Rezension: “Die Euro-Party ist vorbei – wer zahlt die Rechnung?”

(C.O.) Auch wenn der Höhepunkt der Wirtschaftskrise überwunden zu sein scheint, herrscht in weiten Teilen der Eurozone ein melancholisches Grundgefühl vor, das durchaus als ökonomische “Katerstimmung” beschrieben werden kann. Deshalb trifft Wolfgang Hetzer mit seinem jüngsten Buchtitel “Die Euro-Party ist vorbei – Wer bezahlt die Rechnung?” die vorherrschende Befindlichkeit recht gut. Auch wenn sich die meisten Menschen vermutlich auch ohne Lektüre eines 400 Seiten starken Textes mittlerweile selbst die Antwort auf die im Untertitel gestellte Frage geben können: dass die Rechnung von den Sparern und Steuerzahlern in den nördlichen Staaten der EU und nahezu allen Bewohnern der südlichen Krisenstaaten beglichen wird, hat sich ja mittlerweile herumgesprochen.

 

Für all jene, die sich für den Ablauf und vor allem die Auswirkungen der Euro-Krise auf die Zukunft der EU im Detail interessieren, hat Hetzer trotzdem eine ganz interessante Faktensammlung zusammengestellt. Das Problem dabei: Der Autor schüttet den Leser mit Details zu, ohne dabei wirklich neue Erkenntnisse zu liefern. Für jemanden, der die letzten fünf Jahre im Dschungel von Borneo und ohne Internetzugang verbracht hat, wird das interessant sein, der politisch und wirtschaftlich halbwegs Informierte hingegen wird nicht all zu viel wirklich neue Perspektiven auf die Causa Prima des Jahrzehntes gewinnen können.

Idioten, Gauner, Tölpel
“Noch eine solche Bankenrettung wird sich die Welt wohl kaum noch einmal leisten können”, behauptet er etwa. Das überrascht uns nun aber wirklich. Und auch seine zentrale Diagnose ist jetzt nicht so ganz neu: “Die Haushalts- und Schuldenpolitik in manchen Staaten hat im Zusammenwirken mit international tätigen Banken in Teilen der europäischen Gemeinschaft katastrophale Folgen nach sich gezogen. Krankhafte Raffgier bestimmter Akteure auf den Finanzmärkten, politische Nachlässigkeiten und hochriskante Geschäftsmodelle haben zu einem staatskapitalistischen Systemversagen beigetragen, das sich nun auch auf das wichtigste Projekt der Nachkriegszeit in Europa auszuwirken beginnt.”

Dafür greift der Autor verbal gerne und häufig zum verbalen Dreschflegel, wenn es darum geht, die in seinen Augen Schuldigen der Krise zu benennen: “Mit Blick auf die europäische Schuldenkrise nahmen Angehörige der vermeintlichen Elite unterdessen die Verhaltensmuster von Kleinkindern an (…) Die politische Klasse in Brüssel scheint nicht in der Lage zu sein, die bestehenden schwer wiegenden Probleme zu lösen, sondern verschlingt vor allem das hart erarbeitete Geld der Steuerzahler.”

Alle Politiker, so ist nicht nur zwischen den Zeilen zu lesen, sind mehr oder weniger Idioten, die Banker zum Großteil raffgierige Gauner, zum Teil einfältige Tölpel, die sich zum Schaden der Bürger miteinander verbündet hätten. Ist ja nicht ganz falsch, aber trotzdem eine etwas arg reduzierte Sicht der Dinge, die vor allem angesichts der beruflichen Biographie des Autors erstaunt. Hetzer war von 2002 bis 2013 Abteilungsleiter in der europäischen Betrugs-Bekämpfungsbehörde “Olaf” und diente dort als Berater des Generaldirektors auf dem Gebiet der Korruptionsbekämpfung; vorher war er im Berliner Kanzleramt für die Aufsicht des Bundesnachrichtendienstes BND verantwortlich. Gemessen daran bietet er, leider, nicht eben Neues.

