Nicht der Nationalismus war das Problem

(JÜRGEN POCK)   Im Gefolge der omnipräsenten Erinnerungskultur in Medien und Politik rund um den 100. Jahrestag des Weltkriegsendes wird der Nationalismus als „Verrat“ (E. Macron) gegeißelt  und muss als abschreckendes Beispiel für die Gegenwart und Zukunft herhalten. EU-Spitzenvertreter und -Protektoren nützen diese Gelegenheit, um von ihrem selbst gezimmerten Podest aus hehre Absichtserklärungen folgen zu lassen. Mehr als oberflächliche Diagnosen, getarnt als joviale Botschaften, sind aber nicht zu vernehmen.

Ansonsten wäre der prolongierte Kampf gegen den viel zitierten Populismus, der sich vornehmlich aus nationalistischen Strömungen speise und die liberale Demokratie allerorts mit totalitären Mechanismen zerstöre, nur mühevoll zu legitimieren. Der Kampfauftrag gegen die sogenannten Populisten wäre bloß ein rhetorisches Blendwerk, das nicht imstande wäre, apokalyptische Gefühle zu verbreiten. Eigeninteressen und Existenzgrundlagen wären in akuter Gefahr.

Zudem war der Erste Weltkrieg nicht das Produkt eines schemenhaften Nationalismus, der sich vor 100 Jahren am absoluten Höhepunkt befand und im totalen Krieg kumulierte, sondern die Entscheidungsfolge elitärer Kräfte, die ohne Rückkoppelung an das Volk entscheiden konnten, wie sie wollten. Ohne genau zu wissen, wohin diese Entscheidungen führten, welche Dynamiken sich daraus ergeben würden. Jene Machtpersonen, die damals an ein „Wir schaffen das“ glaubten, zettelten die Urkatastrophe an, die so niemand intendierte. Unkontrollierte Politiker, handelnde Subjekte und keine abstrakten Begriffe verantworteten den Ersten Weltkrieg. Die enormen Machtbefugnisse, die dies ermöglichten, stellten dabei die politischen Systeme zu Verfügung.

All das vergaßen Macron und Merkel, die kürzlich bei einer Gedenkfeier an den Ersten Weltkrieg vor allem im Nationalismus eine Gefahr für den Frieden diagnostizierten. Hauptadressat war ein um sich greifendes, übersteigertes Nationalbewusstsein. Nicht die lebensfremde politische Elite, an der auch die EU krankt. Den beiden Schutzherren der Europäischen Union genügte es, vor den „Dämonen der Vergangenheit“ zu warnen und dabei prompt den Patriotismus als niedlicheres Gegenstück zum Nationalismus für sich zu entdecken. Die tatsächlichen Dämonen der Vergangenheit, die unkontrollierten Eliten, blieben unerwähnt.

Andernfalls hätte auch Kritik an der Baustelle EU, dem Elitezentrum, als logische Konsequenz folgen müssen. Das zelebrierte Staatstreffen in Frankreich diente aber lediglich als Instrument, die EU verbal zu stärken und sich im solidarisch gebenden Umfeld gönnerhaft zuzunicken. Immerhin kämpfe man gemeinsam gegen den proklamierten Feind: Nationalismus. Für selbstreferentielle Fehlersuche im eigenen politischen Koordinatensystem war leider keine Zeit mehr. Obwohl Entscheidungen, die fern vom Volk entschieden werden und eben jenes beeinträchtigen, nicht nur ein Merkmal längst vergangener Tage sind. Schlafwanderlisch, führungslos und ohne Draht zum Volk verhandeln die Eliten der EU auch gegenwärtig.

17 comments

  1. Selbstdenker

    “…sondern die Entscheidungsfolge elitärer Kräfte, die ohne Rückkoppelung an das Volk entscheiden konnten, wie sie wollten”

    Perfekt auf den Punkt gebracht. Sehr erkenntnisreich ist dazu das umfangreiche Kapitel “Intellectuals and War” aus dem Buch “Intellectuals als Society” von Thomas Sowell.

