Religion als Standortvorteil

Von | 14. Juli 2013

Irgendwann in diesem Sommer könnte, trotz der momentanen ökonomischen Zores, ein wahrlich historischer ökonomischer Meilenstein erreicht sein: China wird (wenn man die unterschiedliche Kaufkraft berücksichtigt) erstmals die Wirtschaftsleistung der Eurozone übertreffen. Und auch bis das Reich der Mitte an den USA vorbeizieht, werden wohl nur mehr einige wenige Jahre vergehen.

 Dass dieser enorme Erfolg nicht zuletzt einer Mischung aus ziemlich ungebändigtem Kapitalismus und ziemlich effizienter, weil pragmatischer staatlicher Planung geschuldet ist, gilt im Westen als ausgemachte Sache.

Wenig beachtet und regelmäßig unterschätzt wird hingegen eine faszinierende andere Wurzel des chinesischen Wirtschaftswunders: die traditionell ganz außerordentlich diesseitsorienterte Religiosität der Chinesen, der Konzepte wie “Himmel” oder “Hölle” völlig fremd sind. Die große Mehrheit der Chinesen verwendet eine Mischung aus uraltem Volksglauben, Wahrsagerei und Handlesen, vermischt mit Konfuzianismus und Buddhismus. Religion und Bekenntnis spielen keine Rolle, das Ganze wird hochgradig utilitaristisch gesehen: Was zählt, ist die Hilfe der Götter beim Bewältigen des irdischen Daseins, wenn geht, bitte, einschließlich Reichtum und langes Leben.

An ein Leben nach dem Tod zu glauben, gilt im Reich der Mitte hingegen als eher töricht.

Das hat natürlich erhebliche Auswirkungen auf den Erwerbstrieb der Chinesen und damit die Wirtschaftskraft Chinas. Wer nicht auf die unendlichen Freuden des christlichen Paradieses oder gar die 72 Jungfrauen im islamischen VIP-Jenseits hoffen kann, wird seine Energien in weit höherem Ausmaß auf das Diesseits fokussieren. Das geradezu erotische Verhältnis der meisten Chinesen zu Geld und Gold passt bestens in dieses Bild. Das heißt: Chinas extrem pragmatische Spiritualität nach dem Motto “Mit Gott zum Geld” kann durchaus genauso als Standortvorteil verstanden werden wie anderswo Rohstoffvorkommen oder Energiereserven.

Ein Zusammenhang, der übrigens in großen Teilen der islamischen Welt genauso sichtbar wird, wenn auch mit umgekehrten Auswirkungen. Denn die Vermutung liegt nahe, dass die ungebrochene Vitalität des Islam mit seiner besonders robust ausgeprägten Jenseits-Orientierung nicht eben zu besonderen ökonomischen Anstrengungen im Diesseits anspornt. Der renommierte pakistanische Atomphysiker (und Moslem) Pervez Hoodbhoy hat das im “Spiegel” recht drastisch formuliert: “Es gibt rund 1,5 Milliarden Muslime in der ganzen Welt – aber sie können in keinem Bereich eine substanzielle Errungenschaft vorweisen. Nicht im politischen Bereich, nicht in gesellschaftlicher Hinsicht, weder in den Naturwissenschaften noch in der Kunst oder in der Literatur. Alles, was sie mit großer Hingabe tun, ist beten und fasten.”

Das mag etwas stark verkürzt sein, ist aber im Kern zutreffend, leider. So wie sie, etwa im Falle Chinas, ein Standortnachteil sein kann, vermag Religion das weltliche Vorankommen ihrer Anhänger auch vehement zu behindern. (WZ)

 

15 Gedanken zu „Religion als Standortvorteil

  1. Thomas Holzer

    und was ist mit den an das/ein Jenseits glaubenden Calvinisten?
    Die dürften nach der o.a. These wirtschaftlich gar nicht erfolgreich sein

  2. rubens

    Die chinesische Dieseitsorientierung werden wir bald zu spüren bekommen, wogegen nachhaltiges Wirtschaften und Marktwirtschaft den Christen ein Anliegen ist. Also ich denke, die christliche Kombination aus Marktwirtschaft, Nachhaltigung und Demut wird das Erfolgsmodell für die Welt sein.

  3. Plan B

    Da bekanntlich „Wissen die Mutter aller Ressourcen ist“ (wie schon gestern bemerkt), ist Fortschritt und ökonomische Prosperität nur unter weitgehend säkularen Bedingungen gedeihlich (Stichwort: europäische Aufklärung). Oder unter weniger repressiven religiösen Regimen.

    Hätte es in der Antike schon einen Monotheismus christlicher oder islamischer Prägung gegeben, wäre vermutlich Aristoteles auf dem Scheiterhaufen gelandet (einem Schicksal, dem zum Beispiel Galileo nur knapp entging). Anders im Judentum, das so verzettelt ist, dass das Ende der Welt (Ankunft des Messias) die unweigerliche Entropie unseres Universums (ja, es ist endlich in der Existenz bei 0 Kelvin) überdauern wird. Vielleicht liegt es auch daran, dass diese 1% Prozent der Weltbevölkerung rund ein Drittel aller Nobelpreise in den naturwissenschaftlichen Disziplinen bisher abgeräumt ha (2011 waren von den 6 Preisträgern 5 jüdisch). Nun, keiner wird wohl behaupten, dass die christliche Welt von Einstein nicht profitiert hätte (ja, es gab auch einen Newton).

    Bei den Chinesen ist nun noch ein anderes, fast singuläres, Phänomen zu bewundern; nur soviel, man sollte sich die Liste aller Mathematik-Olympiaden durchsehen (ja, unter den Preisträgern sind auch Japaner und Südkoreaner).

