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Drei Gedanken zum Comeback der Wirtschaft

(von RUDOLF TASCHNER)  Erster Gedanke: Wachstum ist unverzichtbar
Am 19. Juli 2020 erschien in der Neuen Zürcher Zeitung Philipp Bloms Artikel „Die Pandemie ist unser philosophisches Erdbeben“, worin der bekannte und mit dem Theodor-Körner-Preis ausgezeichnete Schriftsteller, Historiker und Publizist die aktuelle von Corona hervorgerufene Krise mit dem Erdbeben von Lissabon des 1. November 1755 verglich und in beiden Ereignissen den Anlass einer Zeitenwende erblickte. Zerstörte damals das Allerheiligenbeben das Vertrauen an einen gütigen und allmächtigen Gott, so zerbricht heute das sich unbändig vermehrende Coronavirus, so meint Blom, das „Konzept von Wachstum und Fortschritt, Naturbeherrschung“ und es zersplittert, so glaubt er, „das marktliberale Gesellschaftsmodell als beste aller möglichen Welten“, welches zuvor noch als „alternativloses System“ gepriesen wurde, „das letztlich alle zu Gewinnern machen würde und sogar den Lauf der Geschichte selbst aufgehoben habe, in einer Art Paradies, dem nichts mehr hinzuzufügen sei“.
Abgesehen davon, dass Bloms Zuschreibungen höchstens von verblendet blauäugigen Vertretern des – wie er es nennt – marktliberalen Gesellschaftsmodells geteilt werden, ist sein gegen die Marktwirtschaft gerichtetes Plädoyer grundsätzlich zu bezweifeln. Denn Blom geht zwar von der richtigen Voraussetzung aus, für das Gedeihen der Marktwirtschaft und das Erzielen gesellschaftlicher Fortschritte sei stetes Wachstum unerlässlich. Er konterkariert aber dieses unabdingbare Erfordernis mit der Behauptung, die Natur setze mit ihren beschränkten Ressourcen und ihrem endlichen Vorrat dem Wachstum Grenzen und reagiere bei der Anmaßung, diese Grenzen überwinden zu wollen, mit Katastrophen globalen Ausmaßes: „Das Wachstum, das diese Fortschritte ermöglicht, greift immer tiefer und katastrophaler in natürliche Zusammenhänge ein und verursacht ihren sich rasch beschleunigenden Kollaps.“ Darum, so Blom, und hierin zur Marktwirtschaft eine ähnliche Stellung einnehmend wie weiland Karl Marx zum Kapitalismus, müsse die Marktwirtschaft an ihren inneren Widersprüchen zugrunde gehen.
Es mag ein glückliches Geschick sein, dass am Tag zuvor, am 18. Juli 2020, ebenfalls in der Neuen Zürcher Zeitung die Kolumne „Der Flirt mit der Genügsamkeit“ von Gerhard Schwarz, ehemaliger Direktor von Avenir Suisse und nunmehr Präsident der Progress Foundation, Philipp Bloms Kritik vorwegnahm und in jeder Hinsicht entkräftete. Von drei Gesichtspunkten, die für die Unverzichtbarkeit von Wachstum und damit für den Fortbestand der marktwirtschaftlichen Modelle stehen, nannte Schwarz zwei gewichtige:
Zum einen ist das Liebäugeln mit dem Ende des Wachstums „über weite Strecken eine Wohlstands-, zum Teil aber auch eine Alterserscheinung, denn ein beträchtlicher Teil der Menschen lebt hierzulande auf einem Niveau, das einem das ,Wir brauchen doch nicht immer noch mehr‘ relativ leicht über die Lippen kommen lässt“. Mit diesem Argument belegt Schwarz, dass, wer Bloms Gedanken gutheißt, den vielen, die noch nicht zu den Errungenschaften einer prosperierenden Wirtschaft gelangten, den Zugang zu diesem Fortschritt schlicht verweigert. Wer Bloms Gedanken gutheißt, zwingt nicht bloß, in Bequemlichkeit hausend sich selbst, sondern auch all jene zum permanenten Innehalten, die noch von einem guten Leben träumen. Bloms verwöhnte Jünger besetzen den Raum an den Quellen des Wohlstands und schließen mit vorgeblich dem Schutz von „Mutter Erde“ dienenden und in moralischem Pathos vorgetragenen Einlassungen hinter sich die Tür.
