Nein, Staatsmonopole sind nichts für kleine Kinder

(C.O.) Auch wenn die Lehrergewerkschaft das anders sieht: Das größte Problem des österreichischen Schulwesens ist nicht, ob Lehrer etwas länger arbeiten sollen oder nicht, sondern das Faktum, dass dieses Schulwesen in nicht unerheblicher Zahl Absolventen produziert, die nicht hinreichend gut lesen und schreiben können. Das Problem ist auch nicht, ob Lehrer etwas mehr oder etwas weniger verdienen, sondern dass ein Teil der Schulabgänger nicht einmal intellektuell fit genug ist, eine Lehre zu beginnen.

Das Problem sind schließlich nicht irgendwelche Petitessen des Dienstrechtes, sondern eine partielle Fehlfunktion des Systems Schule insgesamt. Wie nicht anders zu erwarten, nimmt die Regierung zwar Dutzende Verhandlungsrunden mit der Lehrergewerkschaft auf sich, um eher nebensächliche dienstrechtliche Angelegenheiten der Lehrer zu bereden, gibt aber durch nichts zu erkennen, wie die erheblichen Fehlfunktionen des Systems Schule zeitnah repariert werden sollen. Aber auch das ist halt offenbar ein Aspekt von „neu regieren“.

Einen aufs Erste ganz vernünftig tönenden Vorschlag hat hingegen die neue Parlamentspartei Neos vorgelegt. Der zielt im Wesentlichen darauf ab, dass Lehrer in Hinkunft Angestellte ihrer jeweiligen Schule sein sollen und damit bei nicht ausreichender Leistung wohl auch gekündigt werden können – und zwar von Direktoren, die nicht nach politischen, sondern objektiven Leistungskriterien bestellt oder auch abberufen werden. „Schulautonomie“ nennen die Neuliberalen dieses Konzept.

Gegenüber dem derzeitigen Zustand völliger Versteinerung der Lehrkörper wäre das zweifellos ein gewisser Fortschritt. Momentan kann ein Direktor ja nicht einmal eine völlige Niete von Lehrer loswerden, sondern muss wehrlose Kinder von derartigen Fehlbesetzungen pädagogisch traktieren lassen. Ein ziemlich ernsthaftes Problem, das die Schulautonomie lösen könnte.

Rätselhaft bleibt freilich, warum eine sich liberal gebärdende Partei weiterhin am Dogma staatlichen Eigentums an Schulen festhält, anstatt eine weitgehende Privatisierung des Schulwesens anzustreben. Dass sie die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, Automobilen und Büchern recht gut bewältigen, haben private Unternehmen ja mittlerweile einigermaßen hinlänglich bewiesen. Warum Private nicht auch das Produkt Schulbildung qualitätsvoller, effizienter und kundenfreundlicher bereitstellen können sollen als der Staat, erschließt sich nicht wirklich.

Zu meinen, eine Schule im staatlichen Eigentum könne wirklich autonom und wie ein Unternehmen agieren, heißt, die hiesige Lebenserfahrung mit staatlichen Betrieben ebenso zu ignorieren wie die politische Logik. Denn solange der Staat Eigentümer ist, werden die Parteien dort tun, was jeder Eigentümer tut: ihre Interessen durchsetzen – seien sie personeller Natur oder auch inhaltlicher. Deswegen kann ja auch der ORF nicht aus den Krallen der Parteien befreit werden, solange dort die Republik De-facto-Eigentümerin ist. Staatliche Eigentümerschaft und echte Autonomie sind einfach völlige Antagonisten. Das gilt für einen Stahlkonzern genauso wie für eine Schule.

Dass privat betriebene Schulen den lieben Kleinen aus Gewinnsucht weder die Schulmilch vorenthalten noch den Unterricht an indische Callcenter auslagern, zeigt seit vielen Jahren Schweden, gemeinhin ja nicht eben als neoliberale Elendszone bekannt. Dort betreiben private Konzerne – horribile dictu! – einen erheblichen Teil der Schulen, in relativ hartem Wettbewerb mit den Staatsschulen um Kinder und jene Schulschecks im Wert von etwa 10.000 Euro, die Eltern vom Staat bekommen und in einer Schule ihrer Wahl einlösen können.

