Mitleid für den Kanzler

Von | 29. September 2017

(JÜRGEN POCK)  Christian Kerns kühne Bemühungen in Ehren, aber das, was der Kanzler seit Anbeginn seines Wahlkampfes treibt, könnte ins Auge gehen. Etwas mehr als zwei Wochen vor der Wahl beobachtet das politische Feuilleton den SPÖ-Chef beinahe schon mitleidig. Auch parlamentarische Mitbewerber entwickeln bereits Empathie für den unbeholfenen Kanzler, der ein rätselhaftes Faible für Fauxpas hat, ein unstillbares Bedürfnis, kein Fettnäpfchen am Weg zur Wahl auszulassen. Die Massenproduktion von Fehlern ist nicht das Hauptproblem des Kanzlers. Die Art und Weise, wie er mit fehlendem Schuldbewusstsein die Verantwortung abschiebt und nicht bereit ist, diese Fehler einzugestehen, könnte sein Schicksal besiegeln.
Jüngstes Beispiel ist der Umgang mit einem Boulevardblatt, das dem Kanzleramt durch Negativpresse auffiel und die journalistische Anmaßung besaß, ein an die Medien gespieltes Psychogramm des sonst der Presse sehr aufgeschlossenen Kanzlers zu publizieren. Seine Reaktion spricht Bände und bestätigt den Eindruck, den ein ehemaliger Mitarbeiter Gusenbauers auf besagtem Papier schriftlich festgehalten hat: „Glaskinn“, „äußerst schwaches Nervenkostüm“, „sprunghaft“, „ungemein eitle Prinzessin“. Im Licht dieser hausgemachten Analyse erscheint der Stil des amtierenden Bundeskanzlers, sein eloquenter Auftritt vor den Kameras, seine rhetorisch versierten Reden und sein kultiviert klingender Sound, weitgehend weltgewandt und stubenrein, nur wie eine blasse Karikatur von Staatsmännischkeit.
Selbst die ausgerückten Parteifreunde und Kern-Sympathisanten, die seit dem ausgesprochenen Boykott und der Inseratensperre gegen die Zeitung abzumildern versuchen, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich der Ex-ÖBB-Chef seit Monaten in Nebenschauplätze verheddert und immer mehr auf dem politischen Abstellgleis zum Stehen kommt. Kerns Umgang mit Fehlern zeigt Verhaltensregelmäßigkeiten, die nicht mehr als niedliche Petitessen süßgeredet werden können. Ein kurzer Rückblick lohnt sich.
Nachdem die Affäre rund um den damaligen roten Berater Tal Silberstein die öffentliche Berichterstattung dominiert hatte und die dürftigen Relativierungsversuche des SPÖ-Bundesgeschäftsführers Niedermühlbichler ohnehin längst zum Scheitern verurteilt waren, meldete sich Kern nach tagelangem Schweigen dann doch via Facebook-Video zu Wort. Statt einer reuevollen Haltung im Büßergewand präsentierte Kern eine verbale Offensive gegen die Konkurrenz und hoffte, von der eigenen Unfähigkeit ablenken zu können. Der Schuss ging bekanntlich nach hinten los. Tal Silberstein und Alfred Gusenbauer haben der SPÖ irreversibel ihren Stempel aufgedrückt und werden spätestens am Wahlabend nach Bekanntgabe der ersten Hochrechnung auch von den eigenen Genossen als böse Buben gebrandmarkt.
Dann kam der Bau der Mauerblöcke am Ballhausplatz zum Schutz vor Terror. Die Kosten gingen durch die Medien, zuvor aber schon das von der SPÖ zu Werbezwecken inszenierte Handshaking des Kanzlers mit den Bauarbeitern vor seinem Büro. Nachdem der Mediendruck zu groß wurde, die öffentliche Fassungslosigkeit mit der elitären Polit-Blase im Bundeskanzleramt zu kollidieren drohte, stellten die Auftraggeber die Arbeiten ein. Auf die Verantwortlichkeit angesprochen, reagierte Kern mit Schuldzuweisungen und gespielter Ahnungslosigkeit. Der Kanzler habe den Bau aus den Medien erfahren, das Projekt sei ausschließlich auf Beamtenebene durchgeführt worden. Kern war um keine Ausrede verlegen, auf der Suche nach dem besten Täuschungsmanöver entpuppte sich der Kanzler einmal mehr als überforderte Hülse. Mitte Oktober drohen ihm und der Sozialdemokratie nicht weniger als eine Explosion.