Zum anderen betont Schwarz, dass jene, die Bloms Argumenten folgen, einem einseitigen Begriff von Wachstum anhängen: „Zwar war die Wirtschaftsgeschichte hauptsächlich durch extensives Wachstum (…) geprägt. Aber dieses Wachstum wird immer mehr durch intensives Wachstum abgelöst.“ Schwarz betont, man werde „die Erhaltung der natürlichen Umwelt angesichts des zutiefst menschlichen Strebens nach Verbesserung der Lebensumstände und der Angst vor Wohlstandsverlust niemals mit von oben verordneter
Stagnation und kollektivem Verzicht erreichen können. Die Devise muss vielmehr lauten: ,Qualitatives statt quantitatives Wachstum‘, also intensives Wachstum durch technischen Fortschritt, organisatorische Neuerungen und Strukturwandel. Da ist es nicht das kleinste Paradox, dass häufig ausgerechnet die Apologeten der Umwelt Innovationen verteufeln.“
Ein dritter Gesichtspunkt, den Gerhard Schwarz nicht erwähnte, sei noch angefügt: Wachstum ist unverzichtbar, weil die Existenz des Menschen etwas Expansives hat. Erblickt der Mensch neue Ufer, will er dort landen, hört er von fremden Welten, will er sie erobern. Die Geschichte der Griechen beginnt damit, dass Aiolier, Achaier, Dorer und Ionier die Küsten des östlichen Mittelmeeres besiedelten. Die Geschichte Roms beginnt mit der Ausweitung der Macht des ursprünglich nur in einer kleinen Umgebung der Stadt Rom angesiedelten Bauernvölkchens auf das italienische Festland und danach über dieses hinaus. Die Geschichte des Mittelalters beginnt mit der Völkerwanderung und dem Eindringen germanischer Stämme in das Weströmische Reich, die Geschichte der Neuzeit beginnt mit der Entdeckung Amerikas. Die erste industrielle Revolution verlief parallel zur Erfindung der Lokomotive, der Eroberung des nordamerikanischen Kontinents mit den Schienensträngen der Züge, der Durchmessung des asiatischen Kontinents mit der Transsibirischen Eisenbahn. Die zweite industrielle Revolution, jene der auf der Atomphysik fußenden Laser- und Halbleitertechnik zusammen mit der Erfindung der elektronischen Rechner und dem Aufblühen der Informationsindustrie, wurde am 25. Mai 1961 vom amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy mit der berühmten Rede vor dem Kongress eingeleitet, den Mond noch innerhalb dieser Dekade erobern zu wollen: Die dafür nötigen technischen Maßnahmen bescherten uns die Ära des Computers. Die bisher noch von der Geographie abgesteckten Welten, die es zu erforschen und zu besiedeln galt, werden spätestens ab der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts durch die Universen von Daten und Informationen abgelöst, die Künste und Wissenschaften, ja alle Lebensbereiche durchdringen. Und auch diese Welten sind wir bestrebt zu erobern. Weil wir über uns hinausstreben. Weil die Expansion des Menschen Wesen eigen ist.

