Nein, Notwehr ist keine “Selbstjustiz”

Von | 8. Juli 2013

(von ANDREAS TÖGEL)  Wieder einmal wollte sich ein rechtschaffener Bürger nicht mit der ihm zugedachten Rolle des Opfers abfinden. Die Vorstellung, mit den ihn akut bedrohenden Gewalttätern zu „kooperieren“, wie das von Vertretern des staatlichen Gewaltmonopols so gerne empfohlen wird, schien ihm nicht sonderlich verlockend. Er wollte sein Leben und Eigentum nicht widerstandslos der Willkür bewaffneter Verbrecher ausliefern. Er machte – kurz entschlossen – von seinem Notwehrrecht Gebrauch, griff zu seiner eigenen Waffe, schoß auf die Täter und vereitelte dadurch deren kriminellen Absichten.

 

Über den Raubüberfall auf einen Wiener Juwelier, der mit dem Tod eines der drei (mutmaßlich aus dem Baltikum stammenden) Täter endete, wurde von den Medien ausführlich berichtet. Eine Wiederholung an dieser Stelle ist entbehrlich. Hier soll vielmehr erörtert werden, was über den Vorfall berichtet wurde und wie die Leserreaktionen ausfielen; Außerdem einige grundsätzliche Überlegungen zum privaten Waffenbesitz. Die meisten Medien – ja sogar das für kriminelle Ausländer stets verständnisvolle Staatsfernsehen – verzichteten darauf, im Unterschied zur gängigen Praxis, Krokodilstränen über das „ausgelöschte Menschenleben“ zu vergießen und den Täter zum Opfer umzudeuten. In diesem Fall wurde die nüchterne Meldung der Nachrichtenagentur von der Mehrheit der Redaktionen weitgehend gleichlautend und ohne wertende Kommentare übernommen. Lediglich das Gratisblatt „Heute“ sah sich veranlasst, die couragierte Notwehrhandlung des Kaufmanns faktenwidrig als Fall von “Selbstjustiz“ zu etikettieren.

 

Bemerkenswert ist das Ergebnis einer Leserumfrage, die dasselbe Blatt in seiner Online-Ausgabe durchführte. Die gestellte Frage lautete: Sollen Geschäftsleute bei bewaffneten Überfällen selbst zur Waffe greifen dürfen?“ Vier Antworten standen zur Wahl:

► Nein, die Waren sind meist versichert – da muss man nicht Leben aufs Spiel setzen.

► Nein, wir brauchen keine Selbstjustiz. Wofür gibt es schließlich Polizisten?

► Ja, aber nur, wenn man um das eigene Leben fürchten muss.

► Ja, das schreckt andere Täter ab und vielleicht gehen so die Überfälle zurück.

Die Leser votierten (Stand vom 6. 7. um 15:00 Uhr) zu 84% für die beiden zustimmenden Antwortmöglichkeiten. Nahezu 50% bevorzugten die letzte Antwort. Nur 8,49% lehnten „Selbstjustiz“ ab.

 

Eine überwältigende Mehrheit der 1614 an der Abstimmung Beteiligten, billigt den Opfern von Gewaltverbechern somit zu, sich robust, notfalls auch mit tödlicher Gewalt, gegen bewaffnete Angreifer zur Wehr zu setzen. Weniger als zehn Prozent dagegen sind nicht imstande zu erkennen, daß die von ihnen gewählte Antwort eine unzulässige Gleichsetzung von Notwehr und Selbstjustiz enthält. Wer sich – wie im vorliegenden Fall – gegen einen Angreifer wehrt, übt keine „Selbstjustiz“, für die in einer zivilisierten Gesellschaft tatsächlich kein Platz ist. Er macht lediglich von seinem natürlichen, in Österreich überdies gesetzlich gedeckten Recht (§ 3 StGB) Gebrauch, sein Leben und seinen Besitz mit „allen dafür nötigen Mitteln“ gegen einen gewaltsamen Angriff zu verteidigen. Sich in einem Moment tödlicher Bedrohung seiner Haut zu erwehren, ist ein jedermann – nicht nur „Geschäftsleuten“ – zustehendes Recht. Für langwierige Abwägungen der Konsequenzen, bleibt in solchen Fällen keine Zeit: es geht um die Frage er oder ich? Wer meint, Bürgerschutz sei Sache der Polizei, ist ein weltfremder Träumer. Die Polizei ist allenfalls, post festum, für die Spurensicherung zu gebrauchen. Für die Abwehr von Räubern und anderen Verbechern jedenfalls nicht.

