Putin, Erdogan und der IS

Von | 8. Dezember 2015

Die russische Regierung beschuldigt die Familie des türkischen Staatspräsidenten Erdogan, in die Ölgeschäfte des IS verwickelt zu sein. Ob das stimmt, ist derzeit nicht mit Sicherheit zu sagen, Erdogan bestreitet entschieden, aber hier der russische Standpunkt im Original: 

Die Erklärung des stellvertretenden russischen Verteidigungsministers Anatoli Antonow : Der internationale Terrorismus stellt heute die größte Bedrohung weltweit dar. Dabei handelt es sich keineswegs um eine eingebildete Bedrohung. Sie ist vielmehr sehr real. Und viele Länder und insbesondere Russland haben schmerzliche Erfahrungen sammeln müssen. Die berüchtigte Terrormiliz Islamischer Staat (IS) steht heute an der Spitze des internationalen Terrorismus.

Aber es gibt Möglichkeiten, dieses rasende Monster des internationalen Terrorismus zu bekämpfen und letztlich zu besiegen. Die russische Luftwaffe hat dies in den vergangenen zwei Monaten deutlich unter Beweis gestellt. Nach unserer Überzeugung trägt die Zerstörung seiner Finanzquellen wesentlich zum Sieg über den IS bei, wie der russische Präsident Wladimir Putin bereits oft erklärt hat. Terrorismus ohne Geld ist eine Bestie ohne Klauen und Zähne.

Die Einnahmen aus dem Erdölgeschäft stellen die wichtigste Geldquelle der Terroristen in Syrien dar. Einigen Berichten zufolge fließen der Terrormiliz alljährlich etwa zwei Milliarden Dollar aus dem illegalen Erdölhandel zu. Hauptempfängerland des von Syrien und dem Irak gestohlenen Erdöls ist die Türkei. Sie verkauft dieses Erdöl weiter. Dabei ist besonders erschütternd und schockierend, dass die politische Führung des Landes – Präsident Recep Tayyip Erdoğan und seine Familie – in diese illegalen Geschäfte verwickelt ist.

Wir haben oft davor gewarnt, wie gefährlich es sei, Terroristen Unterschlupf zu gewähren und sie zu unterstützen. Man kann dies damit vergleichen, Öl ins Feuer zu gießen. Dieses Feuer breitet sich dann vielleicht auf andere Länder aus. Und genau mit diesem Problem sind wir im Nahen Osten konfrontiert. Wir werden Ihnen heute nur einen Teil der verfügbaren Fakten vorlegen, die beweisen, dass im Wesentlichen eine einzelne Gruppe in der Region aktiv ist. Sie besteht aus Extremisten und Teilen der türkischen Elite, die sich verschworen haben, das Erdöl ihrer Nachbarn zu stellen. Dieses Erdöl wird in industriellen Mengen über die »mobilen Pipelines« transportiert, die aus Tausenden Erdöl-Tanklastwagen bestehen.
Nach unserer Überzeugung ist die Türkei der Bestimmungsort dieses gestohlenen Erdöls, und wir werden Ihnen heute unwiderlegbare Beweise vorlegen, die diese Überzeugung untermauern. Hier sind heute viele Medienvertreter versammelt, und noch viele weitere Kollegen werden sich die Videoaufzeichnungen dieses Lageberichts ansehen. In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen gerne von unserer Seite noch einen Aspekt deutlich machen.

Wir schätzen die Arbeit von Journalisten. Wir wissen, dass es in den Medien viele rechtschaffene und unerschrockene Menschen gibt, die in ihrer Arbeit auf Integrität Wert legen. Wir werden Ihnen heute darlegen, wie der illegale Erdölhandel funktioniert, der wesentlich zur Finanzierung des Terrorismus beiträgt. Wir werden Ihnen klare Beweise vorlegen, die Ihnen unserer Ansicht nach bei Ihren journalistischen Recherchen hilfreich sein können.

Wir sind überzeugt, dass mit Ihrer Hilfe die Wahrheit ans Licht kommen wird.

Wir wissen, wie viel von Erdoğans Worten zu halten ist. Er wurde bereits sozusagen auf frischer Tat von türkischen Journalisten ertappt, die über heimliche Waffen- und Munitionstransporte aus der Türkei an die Extremisten berichteten, die als humanitäre Hilfslieferungen getarnt waren. Diese Enthüllungen führten dazu, dass diese Journalisten inhaftiert wurden.

