Nein, die Deutschen sind nicht schuld

(C.O.)   Sarah Wagenknecht, streitbare Abgeordnete der deutschen Linken, hat sich erst jüngst wieder einmal bitter über das “Lohndumping” beschwert, mittels dessen sich Deutschlands Wirtschaft einen angeblich ungerechtfertigten Wettbewerbsvorteil verschaffe: “Das Problem ist, dass unsere Lohnentwicklung weit hinter der vergleichbarer Länder zurückbleibt.”

Eine Behauptung, die nicht nur linke Politiker und Medienleute bei jeder sich bietenden Gelegenheit wiederholen. Dabei kommt es gelegentlich zu bemerkenswerten Koalitionen. Die Unterstellung, es sei nicht fair, “wenn Deutschland die Konkurrenzfähigkeit seiner Waren unzulässig durch Lohndumping erhöht”, kann man dem Sinne nach völlig ident in Reden von Donald Trump als auch jüngst in einem Kommentar des linksliberalen österreichischen Publizisten Peter Michael Lingens nachlesen, der schon seit Jahren unermüdlich gegen die angeblich zu niedrigen Löhne in Deutschland anschreibt.

Das Argument ist beeindruckend, hat nur einen kleinen Nachteil: Es handelt sich dabei weitgehend um Fake-News. Es stimmt einfach so nicht. Denn die nackten Fakten belegen die Behauptung nicht im Geringsten. So sind die für die Wettbewerbsfähigkeit zentralen Lohnstückkosten in Deutschland um 25 Prozent höher als zum Beispiel in den USA. Auch in Japan ist die Arbeitskraft mittlerweile signifikant billiger als in Deutschland. Kein Mensch in Europa aber käme auf den Gedanken, den Amerikanern oder den Japanern, also den beiden großen globalen Konkurrenten der Deutschen, Lohndumping vorzuwerfen.

Dabei stammen diese Zahlen noch aus dem Jahr 2015; in den vergangenen drei Jahren aber sind die Löhne und Gehälter in Deutschland um sage und schreibe sechs Prozent real – also selbst nach Abzug der Inflationsrate – gestiegen. Das ist ein stärkerer Anstieg als in den meisten anderen Industrieländern und hat deutsche Arbeitsleistung natürlich noch weiter verteuert. “Die Arbeitskosten in Deutschland sind jetzt schon das fünfte Jahr in Folge stärker gestiegen als im EU-Durchschnitt”, rechnete jüngst der deutsche Ökonom Christoph Schröder vor.

So haben wir uns Lohndumping eigentlich nicht vorgestellt.

Selbst die “Süddeutsche Zeitung”, nicht eben als Zentralorgan des Neoliberalismus bekannt, brachte es jüngst in einer umfangreichen Analyse auf den Punkt: “Der Vorwurf mit den Dumpinglöhnen ist absurd.”

Deutschlands in der Tat problematischer riesiger Exportüberschuss hat jedenfalls weitgehend andere Ursachen: nämlich die technologische Überlegenheit deutscher Autos, Maschinen oder Anlagen und den dank einer fatalen Gelddruckpolitik der EZB viel zu niedrigen Euro-Kurs. Denn dadurch verbilligen sich natürlich die extrem attraktiven Audis, BMWs oder Mercedes in den USA oder sonst wo in der Welt ganz erheblich, was zu entsprechend florierenden Exporten führt.

Beides kann man den Deutschen freilich nicht wirklich vorwerfen.

Ihnen aber wider besseres Wissen, belastbare Fakten und wasserdichte Statistik vorzuwerfen, sie betrieben Lohndumping, heißt schlicht und ergreifend nichts anderes, als Fake-News zu verbreiten. (WZ”)

17 comments

  1. Christian Peter

    Selbstverständlich ist es richtig, dass sich Deutschland mit unlauteren Methoden Wettbewerbsvorteile verschafft. Das ist nicht nur dem Lohndumping geschuldet, sondern vor allem der schwachen Gemeinschaftswährung, welche deutsche Waren extrem günstig macht. In einem fairen internationalen Handel kommt es eben nicht auf die Qualität der Produkte an, sondern darauf, dass sich die Qualität jedes Produktes in einem angemessen Preis widerspiegelt – das ist im Falle Deutschlands eben nicht der Fall. Nach Art. 12 des Abkommens GATT von 1947 sind große Außenhandelsüberschüsse eines Landes wie Deutschland eindeutig illegal, Deutschland müsste eigentlich von sich aus Maßnahmen ergreifen, um diese Überschüsse abzubauen.