 

In den Kommentarbereichen der Internetmedien fanden sich, soweit sie nicht „wegen wiederholten Missbrauchs“ (was auch immer darunter zu verstehen ist)  gesperrt wurden, weit überwiegend Einträge, in welchen die Handlung des Juweliers vehement zustimmend kommentiert wurde.

 

Die Regierenden und die von den Medien gerne zitierten Agenten des Gewaltmonopols, sehen derlei Fälle von Zivilcourage indes nicht gern. Das Letzte, was von Allmachtsphantasien getriebene Obertanen gebrauchen können, ist eine funktionierende Zivilgesellschaft, in der unerschrockene – gar bewaffnete – Bürger ihre Angelegenheiten in die eigenen Hände nehmen. Ihr Ideal ist der in jedem Moment seines Lebens vom staatlichen Vormund abhängige Untertan. Und der soll im Fall der Fälle „keinen Helden spielen“. Basta. Die Vorstellung, daß gelegentlich einer – wie aktuell der Wiener Juwelier oder vor wenigen Wochen ein beherzter Taxichauffeur – nicht den „Helden spielt“, sondern tatsächlich einer ist, hat in den Hirnen von Etatisten  keinen Platz.

 

Erfolgreich ihr Notwehrecht praktizierende Bürger werden als unerwünschte Konkurrenz für das staatliche Gewaltmonopol wahrgenommen. Unter eben diesem Gesichtspunkt sind auch die unentwegten hoheitlichen Bestrebungen zu bewerten, unbescholteten Bürgern den Besitz und das Tragen von Waffen zu verbieten, oder es für sie wenigstens so schwer, unbequem und kostspielig wie nur möglich zu machen. Der Bürger soll bewaffneten Gangstern wehrlos gegenüberstehen, und sein Heil ausschließlich unter den Fittichen des Großen Bruders finden. Daß viele Raubüberfälle, wie wohl auch im aktuellen Fall, von ausländischen Tätern begangen werden, ist aus der Sicht des staatlichen Gewaltmonopolisten nur vorteilhaft. Liefert es ihm doch einen perfekten Vorwand zur weiteren Vergrößerung seines Apparates und zur bürgerrechtsfeindlichen Ausdehnung seiner elektronischen Bespitzelungs- und Überwachungsaktivitäten. Alles nur zum Nutzen und Frommen der Bürger – versteht sich…!

 

Ein auffälliges Detail: In allen einschlägigen Nachrichten war zu lesen, daß der Juwelier die von ihm eingesetzte Waffe „legal“ besitzt. Und weiter? Was wäre gewesen, wenn er mit einer „illegalen“ Waffe geschossen hätte? Hätte sich dadurch am Tathergang und dessen Folgen irgendetwas geändert? Wohl kaum! Daß sich andererseits die Waffen der Täter jedenfalls illegal in deren Händen befanden (das Vorliegen einer Berechtigung zum „Führen“ ihrer Waffen ist mit Sicherheit auszuschließen!) war indes keine Meldung wert. Gewaltverbechern wird also implizit zugestanden, sich ihre Arbeitsgeräte widerrechtlich zu beschaffen. Klar, welcher Räuber, der „legal“ zu keiner Waffe kommt, wäre auch blöd genug, unbewaffnet an die Arbeit zu gehen? Der rechtstreue Bürger, der über die zur Beschaffung illegaler Waffen nötigen Unterweltkontakte in aller Regel nicht verfügt, befindet sich daher – dem emsigen Treiben Leviathans zur Reduzierung des legalen Privatwaffenbesitzes sei Dank – immer weiter im Nachteil.