Die türkische Führungselite, einschließlich Präsident Erdoğans, würde selbst dann nicht zurücktreten oder irgendetwas zugeben, wenn ihr ihre Verwicklung in den Erdöldiebstahl nachgewiesen würde. Vielleicht äußere ich mich jetzt etwas zu unverblümt, aber unsere Kameraden wurden durch die Hand des türkischen Militärs getötet.

Die türkische Führung hat äußersten Zynismus an den Tag gelegt. Sehen Sie sich nur einmal an, was sie getan haben! Sie sind gewaltsam in das Staatsgebiet eines anderen Landes eingedrungen und plündern es unverfroren aus. Und wenn ihnen dabei die Bewohner dieses Landes im Wege sind, müssen sie eben aus dem Weg geräumt werden. Ich möchte hervorheben, dass ein Rücktritt Erdoğans nicht unser Ziel ist. Dies zu entscheiden, ist allein Sache der türkischen Bevölkerung.

Uns geht es darum, Terrorismus zu bekämpfen. Wir verfolgen dabei das Ziel, die Finanzquellen des Terrorismus zu verstopfen. Und wir rufen alle, die hier versammelt sind, auf, uns bei diesem Vorhaben zu unterstützen. Wir sind bereit, die Ergebnisse Ihrer Recherchen zu veröffentlichen und so zu ihrer Verbreitung beizutragen. Wir werden Ihnen und der Weltöffentlichkeit auch weiterhin Beweise im Zusammenhang mit der Finanzierung des internationalen Terrorismus vorlegen.

Vielleicht bin ich zu freimütig. Aber die Kontrolle über dieses Diebesgeschäft kann nur in den [höchsten] vertraulichen Kreisen verortet werden. Es ist interessant, dass sich niemand im Westen die Frage stellt, warum der Sohn des türkischen Präsidenten eines der größten Energieunternehmen leitet und sein Schwiegersohn [in der neuen Regierung] zum Minister für Energie und natürliche Rohstoffe ernannt wurde?

In den westlichen Medien wurde diesen Aspekten bisher kaum Aufmerksamkeit geschenkt, aber ich bin sicher, dass auch hier die Wahrheit nicht auf ewig verborgen bleiben wird.

Natürlich wird dieses schmutzige Erdölgeld seine Wirkung haben. Ich bin sicher, dass man behaupten wird, die von uns hier vorgetragenen Fakten seien ein einziger Schwindel. Wir haben hier nichts zu verbergen. Die Journalisten können sich in den Gebieten, von denen in unserem Bericht die Lage ist, selbst ein Bild machen.

Natürlich handelt es sich hier nur um einen Teil der vorliegenden Informationen über diese verabscheuenswürdigen Verbrechen der türkischen Elite, die direkt zur Finanzierung des internationalen Terrorismus beiträgt. Jeder besonnene Journalist ist aufgerufen, diese Pest des 21. Jahrhunderts zu bekämpfen. Die weltweiten Erfahrungen zeigen immer wieder, dass objektiver Journalismus eine sehr wirksame Waffe gegen unterschiedliche Formen der Finanzkorruption sein kann.

Wir wollen die Kollegen ermutigen, eigenständige journalistische Recherchen zur Enthüllung der Formen der finanziellen Unterstützung durch die Bereitstellung und Lieferung von Erdölprodukten durch die Terroristen an ihre »Kunden« anzustellen. Das von den Terroristen geförderte Erdöl wird von den türkischen Häfen aus auch in andere Regionen geliefert.

Das russische Verteidigungsministerium wird weiterhin Material im Zusammenhang mit der Lieferung von Erdölprodukten durch die Terroristen an fremde Länder veröffentlichen und über die Operationen informieren, die von der russischen Luftwaffe durchgeführt werden. Lassen Sie uns unsere Anstrengungen vereinen. Wir werden die Finanzquellen des Terrorismus in Syrien austrocknen. Unterstützen Sie uns dabei auch über die syrischen Grenzen hinaus.

