Politik für die Zukunft: Unter 4.0 geht gar nichts

(ANDREAS DOLEZAL) Selbstverständlich will auch unsere Politik zeigen, dass sie fit für die Zukunft ist. Daher verwendet unsere Regierung den Zusatz 4.0 in inflationärem Ausmaß. Demokratie 4.0, Finanzen 4.0, Regierung 4.0. Nur ja nicht den Verdacht aufkommen lassen, dass lähmende Parteipolitik von gestern ist. Wir Bürgerinnen und Bürger sollen das Gefühl haben, dass wir erfolgreich in die Zukunft regiert werden.

Dabei beschleicht mich ein Gedanke. Seit Jahrzehnten präsentieren sich unsere gewählten Volksvertreter eher als Macht bewahrende Blockierer denn als Visionäre. Ihre Innovationskraft, ihr Reformwillen und ihre Handlungsfähigkeit sind überschaubar ausgeprägt. Angesichts dieser Tatsache erscheint mir der Sprung von 1.0 zu 4.0 enorm groß.

Wo sind oder wo waren die Zwischenschritte 2.0 und 3.0? Wann und warum wurden die ausgelassen?

Ich möchte unserer Regierung keineswegs die Gabe zur positiven Entwicklung absprechen. Es geht ja tatsächlich manchmal etwas weiter im positiven Sinn. Von Kanzler Faymann (0.7 würde ich sagen) zu Kanzler Kern (1.0, wenn nicht sogar 1.5), von Vizekanzler Spindelegger (0.5, moderner war der wahrlich nicht) zu Vizekanzler Mitterlehner (1.0, optimistisch betrachtet) und vielleicht bald zu Sebastian Kurz (2.0, wenn nicht er, wer sonst?).

Kanzler Kerns Plan A enthält sicher ein paar Ansätze, die den Zusatz 2.0 verdienen. Aber 4.0er Ideen suche ich vergebens. Einen derart großen Sprung wird es auch mit dem nächsten Paket an Versprechungen, den „100 Initiativen für Österreich“, nicht geben. Dafür sorgt mit Sicherheit die österreichische Schattenregierung aus Arbeiterkammer 0.3, Gewerkschaft 0.5 und Wirtschaftskammer 0.7. Denn Vertreter dieser Institutionen sitzen im Parlament, daher muss jede neuere Version auch abwärtskompatibel sein.

Ein deutlich erkennbares Update können die Abgänge von Erwin Pröll (0.8 bezüglich fit für die Zukunft, 8.0 bezüglich Machterhalt und Starallüren) und Josef Pühringer (1.0 meiner Einschätzung nach, aber ich kann mich täuschen) bringen. Nieder- und Oberösterreich schaffen mit neuen Landesfürsten vielleicht das Update von 1.0 auf 2.0, während das mächtige Wien noch eine Weile 1.0 bleibt. Vielleicht entwickelt sich die Bundespolitik 1.0 – ohne die beiden Alt-Landeshauptmänner – jetzt sogar zur Bundespolitik 1.5. Der Sprung auf 4.0 wird sich aber nicht ausgehen.

Warum nicht ein Schritt nach dem anderen?

Zu befürchten ist, dass aus dem angekündigten großen Wurf einmal mehr nichts wird. Parteipolitiker, hauptberufliche Parteifunktionäre, Kämmerer, Bauernbündler, Gewerkschafter, Landespolitiker & Co. mögen nun mal keine großen Veränderungen. Und schnelle schon gar nicht.

Wir Wählerinnen und Wähler wären schon glücklich und zufrieden, wenn es langsam voran geht, statt wie bisher gar nicht. Ich zumindest brauche keine versprochene Politik 4.0, ich wäre schon über eine echte Politik 2.0 hocherfreut!

9 comments

  1. michael schmidt

    Das war früher mal ganz witzig alles von dem man glaubt es sei was neues mit X.0 zu bezeichnen. Heute ist es einfallslos. Was aber wirklich bedenklich ist, ist DEMOKRATIE 4.0. Was bitte soll das? Demokratie ist Demokratie. Eine als neu oder besser angepriesene Demokratie ist keine mehr und das soll wohl verschleiert werden. Ich hätte das gern mal erklärt bekommen was das heißen soll!! Demokratie findet als Demokratie statt oder sie findet nicht (mehr) statt. Michael Schmidt Berlin

  2. Selbstdenker

    Der Zusatz 4.0 ist vom Kunstbegriff “Industrie 4.0” (vierte indusrielle Revolution) entlehnt. Die zusammenhangslose Abwandlung auf “Demokratie 4.0”, “Politik 4.0”, etc. ist ein besonders peinliches Beispiel wie sich – vergleichbar einem Cargo Cult – die äussere Darstellung vom ursprünglichen inneren Zusammenhang abkoppelt. After Virtue 4.0 sozusagen 😉

    Das substanzlose Aufladen von Begriffen ist das Kerngeschäft von Politik, Medien und entsprechenden Beraterstäben. Bei jeder Expansionswelle – aber auch der unausweichlichen Implosion – klingelt die Kasse.

    Mein persönlicher Favorit an Bullshit-Begriffen: “Digitale Transformation”. Da steckt ein ganzer Kosmos an Wissensanmassung und nicht ganz uneigennützigen selbsterfüllenden “Prophezeiungen” drinnen. Und selbstverständlich muss es auch in der virtuellen Realität der “Digitalen Transformation” einen Spielverderber geben: den “Transformationsverweigerer”.

    Ich könnte gar nicht so viel essen, wie ich ko..en könnte.

  3. Reini

    Aus der “Hauptschule” wurde die “Neue Mittelschule”,… verbessert wurde nichts, das Gegenteil ist eingetreten!
    Mit der Erhöhung der Stufen wird das Chaos angezeigt! 1.0 ist weniger Chaos als 4.0! 😉

  4. humanist

    4% Inflation wird von den ungelernt angelernten Berufskleptokraten angestrebt. das wars aber auch schon mit deren mathematikkenntnissen. eine Ansammlung mediokrer idioten, viele dümmer als ein holzscheit. selber schuld. wir, meine ich.

  5. sokrates9

    Vortrag in Linz über Industrie 4.0 .Die interviewende Jounalistin auf Niveau 0.4 versucht mittelständische Unternehmen die wirklich Weltmarktführer sind zu interviewen! Was halten sie vom österreichischen Bildungssystem? Antwort: Uns egal, wir sind eine große Familie und die XY.. MIBA – Lehrlinge Tschechien, China, Indien werden halt unsere ersetzen…
    Unsere Politik und Medien sind derzeit ungefähr bei 0.4 und nicht 4.0 angekommen! es gibt doch wesentlich mehr Rückschritte als Fortschritte!

  6. Andreas Dolezal

    @ Falke: Danke für den Hinweis auf den Tippfehler. Ja, wo gehobelt wird, da fallen Späne … 😉
    Vielleicht liest Herr Ortner ja mit und korrigiert ihn. Und dann auch gleich den in meinem Namen am Anfang (ANDRTEAS). Danke! 😉

  7. Falke

    @Andreas Dolezal
    “Ohne DEN … ” (statt “ohne DIE…”) ist wohl eher kein Tippfehler.

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