„Nur die Tyrannei des Status quo lässt die Leute glauben, dass das Staatsmonopol der beste Weg ist, unsere Kinder zu bilden“, schrieb der Ökonomie-Nobelpreisträger Milton Friedman im Jahr 2004. Daran hat sich in Österreich bis heute nichts geändert. (Presse)

9 comments

  1. mannimmond

    Wer sich heutiges Unterrichtsmaterial zu Fächern wie “Geschichte und Sozialkunde”, “Geographie und Wirtschaftskunde” oder “Biologie und Umweltkunde” ansieht, wird erkennen, dass hier ganz gezielt politische Indoktrination ausgeübt wird: rot-grün gut, alles andere ist böse.

    Und genau deshalb “müssen” Schulen auch unbedingt im Staatseigentum bleiben.

    Die ÖVP ist ja schlicht und einfach zu blöd, um die Bedeutung der Schulpolitik zu begreifen.
    Das gilt freilich auch für die Kulturpolitik – aber das ist eine andere Geschichte.

  2. Reinhard

    @mannimmond
    Die ÖVP ist nicht blöd, sondern einfach verlogen.
    Auf der einen Seite tut sie so, als würde sie sich um die Interessen von Bürgertum, Unternehmern und Bauern kümmern, ein Gegengewicht zum linksgrünen Kontroll-, Verbots- und Zwangsstaat bilden und eine chte Alternative für freiheitsliebende Menschen darstellen.
    Auf der anderen Seite ist sie nur eine Blockpartei, die als getreuer Wurmfortsatz der SPÖ am Katzentisch der Macht mitnaschen möchte, ihre Pöstchen verteilen, ihre Pfründe pflegen und die Versorgung der Freunderl sicherstellen.
    Zwischen Rot und Schwarz passt kein Blatt Papier mehr, seit die letzten Versuche des wirtschaftsliberalen Flügels um Schüssel und Co., sich aus der Umklammerung der Roten zu befreien, durch deren gigantischen Propagadaapparat und die sich nach widerstandsfreiem Einkuscheln in ein sicheres Versorgungsnetz sehnenden internen Apparatschiks zerschlagen und der liberale Ableger faktisch atomisiert wurde.
    Sie marschieren im Gleichschritt und nichts soll sie dabei stören.
    Nebensächlichkeiten wie Kinder spielen da keine Rolle.

  3. Reinhard

    Übrigens: Für eine Vor- und Nachbereitungszeit von weit mehr als der Hälfte der Dienstzeit (sich auch bei Stundenvermehrung immer noch ergebend aus kulminiert monatelangem Daheimbleiben) wäre es durchaus erwartbar, das System dahingehend zu verändern, dass einfache und wenig umfangreiche neutrale, faktenbasierende Schulbücher als Basis hergenommen und konkrete Lerninhalte, Lernstrategien, Aufgabenstellungen, Projekte etc. vom Lehrpersonal in Eigenverantwortung und in Absprache mit dem Direktorium (Abgleich Methode-Lernziel) selbst erstellt und gepflegt werden. Dann könnten a) die Lehrer ihre volle bezahlte Zeit auch in ihrem Besuch tätig sein, b) die Qualität ihrer Arbeit eigenverantwortlich lenken (was Akademikern zumutbar ist) und c) der Erfolg wäre für alle sicht- und evaluierbar.
    Dann, wenn Lehrer die Leistung vorleben müssen und dürfen, die sie von ihren Schülern zurecht verlangen, kann es funktionieren. Bis dahin bleibt es ein trotziges Herumstreiten um Arbeitszeiten und weltfremdes Geseiere um “Lebensverdienstrechnungen”.