11 Gedanken zu „Putin, Erdogan und der IS

  1. Fragolin

    So viel Wahrheit auch in seinen Worten steckt, wäre es geradezu ein Treppenwitz, wenn es nicht so traurig wäre, dass ausgerechnet die russische Führung sich über die Inhaftlierung missliebiger Journalisten empört. Ich weiß, es ist eh nur ein taktisches Spiel, aber trotzdem: Wer selbst Oppositionelle nach Sibirien schickt oder auch mal einen tragischen Unfall haben lässt, sollte nicht zu sehr mit dem blutverschmierten Finger auf andere zeigen; das ist zynisch.
    Aber das gehört dazu. Mit Putin und Erdogan treffen sich zwei intrigante, intelligente und skrupellose Machthaber auf Augenhöhe. Das leichte Spiel, das der Sultan mit unseren dekadenten und dümmlichen Provinzstatthaltern hat, hat er mit dem Zaren nicht. Mit dem Abschuss des russischen Kampfjets hat er sich einen zum Feind gemacht, der nicht vor seinem Pomp im Staube kriecht. Und der nicht in die schmutzigen Erdölgeschäfte verstrickt ist, denn an wen verkauft eigentlich die Türkei weiter? Zufällig an Amerika oder gar die EU???
    Wäre interessant, liebe Journalisten…

  2. Der leiwaunde Johnny

    Wäre cool, würde der ach so böse Putin, den von EU und NATO so umworbenen Türken Erdogan “überführen”.

  3. mariuslupus

    Tatsache ist, dass das russische Flugzeug von der NATO abgeschossen wurde. Die Reaktion der NATO und der USA war auch dem entsprechend. Schulterschluss für Erdogan. Dieser Fehler zeigt wozu eine gezielte und jahrelange Verleumdungsstrategie führen kann. Präsident Putin wurde und wird, entweder dämonisiert, “der nächste Stalin”, oder lächerlich gemacht. Diese Haltung zeigt die Unfähigkeit der USA und der EU mit Russland umzugehen und die Interessen Russlands zu verstehen. Die EU mit ihren Sanktionen negiert die Tatsache dass Russland eine Grossmacht ist, und bleibt. Es wäre viel sinnvoller mit Russland zusammenzuarbeiten, als sich auf “Freunde” wie die USA sein sollen, sich zu verlassen.
    Hätte Europa einen Politiker von der Intelligenz Putins, wäre uns die von Berlin selbst verursachte Katastrophe, erspart geblieben

  4. Thomas Holzer

    Der Herr Putin lügt zwar auch wie gedruckt, aber in diesem Fall ist er der Wahrheit sicherlich näher als der Herr Erdogan.
    Daß IS-Kombattanten in türkischen Spitälern behandelt wurden, daß Waffen in LKW-Konvois ohne Kontrolle über türkisch-syrische Grenzübergänge Transport wurden, steht ja außer Streit

  5. sokrates9

    Wo sind eigentlich die amerikanischen Satellitenfotos, oder die der Deutschen – Kommen nächste Woche ?? –
    die bewiesen dass Putin lügt und nicht tausende türkische Tankfahrzeuge das Öl in die Türkei karren?? Glaube nicht dass Putin solche Satellitenbilder fälschen muss! Wie finanziert sich eigentlich der IS? Jetzt haben wir weltweite Geldwäschekontrollen, jeder österreichische Sparverein muss nachweisen wie er sein Weihnachtshenderl finanziert, doch die hunderten Millionen sieht keiner??

  6. Falke

    @Fragolin
    Man muss sich nur fragen, welches Interesse Erdogan wohl haben kann, sich Putin zum Feind zu machen?

  7. Fragolin

    @Falke
    Auch ich kann nur spekulieren, habe aber so meinen Verdacht.
    Putin hat Erdogan beim Sch*** erwischt. Er hat mit einem einzigen Luftschlag ein halbes tausend Tanklaster zerbombt, und zwar ohne den türkischen Fahrern vorher per Flugblatt anzukündigen, wann sie sich verstecken sollen. Und er hat angedroht, mit Raffinerien und Ölquellen weiterzumachen. Der Abschuss war ein klares zeichen, dass die Türkei dies nicht zulassen sondern sogar einen Flächenbrand riskieren wird, denn für mächtige türkische Gruppen und wahrscheinlich sogar Erdogans Clique selbst geht es um das Geschäft ihres Lebens.
    Erdogan bekommt da unten alles was er will: billiges Öl aus den Quellen fremder Länder, eine fanatische Gruppe im Kampf gegen seine Erzfeinde Assad und Kurden, nebenbei haufenweise Menschenmaterial, um die Deppen aus dem Norden abzuzocken und aktive Unterstützung bei der Ausweitung des Islam über ganz Europa – bis zu dem Moment, als der Russe eingriff. Erdogan hatte kein Interesse, sich Putin zum Feind zu machen, aber seit sich Putin offensiv auf Assads Seite gestellt hat (womit der Sultan nie gerechnet hatte), geht es nur noch um das Abstecken von Grenzen.
    Ich traue Putin auch zu, den Abschuss eiskalt provoziert zu haben, um jetzt die internationale Aufmerksamkeit zu haben, mit der er Assads Erzfeind aus dem Norden genüsslich zerlegen kann. Der Zar ist eiskalt wie eine Hundeschnauze, ein Menschenleben gilt beim Russen nicht viel; Erdogan, der innenpolitisch davon lebt, als der Große Sultan aller Wahren Muslime das Schwert Allahs zu führen, reagiert absehbar aggressiv – und macht Fehler.
    So zynisch das klingt – mit dem Abschuss eines russischen Kampfjets ging der nächste Punkt im syrischen Machtspiel eindeutig an Putin.
    Bin mal gespannt, wie das Match weitergeht. Es ist ein Tanz auf Messers Schneide.