 

Daß die Entwaffnung rechtschaffener Bürger durch den immer mehr zur anmaßenden Gouvernante mündiger Bürger entartenden Staat dahin führen wird, daß am Ende nur noch Verbrecher Waffen besitzen, darf nicht widerstandslos hingenommen werden. Nur Sklaven ist der Waffenbesitz verboten. Freien, mündigen Bürgern dagegen steht der Besitz von Waffen zu – und zwar nicht nur zum Zweck der Selbstverteidigung…

Tagebuch

 

17 Gedanken zu „Nein, Notwehr ist keine “Selbstjustiz”

  1. FDominicus

    Nun das entspricht nicht den große Es auf der Agenda des Gewalt (und
    Geldmonopolisten)
    – Entwaffung
    – Entrechtung
    – Enteignung
    – Entleibung.

    Genau so hat es zu laufen. Und in D wie in Ö sind wir selbst schon bei der Entleibung recht weit “vorangeschritten”. Was wiederum natürlich ein Grund ist mehr Leute zu bespitzeln, was wiederum höhere Einnahmen fordert und inzwischen halt in schlappen 51 % Enteignung (in D) kumulierte…

    Die Delebets wissen was Sie wollen – todsicher…

  2. Christian Peter

    Ob die Welt durch zunehmende Bewaffnung der Bürger sicherer würde,
    darf bezweifelt werden – 30.000 Tote pro Jahr durch Schussverletzungen
    in den USA lassen dies als äußert unwahrscheinlich erscheinen.

  3. susanne

    Ähh, die meisten Toten durch Schusswaffen in den USA werden von den Behörden produziert und die Kriminellen haben dort ebenfalls mehr Rechte als die Bürger, inzwischen!.
    Wer nichts weiß muß alles glauben…..

    Vergleichen sie mal die Gewaltstatistiken der USA und UK. Sie werden sehen, sobald der Private Waffenbesitz verboten wird steigt die Kriminalität, was ja logisch ist und nur von ausgemachten Dummköpfen oder solchen die es gerne wären, angezweifelt werden kann.

    Warum redet nur niemand über die 1200 Selbstmörder in Ö jedes Jahr? Ach so, ist ja nicht populistisch genug das Thema, weil Menschenleben nicht gleich Menschenleben ist, für manche offensichtlich. Hauptsache den “freien” Bürger abschaffen damit das System wieder die ganze Kontrolle der Welt hat!

  4. Rennziege

    @Christian Peter
    Die hohe Zahl der Schussverletzungen beruht nicht auf Notwehr, sondern auf bewaffneten Überfällen, Raubmorden, Gangsterkriegen, Fehden zwischen street gangs, Rauschgiftkartellen, Zuhältern, Obamas Chicago-Mafia, Schutzgelderpressern und Erbschaftsbeschleunigern.

    Notwehr ist (auch bei uns) ein verbrieftes Recht der Abwehr von akuter Gefahr für Leib und Leben. Allerdings scheuen die meisten Betroffenen davor zurück, weil unser täterfreundliches Strafrecht (in der Praxis der Gerichtsbarkeit) den Verbrechern milder begegnet als den >Opfern, die sich legal gewehrt haben.

  5. rhodium

    @Christian Peter

    Die Toten gibt es dort im Gangmilieu und dies meist mit illegalen Waffen. Andere Länder mit einem hohen Legalwaffenbesitz wie z.B. die Schweiz, sind sehr sicher. Erst recht im Vergleich mit Ländern mit faktisch keinem legalen Waffenbesitz wie zum Beispiel Großbritannien.

