OT: Die Kust des Reisens (Buchtip)

Von | 17. Juli 2013

Über den genialen österreichischen Karikaturisten Manfred Deix wird berichtet, er habe vor vielen Jahren einmal beschlossen, mit einem Freund zu Fuß von Wien nach Rom zu gehen. In Perchtoldsdorf jedoch, nur wenige Kilometer südlich von Wien gelegen, plagten Deix arge Zweifel daran, ob es sonderlich klug wäre, seine höchst attraktive junge Frau so lange Zeit allein zu Hause zu lassen. Also beschlossen die beiden Rom-Reisenden nach eingehender Überprüfung des Sachverhaltes, die Sache etwas abzukürzen – und fuhren mit der S-Bahn nach Wien zurück, nicht ohne vorher Labung bei einem Heurigen gefunden zu haben.

Es muss dies eine Reise ganz nach dem Geschmack des britischen Autors Dan Kieran gewesen sein. In dessen jüngst erschienenem Buch “Slow Travel – Die Kunst des Reisens” empfiehlt er seinen Lesern nämlich vor allem, sich möglichst langsam von Punkt A nach Punkt B zu begeben, wenn das Reisevergnügen optimiert werden soll – und “nicht zu reisen, um irgendwo anzukommen”, sondern Lao-Tse zu folgen, der uns lehrt: “Der wahre Reisende hat keinen festgelegten Weg, noch will er an ein Ziel”.

Wer fliegt, ähnelt einem Stück Frachtgut
Bewusst – und sicher nicht zum Schaden der verkauften Auflage – knüpft der Verlag bei der Auswahl des Titels “Slow Travel” an die bekannte “Slow-Food-Bewegung” an, die sich bekanntlich als Antagonist zum “Fast Food” versteht und um regionale, genussvolle Ernährung bemüht.

Unter “Slow Travel” versteht Dan Kieran nicht zuletzt, nach Möglichkeit auf das Fliegen zu verzichten. “Das Problem mit Flugzeugen – so wunderbar und effizient sie sein mögen – ist, dass die Fliegerei einen völlig von der zurückgelegten Strecke abschneidet,” meint er. “Wer fliegt, ähnelt mehr einem Stück Frachtgut als einem freien Menschen. Wer am Boden bleibt, reist wirklich – und kommt nicht bloß irgendwo an.”

Stattdessen, empfiehlt er, möge man zumindest mit dem Zug – und sei es auch für viele Stunden – oder anderen, langsameren Verkehrsmitteln reisen. Auch sonst legt er seinen Lesern nahe, alte Gewohnheiten über Bord zu werfen: “Mach keine Fotos, kauf keinen Reiseführer, lass alle Sehenswürdigkeiten weg, vermeide gute Hotels, heiße Katastrophen willkommen, das Abenteuer kommt dann ganz allein”.

Erfahrene Traveller werden Kieran recht geben: Ein paar Stunden ziellos durch ein beliebiges Pariser Arrondissement zu schlendern, kann wesentlich erbaulicher sein als gehetzt Eiffelturm und Louvre abzuhaken; eine Sehenswürdigkeit nach Art japanischer Touristen abzufotografieren kann einen daran hindern, diese Sehenswürdigkeiten richtig zu sehen; und gerade sehr gute (sprich: teure) Hotels bewirken oft, dass der Reisende morgens nicht weiß, ob er gerade in New York oder in Shanghai aufwacht.

Auf eine Wien-Reise etwa, natürlich mit dem Zug von London über Brüssel und Passau, habe er sich nicht mit einem herkömmlichen Reiseführer, sondern mit Stefan Zweigs melancholischer Autobiografie “Die Welt von gestern” vorbereitet, so Kieran. Die einzige typische Sehenswürdigkeit, die sie sich ansahen, war Klimts “Kuss”, berichtet der Autor. “Wir hätten ein Vermögen für Opernkarten ausgeben können oder uns durch die sicherlich fantastischen Museen schleppen können, um das Wesen der Stadt zu erfassen, doch stattdessen machten wir eine Tour über die vielen Spielplätze, die (sein Sohn, Anm.) Wilf uns aufgeregt aus dem Straßenbahnfenster zeigte…”

Was zählt, ist die
Intensität des Erlebens
In einer Stadt wie Wien ausgerechnet den Kinderspielplätzen besondere Beachtung zu widmen, mag man für die Laune eines etwas exzentrischen britischen Snobs halten – letzten Endes hat Kieran dem Anschein entgegen ja eh weniger ein Buch darüber geschrieben, wie man verreisen sollte, sondern eher darüber, wie man leben sollte.

“Wir verwenden viel mehr Zeit darauf, uns Gedanken darüber zu machen, wie wir unsere Lebensdauer verlängern können, anstatt die Qualität dieses Lebens zu verbessern”, schreibt Kieran, “… als ob es wichtiger wäre, unser Leben in messbarer Zeit zu verlängern, als unser eigenes Leben zu führen. Im Leben wie im Reisen geht es jedoch nicht um Dauer oder Entfernung. Es ist die Intensität des Erlebens, die zählt…”

Das wird sich Manfred Deix vielleicht auch gedacht haben, als er seine langsame Reise nach Rom schon in Perchtoldsdorf vorzeitig beendete. (WZ)

 

Slow Travel.

Die Kunst des Reisens.

Dan Kieran

Rogner & Bernhard, 222 Seiten, 19,95 Euro

2 Gedanken zu „OT: Die Kust des Reisens (Buchtip)

  1. Spruance

    Joachim Ringelnatz

    Die Ameisen

    In Hamburg lebten zwei Ameisen,
    Die wollten nach Australien reisen.
    Bei Altona auf der Chaussee
    Da taten ihnen die Beine weh,
    Und da verzichteten sie weise
    Dann auf den letzten Teil der Reise.

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