„Plötzlich löste sich ein Schuß…“

Von | 16. Juli 2021

(ANDREAS TÖGEL) Kürzlich kam es im Rahmen eines Assistenzeinsatzes des Österreichischen Bundesheeres an der ungarischen Grenze zu einem folgenschweren Zwischenfall. Zwei junge Wachsoldaten hantierten – offenbar vorschriftswidrig und in grob fahrlässiger Weise – mit ihren Dienstpistolen vom Typ Glock 17, wobei, so berichteten es die Medien, „…sich plötzlich ein Schuß löste.“ Einer der beiden, ein 19jähriger Bursche, wurde dabei in den Bauch getroffen und schwer verletzt.
Abgesehen von der von keinerlei Sachkenntnis getrübten Berichterstattung (ein Schuß löst sich nicht einfach aufgrund der einer Feuerwaffe innewohnenden Bosheit, sondern er wird – und zwar in 100 von 100 Fällen – ausgelöst), wirft der Zwischenfall gleich mehrere Fragen auf.
● Das Alter, ab dem im Land am Strome eine Faustfeuerwaffe legal erworben werden darf, liegt bei 21 Jahren. Wie sinnvoll diese willkürliche Bestimmung angesichts der Tatsache ist, dass man mit 19 als volljährig gilt, und mit noch weniger Jahren auf dem Buckel bereits die Wahlberechtigung erlangt, sei dahingestellt. Was viel bedeutender ist: Offenbar traut der allsorgende Vater Staat jenen Menschen, die sein Panier tragen, um einiges mehr zu als den Normalsterblichen. Immerhin drückt er 17jährigen Rekruten nicht nur Pistolen, sondern auch vollautomatische Gewehre nebst scharfer Munition in die Hand, deren Besitz rechtschaffenen, unbescholtenen Zivilisten strikt verboten ist. Erscheint das nur dem Verfasser dieser Zeilen seltsam? Oder ist es so, daß das Tragen einer Uniform besondere, bislang unerforschte charakterliche, geistige oder technische Qualitäten verleiht, deren Zivilisten ermangeln?
● Die Vorschrift besagt, daß die im beschriebenen Fall geführten Dienstpistolen nicht geladen, sondern nur „halbgeladen“ sein dürfen. Das bedeutet, dass sich keine Patrone im Lauf befindet, der Schütze also, um schießen zu können, zunächst eine Patrone aus dem Magazin ins Lauflager repetieren muß. Das ist deshalb nicht ganz unproblematisch, weil dadurch wertvolle Zeit bis zur Schußbereitschaft verlorengeht, was in einem akuten Bedrohungsfall ohne weiteres den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten kann. In den USA, wo man in polizeitaktischer Hinsicht über wesentlich größere Erfahrungen verfügt als diesseits des Atlantiks, würde es kein Polizist akzeptieren, seinen Dienst mit einer „halbgeladenen“ Waffe versehen zu müssen.
Dass die Glock zu den handhabungssichersten Pistolen überhaupt zählt, macht diese Vorschrift zusätzlich fragwürdig, die, wie der vorliegende Fall ja zeigt, offensichtlich nicht dazu angetan ist, Unfälle zu verhindern.
● Wie alles im Leben, muß auch der sichere Umgang mit Feuerwaffen gründlich erlernt und regelmäßig geübt werden. Jedermann, der nur einmal im Jahr auf sein Motorrad steigt oder eine bestimmte Computerfunktion benützt, weiß von den Folgen mangelnder Routine ein Lied zu singen. Unsicherheit, Bedienungsfehler und Zeitverluste sind dann meist unvermeidlich. Beim Umgang mit Feuerwaffen kommt hinzu, dass es oft nicht bei der Frustration angesichts des mangelnden Anwendergeschicks bleibt, sondern – siehe oben – schwerwiegende Konsequenzen drohen können.
Beim zitierten Vorfall sind, abgesehen vom vorschriftswidrigen Ladezustand der Waffe –zwei grundlegende Sicherheitsregeln unbeachtet geblieben. Eine davon lautet: Ziele niemals auf jemanden/etwas, auf den/das du nicht schießen willst. Viele Tragödien hätten nicht stattgefunden, wäre diese Regel befolgt worden. Zweiter Grundsatz: Finger weg vom Abzug! In Filmdramen mag es cool aussehen, wenn der Held den Abzug seiner Waffe stets umklammert, in der Praxis kann das aber leicht zur ungewollten Schußabgabe führen – besonders in unübersichtlichen, stressbeladenen Situationen. Der Finger darf erst in dem Moment an den Abzug, wenn man zu schießen gedenkt.
Fest steht: Eine Waffe im Safe zu verwahren, ist nicht genug. Um sie zu beherrschen, sollte auch regelmäßig damit geübt werden, um Fehlbedienungen und Unfälle zu vermeiden.