  6. Wafthrudnir

    Rennziege :
    @Christian Peter
    Die hohe Zahl der Schussverletzungen beruht nicht auf Notwehr, …

    Und selbst wenn die “Opfer” mehrheitlich durch Notwehr zustande kämen, wäre es kein Argument gegen privaten Waffenbesitz. Was wäre Christian Peter lieber? Die gleiche Zahl zusätzlicher Mord- oder Vergewaltigungsopfer, weil sie sich nicht gewehrt haben? Außerdem, wenn schon so viele Kriminelle das Risiko auf sich nehmen, bewaffnete Bürger anzugreifen, wie viele würden sich wohl dann erst an wehrlosen Untertanen vergreifen?

  7. Christian Peter

    Je mehr Waffen im Umlauf, desto mehr Tote. Kriminelle lassen sich durch
    Schusswaffen nicht abschrecken, ganz im Gegenteil. In den USA gibt es
    bei Raubdelikten wegen Waffengebrauchs stets Schwerverletzte, meist
    trifft es dabei die Opfer. Wer bei Eigentumsdelikten auch noch sein Leben
    riskiert, gehört in die Irrenanstalt, denn der Schaden wird fast immer von
    der Versicherung bezahlt.

  8. Andreas Tögel

    Verehrter Herr Peter,
    googeln Sie doch einmal nach dem Namen John Lott (“More Guns, less Crime”). Der Mann hat sich mit der Frage des Zusammenhangs zwischen Schußwaffendichte und Gewaltkriminalität in den USA überaus gründlich auseinandergesetzt. Seine Studien stützen die (im Grunde auch leicht einleuchtende) Erkenntnis, daß Kriminelle besonders jene Bundesstaaten bevorzugen, in denen sie nicht mit robuster Gegenwehr ihrer Opfer rechnen müssen. Kein Räuber legt es auf ein “shootout” an – er will einfach möglichst gefahrlos Beute machen. Es ist auffällig, daß ausgerechnet in den Bundesstaaten mit den restriktivsten waffenrechtlichen Bestimmungen die meisten Gewaltverbrechen verübt werden.

    Das Beispiel Englands ist besonders aufschlußreich, wo die Gewaltkriminalität, seitdem faktisch ein Totalwaffenverbot für Private verhängt wurde, geradezu explodiert ist. Gangster verwenden dort heute bevorzugt illegale Ostware. Vollautomatische Waffen, die Privaten niemals legal zugänglich waren, erfreuen sich heute größter Beliebtheit in der Unterwelt.

    Auf dem Kontinent herrscht in der Schweiz das mit Abstand liberalste Waffenrecht. In Russland andererseits schaut´s damit recht finster aus. Was meinen Sie, wo man sicherer lebt – in Russland oder in der Schweiz? Wenn es eine Korrelation zwischen legaler Privatwaffendichte und Gewaltkriminalität gibt, dann ist sie negativ: More Guns, less Crime eben.

    “Nichtereignisse” können übrigens statistisch schwer erfaßt werden. Der durch den Juwelier vereitelte Überfall wird in keiner Bilanz zugunsten des Privatwaffenbesitzes aufscheinen. Der Mann wäre aber – hätte er sich nicht gewehrt – vielleicht tot gewesen, weil einem der Gangster möglicherweise danach war, ihn umzunieten. Wie hoch mag wohl die Dunkelziffer sein, wo – in anderen Fällen – das bloße Vorzeigen einer scharfen Waffe durch das Opfer – den Kriminellen abgeschreckt hat und es gar nicht erst zu einem Waffeneinsatz kam? Das weiß kein Mensch – und der Staat und seine bewaffneten Schergen haben auch jedes Interesse, solche Überlegungen gar nicht erst aufkommen zu lassen.