    Aber jetzt verlassen wir die schon die Religion (nicht wahr, Herr Sarrazin?).

  4. Plan B

    @Thomas Holzer

    Der Calvinismus ist Fronarbeit für Gott; quasi die “Aufnahmeprüfung” für das Himmelreich.

    Sehr schön dargestellt in der Verfilmung von “Babettes Fest” (und wie man auch schon auf Erden einem Vorgeschmack auf das “Himmelreich” genießen kann)

  5. Carlo

    Die Diesseitsorientierung der Chinesen, aber auch der Japaner und anderer Ostasiaten ist meines Erachtens etwas übertrieben. Eine nachhaltige Wirtschaft mit den demografischen Herausforderungen eines Landes wie China ist, glaub ich, schwer zu stemmen. Umgekehrt gilt das natürlich für viele islamische Länder.

  6. Rennziege

    “Von der Sowjetunion China lernen heißt siegen lernen.” (Copyright: Walter Ulbricht.)

    Auch die EU hat diese weise Direktive brav befolgt und von China gelernt: Wahrsagerei und Handlesen wurden aber so linientreu übernommen, dass für Konfuzius und Buddha leider kein Platz mehr blieb.

  7. Prinz Eugen von Savoyen

    @Rennziege

    Wir glauben an den vom Menschen gemachten Klimawandel, und sonst an den Endsieg.

  8. Rennziege

    @Prinz Eugen von Savoyen
    Es steht mir übel an, Ihro Hoheit einer Vergesslichkeit zu zeihen. Aber habt Ihr in der Liste unseres unverbrüchlichen Glaubens die Friedensidee Europa und die Religion des Friedens, den heiligen Islam, übersehen?
    Mein Herz will darob schier bluten, um nicht zu sagen: bluthen.

  9. Mourawetz

    @Plan B 
    “Hätte es in der Antike schon einen Monotheismus christlicher oder islamischer Prägung gegeben, wäre vermutlich Aristoteles auf dem Scheiterhaufen gelandet”
    Ganz genau. Deshalb versuchten ja auch die Scholastiker das Christentum mit der griechischen Philosophie in Übereinstimmung zu bringen, insbesondere mit der Philosophie Aristoteles. Immer wieder schön zu sehen wie der Hass auf das Christentum die Menschen verblendet. Das Christentum mit der Steinzeitreligion Islam in einem Atemzug zu nennen, das ist nur noch blöd.

  10. Prinz Eugen von Savoyen

    @Rennziege

    Gnädige Frau, manchmal fällt Uns zu diversen Themen trotz heftigen Nachdenkens nichts ein, was gesagt werden müsste. Über das Auswendiglernen eines Buches reden?

  11. Michael Haberler

    Religion – vielleicht auch.

    Eine Chinesin im Bekanntenkreis sagt mir, dass ein dominierender Grund für das Streben nach Erfolg in China darin besteht, nie wieder dem Horror der Mao’schen Kulturrevolution und seiner Hungersnöte ausgesetzt sein zu müssen.

    Die nennen das dort höflich “die verlorenen Jahre”.

  12. de Voltaire

    Vielleicht fehlen in USA und China einfach die “Religion” des Kommunismus und des Sozialismus?
    Während das Christentum ja mit “Du sollst …” arbeitet, arbeiten Kommunismus und Sozialismus schlichtweg mit “Du musst …, daher erzwingen wir dies mit (Staats)Gewalt”. In China wird Erfolg bewundert, bei uns verdammt. In China wird Erfolg belohnt, bei uns bestraft. Und das hat die Staatsreligion ohne das Christentum geschafft.

    Ach ja, im Christentum gäbe es ja auch den Menschen mit dem ihm zugestandenen freien Willen und der Freiheit der Entscheidung …

  13. Rennziege

    @de Voltaire
    “Ach ja, im Christentum gäbe es ja auch den Menschen mit dem ihm zugestandenen freien Willen und der Freiheit der Entscheidung …”

    Das ist ja genau das Altmodische, Verzopfte, Ewiggestrige, das der weltweiten Abschaffung entgegengeht wie ein Schaf zur Schlachtbank.
    Die Freiheit der Entscheidung hat sich ebenso überlebt wie der freie Wille. Warum wollen Sie das partout nicht verstehen? 🙂

    Planwirtschaft, Bevormundung von der Wiege bis zum Grab, Entrechtung, Maulverbote, Enteignung, Schändung der Sprache und aller moralischen wie kulturellen Werte, des Christentums sowieso, sind das Gebot der Stunde. Nur so kann der Fortschritt Niedergang der westlichen Welt in die Tat umgesetzt werden: zu willenlosen, räumlich und gedanklich hinter Stacheldraht eingezäunten Herdentieren, die außer Fressen, Saufen, Defäkieren, Glotzen, und HWG vom Leben nichts weiter erwarten.

  14. Prinz Eugen von Savoyen

    @Rennziege

    Gnädige Frau, ich empfehle David Riesman, The lonely crowd. Er hat den konformitätssüchtigen, ängstlichen Typ der Gegenwart genau beschrieben.

    Das Gute daran ist, das wird ein Ende haben.

  15. Rennziege

    @Prinz Eugen von Savoyen
    Seid höflichst bedankt, Hoheit. Meine submisseste Wenigkeit hat von diesem Buche schon reden hören, hielt es aber noch nie in ihren schwieligen Händen. Habe das Werck nun bey meinem Stammbuchhändler im veträumten Brightlingsea, Essex, geordert; dies entnimmt meyner schmalen Geldkatze zwar der Eulen zween mehr als der neumodische Händler am Amazonas, aber dafür stehet mein Thässlein Thee dort noch immer bereyt, wenn ich dortselbst wieder die Thürklingel betäthige.

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