28 Gedanken zu „Mitleid für den Kanzler

  1. Rennziege

    “… entpuppte sich der Kanzler einmal mehr als überforderte Hülse.”
    Anknüpfend an eine lustige Diskusssion über Faustfeuerwaffen österreichischer Provenienz, die wir vor ein paar Tagen hier hatten, füge ich hinzu: Eine Hülse, die kein Projektil beherbergt, kann nicht überfordert werden. Sie ist von Geburt an eine Platzpatrone. 🙂

  2. Kluftinger

    @ Rennziege
    Wie wahr!!!!
    (Aber wenn es knallt, sind viele zuerst verängstigt, dann allerdings….)

  3. Thomas Holzer

    “Mitte Oktober drohen ihm und der Sozialdemokratie nicht weniger als eine Explosion.”

    Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben!

  4. Der Realist

    Jetzt hacken alle auf die “Prinzessin” ein, wie unfair, haben wir doch ihr den Wirtschaftsaufschwung zu verdanken, so wird es uns zumindest verkündet. Dass die Arbeitslosenzahlen über den Sommer stets sinken, das war auch schon zu Zeitenn vor Kern so.

  5. Rado

    Warum sollte man mit Kern sowas wie Mitleid haben? Es drängt sich vielmehr die Frage auf, welche Qualifikationen man mitbringen muß, um ÖBB Cef zu werden. Qualifiziert durch Parteibuch und Ochsentour? Ein typischer Sozi halt, der die Welt des märchenhaften Reichtums und des Luxus schätzt und gern in die rote Mottenkiste greift. Träumt von schnellen Autos (mit Chauffeur) bis zu Luxusuhren Marke Ölscheich (nur ausgeliehen).

  6. mariuslupus

    Mitleid ? Der Autor ist ein Sarkastiker. Dürfen Pizzalieferanten tolpatschig sein ?

  7. sokrates9

    Ich finde Mitleid ist schon am Platz! Die SPÖ hat derzeit mit Abstand die eigenartigsten Werbestrategen und Werbefachleute! Mit einer Steuererhöhung (Erbschaftssteuer) in den Wahlkampf zu ziehen – das bei der zweithöchsten Steuerbelastung Europas – die lächerliche Pizzaaktion bis zum jetzigen Wahlkampfplakat: Kern: XKOMPETENZ – dümmer geht es kaum mehr! Auch sich mit Österreich anlegen, der wochenlang prophezeit hat dass Kern in den TV – Duellen meilenweit voranliegen wird und easy den 10% Gap aufholen wird, ist auch nicht gerade das Gelbe vom Ei!

  8. stiller Mitleser

    @sokrates9
    “Die SPÖ hat derzeit mit Abstand die eigenartigsten Werbestrategen und Werbefachleute! ”

    Zustimmung!
    Innerparteiliche Indiskretionen fallen in der SPÖ eigentlich erst seit Gusenbauer-Faymann auf; wobei Gusenbauer von der konservativen Presse gehätschelt wurde, als hätte er noch was auszuplaudern. Die Illusion, Aufstiege verdankten sich den eigenen Kompetenzen und nicht der Partei, hat sich eben auch in der SPÖ breitgemacht, wo man lange Zeit doch realistisch demütiger war.
    An Reduktionen der Presseförderung nach der Wahl glaub ich nicht wirklich, die großen Häuser werden eher switchen als abbauen, die Linke bemüht sich vorrausschauend um Alternativmedien, die ja ebenfalls und weiterhin gefördert werden.

  9. KTMTreiber

    Mitleid ? Mit dem ? Mit dessen Partei ? Diese Partei, die mehr als ein paar Jahre Zeit hatte sich um die eigene Bevölkerung, deren Probleme, Ängste und Hoffnungen zu kümmern ? Die aber anstatt ihrem Auftrag nachzukommen, abgehoben in ihrer “Blase”, man verzeihe mir die verbale Entgleisung, aber mir “schwillt der Kamm”, – geistigen “Dünnschiss” absonderten. Deren Wahlhelfer wie Strauchdiebe durch Altersheime geistern und Betagten Hilfestellung beim Ankreuzen geben ?

