Na klar, wie immer sind die Juden an allem schuld!

Von | 14. Mai 2016

(Christian ORTNER) Während europäische Sozialdemokraten vom EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz abwärts sittlich erregt vor einer faschistischen Machtergreifung in Österreich im Fall eines Wahlsieges des FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer schwurbeln, tut sich auch im antifaschistischen linken Camp ganz Interessantes.

Mit einem eher unorthodoxen Geschichtsverständnis trat da etwa jüngst der ehemalige Bürgermeister von London, Ken Livingstone, eine Ikone der politischen Linken Europas, an die erstaunte Öffentlichkeit: „Erinnern wir uns, dass es Hitlers Politik war, [. . .] dass die Juden nach Israel umsiedeln sollten. Damit unterstützte er den Zionismus. Dann wurde er verrückt und brachte am Ende sechs Millionen Juden um. Adolf Hitler als ungeouteter Klosett-Zionist, der schließlich in einer Kurzschlusshandlung, wie sie doch jedem irgendwann einmal passieren kann, irrtümlich den Holocaust veranstaltet – das hat was. Wir können uns lebhaft vorstellen, was passieren würde, wenn Norbert Hofer derartigen Müll absonderte.

Schon früher hatte im gleichen Sound die Labour-Abgeordnete Naz Shah in einem Facebook-Eintrag „den Transport der Juden (aus Israel) in die USA“ als „Lösung für die Krise im Nahen Osten“ begrüßt. Dazu postete sie eine Karte der USA mit Israel als 51. Staat. Und auch der Chef der Labour Party selbst, Jeremy Corbyn, tut sich nicht ganz leicht, sich von Antisemiten abzugrenzen. Die Terrorgruppen Hamas und Hisbollah, beide der Auslöschung des jüdischen Staates verpflichtet, hat er vor nicht allzu langer Zeit noch als „Freunde“ bezeichnet.

Dass die politische Linke keine überdimensionierten Berührungsängste vor antisemitischem Islamismus hat, ist freilich kein auf das Vereinigte Königreich beschränktes Phänomen, das ist in fast ganz Europa zu beobachten. Auch der Wiener SPÖ-Politiker Omar al-Rawi trat schon bei einer Demonstration von Hamas-Anhängern in Wien auf, bei der es zu schweren antisemitischen Ausschreitungen gekommen ist. Dafür darf er sich seit Kurzem über das Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich freuen. Passt schon. Wo immer sich Antisemitismus notdürftig als Israel-Kritik tarnt, ist die politische Linke eifrig mit an Bord.

Bis zu einem gewissen Grad folgt sie damit historischer Tradition, die sich von Karl Marx‘ Essay „Zur Judenfrage“ bis zum Antisemitismus der SPÖ der frühen österreichischen Nachkriegszeit wie eine rote Markierung durchzieht. Und in gewisser Weise noch immer nachwirkt, wenn etwa in der zeitgenössischen linken Bewegung Occupy Wall Street und auf verwandten antikapitalistischen Plattformen mit antisemitischen Topoi gearbeitet wird: „Humanity vs. the Rothschilds“ und „Google: Wall St.Jews“ lauten da etwa einschlägige Losungen.

Vor allem aber geht die Linke, darin mit den antisemitischen Islamisten durchaus einer Meinung, von einer wenig belastbaren Analyse aus: Für beide liegen die Wurzeln des islamistischen Fanatismus nicht in der Religion Islam, sondern im bösen westlichen Kolonialismus und Imperialismus und in der Unterdrückung und dem Elend, die der Westen damit gebracht hat.

Dass Antikapitalismus und Antisemitismus sich darob so oft und so intensiv im intellektuellen Zungenkuss finden, überrascht angesichts dieser politischen Logik nicht wirklich. Da findet vielmehr zusammen, was zusammengehört. Ken Livingstone, der frühere Londoner Bürgermeister, beklagt sich übrigens mittlerweile über „eine wohlorchestrierte Kampagne der israelischen Lobby“. Na klar, die Juden sind schuld!