3 Gedanken zu „„Plötzlich löste sich ein Schuß…“

  1. Kritikus

    Einige ergänzende Worte erlaube ich mir auch als langjähriger ehemaliger Milizsoldat (meine Dienswaffe war als mobeingeteilter Sanitäter übrigens obligat die GLOCK P80) Mit 18 Jahren bereits eingerückt hat man uns sehr wohl nach “entsprechender Ausbildung sprich Waffendrill,” den Gebrauch wie auch unter Umständen notwendige (..) Anwendung des damaligen Sturmgewehrs 58 zugetraut. Immer und immer wieder vor Augen geführt, dass eine Waffe – vor allem unsachgemäß “verwendet” – ein gefährliches Teil IST. Zudem: mit rigoroser Dienstaufsicht durch unsere Vorgesetzten – auch unangekündigt – wir Grundwehrdiener vor allem im Dienst mit Waffe und scharfer Munition immer rechnen mußten (Wachkommandant, Offizier vom Tag, Garnisons Offizier) So standen wir “junge Männer” mit 40 Schuss scharfer Munition gut ausgebildet und eingeteilt als Torwache oder im Streifendienst. In der Dienstausübung war das – vorne quer umgehängte – StG 58 übrigens immer halbgeladen, was reichte aus der Sicht unserer Vorgesetzten.

    Zur Ausbildung vor allem bei Milizübungen:
    Vorgestaffelt einige Tage zu Kaderübungen eingezogen wurde uns – manchmal von Berufskader – nach zwei Jahren Übungspause sehr wohl die Gefährlichkeit, gerade der Umgang und “Hantieren” mit Pistole eben weil Kurzwaffe, die “Schussrichtung” rasch veränderbar, wieder vor Augen geführt. Eingerückte Miliz wurde dann von uns dann im Waffen-und Schießdienst gründlich wiederholt “erinnert” und geschult. Beim Scharfschiessen war es für jede Standaufsicht dann eine Selbstverständlichkei auch Herausforderung, dass Waffenaufnahme, Handhabung und sichere Schussabgabe funktioniert.

    Dessenungeachtet ist der Soldat/Grundwehrdiener – gleich welchen Alters – dann mal im wirklichen “Einsatz” (Auslandseinsatz, AssE, und monatelang an Grenzen, Hinterland bei Verkehrskontrollen, COVID u.a.), da schaut dem Waffen tragenden Soldaten halt mal nicht immner wer über die Schulter, man vertraut eben dem ausgebildetetn Soldaten. Dem ja auch die Konsequenzen immer wieder vor Augen geführt wurden und werden im “Waffen- und Schiessdienst.” Ist’s dann mal “dienstliches Warten, möglich “Langeweile,” Protzereien, Rambogehabe: dann passiert, was NIE passieren darf! Völlig richtig : EIN SCHUSS LÖST SICH NICHT VON SELBST!

    Wie vorhin erwähnt sind in den knapp vierzig Jahren meiner Milizdienstzeit sehr betrüblich einige Kameraden von mir durch solche streng verbotenen “Aktionen” getötet worden. Unverzeihlich und wird mit aller Härte des Gesetzes auch geahndet. Die “Menschen am Strome” dürfen sich jedoch mit Fug und Recht weiterhin auf eine solide und gewissenhafte Ausbildung der Grundwehrdiener- gleich welchen Alters an allen Waffen (“voll automatisch” oder nicht!) im Österreichischen Bundesheer verlassen.

  2. Nightbird

    Wieder mal ein guter Tögel.
    “ein Schuß löst sich nicht einfach aufgrund der einer Feuerwaffe innewohnenden Bosheit,…”
    Die Bevölkerung ist anderer Ansicht: Waffen schiessen von alleine.

    “muß auch der sichere Umgang mit Feuerwaffen gründlich erlernt und regelmäßig geübt werden”
    Stimmt eindeutig. Nur habe ich das Gefühl, daß den Grundwehrdienern einfach nur die Knarre in die Hand gedrückt wird. Auf regelmäßiges Schiesstrainig oder die Prüfung auf psychische Eignung wird kaum Wert gelegt. Ich wage zu behaupten, daß ich (66) mit meiner 17er besser und sicherer umgehen kann als so ein Rotzbua.

    Wann ist denn einer wirklich volljährig? Mit 19, mit 21? Und der psychische Zustand?
    Manche schaffen_s noch nichtmal mit 40 oder 50 die Flausen der Kindheit hinter sich zu lassen.
    Kenne einige, die eine Waffe eher als Statussymbol, als Spielzeug ansehen, dann als Werkzeug für den Notfall.

    @ Kritikus
    Scheinbar hat man bei Euch damals andere Maßstäbe angesetzt als heute, wo das BH nur mehr zur Lachnummer verkommen ist. Assistenzeinsätze bei Naturkatastrophen o.Ä. können sie ja aber waffenungeübte Soldaten können unter Umständen sogar für’s Volk gefährlich werden. Ich wage zu bezweifeln, daß uns das BH im heutigen Zustand wirklich schützen bzw., verteidigen könnte. ich würde mich eher vor dem ungeschulten Grundwehrdienern fürchten als vor einem möglichen Angreifer.

    lG, Nightbird

  3. Allahut

    @Kritikus
    Ich bezweifle stark, dass mit der üblichen Ausbildung nach dem Grundwehrdienst eine Waffe wirklich beherrscht wird, dazu bedarf es schon weit mehr Übungszeit. Und dass der Finger, wenn man nicht schießen will, am Abzug nichts verloren hat, wird vielen such erst mit entsprechender Routine klar. Bei Drückgden passieren auch immer wieder schwere Unfälle, weil ungeübte Jäger mit dem Finger am Abzug mit dem Gewehr herumfuchteln.

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