  8. mariuslupus

    @Fragolin
    Gegen die Theorie dass Putin das Flugzeug hat absichtlich abschiessen lassen spricht die Zeit , einige Sekunden die dieses Flugzeig angeblich in der Türkei war. D.H. jede Reaktionszeit eingerechnet, wurde der russische Flieger erst später über Syrien von der Rakete eingeholt. Erdogan hat reagiert wie ein jeder Mafia-Boss reagiert, die Russen haben ihm sein Gedl gestohlen, dafür müssen sie büssen. Keine Ratio, sondern verletztes Ego, also Wut. Er war sich auch sicher dass er die Amerikaner auf seiner Seite hat.
    Wie Talleyrand gesagt hat : “Das war schlimmer als ein Verbrechen, das war ein Fehler.”

  9. astuga

    Warum nicht.
    Die beiden Journalisten die kürzlich verhaftet wurden hatten aufgedeckt, dass die Türkei Waffen an den IS liefert (bzw geliefert hat).

    Dazu ist aber weder Merkel noch Faymann etwas eingefallen.

  10. Enpi

    Das ist kein Machtspielchen zwischen 2 gleichwertigen Dikatatoren, sondern ein Spiel bei dem sich ein Dritteweltstaat mit einem Möchtgernkalifen mit einer Nuklearmacht anlegt.

    Aber egal wie es derzeit von der Lügenpresse gehyped wird, letztendlich ist der Abschuß vollkommen gleichgültig. Nur ein unbedeutendes und vollkommen konsequenzloses Steinchen im langen großen Konflikt zwischen dem Haus des Islams und dem Haus des Krieges.

  11. Fragolin

    @mariusplus
    Es war nicht der erste Flieger, mit dem Putin den Türken reizte; er wusste, er muss es nur oft genug wiederholen, dann knallt es irgendwann. Natürlich war es ein Fehler Erdogans, das habe ich oben doch schon angedeutet, aber einer, der vorherzusehen war. Nochmal: Putin ist ein intrigantes A*loch, aber er ist ein hochintelligentes intrigantes A*loch, weit intelligenter als auch Erdogan. Er weiß, wann sein Gegner handeln muss, will er vor den eigenen Leuten nicht das Gesicht verlieren. Russland hakelt mit radikalmuslimischen Provinzdiktatoren schon seit Jahrzehnten; da wusste man bei uns noch gar nicht, dass es sowas überhaupt gibt. Islam, das war doch immer Bauchtanz und der kleine Muck und süße Pfeifen rauchen und so. Einfach eine putzige exotische Religion von Leuten mit pittoresken Kopfbedeckungen.
    Es ist ein Pokerspiel um Assad, um Russlands Mittelmeerstützpunkt, um Einflusssphären und Ölquellen; unsere Wurschteln lassen sich in das Spiel hineinziehen, weil sie selbst für eine Partie Uno zu dämlich wären. Herrje, ein abgehalfterter Alkoholiker, ein nicht minder abgehalfterter Buchhändler, innenpolitisch angeschlagene Premiers, Präsidenten und Kanzleusen glauben in der Weltpolitik mitspielen zu dürfen und werden von einer Handvoll Intriganten am Nasenring durch die globale Manege geführt. Sie springen begeistert in einen Korb voller Schlangen und wissen über die Viecher nichts, als dass sie so lustig “Tssss!” machen.

    @astuga
    Wer vor dem Sultan im Staub liegt, hat nicht ungefragt das Wort an ihn zu richten.
    Wer nur durch Intriganz und Kriecherei auf seinen Posten kommt, wird auch weiter als Intrigant und Kriecher handeln.

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