    Und doch ist das funktionalistische Argument m. E. nicht das stärkste. Es steht Big Brother nämlich einfach nicht zu, mit Verboten in das Privatleben mündiger Menschen einzugreifen, solange die nicht Dritten schaden. Wenn einer aber seine Schußwaffe (sein Messer, seine Waldaxt,oder seine bloßen Hände) dazu benutzt, um gegen seine Mitmenschen Gewalt zu initiieren, dann ist er ein Fall fürs Strafgericht. So lange er das nicht tut, geht auch das in seinem Besitz befindliche Werkzueg keinen was an. So einfach ist das in einer freisinnigen Gesellschaft.
    Mit freundlichen Grüßen,
    A. Tögel

  9. Wolf

    Typisch für den Umgang der Behörden mit Bürgern, die sich wehren: gegen den betreffenden Juwelier laufen ja inzwischen Untersuchungen wegen möglicher “Notwehrüberschreitung”.

  10. aneagle

    Christian Peter- schön und gut. Was mir fehlt ist Worldcitizen! was ist mit ihm? Urlaub? es wird ihm doch nichts passiert sein?

  11. FDominicus

    aneagle :
    Christian Peter- schön und gut. Was mir fehlt ist Worldcitizen! was ist mit ihm? Urlaub? es wird ihm doch nichts passiert sein?

    Sozialisten passiert nichts, die metamorphieren zu Marxisten 😉

  12. Christian Peter

    @Andreas Tögel

    Für diesen Artikel haben Sie nicht besonders gewissenhaft recherchiert.
    Ihre Aussage, das Handeln des Juweliers sei Notwehr, ist reine Spekulation,
    solange Sie den Tathergang nicht kennen. Denn anders als im Artikel sugg-
    eriert, stellt § 3 StGB keineswegs einen Freibrief für den Gebrauch von
    Schusswaffen dar. Abwehrhandlungen haben im Sinne der Notwehr stets
    “angemessen” zu erfolgen. Ob dies der Fall ist, muss in jedem Fall geprüft
    werden. In diesem Fall deutet vieles darauf hin, dass Notwehrexzess vorliegt,
    denn nach aktuellen Informationen hat der Juwelier den bereits flüchtenden
    Täter (unnötigerweise) von hinten erschossen.

  13. Andreas Tögel

    Sehr geehrter Herr Peter,
    wie Ihnen nicht entgangen sein wird, habe ich mich in meinem Beitrag auf den Umgang der Medien mit dem Vorfall und einige grundlegende Überlegungen zur Notwehr konzentriert. Da es im vorliegenden Fall einen Toten gegeben hat, wird es vermutlich eine eingehende Untersuchung des Tathergangs geben. Ob es zu einem Verfahren gegen den Juwelier wegen Notwehrüberschreitung kommen wird, steht dahin. Falls ja, wird das Gericht zu würdigen haben, daß ein Mensch, der drei Verbrechern gegenübersteht, die sein Leben bedrohen, sich in einer Ausnahmesituation befindet und nicht so überlegt und kontrolliert handeln wird, wie unter normalen Umständen. Man wird sehen…

    Ich bin, um das klarzustellen, nicht dafür, Zeitungsdiebe oder andere Kleinkriminelle zum Abschuß freizugeben. Selbstverständlich muß die Verhältnismäßigkeit zwischen der Schwere einer Straftat und der Reaktion darauf gegeben sein. Sobald aber das Leben eines Menschen bedroht wird, hat der Täter m. E. keinen Anspruch darauf, den Tatort unbeschadet verlassen zu können. Im Klartext: mir sind zehn erschossene Räuber lieber, als ein schwerverletztes Opfer deren Treibens.