Zweiter Gedanke: Die Karten werden neu gemischt
Wir widersprechen Philipp Blom, wenn er prognostiziert, das sich unbändig vermehrende Coronavirus zerstöre das „Konzept von Wachstum und Fortschritt, Naturbeherrschung“ und es zersplittere „das marktliberale Gesellschaftsmodell als beste aller möglichen Welten“. Wir stimmten ihm aber zu, wenn er statt des Zerstörens und Zersplitterns Vokabel für Veränderung gewählt hätte. Tatsächlich spricht viel dafür, dass sich die „Welt nach Corona“ in einigen Aspekten von der Welt zuvor – vielleicht nur in feinen Abschattungen und marginalen Unterschieden, aber doch – ändern wird. Vier Beispiele dafür seien im Folgenden genannt:
Energie: Selbst wenn „qualitatives statt quantitatives Wachstum“ die Devise unserer Tage lautet, wird für Wachstum Energie in steigendem Maße erforderlich bleiben. Es ist schlicht ein Irrweg, den immer noch zunehmenden Energiehunger mit einer Art „Energiefasten“ bekämpfen zu wollen oder ihn gar zu leugnen. „Kurzzeitiger Aktivismus, dessen negative Auswirkungen einfach ausgeblendet werden, hat bei der Bewältigung der Umweltprobleme keinen Platz“, schrieb Anfang 2020 Olaf Dlugi, Berater der Europäischen Kommission, in der Neuen Zürcher Zeitung, und er setzte fort: „Nur strategisch denkende und handelnde Politiker haben die Chance, das Vertrauen in die Politik wiederherzustellen, die immer diffuser wird.“ Seinem Aufruf folgend entwarf im Frühjahr 2020 der von der Wirtschaftskammer Wien ins Leben gerufene Wiener Wirtschaftskreis das Papier „Handlungsvorschläge Energie“. In dieser Handreichung versucht er, Hilfeleistung für kluge und zukunftweisende Strategien in Energie- und Umweltpolitik zu geben und ist in naher Zukunft mit den dafür zuständigen politischen Entscheidungsträgern in intensivem Kontakt.
Die vom Coronavirus hervorgerufene Krise wurde bisher in Österreich vorbildhaft bewältigt. Sehr zustatten kam dabei, dass mit elektronischen Geräten Kommunikation aufrecht erhalten werden konnte und viele Dienstleistungen mit Hilfe elektronischer Medien erfolgten. Bei einer Krise, die durch den Ausfall der Energienetze und durch einen sich über Tage hinziehenden Blackout hervorgerufen würde, bräche all dies
in sich zusammen und mit der fehlenden Energieversorgung träfen uns Engpässe in der Versorgung mit dem Lebensnotwendigsten in voller Härte und die Kommunikation würde auf ein archaisches Niveau reduziert. Es mag sein, dass wir auch in Zukunft nicht vor biologischen Krisen, verursacht durch Epidemien, gefeit sein mögen, doch diesen lernen wir immer besser zu begegnen. Eine elektronische Krise, verursacht durch einen Ausfall der Energieversorgung, dürfte uns allerdings ungleich schwerer treffen.
Medizin: Angesichts der vom Coronavirus hervorgerufenen Krise und der daraus gezogenen Erfahrungen tut es not, die Strategien für das wissenschaftliche Fundament des österreichischen Gesundheitssystems zu überdenken. Es gilt vor allem, seine fraglos vorhandenen Stärken zu definieren, zu festigen, zu kräftigen, aber auch vorhandene Defizite schonungslos festzumachen und zu beseitigen. Speziell sind Maßnahmen zur Erforschung und Verhinderung von Pandemien zu treffen, allgemein sind jene Bereiche in den Focus zu nehmen, die einerseits in Verbindung mit Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz stehen und andererseits dem Feld der personalisierten Medizin angehören.
