Rezension: “Klassischer Liberalismus”

Von | 14. April 2015

(A. TÖGEL)  Wer sich an der stets aktuellen Debatte über Ziele und Konsequenzen liberaler (heute meist in abwertender Weise gemeint: „neoliberaler“) Politik beteiligt, sollte über einen fundierten Überblick über die Ideengeschichte des Liberalismus verfügen. Dem Autor des vorliegenden Buches ist es außerordentlich gut gelungen, diesen Überblick in kompakter Form zu bieten.

Mit David Hume beginnend, den er den „Begründer der klassisch-liberalen Staatslehre“ nennt, reiht der Philosoph Helmut Krebs die einschlägigen Gedanken von John Locke, Immanuel Kant, Wilhelm von Humboldt, Frédéric Bastiat, Jeremy Bentham und Ludwig Mises aneinander, wobei er letzterem den größten Raum widmet.

Selbst denjenigen Lesern, die sich bereits ausführlich mit den Schriften der genannten Denker auseinandergesetzt haben, bringt die Zusammenfassung deren staatspolitischen Denkens Gewinn. Immerhin nähern sich all diese Herren der Frage nach Recht und Gerechtigkeit sowie Sinn, Zweck und Kontrolle des Staates von sehr unterschiedlichen Standpunkten aus. Es ist hochinteressant, deren Überlegungen in der hier gebotenen Zusammenschau dargestellt zu finden.

Der Autor formuliert bisweilen wohlfundierte Kritik an bestimmten Positionen der Zitierten, was den Leser dazu anregt, seine eigenen Überlegungen dazu vorzunehmen und sich nicht allein auf die passive Kenntnisnahme des Zitierten zu beschränken.

Wir leben in einer Zeit des ungebremst wachsenden Wohlfahrtstaates, der willkürlich definierten Interessengruppen Sonderrechte einräumt, die zu Lasten von Freiheit und Eigentum der übrigen Bürger gehen. Besonders anhand der Gedanken von Kant und Humboldt wird deutlich, welch überragende Bedeutung in einer Gesellschaft freier Bürger der „Herrschaft des Rechts“ zukommt. Eines Rechts, das für alle gleichermaßen gilt.

Von einem Rechtsstaat ist der heutige Wohlfahrtsstaat, der nicht auf der Herrschaft des Rechts gründet, sondern auf der lebenslangen Zwangserziehung seiner Insassen zu dem, was die herrschende Kasse in beispielloser Anmaßung für Moral hält, Lichtjahre weit entfernt. Mit dem für den Wohlfahrtsstaat typischen Einzug politischer Willkür in alle – auch die privatesten Bereiche des Lebens – kommen Recht und Gerechtigkeit vollständig unter die Räder.

In seinem Fazit nennt der Autor die seiner Meinung nach „legitimen Staatsaufgaben“. Diese decken sich mit denen jenes Modells, das der deutsche Sozialist Ferdinand Lasalle geringschätzig „Nachtwächterstaat“ genannt hat. Nur der „libertäre Minimalstaat“ bietet die von Humboldt und Mises geforderten Bedingungen für die Herrschaft des Rechts.

Eine Antwort auf die Frage, auf welche Weise in einem demokratischen System mit allgemeinem, gleichem Wahlrecht die unausweichliche Tendenz zur Ausbeutung und Unterdrückung einer (produktiven) Minderheit durch eine (unproduktive) Mehrheit unterbunden werden könnte, bleibt der Autor leider schuldig.

Alles in allem dennoch ein höchst lesenswertes Buch!

 

Klassischer Liberalismus

Helmut Krebs

Books on Demand, Norderstedt

215 Seiten, broschiert

7,99,- Euro

Tagebuch

8 Gedanken zu „Rezension: “Klassischer Liberalismus”

  1. Christian Peter

    Na ja, die Theorie vom libertären Minimalstaat bzw. Nachtwächterstaat als ideales Modell hat schon einigen Staub angesetzt (kein Wunder, dass man solche Bücher um weit weniger als 10 Euro fast geschenkt bekommt). Nach dieser Auffassung müssten es sich bei schwachen Staaten mit Laissez-faire – Politik wie dem Kongo, Somalia, Sudan, etc. in dem sich der Staat nicht um Angelegenheiten der Bürger kümmert, um blühende Landschaften handeln. Tatsächlich zählen schwache Staaten jedoch zu den ärmsten und unterentwickeltsten Gebieten der Erde.

  2. Ehrenmitglied der ÖBB

    @ Christian Peter
    Haben sie eine Ahnung, wie hoch der Kilopreis der Marx-Engels Ausgaben gegen Ende der DDR war. Um 10 Euro hätten sie einen Kofferraum voll davon bekommen (Trabi-like).
    Und Ihre Versuch, afrikanische Staaten der von ihnen angeführten Art als “Gegenbeweis” für eine liberale Staatsphilosophie aufzuweisen, rutscht schön langsam (aber sicher) ins Lächerliche ab!
    Und wie sagt Karl Kraus: “Leute die über den Wissensdurst getrunken haben, sind eine gesellschaftliche Plage”
    PS: Bitte erwidern sie nicht, ich bin in den nächsten Wochen nicht zu Hause!

  3. AD

    @Christian Peter

    und Sie sind natürlich auch überzeugt davon dass in den von Ihnen genannten Staaten die „Herrschaft des Rechts“ gilt. Eines Rechts, das für alle gleichermaßen gilt. Sonst hätten Sie ja Ihren Kommentar nicht geschrieben.

  4. Marcel Elsener

    @Christian Peter

    Die genannten Staaten haben zwar allesamt eine schwache Zentralregierung, nichtsdestotrotz gibt es in ihnen allen sehr starke (protostaatliche) obrigkeitliche Institutionen, die sehr tief in die persönliche Freiheit der Individuen eingreifen. Bei den oben aufgezählten Staaten wurde einfach ein Staatswesen einer mehr oder weniger grossen Zahl von Stammesgesellschaften aufgepfropft – ein Relikt aus der Kolonialphase, als die lokalen Verwaltungsstrukturen noch von den Kolonialherren aufgebaut und mit dem Ende des Kolonialismus dann als eigenständiger Staat in die Unabhängigkeit entlassen wurden.

    Der jeweilige Stamm oder Clan besitzt die eigentliche Macht und übt diese auch immer noch beinahe absolut aus; es handelt sich somit um viele Kleindiktaturen unter dem Dach einer gemeinsamen Verwaltung, welch letztere nur nominelle Macht besitzt. Teilweise (etwa beim Kongo) sind diese politischen Konstrukte auch aus vormaligen nachkolonialen Diktaturen hervorgegangen, die nur durch nackte Gewalt zusammengehalten werden konnten und später faktisch wieder auseinanderfielen.

    Mit Liberalismus und laissez faire haben all diese archaisch-autoritären Stammesgesellschaften, in denen individuelle Unfreiheit grassiert, natürlich nichts zu tun, was Sie selbst auch ganz genau wissen, Herr Peter. Mit ihren bizarren oberflächlichen Vergleichen können Sie hier niemanden beeindrucken.

    Von einem liberalen Staatswesen kann man nur dann sprechen, wenn eine weitgehende individuelle Freiheit vorhanden ist; das ist das Markenzeichen des Liberalismus. In einem liberalen politischen Gebilde, in dem das Individuum so weitgehende Freiheit hat, ist der Staat logischerweise dementsprechend schwach – die Macht ist gewissermassen privatisiert und nicht in einer übermächtigen Regierung zentralisiert.

  5. Christian Weiss

    Die Probleme, die für offenbar viele Leute bestehen, liegen eben darin, dass der Rechtsstaat im Widerspruch zur wie immer gearteten Moral steht. Die Ideologen dieser Welt haben immer das Bedürfnis, das Handeln von Personen in “Gut” und “Böse” zu unterscheiden, dabei kann dieses Handeln eigentlich nur in “schadet” oder “schadet nicht” unterteilt werden.

    In der Schweiz steht demnächst wieder ein Beispiel an, wo sich die politischen Entscheidungsträger, in diesem Fall die Stimmbürger, anmassen könnten, “Gut” und “Böse”-Kategorien zu schaffen: Mit der Erbschaftssteuer-Initiative der Sozialdemokraten soll auf Bundesebene eine neue “gerechte” Steuer geschaffen werden. Vor Jahren ist ein solcher Versuch schon kläglich gescheitert, weil man gemerkt hat, dass es mit der Besteuerung sogenannt “leistungslosen Einkommens” doch gar nicht so einfach ist: Die Teilenteignung von Familienbetrieben könnte diese existenziell in Bedrängnis bringen und bei der Weitervererbung Arbeitsplätze vernichten. Darum sind die roten Intelligenzbestien auf die Idee gekommen, dass man für Unternehmen einen Freibetrag von 50 Millionen Franken einsetzt. Also Familienunternehmer, die ihre Unternehmen an die Nachkommen vererben und Kraft ihrer Arbeit den Wert dieser Firma auf einen Wert von nicht mehr als 50 Millionen gebracht haben, werden mit Steuerfreiheit belohnt. Unternehmer, die erfolgreicher waren und ihre Firma zu mehr Wert gebracht haben, bezahlen Steuern. “Gut” ist in diesem Fall jener Unternehmer, der relativ wenige Arbeitsplätze und Innovation geschaffen hat. “Böse” der Unternehmer, der relativ erfolgreich war. Wie bescheuert eine solche “Gut/Böse”-Denkweise ist, bleibt aber für den sozialdemokratischen Moralisten unverständlich.

  6. Thomas Holzer

    Alleine, daß Politikerdarsteller, welche zu 99% nur etwas zu vererben oder Vermögen geschaffen haben, weil sie mittels Steuergeld finanziert werden/wurden, darüber nachdenken, das ehrlich verdiente Geld x-fach zu versteuern, zeigt, wie pervertiert dieses System mittlerweile ist.
    Die “Freibeträge” bei Erbschafts- und Vermögenssteuern erscheinen mir auch Politikerdarsteller konform gewählt zu sein, erreichen doch diese Menschen gerade nicht diese Grenze (man erinnere sich nur an “freihändig” vergebene Aufträge, welche zufälliger Weise um 90 Cent unter der Grenze lagen. welche eine Ausschreibung verlangt)
    Ein Schelm, wer Böses denkt

  7. Christian Peter

    @Ehrenmitglied der ÖBB

    Für Karl Marx’s ‘Das Kapital’ muss man mit etwa 20 Euro etwa den dreifachen Preis berappen, kein Wunder, steckt darin auch um einiges mehr an intellektueller Leistung.

  8. H.Trickler

    @Christian Weiss:
    Ich bin bei Gott kein Linker, aber bei der Schweizerischen Erbschaftsinitiative werde ich ja stimmen.

    Das von Ihnen vorgebrachte Beispiel der Vernichtung von Firmen durch Erbgang ist eine Schimäre: Kleine Firmen und Handwerksbetriebe liegen unterhalb des Freibetrags. Grössere Firmen sind als AG eingetragen und es müsste den Erben gelingen, pro Generation so viel zu verdienen dass sich die Mehrheitsverhältnisse nicht ändern.

    Und ja, es stimmt dass die Erbschaftssteuer früher als Einkommen oder Erbschaft zugegangenes Geld nochmals besteuert. Das scheint mir aber mit dem vorgesehenen Prozentsatz durchaus legitim!

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