    Ob einer sich im Fall der Fälle lieber in die Kiste legen, oder doch wegen allfälliger Notwehrüberschreitung vor Gericht stellen läßt, muß jeder selbst entscheiden. Ich bin in dieser Frage nicht unbefangen. Da mein Schwager einst von einem Räuber erschossen wurde, können Sie sich ausmalen, welche Ansicht ich dazu vertrete…

    In vielen Bundesstaaten der USA würde in einem ähnlich gelagerten Fall übrigens gar keine Untersuchung gegen den Juwelier eingeleitet werden. Denn dort muß das Recht nämlich grundsätzlich nicht dem Unrecht weichen (“stand-your-ground-law”) – und einem toten Räuber weint dort keiner eine Träne nach. Aber bei uns in Bagdad…;-)
    Mit freundlichem Gruß,
    A. Tögel

  14. Christian Peter

    @Andreas Tögel

    Ich weine Kriminellen keine Träne nach, ich würde das Strafrecht in vielen
    Bereichen deutlich verschärfen. Dennoch es ist nicht sinnvoll, die Ahndung
    von Straftaten mittels Schnellschuss-Gesetzen in die Hand von Privaten zu
    legen, wie dies in einigen Bundesstaaten der USA der Fall ist. Das führt
    letztendlich bloß zu einer Spirale von Gewalt – Gegengewalt, die mehr
    Schaden anrichtet als vermeidet und keinerlei Abschreckungswirkung
    entfaltet. (Auch in Österreich und Deutschland muss das Recht nicht dem
    Unrecht weichen, eine Pflicht zum Zurückweichen gegen rechtswidrigen
    Angriff besteht in aller Regel nicht).

  15. Roland

    @Andreas Tögel

    Das ist jetzt aber wirklich schwach recherchiert – in Österreich gilt ebenso der Grundsatz, dass das Recht dem Unrecht nicht zu weichen braucht. Vom Gesetzestext her haben wir ein weitaus liberaleres Notwehrrecht als die meisten Bundesstaaten der USA.

    Auch gibt es “drüben” selbtsverständlich eine Untersuchung des Herganges, wie soll man sonst feststellen, ob die Notwehr gerechtfertigt war? Und nachdem dort auch keine anderen Menschen leben als hier wird es ebenso Notwehrexzesse geben. In welcher Situation der Juwelier war wird ja sowieso berücksichtigt – im Notwehrexzess wird zB. nur fahrlässige Tötung angenommen. Zum Glück gibt es aber diese Untersuchungen – die eine Seite (Angreifer erschießen, der einen selbst ernst zu nehmend bedroht) ist rechtlich wie moralisch absolut gerechtfertigt, die andere Seite (Täter mit nur Versichertem in den Taschen auf der Flucht nachschießen und dabei tödlich treffen) ist moralisch absolut nicht in Ordnung und steht rechtlich (situationsabhängig) auf sehr wackeligen Beinen.

    mfG

  16. gms

    Roland :
    Täter mit nur Versichertem in den Taschen ..

    Schadensfälle treiben die Prämien sowohl für das betroffene Individuum in die Höhe, wie mittelbar für die Allgemeinheit. Die Sozialisierung des Verlustes ist somit gleichfalls ein wackelig daherkommendes Argument, das in seiner extremsten Ausprägung (etwa eines langfristig angenommenen Schadens von wenigen Cent-Bruchstücken pro Erdbewohner) defacto keinerlei Gegenwehr mehr legitimierte.

    Das gezielte Töten eines flüchtenden Verbrechers, der keine Lebensgefahr für das Opfer darstellt, ist zweifelsfrei dann ein Notwehrexzess, sofern man jedes Menschenleben in bester humanistischer Tradition ungeachtet aller Begleitumstände als unantastbar erachtet. Auf die Spitze getrieben würde dies dann auch dafür gelten, jemanden bloß des Risikos auszusetzen, sein Leben auf der Flucht zu verlieren. Damit verböte sich auch der absichtliche Schuß in Richtung Beine, könnte dieser doch fehlgehen und Schlimmeres anrichten.

    Dem gegenüber steht das Risiko des Täters, sich mit Aussicht auf einen entsprechend hohen Gewinn freiwillig in eben dieses begeben zu haben. Wenn Recht dem Unrecht niemals weichen muß, wird die Verantwortung für sein weiteres Schicksal ausnahmlos dem Aggressor zugeschrieben.