  2. aneagle

    Wenn die grüne Gentechnik und die Klimapolitik völlig faktenbefreit betrieben werden können, warum nicht auch die Wirtschaft? Recherche? Beweise? Gaaanz schlecht! machen nur noch die kaltherzigen Neoliberalen. Die glauben ja auch, der Kapitalismus habe ganze Bevölkerungen aus der Armut geholt. So was von reeechts aber auch. Dabei weiß man seit dem kleinen Prinzen, dass man nur mit dem Herzen gut sieht, auf keinen Fall aber mit genmanipuliertem goldenen Reis, der Vitamin A speichert. Da sei Greenpeace davor.

    Mehr Chinesen essen mehr Fleisch denn je? Alles Fake News und außerdem, das ist sehr ungesund und erhöht das schreeeckliche Co2. Co2 soll nicht so schädlich sein, wie vom IPCC angenommen? Aber das hat doch schon der Club of Rome längst bewiesen, schließlich gibt es ja wie von ihm angekündigt, seit 2010 keinen nennenswerten Baumbewuchs mehr auf dem Planeten.

    Was, die immer weiter klaffende Schere zwischen arm und reich klafft nicht mehr und und es haben die 100 reichsten Menschen nicht mal mehr soviel wie 35% der ärmsten Menschen der Welt?
    Ja was, sollen wir jetzt wegen der sogenannten Fakten unsere Klimakontrollen einstellen, ausschließlich sinnvolle Entwicklungsprojekte fördern, unsere wirtschaftspolitisch fairen und gerechten Ansichten den Realitäten anpassen, ja unsere Genderlehrstühle zurück in den Keller stellen?
    Eigentlich ja.
    Betrieben nicht ökonomisch und ökologisch völlig Irrsinnige die Hebeln der Anstalt, die Welt wäre schlagartig ein besserer Ort für alle ihre Insassen. 🙂

  3. Alfons Kuchlbacher

    Ich betrachte auch die Umsatzsteuerbefreiung bei Exporten als steuerliche Subvention und somit eine Verzerrung der Wettbewerbsregeln.

  4. Herr Superg'scheit

    Die technische Überlegenheit deutscher Autos? Meint er das ernst, unser C.O.?

    Deshalb führen Toyota und Co seit Jahrzehnten viele Pannenstatistiken an und sind den Deutschen um konkret 20 Jahre voraus, wenn es um Hybrid.-Technologie geht.

  5. sokrates9

    2 Randbemerkungen zu dem hervorragenden Artikel:In Deutschland sind die Löhne und Gehälter um 6% real gestiegen, um wie viel in Österreich eigentlich gefallen??Den linksradikalen Lingens linksliberal zu bezeichnen halte ich für große Schmeichlerei!

  6. Leitwolf22

    Das würd ich jetzt so nicht unterschreiben wollen.
    1. Verharren Deutschland, aber auch Südeuropa, in den traditionellen Rollen. Also moderate Lohnabschlüsse dort, während im Süden deftige Lohnerhöhungen halt alle reicher machen. Was bekanntlich super funktioniert..
    2. Sozialdumping könnte man D schon eher vorwerfen, zumindest in Bezug auf die autochtone Bevölkerung. Wobei dieses pikanter Weise aus einer Zusammenarbeit zwischen Rot/Grün und Merkel hervorging, also durchwegs linke Züge hat.
    3. Exportüberschüsse haben definitiv nichts mit Lohndumping ODER technologischem Vorsprung zu tun. Ein unterbewerteter Euro könnte hingegen sehr wohl dafür verantwortlich sein, wenn die EZB ihn unterwerten würde, was sie nicht tut! Ganz im Gegenteil: die EZB betreibt gar keine Deviseninterventionen.
    Die Lösung ist bei Bawerk nachzulesen: “Die Kapitalbilanz befiehlt, die Leistungsbilanz gehhorcht”, frei übersetzt. Das Defizit in der Kapitalbilanz (welches Neuerdings zum Überschuss!? umgedeutet wird, eine Frage des Vorzeichens) ist also schuld, und das spricht nicht gerade für Wettbewerbsfähigkeit. Wenn D jährlich an die 300 Mrd. Euro lieber im Ausland als zu Hause investiert, dann ist das eine eindeutige Botschaft, auch wenn da die “Transferunion”, die es offiziell gar nicht gibt, ein bissi rein spielt.

  7. Christian Peter

    @Leitwolf22

    Nach Art. 12 des GATT Abkommens aus 1947 ist es völlig unerheblich, aus welchen Gründen ein Land hohe Außenhandelsüberschüsse erzielt – diese sind illegal. Nach den Verträgen müsste Deutschland die Eigeninitiative ergreifen und Maßnahmen ergreifen, um diese Überschüsse zu reduzieren. Und selbstverständlich betreibt Deutschland Lohndumping, die Reallöhne sind in Deutschland zwischen 2000 – 2010 um 4,5 % gesunken.

  8. Christian Peter

    Das ist umso trauriger, da Deutschland nicht von seinen Exportüberschüssen profitiert, denn die deutschen Überschüsse sind Außenhandelsdefizite der Partnerländer, die sich dafür verschulden müssen. Dadurch ist die Schuldenspirale in Europa erst entstanden mit den hohen Target – Salden bei der EZB.