PS – ausnahmsweise: Zur Personalie Werner Faymann ist eigentlich nur noch anzumerken, dass der zweifelsohne für das Amt des Bundeskanzlers ungeeignetste Politiker seit 1945 der Republik Österreich wenigstens ein Mal einen Dienst erwiesen hat, indem er den Weg für jemanden anderen freigegeben hat.      („Presse“)

14 Gedanken zu „Na klar, wie immer sind die Juden an allem schuld!

  1. Der Realist

    bei Martin Schulz dürfte es sich um Folgeschäden seines exzessiven Lebenswandels in seiner Jugend handeln (aus Deutschland war ja irgendwas von Birne hohl oder weich zu vernehmen)

  2. aneagle

    Schulz ist lernfähig. Er wandelt auf den Spuren seines luxemburgischen Vorbildes. Und hat doch der unheilbar alkoholkranke EU-Staatsratsvorsitzende gezeigt, dass in der EU ein politischer Aufstieg nicht mit einem benebelten Gehirn alleine, sondern ausschließlich mit dem Besitz einer Titan-Betonleber erlebbar wird.

  3. aneagle

    PS: das die Juden an allem schuld sind ist auch nicht gerade eine brandneue politische Denkrichtung. Eher Retro, wie das ganze rote Gesocks, samt ihren Islamofaschisten. Eben Jahrhunderte hintennach. Bis sich Begriffe wie Demokratie, Menschenrechte und Gewaltlosigkeit in deren politischen Kanon eingefügt haben, ist die Erde schon lange wieder eine Scheibe.

  4. Selbstdenker

    @Christian Ortner:
    Vielen Dank für diesen längst überfälligen Artikel. Es ist in der Tat beschämend wie sich schuldig wissende Kreise immer wieder an den Juden abputzen wollen.

    @aneagle:
    Wie bereits gestern beschrieben, haben die Linken die Nazikeule so inflationär eingesetzt, dass sie immer stärker an Wirkmächtigkeit verliert.

    Nun suchen Sie sich neue rhetorische Wunderwaffen: z.B. Islamophobie. Das „Denken“ der Linken ist mittlerweile so degeneriert, dass sie ernsthaft – methodisch den Holocaust-Relativiererern durchwegs ähnlich – die Moslems als „die Juden von heute“ bezeichnen.

    Die heutige Taktik der Linken: antijüdische Ressentiments in „Israelkritik“ verpacken und zum Teil sogar unverhüllt rausbrüllen. Gleichzeitig mit allen erdenklichen Mitteln den politischen Gegnern (=“die Rechten“) einen Strick nach dem anderen drehen um diese als „Nazi“ zu diffamieren. Das lenkt von der Anbiederungstaktik an den muslimischen Judenhass ab und die Medien spielen mit.

  5. astuga

    Ken Livingstone (aka Red Ken) folgt eben den Spuren seines Freundes Yusuf Qaradawi.
    Hass-Prediger (etwa bei al-Jazeera), Judenhasser, Holocaust-Fan, Genitalverstümmelungs-Befürworter und Schwulenhasser.
    Den er noch als Londoner Bürgermeister eingeladen und freundlich empfangen hatte (denn dieser sei eine progressive Stimme [sic!] in der isl. Welt).

    http://leftfootforward.org/2010/09/livingstone-al-qaradawi-is-a-leading-progressive-voice-in-muslim-world/
    Yusuf Qaradawi im TV: Islam wird Europa erobern…
    youtube . com/watch?v=eDtSqqciar0

    Qaradawi ist übrigens auch Vorsitzender des Europäischen Fatwa Rates.
    Wikipedia: European_Council_for_Fatwa_and_Research

  6. Hanna

    Die jüdischen Mit-ÖsterreicherInnen sollten sich langsam auch überlegen, auf welcher Seite es „sicherer“ ist, bei Van der Bellen, der Masseneinwanderung von Moslems propagiert, oder bei Hofer, der angeblich ein „Nazi“ ist, dessen Partei sich aber um gute Kontakte mit Israels jüdischen GenossInnen bemüht …

  7. Falke

    Man kann die Israelitische Kultusgemeinde in Österreich bzw. den Zentralrat der Juden in Deutschland nicht von jeglicher Schuld an diesen Zuständen freisprechen. Statt sich jedesmal hörbar zu melden und auf die Gefahren und auch Tätlichkeiten von links und von den moslemischen Invasoren lautstark hinzuweisen, sowie auch den linken Politikern klar ihren Antisemitismus vorzuhalten, ziehen sie es vor, sich möglichst still und unauffälig zu verhalten. Nur gegen Haider traute sich die IKG laut aufzuschreien; gegen Strache gibt es keinen Anlass mehr und vor den neuen Antisemiten haben sie offenbar Angst oder sind mit ihnen irgendwie politisch und wirtschaftlich verbandelt (etwa mit der roten Gemeinde Wien).

