Mit Hayek am ÖGB-Kongress

Weilte der große österreichische Nationalökonom Friedrich August von Hayek (1899-1992) noch unter uns, hätte er mit dem Motto des diesjährigen ÖGB-Bundeskongresses vermutlich ziemlich viel Spaß gehabt.

„Soziale Gerechtigkeit“ war nämlich eine der zentralen Forderungen dieser Zusammenkunft, ein eher glitschiger Begriff, den Hayek stets als „Wieselwort“ verspottet hat, also ein inhalts- leeres Schlagwort, das nur der politischen Propaganda diene. Da in einer Marktwirtschaft niemand Einkommen verteile, sei es unsinnig, hier von gerechter oder ungerechter Verteilung zu sprechen. Es gebe für die Ergebnisse des Marktprozesses keine Kriterien, an denen sich eine gerechte Verteilung messen ließe, argumentierte Hayek. „Soziale Gerechtigkeit,“ spottete er, sei „ein quasi-religiöser Aberglaube von der Art, dass wir ihn respektvoll in Frieden lassen sollten, solange er lediglich seine Anhänger glücklich macht, den wir aber bekämpfen müssen, wenn er zum Vorwand wird, gegen andere Menschen Zwang anzuwenden“.

Angesichts einer Staatsquote von mehr als 50 Prozent in Österreich ist dieser von Hayek geforderte Kampf gegen jenen „quasi-religiösen Aberglauben“ freilich längst verloren. Unter dem Vorwand, sogenannte soziale Gerechtigkeit herzustellen, wird gegen die Leistungserbringer dieses Landes ganz erheblicher Zwang ausgeübt – der Zwang nämlich, einen überproportional großen Teil des von ihnen erwirtschafteten Wohlstandes an die Allgemeinheit abzuliefern.

Gleichwohl muss man der Gewerkschaftsbewegung konzedieren, dass die Forderung nach mehr „sozialer Gerechtigkeit“ wenigstens per se noch nicht schädlich ist. Sozial gerecht kann man ja beispielsweise die Einführung eines Mindestlohns finden oder auch dessen Abschaffung (weil bei ausreichend niedrigen Löhnen die Arbeitslosigkeit gegen null tendieren wird). Ein Wieselwort eben.

Mehr noch muss dem ÖGB zugestanden werden: Seiner mehr an die emotionale Befindlichkeit seiner Mitglieder gerichteten retro- sozialistischen Gerechtigkeits-Rhetorik steht – bisher jedenfalls – meist eine einigermaßen vernünftige Realpolitik gegenüber . Von wenigen Ausnahmen wie der zu Recht berüchtigten Lehrergewerkschaft abgesehen, müssen sich Österreichs Gewerkschaften nicht wirklich vor- werfen lassen, eine völlig verantwortungslose Politik zu betreiben, wie das etwa regelmäßig in Italien oder Frankreich, gelegentlich sogar auch in Deutschland zu beobachten ist.

Das hat unter anderem dazu beigetragen, dass die für das Funktionieren einer Volkswirtschaft essenziellen Lohnstückkosten hierzulande lange Zeit nur moderat angestiegen sind. Leider haben wir diesen Vorsprung mittlerweile freilich wieder weitgehend verspielt – aber weniger verantwortungsloser Gewerkschafter wegen, sondern dank raffgieriger Finanzminister, die Arbeit stark verteuert und damit die Lohnstückkosten nach oben getrieben haben, ohne dass dadurch die Einkommen der Arbeitnehmer gestiegen wären.

Wenig Anlass zur Freude bietet freilich das eher geringe Maß an Veränderungsfreude und gedanklicher Flexibilität, mit dem sich Österreichs Gewerkschafter den Heraus- forderungen des 21. Jahrhunderts stellen. Dass sie etwa – in einer unheiligen Allianz mit einigen Unternehmer-Vertretern – noch immer am sonntäglichen Ladenschlusszwang so verbissen festhalten wie einst Josef Stalin an der sowjetischen Planwirtschaft, beweist nicht eben ihre Zukunftsfähigkeit. Privatisierungen und Liberalisierungen abzulehnen, aber neue Steuern und noch mehr Urlaub zu fordern, weist gedanklich ebenfalls nicht eben nach vorne. Auch dass sie der stark anwachsenden Zahl in nicht-traditionellen Beschäftigungsverhältnissen werkender Menschen, gerade in kreativen und technologiezugewandten Berufen, eher rat- und planlos gegenübersteht, spricht nicht eben für die notwendige Anpassungsfähigkeit gewerkschaftlicher Mentalitäten. Da scheint sich eher ein bürokratischer Komplex mit letzter Kraft an der zerbröselnden Vergangenheit festzuklammern. Was Hayek übrigens vermutlich auch mit einigem Amusement beobachtet hätte.

One comment

  1. Plan B

    Aktuelles zur “sozialen Gerechtigkeit”, made by “Das WIR zählt”:

    = Wer weiss was?

    … ist der Name einer Website, bei der jedermann selbsternannten Experten Fragen stellen kann. Vielleicht kann ja ein Achseleser in diesem Thread helfen:

    “Moin, ich arbeite in einer grossen Druckerei und wir produzieren die Flyer einer grossen deutschen Partei zur Bundestagswahl 2013. Dort steht in weiss auf Rot: ….tarifgebunden produziert.
    Wir sind allerdings keineswegs im Arbeitgeberverband und auch nicht tarifgebunden. Wir arbeiten täglich eine Stunde umsonst und werden unter Tarif bezahlt!!
    Muss ich diese dreiste Lüge irgendwo melden???
    Danke für ernstgemeinte Antworten.” =

    Gefunden auf der Achse.

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