    Wer hat den Mitleid mit der großen Anzahl von Polizisten, die täglich ihren “blöden Schädel hin heben”, Wohnungen öffnen um dort einsam (schon seit Tagen) Verstorbene vorzufinden, erhängte Ehegatten im Beisein der Gattin vom “Seil zu schneiden”, verstorbene Säuglinge (plötzlicher Kindestod) verzweifelten Müttern / Großmüttern “abringen” zu müssen, tote, 13-jährige Teenager in öffentlichen Toiletten aufzufinden, Gaffer nach einem Suizid aus dem 15. Stock zu verscheuchen, oft durchgeführte, erfolglose Reanimationen, sich mit geballter Faust in der Hosentasche, von Negern anspucken lassen zu müssen, oder wochenlang Straftäter ermittelt und drei Tage nach der Anzeigerstattung von der “Einstellung des Verfahrens” erfährt … – alles selbst und mehrmals schon (durch)/erlebt – tägliche Arbeit eines normalen Polizisten im urbanen Bereich. Nur weil es mir gerade wieder einmal in den Sinn kommt.

    Nein, – ich habe kein Mitleid mit einer (ungewählten) Person, die auf mich persönlich wirkt, als wäre sie einer “slimfit”- Werbung entsprungen, die Bevölkerung mit leeren Phrasen zu gewinnen sucht und ernsthaft daran glaubt, damit durchzukommen. Ich hoffe, dass das auch sehr viele Wähler im Oktober ebenso sehen ….

  10. Weninger

    @KTM
    “Diese Partei, die mehr als ein paar Jahre Zeit hatte sich um die eigene Bevölkerung, deren Probleme, Ängste und Hoffnungen zu kümmern ? ”

    Gilt aber ebenso für die VP, die seit 17 Jahren sämtliche Schlüsselressorts hält. Werden wir ja sehen, ob der Kanzler Kurz der Sache eine Wendung zum Besseren gibt. Ich zweifle noch, lasse mich aber gerne überzeugen. Bis jetzt auch nur viel heiße Luft und Aussicht auf Steuersenkungen durch eine Hoffnung auf wachsende Wirtschaft. Etwas kühn. Das Ausländerthemna ist nicht unser einziges Problem, auch wenn es manchmal medial fast so scheint.

  11. KTMTreiber

    @Weninger:
    Natürlich auch für die ÖVP – hätte ich noch anführen sollen, man möge mir dies nachsehen. (Punkt)

  12. KTMTreiber

    @Weniger / Nachtrag:

    Um es auf den Punkt zu bringen. Ich schxxxxe auf sämtliche Parteien. Egal ob SPÖ/ÖVP/FPÖ/GRÜNE/NEOS oder sonstigen Dreck ! Eine Partei, die mich und meine Interessen vertretet,- ist bis dato nicht etabliert. Dennoch werde ich mein Wahlrecht auch in diesem Jahr wahrnehmen und einer Partei, von der ich eigentlich gar nichts halte, meine Stimme geben, – aus reiner Notwehr und in der Hoffnung, dass SPÖ und ÖVP endlich den sprichwörtlichen “Ernst der Lage” begreifen.

  13. Falke

    Dazu kommt ja noch die Katastrophe seines Parteifreundes in Deutschland, da ist Kern ja bereits jetzt starr vor Angst. Schulz hatte allerdings offenbar nicht so gute Berater wie Kern 🙂

  14. Christian Peter

    Christian Kern ist momentan eher ein kleines Übel in Österreichs Politik – weit mehr Sorgen bereiten der Zahntechniker Strache und Studienabbrecher Kurz : Noch niemals gab es in Österreich derartige Blindgänger als Parteichefs in der Politik.

  15. Tom Jericho

    @Christian Peter: Doch, doch: Busek, Spindelegger, Molterer, Glawischnig, Vranitzky, Klima, Gusenbauer und Faymann, nur um neben Christian “Prinzessin Glaskinn” Kern noch ein paar Blindgänger zu nennen. Schüssel war die rühmliche Ausnahme (sein Fehler war, daß er geglaubt hat, nicht wahlkämpfen zu müssen).

  16. Der Realist

    @Tom Jericho

    gut beobachtet, Herr Kurz hat sein Studium ja nur wegen seiner zeitraubenden beruflichen Tätigkeit vorläufig unterbrochen, im Gegensatz sucht das Faymandl noch immer sein Maturazeugnis, und an der Spitze des Nationalratpräsidiums sitzt eine Zahnarzthelferin.
    Kern kann am 16. Oktober wieder seine Spielzeugeisenbahn hervorholen.

  17. Christian Peter

    @Tom Jericho

    Bei Werner Faymann haben sie recht, alle anderen Genannten sind aber weit höher einzuschätzen als ein Kurz oder Strache. Eva Glawischnig ist es sogar gelungen, ihr Rechtswissenschaft – Studium erfolgreich abzuschließen.

  18. Christian Peter

    @Der Realist

    Nichts als Ausreden. Talente schließen ein Studium auch berufsbegleitend ab, kenne übrigens selbst jemanden, der ein Studium der Rechtswissenschaften berufsbegleitend abschlossen hat und das auch noch in relativ kurzer Zeit.

