Nachruf auf ein Begräbnis

(CHRISTOPH AUGNER) Frau Thorning-Schmidt, Herr Obama und Herr Cameron schießen ein Foto von sich selbst. Man kann sicherlich diskutieren, ob ausgerechnet die Trauerfeier von Nelson Mandela dafür geeignet ist, sich eine lustige Zeit zu machen. Interessant ist allerdings, dass die dänische Ministerpräsidentin, der amerikanische Präsident und der britische Premierminister „Zeit hatten“ um nach Südafrika zu kommen.

Für Österreich hingegen konnte leider „aus terminlichen Gründen“ niemand gefunden werden, der den beschwerlichen Weg auf sich genommen hätte. Am Ende konnte sich dann doch der Bundesratspräsident von einer marokkanischen Delegation lösen und die Reise antreten. Leider aber – und das ist die Art von Humor, die es weltweit nur in Österreich gibt – erst einen Tag nach dem Begräbnis der Legende. Nicht, dass wir dort jemandem abgegangen wären oder dass es aufgefallen wäre, wenn wir dort vertreten gewesen wären (es ist unwahrscheinlich, dass Herr Faymann die gleiche Aufmerksamkeit des US-Präsidenten bekommen hätte wie die dänische Regierungschefin). Das interessante ist, was dem zugrunde liegt: die Ignoranz als Symptom.

Koalitionsverhandlungen sind wichtig – auch wenn das zahlreiche Poster in ihren höhnischen Kommentaren anders sehen – und es lohnt sich schon einmal einen anderen Termin dafür sausen zu lassen. Dennoch gibt es unendlich viel Wichtigeres: Mandela hat mit seinem Verhalten ein schlimmes Regime dem Ende zugeführt, hat sich für Freiheit, Menschenrechte, gegen die unfassbare Ungerechtigkeit der Rassentrennung aufgelehnt und hat persönlich hohen Preis bezahlt, nämlich den Verlust seiner eigenen Freiheit für eine sehr lange Zeit. Er konnte nicht wissen, dass er wirklich Erfolg haben würde, umso höher ist dieses Engagement einzuschätzen. Niemand verlangt von einem österreichischen Politiker auch nur annähernd solch ungeheure Opfer.

Was man aber verlangen muss, ist: dass eine Regierung sich klar hinter die Werte stellt, für die Menschen wie Mandela gekämpft haben: Freiheit, Menschrechte, Rechtstaatlichkeit. Der Besuch einer Trauerfeier, um einen großen Helden zu würdigen, gehört dazu – so haben das zumindest fast alle Regierungen der westlichen Länder gesehen.

Österreich nicht. Und das ist nicht nur ein politisches Problem, sondern auch ein Identitätsproblem. Viele Staaten haben die Werte durch ihr Blut gegen Regime selbst erkämpft, z.B. im durch Revolutionen. In Österreich war die Einführung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit an zwei kolossale militärische Niederlagen geknüpft inklusive des Abstiegs von der Weltmacht zum unbedeutenden Kleinstaat. Während andere Staaten ihre Nationalfeiertage mit großem Pomp begehen, ihre Verfassung oder Unabhängigkeit hochleben lassen, wird bei uns am 26.Oktober das Neutralitätsgesetz „gefeiert“, das Ergebnis eines Kompromisses der Siegermächte. Während andere europäische Länder sich klar am „Westen“ orientieren, fallen wir gelegentlich durch eine merkwürdige Vertrautheit mit autoritär regierten Ländern auf (natürlich aus rein wirtschaftlichem Interesse). Statt im Bildungsbereich die demokratischen Werte viel stärker zu vermitteln, orientieren wir uns am PISA-Test und schauen nach China, einem Land, dass punkto Erziehung genau das Gegenteil von dem tut, was wir wollen sollten: die Heranbildung selbstbewusster und eigenverantwortlicher Bürger, die ihre Rechte und Pflichten wahrnehmen. Wir waren nicht in Südafrika, weil „wir keine Zeit hatten“ – sondern weil wir nicht so wie andere daran glauben, dass Freiheit, Menschenrechte und Rechtstaatlichkeit die Grundlage für alles sind. 2014 begehen wir das Gedenkjahr für den ersten Weltkrieg: eine Möglichkeit unseren, eigenen österreichischen Weg in die Republik zu reflektieren und zum unauslöschlichen Teil unserer Identität zu machen.

5 comments

  1. Mona Rieboldt

    Vor allem, was hat denn Mandela so Großartiges geleistet? Dass er im Gefängnis saß mit eigenem Koch? Er hätte jederzeit aus dem Gefängnis gehen können, hätte er unterschrieben, dass er der Gewalt abschwört. Aber wenn solche Leute alt sind, werden auch Gewalttäter zu Ikonen hoch stilisiert.

  2. rubens

    Das war nicht Ignoranz. Das war Unterwürfigkeit. Unterwürfigkeit unter die EU. In diese Reihe reiht sich auch die Bestellung von Kurz als Außenminister.

  3. Thomas Holzer

    Demokratie und Rechtsstaatlichkeit:
    diese beiden sind bei Gott kein Geschwisterpaar, auf lange Sicht betrachtet schließen sich die beiden eher aus. Rechtsstaatlichkeit impliziert keine Demokratie, vice versa

  4. Reinhard

    Fährt der Bundesheinzi zur Ehrung eines Hardcore-Kommunisten, wird der Nordkorea-Freund in der Luft zerrissen. Fährt er nicht hin, regen sich die gleichen Leute auf.
    Was bitteschön ist jetzt der große Verlust, wenn sich Österreich nicht am Betroffenheitsreigen an Mandelas Sarg beteiligt?
    Das System der Apartheid war brutal und ungerecht. Der Machtwechsel von Weiß zu Schwarz brachte aber nur noch mehr neue Brutalität und Ungerechtigkeit, Kriminialitätsraten jenseits der Schallmauer, Enteignung, ethnische Säuberung ganzer Provinzen und wirtschaftlichen Niedergang.
    Mandelas Verdienst war das Ende der Apartheid. Sein Versagen war die Schaffung einer Gesellschaft, in der nur die eine Gewalt gegen eine andere getauscht wurde. Inwiefern das “besser” ist, sei den Betroffenen zur Einschätzung überlassen.

  5. Der Realist

    demnach dürfte der Bundesratspräsident erst morgen i Südafrika ankommen, abgegangen sind dort unsere “Wichtigen” garantiert keinem.
    neben der Lobhudelei Mandelas wäre allerdings eine genauere Betrachtung seines Lebenslaufes auch angebracht, wo viel Licht, ist auch viel Schatten Es scheint aber in der heutigen Zeit schon ein Verdienst zu sein, jahrelang in eine Straflager oder Gefängnis verbracht zu haben.

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