  8. gms

    ‚As Hannah Arendt observed, a disciplined minority of totalitarians can use the instruments of democratic government to undermine democracy itself.‘ — Mike Lofgren

    Hannah Arendt mußte für ihr Hauptwerk, ‚Die Banalität des Bösen‘, jede Menge Kritik einstecken, insbesondere von jüdischer Seite. Nationalsozialismus und Stalinismus seien nicht vergleichbar, Arendt hätte zuwenig Augenmerk auf wirtschaftliche, militärische und politische Umstände gelegt, ihre Ausführungen basierten auf Verschwörungstheorien, namhafte Historiker würden ihr Bild vom Totatalitarismus ablehnen und überhaupt betriebe sie Victim-Blaming.

    Insbesondere der letzte Vorwurf wiegt schwer und basiert auf Arendts Darlegungen, Juden seien beruflich erfolgreich gewesen und damit damit nur allzuleicht Ziel von Anfeindungen, aber auch auf der Behauptung, das Unglück hätte sich abgezeichnet, man hätte es kommen sehen können [1].
    Hauptkritiker Arendts ist Bernhard Wasserstein, der wiederum selbst über die Rolle jüdischer Verleger in den 30er-Jahren unlängst schrieb [2]:

    “These papers felt they should not be solely serving the Jewish interest. They were hostile to Nazism, and extreme nationalism, but they realized their position was precarious. When the Nazis came to power, they were able to stifle these papers, in some cases close them down, in other cases take them over. The papers felt their best hope in achieving a broad interest in society was not to insist on a parochial Jewish interest, but to try and show that what was being endangered by the role of extreme nationalism, and Nazism, was liberal values. And that lead them to downplay these rather specific Jewish aspects of what was going on.”

    Gesamtgesellschaftliche Interessen versus Eigennutz, Klartext oder Lavieren. Da hat man das Zeug zum Erkennen und zweckmäßigem Agieren, doch einmal mehr ist es das Banale, das sich im Rückblick erfolgreich unter der Maske des Offensichtlichen verbarg. Was weiß man, was darf man offenlegen, welches Ziel ist höherwertiger oder wobei läuft man gar Gefahr, von Antisemiten als Stichwortgeber vereinnahmt zu werden? — Wie sehr sich doch die Bilder von gestern und heute gleichen!

    C.O.: „Und in gewisser Weise noch immer nachwirkt, wenn etwa in der zeitgenössischen linken Bewegung Occupy Wall Street und auf verwandten antikapitalistischen Plattformen mit antisemitischen Topoi gearbeitet wird: „Humanity vs. the Rothschilds“ und „Google: Wall St.Jews“ lauten da etwa einschlägige Losungen.“

    Wer Occupy Wall Street als genuine linke oder Bottom-Up-Bewegung vermutet, hält selbiges wohl auch von Inclusive Capitalism, die unter der Schirmherrschaft der Rothschilds weitere Größen wie die Rockefellers und Fords vereint [3] und offen konzediert, das Ansinnen hätte verdammt kommunistische Züge, sei aber fürs Glück auf Erden unabdingbar. Einmal mehr scheint um 10er-Potenzen zu banal, wonach die Instrumentalisierung des Sozialismus unter der Fahne von Demokratie und Menschenwürde jenen in die Hände spielt, die hinter den Kulissen mit Big-Money und Big-Government die Weichen für den weltweiten Linksruck in die vorgeblich klassenlose Gesellschaft stellen.

    Der eingangs mit seiner Aussage über Arendt ziterte Mike Lofgren wurde vor wenigen Tagen im „Standard“ inverviewt, er stellte dort sein Buch „Deep State“ vor [4]. Eine seiner Kernaussagen: ‚Das Establishment wollte, dass Clinton gegen Jeb Bush antritt – also Cola gegen Pepsi.‘
    Wie die meisten Linken in bester Tradition des rezenten Mainstreams aber zielt seine jüngst in Österreich veröffentlichte Kritik just eine Ebene unter die wahren Machthaber, der Legende nach sind es die Reichen der New-Economy, die sich des Staates bemächtigen. Manche Kommentatoren im Forum des „Standard“ meinen, das Interview wäre gekürzt, doch egal ob das stimmt oder nicht – es wird deutlich, daß Logfren tatsächlich die Vereinnahmung der US-Administration durch Plutokraten weitaus früher ansetzt [5][6].