  19. Rennziege

    29. September 2017 – 17:25 — Christian Peter
    Bitte submissest: Budder bei de Fisch’, wie man an der Waterkant sagt: Haben Sie den ein (auf welchem Weg immer) abgeschlossenes Studium? Oder wenigstens eine Matura?
    Wär’ interessant zu erfahren; allerdings weisen Monotonie und Qualität Ihrer Ergüsse auf nichts von beiden hin. Nixx wie los, keine Scham!
    Es ist halt immer a wengerl verwegen, von anderen etwas einzufordern, was man selber nicht vorweisen kann.

  20. Karl 47

    Nächste Frage: warum muss ein Politiker so unbedingt Akademiker sein? Noch mehr Politik”wissenschafter” oder so. Wie wärs mit Leuten mit guten Hausverstand?

  21. Johannes

    Herr Pock alles was sie oben schreiben wurde heute in einer gut koordinierten Aktion von mehreren Wirtschaftsforschungs- Instituten und dem ORF mit einem Federstrich in den Müll entsorgt.
    Der Scherbenhaufen den die Genossen im gesamten bisherigen Wahlkampf verursacht haben wurde jetzt von echten Profis vollständig entsorgt und durch neues wunderschönes Porzellan ersetzt.
    Jetzt wissen wir es alle Österreich ist Spitze, die Wirtschaft boomt, es brummt nur so, die Staatseinnahmen explodieren, nun ein Defizit bleibt auch dieses Jahr aber halt nicht so hoch, die Unternehmer investieren wie fast noch nie, einer der Herren verstieg sich im Mittagsjournal sogar zu der Behauptung nicht ganz aber fast wie im Nachkriegs-Wiederaufbau sei die Dynamik, Euphorie 14 Tage vor der Wahl, so ein Zufall aber auch könnte man meinen.

  22. Tom Jericho

    @Christian Peter: Sorry, ich wußte nicht, das “Blindgänger” bei Ihnen nicht für Akademiker gilt. Sehe ich anders.

  23. Christian Peter

    @Karl47

    Weil es um die höchsten politischen Ämter des Landes geht. Es kann nicht angehen, dass in Österreich an Hilfskräfte in der Privatwirtschaft höhere Anforderungen gestellt werden als an Bewerber für das Bundeskanzleramt. Dieser Missstand gehört endlich abgeschafft, Bewerber ohne nennenswerte Qualifikationen haben in der Politik nichts verloren.

  24. Christian Peter

    @Tom Jericho

    Außerdem : Wie sollen Volksvertreter die Interessen der Bevölkerung vertreten, die noch niemals in der Privatwirtschaft tätig waren ? Diese Missstand gehört abgeschafft, Bewerber ohne Berufserfahrung in der Privatwirtschaft haben in der Politik nichts verloren.

  25. Karl 47

    @CP
    ja die hohen Anforderungen: die sind einmal gut zuhören zu können, wesentliche Probleme und nicht eingebildete zu erkennen und zu lösen. Gut verhandeln zu können und vor allem Menschen für seine Ideen zu gewinnen. An welcher Hochschule wird so etwas gelehrt? Ein arroganter Akademiker kann kein guter Volksvertreter sein. Es fällt doch auf dass die unsinnigsten Ideologien von Akademiker bzw. sehr gut Gebildeten kamen. Wirtschaftsleute die auf einer höheren Ebene werken können im Betrieb diktatorisch durchgreifen. In der Politik versagen sie meistens. Warum wohl?
    Ich kann Sie trösten: das Mana des Herrn Kurz wird schnell verblassen wenn die Mühen der Ebene kommen. Aber dies hat nichts mit der Ausbildung zu tun sondern mit den versteinerten Struktiuren.

  26. Christian Peter

    @Karl 47

    Was glauben Sie : Für welche Jobs kommt man als Maturant wie Sebastian Kurz in der Privatwirtschaft in Frage ? Jobs für Maturanten sind in der Regel einfachste Tätigkeiten in der Verwaltung, wobei HAK – Absolventen einen höheren Stellenwert genießen als AHS – Absolventen. Googeln Sie die Begriffe ‘Matura’ + Jobs, dann wissen Sie, worüber wir sprechen.

  27. Christian Peter

    @Der Realist

    Als Sebastian Kurz zum Integrationsstaatssekretär ernannt wurde, war er bereits 24 Jahre alt, andere haben in diesem Alter das Studium längst abgeschlossen, manche bereits mit 22 Jahren.

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