  9. mariuslupus

    Schon der Begriff “Lohndumping” ist ein Unsinn. Es steht jeden offen, seine Arbeitskraft auf den Markt zu tragen und dafür einen Preis zu verlangen.
    Warum verlangen die Linken nach immer mehr staatlicher Einmischung. Genossin Wagenknecht hätte in der, von ihr geliebten Sowjetunion leben sollen. Im kommunistischen Sowjetstaat hätte sie für ein paar Stiefel ein Monat arbeiten müssen, für eine Zahnbürste vier Stunden vor der volkseigenen Drogerie anstehen dürfen.

  10. Falke

    An wen geht eigentlich der Vorwurf des “Lohndumpings”? An die Wirtschaft, also die Unternehmer, die ihre Angestellten angeblich schlecht bezahlen? Es liegt ja in der Natur des Unternehmers, dass er nicht freiwillig mehr zahlt, als er unbedingt muss, bzw. was der Markt oder die Konkurrenz erfordert. Das ist ihm also nicht vorzuwerfen. Wozu gibt es denn Gewerkschaften, die in Deutschland ja nicht gerade schwach sind (siehe etwa Lufthansa oder Deutsche Bahn, wo durch Streiks erhebliche Lohnerhöhungen verlangt und teilweise auch erzielt wurden)? Außerdem könnte ja der Staat mit Lohnerhöhngen vorangehen (bzw. müsste nachziehen, wenn die Privaten vorausgehen). Das kann er allerdings nicht, denn er braucht ja bekanntlich (mindestens) 20 Mrd. jährlich für die Flüchtlinge, sogar wenn diese “Menschengeschenke, kostbarer als Gold” sind (O-Ton des Messias aus Würselen).

  11. Gerald

    Die Exportüberschüsse Deutschland begründen sich auf der Unfähigkeit vieler anderer EU Länder ihre eigene Wirtschaft samt Rahmenbedingungen auf Vordermann zu bringen. Dazu gehört im Extremfall auch ein Austritt aus dem Euro und eine Anpassung der Wechselkurse an die eigene Leistungsfähigkeit.
    Diese idiotische Diskussion um die deutsche Schuld wird den Kindern in der Schule schon eingeimpft, dass nicht der faule oder blöde Schüler sich verändern muss, sondern der leistungsfähigere muss auf das Niveau der schwächeren Schüler gedrückt werden.
    Sozialismus in Reinkultur!

  12. Leitwolf22

    @christian peter
    Und welche Möglichkeiten gäbe es da?
    – Einstellung der Unterstützung anderer EU Staaten (Rettungspakete, Target2…)
    – Erhöhung öffentlicher Investitionen, zur Not auch schuldenfinanziert.
    – Vor allem aber “Germany first”, sprich ein glaubwürdiges Versprechen einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Expansion, mit nationalem Unterton. Nur wenn das Land eine Zukunft hat, wird man auch freiwillig wieder investieren wollen.

    Das ist aber in allen Punkten das genaue Gegenteil dessen, was die (linke?) Staatengemeinschaft von Deutschland erwartet.

  13. Christian Peter

    @Leitwolf

    Die beste Lösung wäre ein Ausscheiden Deutschlands aus der Gemeinschaftswährung. Das würde das Problem des Preisdumpings lösen und den anderen Partnern des Binnenmarktes helfen, die Stückkosten der deutschen Industrie aber nicht wirklich erhöhen, da sich die Importe verbilligen, die einen Großteil der Produkte ausmachen.

  14. Mona Rieboldt

    Gerald
    Das sehe ich auch so. Beispiel Frankreich, zu hohe Löhne, die teils die Firmen nicht erwirtschaften können, 30-Stunden-Woche, was die Lohnstückkosten hoch treibt, dazu restriktive Arbeitsgesetze, wirtschaftsfeindliche Gewerkschaften. Die Folge sind Firmenpleiten, immer mehr Arbeitslose. Frankreich ist heute ein Agrarland, da seine Industrie schon länger nicht mehr wettbewerbsfähig ist.

  15. Christian Peter

    @Leitwolf22

    So wie es momentan läuft, wird ohnehin bloß von den deutschen Steuerzahlern zur Exportindustrie umverteilt,
    weil der Großteil der deutschen Exporte auf Schulden finanziert werden, die niemals beglichen werden.

  16. Rennziege

    27. Februar 2017 – 12:56 — Christian Peter
    Und wieder eine behauptete “klare” Sicht aus trüben Augen in die nicht minder trübe Suppe Ihrer Weltsicht. Woraus schöpfen Sie Ihre redundant einfältigen Textblasen, Herr Peter? Aus dem “Neuen Deutschland”, wo Frau Wagenknechts revolutionäre Prothesen bewundert werden?

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