  4. LX

    Dass Direktoren prinzipell Personalhoheit haben sollen ist ja keine schlechte Idee …
    ABER:
    Hab das ganeu umgekehrt erlebt: Lehrer, die von Schülern Leistung verlangten und nicht nur lauter 1er gaben, waren die Bösen, der Direktor hat eine Schwarze Liste der Lehrer öffentlich aufgehängt, die mehr als 5 5er bei den Schularbeiten hatten etc… Und nach dem Modell könnte der Direktor (der in diesem Fall wohl als “Niete” zu bezeichnen ist) die leistungsorientierten Lehrer feuern….
    Natürlich kann das dann dazu führen, dass Eltern ihre Kinder nicht mehr in die Schule geben, wo diese nichts lernen. Da Eltern aber eher kurzfristig an guten Noten interessiert sind, habe ich meine Zweifel, ob viele Eltern um so eine Schule einen Bogen machen würden…

  5. Thomas Braun

    @Reinhard:
    Glauben Sie ernsthaft, ein Lehrer könnte heutzutage einfach nur ein Kapitel des Gratisschulbuchs vorlesen und müsste sich nicht schon jetzt auf den Unterricht mit eigenen Materialien vorbereiten?
    Heutzutage müssen Sie den Schülern eine abwechslungsreiche Unterrichtsshow bieten. Falls Sie das nicht schaffen, werden Sie gnadenlos aus der Klasse “getragen”.

    Die öffentliche Diskussion reduziert sich immer nur auf die Anzahl der Unterrichtsstunden in der Klasse. So als wäre das die eigentliche “Mühe” am Lehrberuf. Genau deswegen sind aber Lehrer Lehrer geworden. Deswegen tun sie sich das alles überhaupt noch an. Um zu unterrichten. Die Stundenvorbereitung, das unendliche Verbessern von Hausübungen und Schularbeiten, die verpflichtenden Weiterbildungsseminare, die psychologischen “Hilfsleistungen” für scheidungsgeschädigte, wohlstandsverwahrloste oder facebook-gemobbte Kinder, die Organisiation von Schüleraustauschprogrammen, Schikursen, Klassenfahrten, die Elternsprechtage und Sprechstunden, die Tage der Offenen Tür mit Showstunden, die Betreuung von Schulbibliotheken und Schularchiven, bis hin zur ausufernden Bürokratie vom Klassenbuch bis zum Schülerstammblatt usw und so fort; all das sieht niemand in der Öffentlichkeit und es erwähnt nichteinmal die unfähige Lehrergewerkschaft.

    Und nicht zuletzt: Wenn es so toll wäre Lehrer zu sein, warum müssen dann bereits Ungeprüfte unterrichten weil es kaum Lehrernachwuchs gibt?

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  7. Reinhard

    @Thomas Braun
    Ich kenne sogar Lehrer, die (noch heute) nicht mal aus dem Schulbuch vorlesen sondern den Kindern die Seiten ansagen, die sie selbstständig zum Ausarbeiten haben. Derweil korrigieren sie die Schularbeiten der anderen Klassen, denn zuhaus haben sie etwas anderes zu tun. Für “psychologische Hilfsleistung” gibt es die Schulpsychologin und Kurse werden jährlich nach dem gleichen Programm abgespult. Gleiche Herberge wie immer, gleiches Programm wie immer, gleicher bezahlter Zusatzurlaub wie immer.
    Und ja, es ist mehr als einer.

    Ich unterrichte in der Privatwirtschaft, bekomme exakt meine Einsatzstunden honoriert, muss alles selbst erstellen und organisieren und habe meinen Spaß daran. Ich weiß, wie es ist, über 1500 Unterrichtsstunden pro Jahr zu halten (nach 12 Jahren mehr als ein Lehrer in seinem ganzen Berufsleben schafft!), mit Jugendlichen ebenso wie mit jungen Erwachsenen, mit Meisterkandidaten ebenso wie mit Problemfällen. Ich erstelle alle Unterlagen selbst, korrigiere Arbeiten, führe Einzelcoachings und habe nebenher sogar noch eine Familie und Zeit, hier meinen Senf reinzudrücken.

