Na klar, die Terroropfer sind selber schuld!

(C.O.) Zu Beginn dieser Woche, als endgültig feststand, dass es auf diesem Planeten außerhalb des Islamischen Staates praktisch niemanden mehr gibt, der nicht „Charlie“ ist, brachte auch der österreichische Bundespräsident seinen legendären Mut in Stellung und verkündete dem zum Neujahrsempfang angetretenen Diplomatischen Corps: „Je suis Charlie!“

Heinz Fischer bewies mit seiner Bekennung vor allem eines: wie situationselastisch er Marginalien wie Meinungs-oder Pressefreiheit zu beurteilen imstande ist. Denn 2006, als die berühmten dänischen Mohammed-Karikaturen für Zoff sorgten, war er noch nicht so wirklich Charlie: „Wenn ein sogenanntes Abbildungsverbot ein wesentliches Element einer Religion bildet, dann soll und darf man nicht doppelt gegen diesen Grundsatz verstoßen, indem nicht nur das Abbildungsverbot durchbrochen wird, sondern durch eine karikierende Darstellung der kränkende Tabubruch noch verstärkt wird“ (Rede vor dem Europarat, Februar 2006).

Der Bundespräsident behauptet also heute, metaphorisch jemand zu sein – Charlie –, dessen Verhalten er als unzulässig („Man darf nicht“) und ungehörig („man soll nicht“) bezeichnet hat. Vom Standpunkt der intellektuellen Redlichkeit und Konsistenz ist da noch etwas Luft nach oben. (Dass er das Saudi-Propagandazentrum in Wien verteidigt, passt übrigens bestens in dieses Bild.)

Heinz Fischer ist freilich nicht der Einzige, der uns in diesen Tagen zeigt, dass eine konsequente Haltung, wie sie die „Charlie Hebdo“-Redaktion bewiesen hat, außer Ärger nicht viel bringt. Im „Profil“ war etwa vor zwei Jahren noch zu lesen: „Die Anhänger Mohammeds offensiv mit Satirischem zu verletzen – das tut man einfach nicht. Da mögen die ,Charlies‘ und ,Titanics‘ noch so aufklärerisch daherkommen und sich als Vorkämpfer der Meinungsfreiheit gerieren.“ Und weiter: „Im Westen sollte man aber mit den Mohammed-Verarschungen Schluss machen. Sie sind letztlich für den Tod unzähliger Personen mitverantwortlich.“ Na klar: Die Karikaturisten sind irgendwie für ihren eigenen Tod selbst verantwortlich, weil sie nicht „mit den Mohammed-Karikaturen Schluss gemacht“ haben.

Diese Woche freilich las sich das, sozusagen umständehalber, ein wenig anders: „Charlie Hebdo“, so formulierte der gleiche „Profil“-Autor empathisch, habe „seit Jahr und Tag zu intelligentem Lachen verführt“ und stünde „fest in der Tradition jener Aufklärung, die nicht nur der französischen Republik, sondern der ganzen Welt den Wertekanon der Menschenrechte, der Toleranz und des Universalismus hinterlassen (hat)“.

Dass nicht nur ein toter Fisch mit dem Strom schwimmt, bewies „Profil“ auch eindrucksvoll mit seiner jüngsten Titelgeschichte „Was den Islam gefährlich macht“. Denn wer, wie etwa Henryk Broder, Thilo Sarrazin, Alice Schwarzer (oder der Autor dieser Kolumne) auch nur moderat islamkritische Thesen vertrat, ist von „Profil“ nach dem Massaker des Anders Behring Breivik gnadenlos und namentlich als jemand bezeichnet worden, der „die Paranoia eines Einzeltäters salonfähig macht“, als publizistischer Mittäter Breiviks also.

Wenn das je gestimmt hätte, was macht dann „Profil“ 2015 mit einem Cover „Was den Islam gefährlich macht“ eigentlich salonfähig?

Es war freilich kein Privileg des heimischen Justemilieu, seine Haltung situationselastisch an das Wehen des Zeitgeistes angepasst zu haben. Da war etwa, eingeladen vom französischen Staatspräsidenten François Hollande, in der ersten Reihe der am Sonntag in Paris Hand in Hand gegen den Terror protestierenden Politiker auch Palästinenserpräsident Mahmud Abbas zu sehen. Er war einst im terroristischen Milieu unter seinem Künstlernamen Abu Mazin bekannt.

„Wir kotzen auf all die Leute, die sich plötzlich unsere Freunde nennen“, hat der holländische „Charlie Hebdo“-Zeichner Bernard Holtrop dieser Tage gemeint. Man kann ihn irgendwie verstehen. (Presse)

8 comments

  1. Syria Forever

    Shalom Herr Ortner.

    Charmant.
    Das Bild des angetretenen politischen Establishments, inklusive Herrn Abu Mazin, das ein wenig später das Net flutete, die Herrschaften, abgeschirmt in einer Seitengasse? Es erinnert ein wenig an das alte Rom; “Ave imperator! Morituri te salutant.”. Wie wird der Souverän entscheiden?