Dem Felde der personalisierten Medizin nahestehend, obwohl nicht zur Medizin im engen Sinn zählend ist das weite und schon aus demographischen Gründen außerordentlich wichtige Thema der Pflege zu sehen. Die durch Corona bedingten Reisebeschränkungen trafen die Versorgung der Pflegebedürftigen mit aus dem Ausland stammenden Pflegekräften besonders heftig – umso dringlicher ist es, in diesem höchst sensiblen Bereich des Sozialsystems in vielerlei Hinsicht zukunftweisende Maßnahmen zu setzen. Auch hier wurde zumindest in einem Aspekt der Wiener Wirtschaftskreis bereits tätig: Eine sehr vielversprechende Möglichkeit, die Pflege auch in Zukunft sicherzustellen, beruht auf dem Einsatz von assistiven Systemen und technischen Pflegehilfen, die den Pflegekräften mühevolle und eintönige Routinearbeiten abzunehmen vermögen, sodass die Pflegekräfte sich ihrer wesenhaften Tätigkeit der Zuwendung und Kommunikation widmen können. Österreichische Unternehmen könnten dabei eine Vorreiterrolle in der Planung und Herstellung einnehmen und dabei drei Ziele erreichen: erstens den Pflegeberuf erstrebenswert zu gestalten, zweitens aufgrund einer raschen Amortisation der assistiven Systeme für die Leistbarkeit der Pflege zu sorgen, drittens die internationale Verbreitung der Geräte voranzutreiben und damit die Exportwirtschaft nachhaltig zu fördern.
Mobilität: War die Zeit vor Corona durch eine Überkonsumption in den Bereichen des Transportwesens, des Reisens, des Tourismus geprägt, führte die Pandemie in diesen Feldern zu drastischen Störungen.
Einige von ihnen sind schnell verschmerzbare Brüche, die in Kürze wieder geglättet werden: So dürfen wir erwarten, dass der Logistiksektor die im Gefolge der Gesundheitskrise unterbrochenen Lieferketten rasch und robuster als vorher wiederherstellt – die zeitweise geäußerte Prognose, dass Wirtschaft kleinteiliger und ein Großteil der Produktion in den nationalen Raum rückgeführt werde, dürfte sich nicht bewahrheiten. Es dürften wohl nicht Gesundheits-, sondern durch extensiven Transport hervorgerufene Umweltkrisen sein, die in diesem wirtschaftlichen Segment zum Umdenken zwingen und die Frage nach der Kostenwahrheit bei Güter-, aber auch bei Personenverkehr unter Einbeziehung der daraus folgenden Umwelteinflüsse nachdrücklich aufwerfen.
Andere Störungen werden zu langfristigen Verschiebungen im wirtschaftlichen Gefüge führen: So werden in den Sparten der Geschäfts- und Kongressreisen sowie des Tourismus durch Corona erhebliche und lang anhaltende Umwälzungen hervorgerufen. Die Einsicht, dass ein mit Rechner und Kommunikationstechnik ausgestatteter Arbeitsplatz in der eigenen Wohnung Bürofahrten und früher pausenlos einberufene persönliche Zusammenkünfte in einem hohen Ausmaß zu ersetzen vermag, wird auch nach Corona fortbestehen. Dies schafft für viele die Möglichkeit, das Zentrum ihrer Lebensinteressen nun außerhalb der Stadt zu finden – Land- und Stadtentwicklung sind durch diese Änderung der Lebensweise herausgefordert, angemessen zu reagieren.
Damit in Zusammenhang steht auch die Entwicklung der Beherbergungsbetriebe sowohl auf dem Land, wo die von der Krise bewirkten Folgen in einem eher geringem Maße auf Veränderungen drängen, als auch in den Städten, wo Hoteliers viel stärker gefordert sein werden, neue Ideen zu entwickeln. Auf der einen Seite lassen sich zum Beispiel Hotelsuiten zu Séparées für einen gehobenen Restaurantbetrieb umgestalten, auf der anderen Seite Ensembles von Zimmern als Apartments für längerfristige Aufenthalte nutzen – allein jene Tourismus- und Reiseveranstalter wie auch Beherbergungsunternehmer, die Neuerungen gegenüber aufgeschlossen sind, werden am Erstarken der Wirtschaft teilhaben und profitabel bleiben.