    Ich weiß, dass es engagierte und intensiv arbeitende Junglehrer gibt. Manche sogar motiviert. Bis sie es mit ihren ins System eingeschliffenen Altkollegen zu tun bekommen, mit dem Direktorium, dem Schulrat, einigen dummen aber einflussreichen Eltern und auch der Gewerkschaft. Entweder, sie haben sich innerhalb weniger Jahre die Hörner abgestoßen und schwimmen auf der Jammerbarke der lebenslangen Demotivation dahin oder das staatliche Paralleluniversum spuckt sie ausgebrannt zurück in das Realleben.

    Nein, ich gebe den Lehrern nicht die Schuld an einem System, das unmotivierte, jammernde und überbezahlte Berufsversager züchtet (sorry für das harte Wort, aber die Analphabetenrate der Schulabgänger lässt keinen anderen Schluss zu), aber ich gestehe ihnen auch nicht das Recht zu, weiter in einer fest ausbetonierten Spülrinne über die Ungerechtigkeit der Welt jammernd gen vorgezogenen Ruhestand zu schwimmen. Das System gehört zerschlagen und die Lehrer müssen entweder in eine verantwortungsvolle und ihrer durchaus ansehnlichen Entlohnung entsprechenden Position zurückfinden oder sich einen anderen Job suchen.

    Dass der Fisch vom Kopfe stinkt und eine Regierung, die eine “Reform” durchziehen will, ohne über Inhalte und Methoden des Unterrichts auch nur zu reden, und eine Gewerkschaft, die präpotent und realitätsfern “wohlerworbene Rechte” für wichtiger erachtet als die Entwicklung unserer kommenden Generationen, nicht in der Lage sind, Systemveränderungen herbeizuführen, die irgend etwas verbessern, ist klar. Aber eine Lehrerschaft, die nur Nabelschau hält, über Dienstzeiten und weltfremde “Lebensverdienste” zetert, ohne auch nur ein einziges Wort über die Kinder und deren Vorbereitung auf das Leben zu verlieren, hat ihre Inkompetenz ebenso bewiesen.
    Kein einziger der Proponenten redet nämlich über die wirklich Betroffenen: die Kinder und Jugendlichen, die in den nächsten Jahren völlig unzureichend vorbereitet in das Weiterbildungs- oder Arbeits- und Berufsleben gestoßen werden und dort reihenweise versagen. Erst haben Staat und Schule vollmundig so getan, als würden sie den Eltern die Erziehung der Kinder abnehmen, und jetzt stellt sich heraus, dass sie nicht einmal in der Lage sind, über deren Bildung auch nur zu reden.

    Das ist die Realität, wie sie sich heute darstellt!

  8. gms

    Thomas Braun,

    “Wenn es so toll wäre Lehrer zu sein, warum müssen dann bereits Ungeprüfte unterrichten weil es kaum Lehrernachwuchs gibt?”

    Gegenfrage: Wenn der Alltag an der Schule tatsächlich so verkorkst ist, wie Sie es bescheiben — was soll uns glauben lassen, daß die wirklich guten Lehrer noch dabei seien?

    Mir scheint die These stimmig, wonach bei kaum einem anderen Beruf die Streuung bezüglich Eignung zum Unterrichten dermaßen groß ist, wie beim Lehrerjob. So wird mit Sicherheit ein Teil von ihnen sprichwörtlich fürs Vermitteln von Inhalten Feuer und Flamme sein und dergestalt motiviert die flankierenden Niederungen des Alltags erdulden.
    Dem gegenüber und deshalb zugleich im Zentrum der Kritik steht jener Lehrertyp, der sich mit dem verkorksten System aus anderen Beweggründen heraus arrangierte.

    Wenn es also tatsächlich nicht mehr so toll ist Lehrer zu sein, so ist daraus einzig ableitbar, es seien nur mehr jene im Bildungswesen, die darin noch zurechtkämen. Warum das so ist, steht auf einem völlig anderen Blatt und rechtfertigt angesichts der Zustände einmal mehr die Frage nach dem System ansich.

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