    Unterm Strich haben wir zwei unvereinbare Aspekte – die uneingeschränkte Unantastbarkeit menschlichen Lebens einerseits, und die ebenso uneingeschränkte Eigenverantwortlichkeit andererseits dafür, in Zuge eines auf freien Stücken begangenen Verbrechens das eigene Leben aufs Spiel zu setzen. Es wäre kein moralisches Problem, gäbe es nicht gut fundierte Gegenpositionen.

    Was für den Einzelfall tatsächlich eine Frage moralischer Prinzipien ist, führt bei unterschiedlichen Beantwortungen logisch und empirisch gesichert zu unterschiedlichen Ergebnissen. Wo statistisch der Preis für Verbrechen hoch ist, sinken deren Raten, und damit mittelbar auch die Zahlen der auf der Flucht zu Schaden gekommenen Täter.
    Solange es daher kein System gibt, das aus sich selbst heraus initiale Gewalt erzwingt (und man quasi zum Berauben von Juwelieren genötigt wäre, wie Linke gerne ins Rennen führen), solange fährt die Gesellschaft mit dem Betonen der Eigenverantwortung langfristig besser.

  17. Roland

    Ein Gegenargument, dass nur dann gilt, wenn die andere Argumentation absurd auf die Spitze getrieben wird finde ich nicht sehr sachlich. Man muss nicht die Beträge auf cent pro Erdbewohner aufrechnen, man kann das ruhig persönlich betrachten. Wenn die Versicherungsprämie nur in geringem Umfang steigt, dann ist (natürlich aus meiner Sicht) ein Schuss ebensowenig moralisch in Ordnung wie wenn ein Dieb nur mit minder wertvollen Gegenständen flüchtet. Wenn einem Menschen mit durchschnittlichem Einkommen ein finanzieller Mehraufwand von mehreren tausend Euro pro Jahr droht ist die Sache schon wieder eine andere.

    Auch ist es nicht notwendig, ein Menschenleben ungeachtet aller Begleitumstände als unantastbar anzusehen. Es ist eine Frage der Verhältnismäßigkeit – grundsätzlich liegt die Verantwortung für die Ereignisse natürlich beim Angreifer. Ein Angreifer, der seine Waffe auf das Opfer richtet und ankündigt, ihn zu töten (oder sich den Anschein gibt, muss ja nicht gesagt werden), der kann nicht erwarten, dass im Angesicht des bedrohten Wertes das Opfer nicht auch mit tödlicher Gewalt reagieren kann. Gemäß der Verhältnismäßigkeit kann aber zB. ein Dieb der dabei ist den Gartenzwerg zu stehlen nicht erwarten, kommentarlos erschossen zu werden, in diesem Fall verschiebt sich die Verantwortung in Richtung Opfer, dass ja über Gebühr hart reagiert hat.
    Für mich steht eben ein mit geringen Sachwerten Flüchtender eher in zweiterer Kategorie als in Ersterer, mit den oben schon genannten Einschränkungen.
    Auch ein Schuss ins Bein muss demgemäß nicht “verboten” sein, wenn es das geeignete Mittel ist um einen Angreifer zu stoppen. Man muss es halt auch irgendwie glaubwürdig können, einen Treffer in die Stirn und dann zu behaupten, man habe in Notwehr und nur auf das Bein geschossen, der Andere hat sich blöd bewegt ist zumindest fragwürdig.

    Letzteres kann für mich auch nicht als Argument gelten – ich kann nicht mögliche und ziemlich unbelegbare zukünftige positive Auswirkungen gegen unmittelbare, folgenschwere Handlungen abwägen. Die Verbrechensraten hängen von so unterschiedlichen Umständen ab, die ändern sich nicht wegen ein paar erschossenen Angreifern.

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