Handel: Die von Corona hervorgerufene Krise verstärkte den schon seit Jahrzehnten spürbaren Einschlag hin zum elektronischen Einkauf, der dem klassischen Handel in Geschäften zunehmend zusetzt. Es wird sich nicht verhindern lassen, dass Konsumenten die Bequemlichkeit des Onlinehandels weiterhin noch stärker nutzen werden, sodass der traditionelle Handel mit schwersten Einbußen rechnen muss, setzt er nicht seine Alleinstellungsmerkmale ins Rampenlicht. Zu diesen zählt die durch keine elektronische Simulation ersetzbare Lebendigkeit des Einkauferlebnisses, das nicht bloß aus Warenübernahme und Bezahlung bestehen darf. Zu diesen zählt die persönliche und direkte Ansprache, die Kommunikation zwischen Menschen, die nicht allein an der Abwicklung des Geschäftes interessiert sind. Zu diesen zählt das Ambiente, das beim Flanieren zu den Geschäften und in Einkaufsstraßen genossen werden soll und das seinen Reiz nicht zuletzt durch die Vielfalt des direkt einsehbaren und fallweise sogar überraschend auf einen zukommenden Angebots gewinnt. Wie bei der Mobilität gilt auch in diesem Bereich, dass Land- und Stadtentwicklung herausgefordert sind, für die passende Infrastruktur eines angemessenen Nebeneinanders von Onlinehandel und klassischem Einkauf zu sorgen.
Diese vier Beispiele decken bei Weitem nicht alle Sparten der Wirtschaft ab, bei denen im Gefolge von Corona Neuerungen, Änderungen und auch Stilllegungen zu erwarten sind. Mit ihnen einher geht zugleich ein Wandel in Gesellschaft und Politik – erste Gedanken hierzu hat der Wiener Wirtschaftskreis in den beiden Papieren „Zur gegenwärtigen Krise“ (erstellt Ende März 2020) und „Die Wirtschaft nach der Krise“ (erstellt Ende April 2020) vorgelegt.

Dritter Gedanke: Ausbildung und Bildung sind unverzichtbar
Es ist zu begrüßen, dass dem Staat und der Regierung anscheinend kein Preis zu hoch ist, die Wirtschaft nach Corona wieder in Schwung zu bringen. Noch können wir in Österreich die Hoffnung hegen, dass die dafür eingesetzten riesigen Geldmengen zumindest zu einem erheblichen Anteil für nachhaltige und zukunftweisende Projekte investiert werden. Bei anderen europäischen Staaten dürfte die Lage weitaus trister sein. So schreibt der Wirtschaftswissenschafter und Soziologe Gunnar Heinsohn, emeritierter Professor der Universität Bremen und nunmehriger Professor am NATO Defense College in Rom, über die Situation in Spanien:
„Die elterliche Garage, in der spanische Tüftler den Prototyp eines Smartphones fertigstellen, der Huawei und Samsung das Fürchten lehrt, gibt es nicht. Man weiß das, weil private Kapitalgeber ein solches Team längst entdeckt und gegen Übernahmeversuche abgeschirmt hätten. Spaniens enormer Brain Drain, in dem seit der Finanzkrise von 2008 rund zwei Millionen der Besten das Weite gesucht haben, erlaubt auch für die Zukunft keinerlei Schwärmereien. Nirgendwo in Europa findet man heute noch verborgene Brutstätten für Hightech-Höhenflüge. Das Verschenken von 500 oder – Gott bewahre! – sogar nur 450 oder 400 Milliarden Euro – zum ,Ankurbeln‘ oder ,Wiederaufbau‘ der Wirtschaft nach Corona erzeugt keine markterobernden Innovationen, die ansonsten unterbleiben würden.
