Rezension: “Der überflüssige Mensch”

(A. TÖGEL) Wer – als außerhalb des Musikbetriebes stehender Zeitgenosse – die Ehre hat, vom „Kultursender“ des Österreichischen Rundfunks, Ö1, zum Interview gebeten zu werden, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit weder ein Konservativer noch ein Liberaler. Denn im „Radiokulturhaus“ weht der Geist der langsam senil werdenden 68er. Hier bestimmen stramme Sozialisten und heiligmäßige Linkskatholiken den Kurs. Wer keine revolutionäre Botschaft zu verkünden hat, bleibt jedenfalls draußen.

 

Ilja Trojanow, in Wien lebender Autor mit bulgarischen Wurzeln, ist ein idealer Gast des dunkelroten Staatssenders. Das besprochene, dort zu Beginn des Jahres vorgestellte Werk aus der Residenzverlags-Reihe „Unruhe Bewahren“ ist der Systemkritik gewidmet.

 

Überraschungen oder neue Perspektiven bietet das schmale Bändchen nicht. Keine einzige Überlegung, die man – von Jean Ziegler bis Sahra Wagenknecht – nicht schon ad nauseam gehört oder gelesen hätte. Unsinn bleibt indes Unsinn – auch nach der 476 Wiederholung. Für Trojanow besteht, das gilt für faktisch alle ökonomiefernen Autoren, kein Zweifel daran, daß kapitalistisches Wirtschaften auf ein Nullsummenspiel hinausläuft: Ist einer materiell besser gestellt, dann nur deshalb, weil er einem anderen etwas weggenommen hat. Daß in freiwilliger Kooperation etwas – zum gemeinsamen Vorteil aller daran Beteiligten – produziert werden könnte, liegt jenseits des Denkhorizonts. Systembedingte „Ungerechtigkeiten“ auszugleichen, ist die Aufgabe einer wohlmeinenden und fürsorglichen Staatsbürokratie – wer sonst sollte sich darum kümmern? Gähn. Eine Auswahl der in Serie präsentierten Plattitüden:

 

► Der Dienstleistungssektor bietet nur niedrig bezahlte, stupide bis erniedrigende Arbeiten,

 

► Ein Amalgam aus „neomalthusianischen“ und „sozialdarwinistischen“ Vorstellungen bestimmt das Denken der wirtschaftlichen Eliten,

 

► Die „schwerreichen“ Westler sind die wahren Parasiten dieser Welt,

 

► Wer mittels „dubioser Methoden Geld vor den Staat versteckt, schadet dem Gemeinwohl“,

 

► Die Westler müssen ärmer werden, damit alle übrigen wenigstens etwas zu Essen haben,

 

► Weltweit blüht die Konjunktur der „sozialen Ungerechtigkeit“,

 

► Unser System ist gekennzeichnet durch die „Ausbeutung spottbilliger Arbeitskraft“.

 

Überflüssig zu betonen, daß für keine dieser Behauptungen auch nur die Spur einer Begründung oder eines Beweises vorgelegt wird.

 

Selbstverständlich kommt auch die obligate Kritik an der weltweit ungleichen Vermögensverteilung nicht zu kurz. Was für ein Glück, daß es Statistiken gibt, die man nach Belieben auswählen und interpretieren kann, wie man sie eben braucht. Stoßrichtung: Gleich = gerecht, ungleich = ungerecht. Daß Menschen aufgrund ihrer unterschiedlichen Talente, Begabungen und Lebensentwürfe, niemals auch nur annähernd gleiche wirtschaftliche Erfolge verbuchen werden, ist für totalitäre linke Gleichmacher unerträglich. Daraus folgt: „…höchste Zeit, daß wir massives Vermögen [ob damit ein Häuschen im Grünen oder ein bar bezahlter Mercedes gemeint ist, bleibt das Geheimnis des Autors, Anm.] grundsätzlich in Frage stellen, denn es gefährdet das Gemeinwohl“. Bingo! Damit befindet sich Trojanow – wohl ohne sich dessen bewusst zu sein – in der erstbesten Gesellschaft, denn auch die deutschen Nationalsozialisten propagierten: „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“. Hier offenbart sich ein grundlegendes Problem: Linke Intellektuelle zeigen sich erkenntnisresistent. Denn die Geschichte lehrt: Wer sich gewaltsam an privatem Eigentum vergreift, macht am Ende auch vor der Integrität des Besitzers nicht halt. Und wer sich an die Vergangenheit nicht erinnert (z. B. an 170 Millionen Todesopfer diverser Umverteilungsaktionen allein während des 20. Jahrhunderts), der ist gezwungen, sie zu wiederholen. Oder sind neuerliche Gewaltorgien am Ende gar nicht unerwünscht, sondern Bestandteil des Plans…?

 

Natürlich plagt den Autor, wie alle verzagten linken Spießer, deren Elaborate die Sachbereiche Politik und Philosophie der Buchhandlungen dominieren, die brennende Sorge, daß uns die Arbeit ausgehen, oder diese künftig von Robotern übernommen werden könnte. Dieses Unglück sahen weiland schon die Maschinenstürmer kommen, als die ersten Dampfmaschinen eingeführt wurden. Bis heute wimmelt es daher von arbeitslosen Leinenwebern und darbenden landwirtschaftlichen Hilfsarbeitern.

