reflektieren, ob es solche Lichtgestalten in der Wirklichkeit gibt. Deswegen habe ich gesagt, dass ich Atlas Shrugged als ‚einen aufwühlenden, wenn nicht sogar aufputschenden und packenden Roman‘ empfunden habe. Vor allem hat mich fasziniert, welche Argumente Ayn Rand Rearden & Co. bei deren Dialogen mit den Gutmenschen in den Mund gelegt hatte.

    Ich bin ein unverbesserlicher Verfechter des TINSTAAFL-Konzeptes (falls es Sie interessiert, hier ist ein diesbezüglicher 10-teiliger Essay, den ich vor fast 20 Jahren veröffentlich hatte: http://tinstaafl-kleingut.blogspot.co.at/2011/07/prologue.html). Wer wirkich am Wohl des Einzelnen und der Gesellschaft interessiert ist, sollte den Menschen nicht einreden, dass es Gratismittagessen gäbe. Stattdessen sollte man die Menschen aufklären, dass vermeintliche Gratismittagessen zur Abhängigkeit von jenen führen, die die Mittagessen verteilen.

    Jungen Menschen, die ein wirkliches Interesse am Wohl des Einzelnen und der Gesellschaft haben, würde ich Atlas Shrugged nicht empfehlen, weil das Buch von negativen und destruktiven Strömungen geprägt ist. Stattdessen würde ich ihnen empfehlen, „The Contitution of Liberty“, „The Road to Serfdom“ (beide Hayek) und “Why Nations Fail” (Acemoglu/Robinson) zu lesen. Da findet man viel bessere Antworten auf die Frage nach Wegen zu einer besseren Welt.

    Was den „ehrbaren Kaufmann“ als unternehmerisches Vorbild betrifft, bin ich voll bei Ihnen; deswegen habe ich auch den Mittelstand erwähnt. Ich habe die ersten 30 Jahre meines Berufslebens in der Welt der börsennotierten Großkonzerne verbracht. Dort, wo sich ein ganzes Unternehmen auf die rationale Auswertung einer Bilanz und deren Optimierung im Sinne der anonymen Kapitalgeber reduziert. Ich glaube nicht, dass sich Rearden & Co in dieser Welt zurechtgefunden hätten. Die letzten 10 Jahre habe ich in der Welt von Mittelständlern, vor allem in Bayern/Baden-Württemberg, verbracht. Mittelständler nicht, weil sie kleiner sind (da waren schon auch Weltunternehmen dabei), sondern weil sie aufrund ihrer Eigentümerstruktur (nicht börsennotiert) eine andere Denke verfolgen (können). Nicht das kurzfristige Abcashen steht dort im Vordergrund, sondern die Prinzipien von langfristiger und nachhaltiger Wertschöpfung, unternehmerischer Verantwortung, Selbstverantwortung, Leistungsbereitschaft, Individualität, etc. Für diese Unternehmer könnte ich ein leidenschaftliches Plädoyer schreiben. Rearden & Co. würden sich in dieser Welt wohlfühlen. Ich habe jedoch nie einen solchen Unternehmer kennengelernt, der behauptet hätte, dass er und er alleine jener Atlas wäre, von dem der Erfolg seines Unternehmens und das Wohlbefinden seiner Mitarbeiter und seiner Umwelt abhängen. Lassen Sie mich mit einem Churchill-Zitat schließen:

    “Some people regard private enterprise as a predatory tiger to be shot. Others look on it as a cow they can milk. Not enough people see it as a healthy horse, pulling a sturdy wagon”.

  26. Herr Höll

    Herr Kastner,

    ich stimme mit vielem in Ihrer Antwort überein. In Bezug auf die Gegenüberstellung von “Bankern” und konstruktiven Unternehmern beziehe ich mich u. A. auf Ihren 16. Absatz (“Ayn Rand vermittelt den Wertschöpfern à la Rearden & Co. die Bestätigung ihrer Opferrolle. Sie werden von… (…) … Grundgeschäft in der Realwirtschaft es sich handelt. Sie würden sogar das Grundgeschäft ruinieren, wenn es der Rendite hilft.”) Dort erwähnen sie die top 1% der wertschöpfenden Gesellschaft, und sagen gleichzeitig daß diese ja zumeist durch Personen ausgemacht werden, die Sie zwar als wertschöpfend bezeichnen, die es aber tatsächlich nicht sind, jedenfalls nicht in meinem Verständnis, denn eine Wertschöpfung, die sich auf eine Papiergeldausweitung und damit auf das Aufblähen der Schulden stützt, ist keine nachhaltige Wertschöpfung, sondern eine Illusion. Ein Hank Rearden ist wertschöpferisch tätig, ein Ben Bernanke ist es nicht. Schon von Mises beschrieb, daß für nachhaltige Investitionen nicht Kredite ausreichen, sondern zuvor Erspartes als Anlage erforderlich ist. Wertschöpfung ist stets und immer als materielle Gütervermehrung (oder Servicevermehrung im Sinne des Arbeitsleistungsangebots) zu begreifen, und mag darüber hin aus zu einer Vermehrung von immateriellen Kulturgütern (Erziehung, Kunst, Geisteswissenschaften, die allgemeine Wertelandschaft und Geisteshaltung der Menschen) beitragen – aber diese erzeugt sie nur indirekt, nicht direkt.

    Vielleicht mißverstehe ich Sie, aber ich finde Ihre Darstellung an dieser Stelle zumindest etwas unglücklich, oder mißverständlich, daher mein “Kontra”. 🙂 . Ihre Antwort auf meinen ersten Kommentar trug aber bereits zur Klärung bei, Danke.

  27. Klaus Kastner

    @Herr Höll
    “Wer sind in der heutigen Zeit die Wertschöpfer? In den USA sind es vor allem die oft zitierten „top 1%“, die sich von Ayn Rand angesprochen bzw. bestätigt fühlen. Sind es Rearden & Co., die die diese „top 1%“ ausmachen? Nein! In diesen „top 1%“ sind Rearden & Co. eher die Ausnahme. Stattdessen sind es die Genies der Finanzintermediation, die CEOs von großen Kapitalgesellschaften und die Erben großer Vermögen, die das Gros der „top 1%“ ausmachen”.

    Klarer kann man m. E. nicht sagen, dass ich Rearden & Co. NICHT zu den Genies der Finanzintermediation, CEOs von großen Kapitalgesellschaften oder Erben großer Vermögen zähle. Vielmehr meine ich, dass Rearden & Co. in dieser Welt tatsächlich streiken würden.

  28. Rennziege

    Definitely on topic:
    Vielen Dank! Dieser intelligente und lebendige Diskurs kann so manches (heutige) Semester VWL und BWL ersetzen, die Soziologie sogar in vollem Umfang; aber deren Protagonisten führen sich eh schon eigenhändig ad absurdum.
    Christian Ortners Blog ist etwas Besonderes — nicht immer, aber immer öfter.

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