Schreckgespenst Deflation: Mit Beelzebub gegen den Teufel

(ANDREAS TÖGEL) Dieser Tage tritt Mario Draghi, langjähriger Chef der EZB ab und übergibt sein Amt an Christine Lagarde. Eine Fortsetzung der extrem lockeren Geldpolitik (z. B. mittels regelwidriger Staatsfinanzierung durch Anleihenkäufe), und ein verschärfter Kampf gegen das Bargeld sind damit schon fix programmiert. Das Bargeld muss und wird deshalb dran glauben, weil es der kollektiven Enteignung der Geldhalter zugunsten des Staates mittels hoheitlich erzwungener Negativzinsen im Wege steht.
Leitgedanke hinter der inflationistischen Geldpolitik beiderseits des Atlantiks, ist die Angst vor einer Deflation, die als die schwerste Bedrohung des Wirtschaftssystems – ja des gesamten politischen Systems überhaupt – bezeichnet wird. Deflation, so das Narrativ der internationalen Geldsozialisten, würde eine wirtschaftliche Abwärtsspirale mit katastrophalen Folgen in Gang setzen. Als abschreckendes Beispiel werden die Ereignisse der 1930er Jahre genannt, in denen – angeblich – eine deflationistische Geldpolitik in eine Wirtschaftskrise geführt und damit dem politischen Totalitarismus in Europa das Feld bereitet habe.
Dass dem damaligen deflationären Schock eine jahrelange, schuldenfinanzierte Konsumparty mit einer entsprechenden Ausweitung der Geldmenge vorangegangen war, wird geflissentlich ausgeblendet. Merke: Es kann keine Deflation ohne eine vorangegangen Inflation geben (von einer konsumentenfreundlichen, wachstumsinduzierten Deflation abgesehen, in der steigende Produktivität sinkende Preise zur Folge hat). Der Begriff Inflation bezeichnet, nach korrekter Definition, nicht auf breiter Front erfolgende Preissteigerungen, sondern eine Ausweitung der (heutzutage stets ungedeckten) Geldmenge (inflare = aufblähen), die in der Folge zu einem allgemeinen Preisanstieg führt. Die korrekte Semantik in dieser Angelegenheit ist zum Verständnis von Ursache und Wirkung besonders wichtig!
Nun vermehrt sich die Geldmenge allerdings nicht als Folge naturgesetzlicher Zusammenhänge oder aus reinem Zufall, sondern ist – besonders in einem von politisch gelenkten Zentralbanken beherrschten, monopolisierten Fiatgeldsystem – durch den einsamen Entschluss deren Führer bedingt. Mario Draghi & Konsorten tun, was immer sie für richtig halten – ohne die geringste Rücksicht auf die Geldnutzer zu nehmen und ohne jede an anderer Stelle stets entschieden geforderte „demokratische Legitimation“.
Die politisch-bürokratische Klasse zelebriert seit Jahrzehnten (exakt seit dem 15. August des Jahres 1971, als US-Präsident Richard Nixon die Bindung des US-Dollars an das Gold mit einem Federstrich beendete) einen beinharten Geldsozialismus (© Roland Baader). Nutznießer sind alle Schuldner (primär die zum Teil hoffnungslos überschuldeten Staaten, aber auch die zunehmende Zahl von „Zombieunternehmen“). Geschädigt werden dagegen die Sparer, die bereits hunderte Millionen Euro an Zinsen verloren haben und ihren Geldvermögen ohnmächtig beim Schmelzen zusehen müssen. Auf klassische, risikoarme Anlageformen gibt es keine Zinsen mehr, dafür aber Kaufkraftverluste infolge der Geldinflation. Kleine Sparer und Anleger stecken in einer unentrinnbaren Doppelmühle, sofern sie nicht auf extrem risikoreiche Investments, von denen sie in aller Regel nicht das Geringste verstehen, ausweichen wollen.
Wenn dann schließlich – wie eben jetzt – die desaströsem Folgen der hoheitlich orchestrierten Umverteilungsorgien langsam aber sicher auch schlichteren Gemütern klar zu werden beginnen, ein einigermaßen schmerzloser Ausstieg aus der Nullzinsfalle aber unmöglich ist, werden, wie zum Hohn, „die Märkte“, der „Neoliberalismus“ und der „Raubtierkapitalismus“ für die wirtschaftlichen Fehlentwicklungen verantwortlich gemacht. Der politisch-geldindustrielle Komplex, der all das zu verantworten hat, liefert in der Folge noch mehr vom selben, also eine weitere Steigerung der falschen Medizin namens Geldmengenausweitung, die die Grundlage für die gegenwärtige Krise bildet.
Es sind daher weitere Schritte in Richtung einer von Zentralbürokraten geführten Plan- und Kommandowirtschaft zu erwarten. Einer, der vermutlich folgenschwerste davon, wird die Abschaffung des Bargeldes sein, die im Zuge einer gerissenen Salamitaktik längst betrieben wird.
Wer mehr zum Phänomen Deflation wissen will, dem sei die Lektüre des Buches: “In Defense of Deflation” aus der Feder des in der Tradition der „Österreichischen Schule“ stehenden Ökonomen Philipp Bagus empfohlen. Verlag Springer, Hardcover, 215 Seiten, ISBN: 978-3319134277. Professor Bagus lehrt Volkswirtschaftslehre an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid.

4 comments

  1. Historiker

    Worüber ebenfalls niemand spricht : Neben der jährlich erwünschten Inflationsrate von 2 Prozent gibt es in der Summe aller Industrie-Güter eine jährliche Produktions-Kosten-Ersparnis von ebenfalls 2 Prozent. Theoretisch könnten Industrie-Produkte durch fortschreitende Robotik und Produktions-Verbesserungen jährlich um 2 Prozent billiger werden, – werden sie aber nur selten. Somit beträgt die Inflation mindestens 3 Prozent und nicht nur 2 Prozent. Aber das wird in keinem Medium thematisiert. Schönes Wochenende – Historiker

  2. Gscheithaufen

    Ebenfalls empfohlen sei in diesem Zusammenhang der Blog http://www.mises.org. Was allerdings tatsächlich bedenklich ist, ist die Tatsache, dass von praktisch allen relevanten Seiten bewusst oder unbewusst Falschinformation betrieben wird, Kausalitäten vorgetäuscht und Wirkungen als Ursachen dargestellt werden.

  3. Johannes

    Die Geldpolitik der EZB war notwendig um einen harten Aufschlag im Jahr 2008 zu verhindern.
    Inzwischen, mehr als ein Jahrzehnt danach, haben sich alle an diese Form der Rettung vor Zahlungsunfähigkeit von Staaten gewöhnt und es scheint als habe man gar keine Lust und schon gar keine Idee wie man anders leben könnte, als wie mit immer neu vermehrten Geldern durch die EZB die in die EU-Gemeinschaft geschmissen werden, per Helikopter.
    Die sanfte Enteignung per Strafzinsen wird nicht bei ein paar Prozent bleiben, je mehr Geld ins System gepumpt wird umso mehr wird es von anderen genommen werden müssen.
    Wird das Nehmen einen bestimmten Punkt erreicht haben werden die Menschen das Geld aus den Banken abziehen und dann beginnt das was man Panikreaktionen nennt. Dann überschlagen sich weltweit die Menschen beim abheben ihrer Ersparnisse und das System kippt innerhalb von Stunden.

  4. CE___

    Das Perverse ist ja, wie ein jeder der sich heute etwas breiter über die (Welt)Wirtschaft und (Welt)Finanzen beschäftigt, dass das Gelddrucken gar nicht einmal zuerst eine Teuerung bewirkt sondern sofort in die Verbilligung (Preisdeflation) führt und alle solide wirtschaftende Marktteilnehmer in die Predouille und Notstand bringt.

    Das am meisten in das Auge springende Beispiel aufgrund der sich im Spiel befindlichen Summen sind sicher so kapitalverbrennende Unternehmen wie Uber, Lyft, die durch Preise-unter-den-Kosten, die halt von durch die Gelddruckorgien der Notenbanken mit tiefen Taschen ausgestatteten Aktionären geschultert werden, eine Schneise der Verwüstung durch eine doch solide wirtschaftendende Taxibranche ziehen. Solange, ja solange bis hat die Politik hier Markteintrittsbarrieren schafft, wie ja immer mehr geschieht.

    Das betrifft genauso Zombie-Unternehmen, die sich eh’ schon hochverschuldet durch die Gelddruckorgien noch einmal kräftig verschulden können, und so Investitionen in Bereichen tätigen können wo eh’ schon Überkapazität herrscht, einfach da man an ein ZURÜCKverdienenen der Investitionskosten keinen Gedanken verschwenden muss, und so mit Dumpingpreisen eine solide wirtschaftendende Konkurrenz aus dem Rennen drücken kann.

    Im ganz grossen Rad wird dieses Spiel derzeit von der VR China gespielt, die Produktionskapazitäten aufbauten bzw. immer noch aufbauen, wo an ein Rückverdienen der Gelder nicht gedacht wird, da dass Ziel die Vernichtung jeder ausländischen noch nach halbwegs marktwirtschaftlichen Kriterien arbeitenden Konkurrenz ist.

    Man kann hier noch unzählige weitere kleine und große Bereiche anführen.

    Ausgenommen, zugegeben, von diesem Phänomen sind nur zwei Bereiche:

    Erstens wo natürliche Umstände einer Vermehrung der Gütermenge, und damit der Verbilligung, im Wege stehen (Grund und Boden vor allem…bei Immobilien verhält es sich schon wieder anders), und zweitens dort wo mittels Gesetzen, konkret Markteintrittsbarrieren, dieser Entwicklung Einhalt geboten wird.

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