 

Eine „apokalyptische Gier“ führe (im Kapitalismus) zur „Entmenschlichung der anderen“. Klar, in sozialistischen Ameisenstaaten mit zentral geplanten Kommandowirtschaften war und ist Menschlichkeit bekanntlich Trumpf – wer könnte daran zweifeln?

 

Wenn es auf den letzten paar Seiten des in jeder Hinsicht dürren Bändchens um „Auswege“ geht, nimmt die Wortgewalt des Autors deutlich ab. Viel mehr als ein lahmer Aufruf „…die noch bestehenden Allmenden mit Zähnen und Klauen zu verteidigen“ (?) und die von hohlem Pathos triefende Phrase „Wir benötigen utopische Entwürfe, wir brauchen Träume, wir müssen Verwegenes atmen“ (Großer Gott!) ist da nicht zu finden. Der Titel schreit demnach nach einer kleinen Korrektur: „Das überflüssige Buch“ würde gut passen. Fazit: das Leben ist zu kurz, um es an die Lektüre dieses Elaborats zu verschwenden.

 

Der Überflüssige Mensch

Ilja Trojanow

Residenz-Verlag 2013

90 Seiten, broschiert

ISBN: 978-3-7017-1613-5

€ 17,90,-

 

Die Rezension ist zuerst auf http://www.misesde.org/ erschienen

12 comments

  1. Sybille Stoa

    Es gibt die Gier und den für die Gesellschaft schädlichen Einsatz von Kapital tatsächlich.
    Aber Leute, die es erwirtschafteten, vermehren es durch Leistung und sorgfältige Investition.
    Erben verjuxen es im worst case.
    Alte, die sehr hohe staatliche Alimente beziehen, aber vorher nie soviel Kapital hatten und es auch nie selbst erwirtschafteten, können ihr Vermögen manchmal im Machtrausch und durch die mangelnde Fähigkeit im Umgang sehr destruktiv einsetzen.

  2. Thomas Holzer

    Man sollte Trojanow nicht unterschätzen; ein gewisser Hang zur Ironie ist ihm eigen! 😉
    Mit dem Titel seines “neuesten” Buches, “Der überflüssige Mensch” meint er doch nur sich selbst!

  3. Menschmaschine

    selbst unter linken bzw. den langsam senil werdenden 68ern gibt es schlauere und weniger schlaue. herrn trojanow habe ich in interviews und beiträgen bisher als der zweiten gruppe zugehörig kennengelernt. die von ihm abgesonderten plattitüden sind an plattheit nicht zu überbieten. sie befinden sich quasi auf totem-meer-niveau. dass so ein langweiler zum star der linken szene aufsteigt, ist für die linke szene ein wahres armutszeugnis.

  4. Milton

    Ich bewundere Herrn Tögel, dass er sich derartige Literatur überhaupt einverleibt.

  5. Rennziege

    6. Mai 2014 – 12:01 Milton
    “Ich bewundere Herrn Tögel, dass er sich derartige Literatur überhaupt einverleibt.” – See more at: https://www.ortneronline.at/?p=28631#comments
    Auch ich bewundere Herrn Tögel. Mit Büchern sollte man umgehen wie mit Frühstückseiern: Warum aufessen oder weiterlesen, wenn sie schon beim Aufklappen stinken?

  6. Mario Gut

    Ohne ORF würde er wahrscheinlich -10 Bücher verkaufen. jetzt fühlen sich wahrscheinlich ein paar linke Volksbibliotheken genötigt den Schmarr´n für das Schmarr´n Regal und etwaige Sozi und Ologen für zukünftige Studien im Auftrag von irgendwem, aber für einem konkreten Preis, zu verfassen. Quersubventioniert wird das alles von uns-eh klar!

  7. Thomas Holzer

    @FDominicus
    Aber bitte!
    Sozial gerecht gilt immer nur für die anderen, nie für den, der “sozial gerecht” einfordert!
    Das sollte sich sogar bis zu Ihnen durchgesprochen haben, Sie neoliberaler, asozialer Spekulanten-Kapitalist 😉

  8. menschmaschine

    @ Thomas Holzer

    mir haben sie noch nie das kompliment gemacht, ein “neoliberaler, asozialer Spekulanten-Kapitalist” zu sein, das finde ich jetzt etwas unfair und fühle mich benachteiligt.

  9. FDominicus

    @Thomas Holzer. Das neo vergiftet und schwächt doch etwas zu sehr ab. Ich muß schon darauf bestehen liberal, asozial zu sein – oder war es asozial liberal oder oder liberal asozial. Und ein Kapitalist der nicht Spekulant ist ? Gibt es das überhaupt? Ist irgendwie ein weißer Schimmel. 😉

  10. Thomas Holzer

    @menschmaschine
    Sie haben recht, Diskriminierung!
    Wir brauchen ein neues Gesetz, ich ersuche Sie, den Klagsweg zu beschreiten! 🙂

  11. Menschmaschine

    @ Thomas Holzer

    hach, endlich. endlich darf auch ich mich einmal diskriminiert fühlen. ich wollte immer schon wissen, wie das ist. immerhin fühlen sich ja millionen österreicher so.
    ich muß sagen, es hat was.

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .