Sarajevo, der Zufall und der Weltkrieg

Von | 29. Juni 2014

(MANFRED JACOBI) Der hundertste Jahrestag eines Ereignisses, das nichts weniger als die bis dahin größte Schlachtorgie der Menschheitsgeschichte ausgelöst hat, bot – wie könnte es anders sein – viel Gelegenheit zum Moralisieren. Von Schuld und Verantwortung war vielerorts die Rede. Auch wenn sich das etablierte Bild der einseitigen Schuldzuschreibung gegen Deutschland inzwischen etwas aufgeweicht hat, das dahinterliegende Ressentiment wird – nicht zuletzt von den Medien, die immer einen “Schuldigen” brauchen – geflissentlich am Köcheln gehalten.

Das Moralisieren dient aber eher dem eigenen Wohlbefinden und der Selbstvergewisserung, man stehe ja auf der “richtigen” Seite. Abgesehen von diesem emotionellen Tranquilizer liefert solcherart von Denken keine weitergehenden Einsichten. Und letztere sind es allenfalls, die es uns erlauben, irgendetwas aus der Geschichte zu lernen.

Ich möchte sogar soweit gehen, zu sagen, dass ein einseitig auf Moralismus aufgebautes Geschichtsbild potenziell verhängnisvoll sein kann. Eben weil es uns die tatsächlichen Mechanismen, die Geschichte entscheidend prägen, übersehen lässt. Das mitunter anstrengende Denken und Nachdenken über Historisches wird zugunsten der einfachen emotionalen und moralisch aufgeladenen Botschaft vernachlässigt.

Wenn man die Einzelheiten des Attentates auf den österreichischen Thronfolger unvoreingenommen betrachtet (Christopher Clark hat die Ereignisse in seinem Buch Die Schlafwandler minutiös beschrieben, äußerst lesenswert!), dann kommt man um einen bemerkenswerten Aspekt nicht herum. An mehreren Stellen spielte der Zufall eine nicht unerhebliche, um nicht zu sagen entscheidende Rolle:

1) Auf das Auto des Thronfolgers wird eine Bombe geworfen. Ein Begleiter Franz Ferdinands ergreift den Sprengsatz und wirft ihn aus dem Auto mit der Folge, dass das dahinter fahrende Fahrzeug von der Detonation erfasst wird. Dessen Insassen werden verletzt.

2) Nach diesem Schock und einem Besuch bei den Verletzten beschließt man, die Route des Fahrzeugkonvois zu ändern. Allerdings: der Fahrer wird wird nicht über diese Änderung informiert.

3) Dies hat zur Folge, dass er – wie in der ursprünglichen Planung vorgesehen – an der “falschen” Kreuzung abbiegen will. Als dies klar wird, weist man ihn an zu halten und auf die neue Route einzuschwenken. Diesen Moment des Anhaltens nutzt Princip, um seine Pistole abzufeuern.

4) Zwei Schüsse, zwei Tote. Auch wenn der Attentäter höchstwahrscheinlich Schießübungen durchgeführt hat, so war er doch kein Navy Seal. Seinen Mitverschwörern (sieben an der Zahl) haben bei ähnlicher Gelegenheit nachweislich die Nerven versagt. Dass zwei einzelne Schüsse ihre maximale Wirkung entfalten konnten, war nicht zuletzt dem Anfängerglück geschuldet. Also auch hier ein gehöriges Quentchen Zufall.

Damit war, durch eine Reihe von Zufälligkeiten, eine Dramaturgie geschaffen, die den Boden für alles Weitere bereitete. Ein Kriegsausbruch war damit noch keineswegs zwingend, wenngleich doch wahrscheinlicher geworden. Eines ist jedenfalls sicher: ohne diese Zufälle würden wir keinen hundertsten Jahrestag haben.

3 Gedanken zu „Sarajevo, der Zufall und der Weltkrieg

  1. Thomas Holzer

    @Jacobi
    In Ihrem Beitrag haben sich leider einige Unschärfen eingeschlichen, welche bei genauerer Recherche vermieden hätten werden können

  2. Mourawetz

    Trotz dieser unwahrscheinlichen Zufallskette sprechen heute noch Historiker vom unabwendbaren Zusammenbruch der k.u.k. Monarchie. Innen morsch und zerfressen vom Nationalismus sei sie gewesen, was ja keineswegs stimmte. Nassim Talebs zentrale Erkenntnis vom “schwarzen Schwan” als unvorhersehbarer Zufall scheint auch hier zuzutreffen. Selbst der Ausbruch eines Weltkrieges ist offenbar von unwahrscheinlichem Pech mehr abhängig als vom Bemühen der handelnden Personen, was diese als Zombies erscheinen lässt, die mit schlafwandlerischer Sicherheit den roten Knopf drücken ließ.

  3. cmh

    Die Deutschen haben ja bekanntlich den Weltkrieg wegen der Genialität des Schlieffenplanes verloren.

    Schlieffen ging bekanntlich davon aus, dass die französische Generalität genauso fähig war wie er selbst. Leider fand er sich aber nur lauter Flaschen gegenüber.

    Und die handelten dann in einer dummen und selbstbeschädigenden Art mit der der General nicht gerechnet hat.
    So ging sein Plan leide ins Leere und eigentlich war es an der Marne schon aus.

    Facit: Je klüger und intelligenter die Handelnden, desto eher geht die Sache in die Hose.

    Jetzt stellt sich die Frage, was man daraus wirklich zu lernen hätte.

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