Natürlich kann Spanien mit seinem Anteil von 77,3 Milliarden Euro chinesischen Firmen Aufträge für eine pünktlich fertig gestellte Eisenbahnschnellstrecke zwischen Andalusien und Galizien erteilen. Hypermoderne Fabriken wird das in keinem der Landesteile hervorbringen. Sie stecken längst in vorzeitiger Deindustrialisierung. In diesem Vorgang verliert eine Region ihre angestammte Industrie gegen überlegene ausländische Konkurrenz und hat danach kein Personal für das Erklimmen eines technologisch höheren Niveaus. So kann Spanien den 19.000 PCT-Patentanmeldungen Südkoreas (2019) – ungeachtet fast gleichgroßer Bevölkerung – nicht einmal ein Zehntel davon entgegenstellen. Hat Südkorea bei TIMSS 2015 unter 1000 Kindern 409 mathematische Begabungen, so begnügt sich Spanien mit 34 auf 1000 wiederum mit weniger als einem Zehntel davon. Man soll da nicht vorschnell eine Erfolgsformel hineinlesen, aber einen Konnex zu bestreiten, wäre schon leichtsinnig.“
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Österreich ist nicht Spanien. Es besteht bei unserer Jugend dank der guten Schulen – bei der hervorragenden dualen Ausbildung im Lehrlingsbereich beginnend bis hin zu den erstklassigen akademischen Institutionen im Bereich der Medizin wie auch der Mathematik, der Informatik, der Naturwissenschaften und vor allem der Technik – ein reiches Potential dafür, weiterhin in der Entwicklung und Produktion hochkarätiger Güter mitzumischen. Denn eine florierende Wirtschaft gründet auf wachsende Produktivität, und diese gründet ihrerseits auf der Erzeugung oder der Wahrnehmung von womöglich nachhaltigen und vernünftigen Bedürfnissen, auf dem Erstellen von Angeboten, diese Bedürfnisse zu stillen, und schließlich auf dem gewinnbringenden Veräußern der sich daraus ergebenden qualitativ hochstehenden Waren. Im Sinne des Ordoliberalismus von Walter Eucken sollen Staaten in das hierbei ablaufende Marktgeschehen nicht eingreifen, wohl aber die Rahmenbedingungen und die Infrastruktur für einen aufstrebenden Markt schaffen.
Bildung und Ausbildung sind tragende Säulen dieser Infrastruktur.
Die Konkurrenz in diesem Markt ist beachtlich. Wenn man Gunnar Heinsohns Worten Glauben schenkt, dürfte es Spanien – und dies ist nicht das einzige bedenkliche Beispiel im Reigen der europäischen Länder, die wegen des Booms gigantischer Zuschüsse an der „holländischen Krankheit“ leiden – sehr schwer fallen, in der oberen Liga mitzuspielen. Allein die Tatsache, dass zwei Jahrgänge von Ingenieurstudenten in China mehr Menschen umfassen, als Österreich Einwohner zählt, lässt die Härte des Ringens um eine prosperierende Wirtschaft erahnen.
Die Chance, die sich Österreich angesichts eines solchen Wettbewerbs bietet, beruht darin, die von Mathematik, Naturwissenschaften und Technik durchdrungenen erstrangigen Ausbildungsziele mit jenen hohen Bildungszielen zu verknüpfen, die wesentlich durch die europäische Aufklärung geprägt sind, an der Österreich seit jeher regen Anteil nahm. Diese Verzahnung von Bildung und Ausbildung, von „Humanities“ und „Science“, die es hierzulande schon einmal gab, in den letzten Jahrzehnten der Donaumonrchie, als Wien das überragende geistige Zentrum der Welt war, stellt jene unerhört vorteilhafte Einzigkeit dar, aufgrund derer sich unser Land im Wettstreit mit anderen bewähren kann.
Erforderlich dafür ist das Setzen hoher Messlatten: Herausragendes ist zu erwarten. Durchschnitt gilt als ungenügend.