    Wer sind jetzt die paranoiden Spinner und wer die Antisemiten? Ist es der ~linksliberale~ Standard, der Lofgren per Schlagzeile verkürzt auf das Treiben von Silicon-Valley-Tycoons, ist es Lofgren, der mit keiner einzigen Silbe eine jüdische Verschwörung thematisiert oder ist es Hans-Herman Hoppe, der auf mises.org einmal mehr tiefer gräbt als andere, die sich zwar selbst Liberale heißen, denen es hierfür aber erkennbar an Mut fehlt, das Puzzle auch zu vollenden?

    [1] firstthings.com/article/2010/02/assaulting-arendt-footnoted-version
    [2] timesofisrael.com/the-downward-spiral-of-pre-wwii-european-jewry-bernard-wasserstein/
    [3] inc-cap.com/
    [4] derstandard.at/2000036660396/Eng-verbandelt-Wie-das-Silicon-Valley-die-US-Politik-beeinflusst
    [5] mikelofgren.net/introduction-to-the-deep-state/
    I use the term to mean a hybrid association of key elements of government and parts of top-level finance and industry that is effectively able to govern the United States with only limited reference to the consent of the governed as normally expressed through elections.
    The Deep State is the big story of our time. It is the red thread that runs through the war on terrorism and the militarization of foreign policy, the financialization and deindustrialization of the American economy, the rise of a plutocratic social structure that has given us the most unequal society in almost a century, and the political dysfunction that has paralyzed day-to-day governance.
    [6] amazon.de/Deep-State-Constitution-Shadow-Government/dp/0525428348
    [7] misesde.org/?p=5483

  9. Thomas Holzer

    Wäre ja auch interessant zu erfahren, wie viele dieser linken Antisemiten noch immer, schon wieder überzeugt sind, daß die „Protokolle der Weisen von Zion“ der Beweis für die „jüdische Weltverschwörung“ sind.

  10. gms

    Thomas Holzer,

    „Wäre ja auch interessant zu erfahren, wie viele dieser linken Antisemiten noch immer, schon wieder überzeugt sind, daß die „Protokolle der Weisen von Zion“ der Beweis für die „jüdische Weltverschwörung“ sind.“

    Interessiert das wirklich jemanden? Die Forenkollegen Hannah und Falke waren mit ihren obigen Beiträgen schon auf der richtigen Fährte, mein ausführlicheres Statement von heute 15:02 hängt noch in der Moderation fest und wird eingedenk der Zustände hier im Blog selbige auch nicht in Richtung Freigabe verlassen. Wäre ja noch schöner, käme auf, wonach unser Gastgeber gelegentlich falsch liegt.

  11. Christian Ortner Beitragsautor

    gms: „Eingedenk der Zustände hier im Blog“? Wenn Ihnen die nicht gefallen, steht es Ihnen frei, Ihre krausen Verschwörungstheorien anderswo abzusondern.

  12. Rennziege

    14. Mai 2016 – 15:53 Thomas Holzer
    Kurze Antwort, die tagtäglich erhärtet wird: Alle sind, damals wie heute, davon überzeugt. Ausnahmslos. Denn die Wurzel des Antisemitismus ist seit Jahrtausenden dieselbe: der Neid der passiven, untüchtigen und ungebildeten Kleinbürger wider alle, die aktiv, fleißig und einfallsreich sind.

  13. Thomas Holzer

    @gms
    Doch, mich interessiert das! 😉
    Und wie schon an anderer Stelle hier getippt: „Das Böse ist immer und überall“

  14. gms

    Thomas Holzer,

    > Und wie schon an anderer Stelle hier getippt: „Das Böse ist immer und überall“

    Das ist lustig, originell und Zeichen einer vertieften Einsicht, was hier aufklatscht und was nicht. Haben Sie noch mehr davon aus Lager, an dem Sie zwar Beteiligte, nach Ihrer Einschätzung aber offenkundlich dennoch Unwissende, teilhaben lassen wollen?

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