Mordkoreas Eigentor

(A.UNTERBERGER) Eine Woche lang schien es so, als hätte sich die US-Filmindustrie wirklich durch nordkoreanische Drohungen und Hacker-Attacken einschüchtern lassen und einen Film über eine fiktive Ermordung des dortigen Diktators endgültig aus dem Verkehr gezogen. Das war ein deprimierendes Signal. Über die Feiertage haben sich dann aber doch viele unabhängige US-Kinos getraut und das – nach übereinstimmenden Angaben eher mittelmäßige – Werk hergezeigt.

Das zeigt: So leicht lassen sich die Amerikaner doch nicht einschüchtern. Und der nordkoreanische Jungdiktator hat mit seinen Drohungen erst so richtig Werbung für den sonst wahrscheinlich völlig unbeachtet gebliebenen Film gemacht. Außerdem hat er offensichtlich den Ehrgeiz amerikanischer Hacker geweckt, jetzt im Revancheakt möglichst oft das gesamte (wenn auch rudimentäre) nordkoreanische Internet lahmzulegen. Damit hat Kim Jong-un ganz offensichtlich genau das Falsche gemacht.

Er hat damit seine ohnedies nur mikroskopischen Bemühungen um kleine Entspannungssignale zunichte gemacht, die man bei genauem Hinschauen in letzter Zeit entdecken konnte. Jetzt wird er es wohl noch schwerer als die kubanische Diktatorenfamilie haben, aus der Ecke geistig abnormal eingestufter und zu isolierender Herrscherhäuser herauszukommen.

Das ist fast schade. Auch wenn klar ist, dass Nordkorea viel brutaler regiert wird, als es in Kuba jemals der Fall war. Auch wenn klar ist, dass Nordkorea Atomwaffen hat und Kuba nicht. Aber vielleicht hat der – sogar optisch nicht sehr intelligent wirkende – Mann in Pjöngjang in paranoider Art ja wirklich geglaubt, dass irgendwelche Attentäter auf ihn angesetzt seien. Er hat jedenfalls mit der Reaktion auf diese Ängste seinem Land, aber auch der Entspannung einen wohl lang anhaltenden Schaden zugefügt.

Nicht ganz auszuschließen ist aber auch eine ganz gegenläufig lautende Fern-Psychoanalyse: Ist der Mann vielleicht gar gekränkt, dass er nicht einmal in der Rolle des abgrundtief böse sein wollenden Schurken wirklich ernst genommen wird?

PS: Spannend wird noch, ob sich auch in Österreich Kinos trauen (dürfen), den Streifen aufzuführen. Oder ob sie vielleicht in schlechter österreichischer Tradition schon vorher den vertraulichen Rat des Verfassungsschutzes bekommen werden, lieber gleich einmal sicherheitshalber den Schwanz einzuziehen (TB)

4 comments

  1. aaaaaaaa

    Der Film ist übrigens gar nicht amerikanisch, sondern von zwei kanadischen Regisseuren und einem japanischen Filmverlag.

  2. aneagle

    ….und was ist, wenn die Firma Sony lediglich ihre Kosten für einen eher mittelmäßigen Streifen hereinbringen wollte und ein Marketingevent mit unfreiwillliger Hilfe der hauptsächlich verdutzten Nordkoreaner veranstaltete?
    Dazu würde passen, dass ein nicht gerade mit Eigenintelligenz oder guten Beratern belasteter Obama voreilig auf die Ente einstieg und jetzt alles sagen kann, außer, dass er einem Gag aufgesessen ist.
    Fazit: Sony hat es geschafft, die Kosten sind hereingekommen, der Film kann verschwinden 🙂

  3. aaaaaaaa

    @aneagle: Für Obama gab es natürlich gute Gründe, auf den Zug auf zu springen: So kann er mehr Geld für die NSA begründen, außerdem vom Folterbericht ablenken. Also selbst wenn die Behauptung völlig erfunden ist, macht die Reaktion von Obama Sinn.

  4. Riso

    Fast alle Experten sind der Meinung, dass Nordkorea den Hack nicht gemacht hat, sondern wer anderer.

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