  2. Thomas Holzer

    Der “Souverän” wird weiterhin diese Politikerdarsteller wählen; nicht umsonst ist das Fakt des Spazierganges in einer Seitengasse maximal eine Petitesse in der Berichterstattung, vor allem der öffentlich-rechtlichen Medien; wird doch fast jeden Tag “der eindrucksvolle Schulterschluß” von mehr als 50 Staats- und Regierungschefs mit dem Volk beschworen; erst kürzlich z.B. von einem Herrn Armin Wolf.

  3. Selbstdenker

    „Wir kotzen auf all die Leute, die sich plötzlich unsere Freunde nennen“

    Dem kann man nur noch hinzufügen: wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.

  4. Syria Forever

    Selbstdenker, Shalom

    Wie recht Sie haben!
    Wenn man der Presse, Plattformen, Foren und anderen, ausserhalb Europas, folgt, liegt in Paris ein sehr grosser Hund begraben.
    Wie es scheint ist nichts wie es den Eindruck erwecken soll(te). Folgt man der Berichterstattung weiter könnte man fast meinen, die EU Intern, ist sich nicht einig und mit den USA ist man sich äusserst uneinig.
    Der Eindruck entsteht, man ist sich auch über die Mittel der gegenseitigen Erpressung nicht einig?
    Wenn man dann der relativ gleich-geschalteten Presse, das hat auch Vorteile, in einer halben Stunde hat man sich durch ganz Europa gelesen, in Europa folgt, erscheint ein ganz anderes Bild.
    Die Wahrheit bekommt in unserer Zeit ganz neue Bedeutungen.
    Guten Tag

  5. Fragolin

    >>>Wenn ein sogenanntes Abbildungsverbot ein wesentliches Element einer Religion bildet, dann soll und darf man nicht doppelt gegen diesen Grundsatz verstoßen…<<<
    Lieber Bundesheinzi, das Abbildungsverbot besteht erstens auch in der Bibel und der Tora und bezieht sich zweitens auf Gott und nicht auf seine Propheten. Da ja der Islam nicht nur wie von deren Kanzleuse erklärt zu Deutschland gehört sondern offensichtlich zur ganzen EU, sollte sich ein Bundespräsident vielleicht einmal mit den Grundlagen seiner Meinungsbildung beschäftigen. Sehr simplifizierte WC-Lektüre:
    http://www.welt.de/kultur/article136302338/Der-Mythos-vom-Mohammed-Darstellungsverbot.html
    Es gab den protestantischen Bildersturm zu Zeiten der innerchristlichen Religionskriege, aber kein Protestant würde heute auf die Idee kommen, wegen einer Christus-Karikatur die evangelische Welt in Zornausbrüche zu versetzen oder zu Terroranschlägen aufzurufen. Wohl auch deshalb würde unser Bundesheinz nicht auf die Idee kommen, zur Rücksicht auf die religiösen Gefühle von Protestanten aufzurufen. Man kuscht halt nur vor denen, von denen man Gewalt zu erwarten hat. Auf den anderen kann man ruhig herumtrampeln, oder?

  6. aneagle

    wenn jetzt schon UHBP “Charlie” ist, dann hat Charlie Hebdo seinen gerechten Lohn für seine ermüdenden Scherze bereits erhalten. Die Gewalt der einen, fördert nicht die Kunst der anderen.
    Andererseits muß man Charlie Hebdo zugutehalten, dass sich UHBP erst als “Charlie” geoutet hat, als er sich sicher sein durfte, dass sich Charlie Hebdo, nicht mehr selbst dagegen wird verwahren können. Die Welt ist noch in Ordnung- Jeder bekommt den Genossen, den er verdient, auch Österreich. 🙂
    Über die EU-Polit(truck)truppe die streichelzooartig, Hand in Hand mit Herrn Abbas, dem Palästinenserpräses , ihr Betroffenheitshappening in abgeschirmten Seitengassen abhielt, kann man nur den Kopf schütteln und sich fremdschämen. Das also sind die Leutchen, die uns regieren und dementsprechend Geld und Respekt verdienen?
    Einige Fragen drängen sich auf: Wieso gehen die spazieren? Ist schon alles in Ordnung? Hat keiner von denen etwas Sinnhaftes zu tun ?

  7. Christian Weiss

    „Wenn ein sogenanntes Abbildungsverbot ein wesentliches Element einer Religion bildet, dann soll und darf man nicht doppelt gegen diesen Grundsatz verstoßen, indem nicht nur das Abbildungsverbot durchbrochen wird, sondern durch eine karikierende Darstellung der kränkende Tabubruch noch verstärkt wird“ –

    Ich habe eben gerade das Antiheinzfischertum gegründet. Eine Religion, deren Kernelement der Lehre es ist, dass jeder Trottel auf diesem Planeten eher für das Amt eine Propheten oder eines Messias in Frage kommt als Heinz Fischer.
    Heinz Fischer möge bitte seine eigenen Worte zu Herzen nehmen und von seinem Amt als Bundespräsident zurücktreten. Mich als strenggläubigen Antiheinzfischerist verletzt es zutiefst in meinen religiösen Gefühlen, dass er Bundespräsident ist und sich öffentlich äussert. Denn das Antiheinzfischertum verbietet es, dass Heinz Fischer die Öffentlichkeit dadurch belästigt, dass er zu sehen und zu hören ist.

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