    Mit grosser Sorge sehe ich, dass Frau Maurer mit ihren Aktivismus die an sich bürgerliche Regierung dazu antreibt, die Anonymität im Netz abzuschaffen. Ausgerechnet damit werden jene Rückkopplungsmechanismen gekappt, mit denen dem Treiben einer ganz und gar nicht-bürgerlichen supra- und supernationalen “Elite” ohne Skin in the Game Einhalt geboten werden könnte.

    Warum nicht gleich die anonymen Wahlen abschaffen? Es könnten ja die “falschen” gewählt werden?

  2. sokrates9

    Da waren die wichtigsten Politiker der Welt versammelt! Was tut man? Man gedenkt 100 Jahre zurückliegende Ereignisse! Zukunftsthemen? Uninteressant! Wo kämen wir den hin wenn Putin und Trump verhandeln würden und die EU mal versuchen würde aktuelle Themen zu lösen!

  3. astuga

    Das Problem sind in Wahrheit nicht Nationalismus und Patriotismus.

    Diese Begriffe werden lediglich instrumentalisiert und vorgeschoben um all jene zu diffamieren die der Zerstörung der westlichen Nationalstaaten im Wege stehen.
    Mit ihrer verbindlichen Rechtsordnung für alle Bürger, klaren und deshalb weitgehend befriedeten Staatsgrenzen und einem Sozialsystem das realistischer Weise nur für die wirklich bedürftigen Bürger konzipiert war.

  4. Tom Jericho

    Besonders lustig finde ich ja Kritik am Nationalstaat, wenn sie aus Frankreich kommt – dem Land, das sich selbst völlig ironiefrei als “Grande Nation” bezeichnet…

  5. astuga

    @Tom Jericho
    Einerseits…
    Andererseits hat sich gerade Frankreich (ähnlich wie das United Kingdom) als Kolonialmacht immer auch als multiethnischer Vielvölkerstaat verstanden – lange bevor es Begriffe wie transnational oder Multikulturalismus überhaupt gab (ähnlich aber nicht völlig identisch mit dem Osmanischen Reich, Russland und der Habsburger Monarchie).
    https://i.pinimg.com/originals/24/c0/f2/24c0f29dae1bf5b034156855b7cec79d.jpg

    Natürlich alles dominiert und überlagert von französischer Kultur und einer weißen Führungselite (das wurde dann noch etwas weitergeführt mit der Communauté française und dem Commonwealth).
    Wobei Frankreich immer auch Westeuropa dominieren wollte, und Großbritannien eher auf ein “Teile und Herrsche” gesetzt hat.

    Und ebenso wie im UK hat das politisch bereits damals nicht funktioniert.
    Beide haben aus Eitelkeit und einer paternalistischen Attitüde heraus nicht rechtzeitig den Absprung aus ihrer Vergangenheit als Großmacht geschafft.
    Heute verbindet sich das mit linker Ideologie und globalistischen Partikularinteressen.

  6. astuga

    Nachtrag: übrigens versteht sich auch das Islamische Kalifat (wie jenes des IS) als ein im heutigen Wortsinne transnationales Staatsgebilde.
    Eben unter islamischer Vorherrschaft.
    Überhaupt haben totalitäre Machtstrukturen offenbar eine Vorliebe für große Staatsgebilde.

  7. astuga

    Noch ein Nachtrag: Bereits Hjalmar Schacht sprach davon eine “Pan-Europäische Union” zu gründen.

    Wikipedia: Hjalmar Schacht: “…von 1923 bis 1930 und von März 1933 bis Januar 1939 Reichsbankpräsident sowie von 1934 bis 1937 Reichswirtschaftsminister.
    Schacht gehörte zu den 24 im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof angeklagten Führungspersonen des nationalsozialistischen Regimes (Anm.: wurde aber freigesprochen).”
    https://www.nytimes.com/1926/10/30/archives/schacht-endorses-paneurope-union-president-of-the-reichsbank-calls.html

  8. Falke

    @Selbstdenker
    Sie haben ein sehr heikles Thema angesprochen, nämlich den neuerdings von der Regierung begonnenen “Kampf gegen Hass im Netz”. Dabei will sie offenbar gleich das Kind mit dem Bade ausschütten – oder vielleicht zwei Fliegen mit einem Schlag treffen – und die Anonymität gleich gänzlich verbieten, also auch bei youtube, Leserkommentaren usw., damit die politische Einstellung jedes einzelnen Staatsbürgers gespeichert werden kann. Mit Entsetzen vernahm ich gestern in der ZiB2, dass Blümel sich ausdrücklich das Netzdurchsetzungsgesetz von Heiko Maas zum Vorbild genommen hat. Bisher verband man Meinungsterror und -spionage mit Rot-Grün; es sieht so aus, dass Türkis-Blau ihre Vorbilder noch links überholen wollen. Das Ganze nur auf das Maurer-Gekreisch zurückzuführen, wäre meiner Meinung nach zuviel der Ehre für diese völlig unineressante Dame

  9. Selbstdenker

    @Falke:
    Es ist die erste echt grosse Enttäuschung bei dieser Regierung. Heiko Blümel sollte auf einen Posten versetzt werden bei dem er keinen Schaden anrichten kann.

    Offenbar reicht der Weitblick nicht aus, dass heutige politische Äusserungen jemanden morgen vielleicht den Job und übermorgen gar das Leben kosten könnten. Eine Klarnamenpflicht kommt der Abschaffung vom Wahlgeheimnis gleich.

    Die grössten Spalter und Hetzer sind Politiker, Journalisten und Pseudointellektuelle, die bei jeder sich passender Gelegenheit weite Teile der Bevölkerung als “Nazis”, “Rassisten”, “Sexisten”, etc. beleidigen. Untergriffige Forumsbeiträge sind geradezu harmlos dagegen.

  10. TomM0880

    “Online-Gewalt” so ein Blödsinn. Das sind nur Vorwände um Scheibchen für Scheibchen an der Freiheit zu sägen.

    Früher hat man Beleidigungen einfach ignoriert oder pariert.

  11. Mourawetz

    Jaja, das tumbe Volk und sein Nationalismus. … im Buch von Christopher Clark „Die Schlafwandler“ steht nirgends etwas von Volksentscheiden, sondern immer nur von Politikern, Herrschern und Diplomaten, Generälen, hüben wie drüben, die Amok laufend, unausweichlich schlafwanderlisch in den Ersten Weltkrieg stolperten.
    Aber dieses Buch müssen Merkel und Macron ja nicht gelesen haben. Ist ja nur ein geschichtliches Buch in Millionenauflage, wie Sarrazins Bücher. Aber auch die sind ja bekanntlich „wenig hilfreich“ (Merkel).

  12. fxs

    Offenbar haben die Politakteure keine Zeit, sich auf ihre Auftritte vorzubereiten. Sonst hätten sie Christopher Clarks “Die Schlafwandler” gelesen und nicht solchen Unsinn verzapft.

  13. Triumph Cruiser

    @Mourawetz:

    Das Merkel behauptet, das Buch (Die Schlafwandler) gelesen zu haben. Das nehme ich ihr sogar ab, – so wie die seit Jahren “schlafwandelt”.. – vermutlich erkor sie das Versagen der in diesem Buch zahlreich vertretenen Schlafwandler, zu ihrem persönlichen Credo…

  14. astuga

    Naja, Hillary Clinton hat aus Orwells 1984 ja auch die Einsicht gezogen, dass die Bevölkerung ihren politischen Führern, den Medien und den Experten vertrauen sollte.
    Denn nur diese würden sie vor einer verzerrten Wahrnehmung der Realität und Fake News bewahren (durch den polit. Gegner).

    Genau mein Humor!

  15. Johannes

    Die gängige Meinung vieler Festredner, Linker und Journalisten – es war gut das die Monarchie zusammengebrochen ist und der Völker-Kerker gesprengt wurde. Man sympathisiert mit den damaligen Bestrebungen der Völker eigene, selbstbestimmte Nationen zu werden, um im gleichen Atemzug diese Länder heute zu geißeln und des törichten Nationalismus zu beschuldigen weil sie ihre durch den Sowjetkommunismus unterbrochene Freiheit beibehalten wollen.

    Ein Europa in dem die einzelnen Staaten gegen den Willender Mehrheit ihrer Bevölkerung zu etwas gezwungen werden sollen ist ein Gebilde das viele als Völker-Kerker empfinden. Sind wir wirklich so blöd in Europa das sich alles immer wieder wiederholen soll?

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