Es spricht freilich in gewisser Weise für den Autor, dass er nicht der Versuchung nachgab, ein Vademecum für die sich derzeit stark vermehrende Spezies der eher tumben EU-Hasser verfasst zu haben. Bei aller berechtigter Kritik an der Arbeit der europäischen Institutionen ist er grundsätzlich von deren Notwendigkeit überzeugt, gerade angesichts der Krise: “Das Schicksal Europas darf man nicht Politikern und Bürokratien allein überlassen. (…) Es ist unsere Sache, weil alle Angehörigen der europäischen Bevölkerungen mit all ihren individuellen Vorstellungen von Glück und all ihren Plänen für ein gutes Leben davon abhängen, dass der europäische Einigungsprozess fortgesetzt wird.” Stimmt schon, irgendwie. Was das aber konkret bedeutet, verrät uns der Autor freilich nicht. Was schade ist. (“WZ”)

Die Euro-Party ist vorbei – Wer bezahlt die Rechnung?

Wolfgang Hetzer

Westend, 416 Seiten, 23,70 Euro

6 comments

  1. Rennziege

    Wolfgang Hetzer war von 2002 bis 2013 Abteilungsleiter in der europäischen Betrugs-Bekämpfungsbehörde “Olaf” und diente dort als Berater des Generaldirektors auf dem Gebiet der Korruptionsbekämpfung …
    Ich hab’ mich bisschen kluggemacht. Das Olaf, Office Européen de Lutte Anti-Fraude, befindet sich seit seiner Gründung (1999) im wohlversorgten Dornröschenschlaf. 352 beamtete und 54 externe Mitarbeiter …
    http://ec.europa.eu/anti_fraud/documents/about_us/mgmt_plan/olaf_mp__2014_en.pdf
    … erzeugen dort nichts als warme Luft. Sämtliche Anzeigen und Hinweise werden, auch mit den jeweils verdächtigten EU-Staaten, so lange diskutiert, evaluiert, hin- und hergeschoben und abgewiegelt, bis Gras darüber gewachsen ist; darauf erfolgt die Schubladisierung auf Nimmerwiedersehen. Was die ach so rechtschaffene EU-Nomenklatura nicht im geringsten stört.
    Wer’s nicht glaubt, erforsche die Olaf-Homepage eingehend. Wer dort konkrete Erfolge, womöglich sogar ergangene Sanktionen findet, hat bei mir einen edlen Doppelliter Veltliner gut.
    Ein Buch von einem Menschen, der jahrelang beim Olaf gearbeitet hat, ohne sich an dessen zum Himmel stinkender Alibifunktion zu stören, brauche ich nicht. Notabene hätte er ein Whistleblower sein können, der wirklich wertvoll ist.

  2. rubens

    Für mich war Hetzers Buch eher enttäuschend im Ergebnis.

    Um Europa auf einen guten Weg zu bringen, sollten wir verhindern, eine Festung EU mit allen Vertiefungswünschen zu schaffen, denn diese wird nicht mehr änderbar sein. Ich vergleiche das mit den starren Verkrustungen, die uns die Sozialpartnerschaft beschert hat. Schlechte Menschen sterben aus, schlechte Insititutionen überleben sehr lange, bis eben die Substanz verbraucht ist.
    Ein guter Europäer ist in meinen Augen einer, der Eigenverantwortung, Subsidiarität, freie Marktwirtschaft hochhält und verteidigt, der Verantwortung trägt und der auch Haftung für seine Entscheidungen trägt. Verantwortung und Haftung zu verschmieren und zu verschleiern ist aber leider an der Tagesordnung.

    Alleine das Wirrwarr mit dem EEG ist katastrophal und va die Vortäuschung der Zuführung der Erneuerbaren Energie zum Markt ist schlichtweg ein Witz. Das ist interessensgesteuert und zerstört zunehmend die Melkkühe Europas. Das Hemd ist eben näher als der Rock.

  3. Rennziege

    @C.O.
    Lieber Hausherr, was hab’ ich bloß getan? Ich kann “Guten Tag!” schreiben und lande für Stunden in der Quarantäne. Falls Sie wünschen, dass ich mich für immer verabschiede, tu’ ich Ihnen den Gefallen gern.
    Scheidende Grüße sind die ehrlichsten Grüße.

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