Nur die ganz Dummen zahlen ihre Schulden zurück

(C.O.) Sollten Sie, geneigte Leserin, geschätzter Leser, aus irgendeinem Grund keine rechte Lust mehr verspüren, ihre allfälligen Raten für das auf Kredit erworbene Eigenheim weiter Monat für Monat abzustottern, dann kann Ihnen sofort geholfen werden. Suchen Sie einfach Ihren Bankberater auf und teilen Sie ihm formlos mit, dass sie erstens den Rückzahlungszeitpunkt für das Ihnen gewährte Darlehen auf „nie“ zu erstrecken gedenken und zweitens auch weiterhin Zinsen zu zahlen bereit sind – aber nur in jenen Jahren, in denen Ihre Einnahmen deutlich höher sind als Ihre Ausgaben, also de facto auch nie.

Sollte Ihr Bankberater dies wenig amüsant finden und etwas murmeln, das wie „Insolvenz“, „Pfändung“ oder „Betrug“ klingt, verweisen Sie ihn einfach darauf, dass derzeit ein EU-Staat (Griechenland) genau dieses innovative Finanzkonzept seinen Gläubigern (zum Beispiel dem österreichischen Steuerzahler) unterbreitet: die Rückzahlung der Staatsschulden bis zum Tag des Jüngsten Gerichtes aufschieben („Ewige Anleihen“) und die Zahlung von Zinsen vom Erzielen eines bestimmten Wirtschaftswachstums abhängig zu machen („BIP-Bonds“). Warum soll diese attraktive Möglichkeit nicht auch jedem anderen Kreditnehmer offenstehen?

Alexis Tsipras, der designerkommunistische neue Athener Regierungschef, hat leider ganz gute Chancen, mit diesem als „Umschuldung“ getarnten größten Konkurs Europas seit 1945 durchzukommen, um Deutschland, Österreich und den anderen Gläubigern das offene Einbekenntnis zu ersparen, dass ihre Rettungspolitik grandios gescheitert ist und sie das Geld ihrer Steuerzahler ohne Not und ohne Nutzen beim Fenster der Akropolis hinausgeschmissen haben.
Dafür wissen wir jetzt, was „Solidarität“ in der EU bedeutet: Zum Beispiel, dass nicht nur der deutsche oder österreichische Steuerzahler jene Kosten übernehmen darf, die durch eine Dreiviertelmillion völlig überflüssiger griechischer Beamte – und 12.000, die jetzt als Gipfel der Unverfrorenheit neu eingestellt werden – entstehen, sondern auch die Steuerzahler etwa in der Slowakei oder in Estland, deren Einkommen deutlich unter jenem der angeblich völlig verarmten Griechen liegt.

Außerdem wissen wir nun auch, was „Gerechtigkeit“ in der EU bedeutet. Nämlich, dass Portugal, Irland oder Lettland ihre Krisen dadurch überwunden haben, dass sie ihrer Bevölkerung schmerzhafte Maßnahmen zumuteten, an deren Ende freilich eine weitgehende Gesundung der jeweiligen Volkswirtschaften ohne Enteignung der Gläubiger steht – während Griechenland eine Art Grundrecht auf das gute Leben zulasten Dritter postuliert und seinen Kreditgebern auch noch dreist fordernd entgegentritt.

Kommt Griechenland mit dieser Chuzpe mehr oder weniger durch, werden sich ein paar ganz interessante Fragen stellen. Denn wenn die Griechen ihre Schulden samt Zinsen de facto abschütteln können, warum sollen dann eigentlich Italiener oder Spanier sich an ihre Verpflichtungen gegenüber den Gläubigern halten müssen?

Es zeichnet sich bereits eine informelle Allianz der europäischen Pleitiers ab mit dem vorerst noch unausgesprochenen Ziel, gemeinsam ihre Gläubiger zu schädigen. Matteo Renzi, Italiens junger Links-Premier, hat Tsipras diese Woche wie einen verlorenen Bruder in Rom empfangen und der Solidarität Italiens versichert. Was man, angesichts des gewaltigen italienischen Staatsschuldengebirges, durchaus nachvollziehen kann. Dass schließlich auch Frankreich, im Wesentlichen genauso pleite, diesem offiziösen Klub der Defraudanten beitritt, ist wohl nur noch eine Frage der Zeit.

Schon ist die Rede von einer „Europäischen Schuldenkonferenz“ mit dem Ziel, die Kreditgeber der staatlichen Pleitiers zu enteignen. „Noch leben wir“, so hatte es der Philosoph Peter Sloterdijk neulich genannt, im „Zeitalter der Tilgungsillusion“. Eine Illusion, die nun zu platzen beginnt. (“Presse”)

7 comments

  1. Franz Bauer

    Insolvenz, Pleite, Zahlungsunfähigkeit gehören genauso zu unserem Wirtschaftssystem wie Einnahmen, Ausgaben, Gewinn und Verlust. Werfen sie einmal einen Blick ins Amtsblatt in die Rubrik Insolvenzen. Täglich passiert dies. Kein Unternehmer hat die Gewissheit dass seine Lieferungen oder Leistungen letztendlich bezahlt werden oder er für die Bezahlung, Lieferung und Leistung erhält so ferne er in Vorlage gegangen ist. Nur unsere Politiker waren 2010 so wahnsinnig dem schlechten Geld noch eine Menge gutes Geld nachzuwerfen. Kein Unternehmer hätte dort auch nur noch einen müden Cent investiert.
    Im Übrigen kennen sich Banken mit dem von Ihnen beschriebenen Kredit sehr gut aus. Man nannte das damals PARTIZIPATIONSKAPITAL. Die Dividende darauf wurde auch nur in guten Jahren ausgezahlt.
    Anbei ein Auszug aus dem Geschäftsbericht der BAWAG 2011 über das Wesen des PS-Kapitals:
    “Dividenden für Partizipationsscheine dürfen nur bezahlt werden, soweit die Dividende im Jahresgewinn nach Rücklagenbewegung gemäß UGB des unmittelbar vorangegangenen Geschäftsjahres Deckung findet und ein entsprechender Hauptversammlungsbeschluß der BAWAG P.S.K. vorliegt. Die Auszahlung der Dividende liegt im Ermessen der BAWAG P.S.K. und das vorliegen eines verteilungsfähigen Gewinnes verpflichtet sie nicht zur Auszahlung einer Dividende. Die Partizipationsscheine haben kein Endfälligkeitsdatum, sie können jedoch unter Wahrung der gesetzlichen Voraussetzungen von der Emittentin eingelöst werden. Die Partizipanten verzichten auf ihr ordentliches und außerordentliches Kündigungsrecht.”
    Also so einen Kredit würde ich von meiner Bank auch einmal gerne bekommen! Zinsen nur wenn es mir passt. Rückzahlung spätestens zu St. Nimmerlein.

  2. Herbert Manninger

    Welche Worte soll man für ,,unsere” Politiker denn wählen, wenn das Wörtchen ,,saublöd” in diesem Blog nicht erwünscht ist???????

  3. Syria Forever

    Shabbat shalom Herr Manninger.

    Weil “Saublöd” nicht stimmt. Es ist wesentlich schlimmer. Die wissen was sie tun und das mit Methode.

    Guten Samstag!

  4. Herr Karl

    Säue – also Schweine – sind nachgewiesenermaßen sehr intelligente Tiere. Einen unserer den Griechen Geld nachgeworfen habenden Politiker als saublöd zu bezeichnen, wäre also eigentlich sogar ein Kompliment an diesen.

  5. der doktor

    die demokratie muss uns das wert sein…gerade jetzt wäre der falsche zeitpunkt die schulden zurückzuzahlen…gerade jetzt ist kaufkraftstärkung wichtig…gerade jetzt muss der griechische staat investieren…gerade jetzt hat pseudowirtschaftswissenschaftliches blabla zur rechtfertigung neuer geldverbrennung hochkonjuntur

  6. Fragolin

    Wenn die Griechen nichts mehr rückzahlen wollen, warum zahlen wir eigentlich noch etwas ein?
    Haben wir nicht gelernt, dass es weder einen Rausschmiss aus dem Euro noch aus der EU gibt? Dass es keine Rechtsmittel außer ein “Dudu!” mit wackelndem Zeigefinger gibt, wenn man den Geldhanh einfach zudreht?
    Gibt es in Österreich eine Partei, die mit dem sofortigen Einstellen aller Zahlungen bei lustigem Verbleib im Club wirbt?
    Her mit denen, und dann viel Spaß! Die Troika laden wir zum Opernball ein!

  7. H.Trickler

    Warum wundert man sich allenthalben über naturgegebene Ungleichheiten?

    Wenn ich am Sonntag Mittag mit dem lauten Rasenmäher meine Wiese mähe, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass ein gestörter Nachbar Anzeige wegen Störung der Sonntagsruhe einreicht.
    Wenn paar Hundert Meter neben dran im Fussballstadion ein paar Tausend Fans laut brüllend ebenso lauten Lärm verursachen, ist das ganz normal.

    Wenn ich wie im Artikel meine Schulden nicht fristgemäss bediene, folgen hierzulande Pfändung und Konkurs.
    Wenn ein ganzer Staat hops geht, dann ist das eben etwas ganz anderes….. ….

    Es sind eben alle gleich, und einige noch gleicher 😉

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