Schreckgespenst Stagflation

Von | 15. Mai 2021
(Christian Ortner) Wir schreiben das Jahr 1975. Die Inflation beträgt knapp 9 Prozent jährlich, dafür wächst die Wirtschaft nicht, sondern schrumpft um 0,4 Prozent. Das bringt die Menschen gleich mehrfach unter Druck: Die Inflation frisst ihre Ersparnisse und entwertet ihre Löhne; die schrumpfende Wirtschaft gefährdet ihre Jobs – und macht es damit auch schwerer, der Inflation angemessene Löhne und Gehälter auszuhandeln.

Die Ökonomen nennen das Stagflation – also eine Kombination aus Stagnation und Inflation – und fürchten sie wie kaum eine andere wirtschaftliche Gemengelage. Stagflation ist für die Wirtschaftspolitik wie eine Mischung von Corona und Krankenhauskeim für die Mediziner.Umso bedenklicher ist, dass nicht wenige Ökonomen es für realistisch halten, dass eine derartige Stagflation, wie wir sie zuletzt in den 1970ern verzeichnen mussten, vor uns liegt. War damals der Ölpreisschock des Jahres 1973 der Auslöser – also ein jäher und dramatischer Anstieg des Ölpreises, vorsätzlich verursacht von den arabischen Lieferanten -, könnte diesmal die Corona-Krise eine Stagflation auslösen.

Erste Vorboten sind schon sichtbar. Weil Corona die hochglobalisierte Produktion von Konsumgütern aus dem Takt gebracht hat, gibt es bei vielen nicht ausreichend Angebot, lange Wartezeiten und dadurch natürlich steigende Preise.

Gleichzeitig sind die Wachstumsprognosen für das nächste Jahr, gemessen an der Tiefe des Corona-Falles, nicht gerade rasend euphorisch. Zwischen 3 und 4 Prozent dürfte die EU-Wirtschaft 2022 wachsen, wenn alles gut geht – was danach kommt, liegt naturgemäß weitgehend im Dunkeln. Zumal nach Corona weitere Disruptionen des Welthandels drohen, die das Wirtschaftswachstum gefährden können. Dazu zählen etwa die zunehmenden Spannungen zwischen China und dem Westen, die damit verbundene Drohung einer weiteren Deglobalisierung und Renationalisierung von Produktionsketten sowie um sich greifender Protektionismus.

All das bedroht das ohnehin noch immer fragile Wachstum und macht ein Stagflationsszenario ein Stück wahrscheinlicher. Für die Wirtschafts- und Geldpolitik keine erfreuliche Aussicht. Denn versucht sie, die steigenden Preise – wie es das Lehrbuch vorsieht – mit höheren Zinsen zu dämpfen, verschlimmert sie die Stagnation. Und bekämpft sie diese mit noch niedrigeren Zinsen und noch mehr frisch gedrucktem Geld, heizt sie die Inflation weiter an.

Medizinisch mag der schlimmste Teil der Pandemie hinter uns liegen – dass ihm nun eine Art ökonomisches Long-Covid folgt, ist leider nicht auszuschließen. (“WZ”)

9 Gedanken zu „Schreckgespenst Stagflation

  1. Peter Zellmann

    Es stellt sich also seit geraumer Zeit die Frage: „Haben wir eine Viruskrise, oder waren es die Maßnahmen, die, weil zu wenig abgewogen, die eigentliche Krise hervorgerufen haben?“ Coronakrise oder Maßnahmenkrise?

  2. Selbstdenker

    Eine Inflation von mehr als 2% ist schon seit Jahren hier, nur wird sie umgedeutet, durch die Zusammensetzung vom Warenkorb vernebelt und durch “billige” China-Importe scheinbar kompensiert.

    Würde es lediglich bei einer Stagflation bleiben, wäre das noch vergleichbar “harmlos”. Ich fürchte aber, dass es noch schlimmer kommen wird:

    Durch die Deindustrialisierung vom Westen hat man die VR China in eine Position gebracht aus der es andere Länder mit der Versorgung von industriell gefertigten Güter ähnlich erpressen kann, wie die OPEC beim Öl oder Putin beim Gas.

    Die enorme Geldmenge, die man speziell seit 2007 im Umlauf gebracht hat, ohne dass sich dies nenneswert auf das reale Angebot von Güter und Dienstleistungen ausgewirkt hat, wäre für sich schon für einen Crack-up Boom geeignet.

    Diesseits und jenseits des Atlantiks sitzen Leute an den Schalthebeln der Macht, die sich selbst viel zutrauen, obwohl sie kaum etwas verstanden haben. Sie werden durch eine erratische “Wirtschaftspolitik”, die mit jener der 1930iger Jahre vergleichbar ist, für eine nie endenwollende Krise sorgen.

  3. Falke

    Die künftige Entwicklung der Wirtschaft ist überhaupt nicht vorauszusagen, da die Regierungen jetzt Blut geleckt haben und wissen, dass sie mit ein wenig Panik – ab jetzt wohl Klimahysterie – die Wirtschaft (mit Hilfe entsprechender von der in Angst versetzten Bevölkerung voll akzeptierten Gesetze, Verordnungen und Erlässe) nach Belieben verbiegen, bremsen oder auch an die Wand fahren können. Das wissen auch die Menschen und werden es sich gut überlegen, noch irgendein Unternehmen zu gründen oder aufzubauen, wenn sie erwarten müssen, dass der Leviathan ihnen das jederzeit wieder wegnehmen (also zusperren) kann und auch keinerlei Hemmungen hat, es auch zu tun, wenn es zu seinen Plänen für eine neue Weltordnung passt.

  4. Mourawetz

    Jahre zuvor haben die Nationalbanken das Schreckgespenst der Deflation an die Wand gemalt und etwas von 2 Prozent Inflation als Wertstabilität dahergefaselt, um immer mehr Geld in den Wirtschaftskreislauf hineinzupumpen
    Diese haben die heutige Misere zu verantworten.

  5. Johannes

    Ich denke es ist längst beschlossene Sache das die kommende Wirtschaftskrise mit einem vollkommenen Umbau des Wirtschaftssystems beantwortet werden wird.

    Die freie Marktwirtschaft, von Linken auch als Kapitalismus bezeichnet, wird die gesamte Schuld an dieser Katastrophe umgehängt bekommen. Das meiste wird unter staatliche Verwaltung gestellt werden, der Staat wird die gesamte Wirtschaft entweder selbst übernehmen bzw. die Klein und Mittelbetriebe derart mit Vorschriften belegen sodass sie faktisch Selbständige im Risiko aber verstaatlicht im innerbetrieblichen Entscheidungsprozess sein werden.

    Schauprozesse werden die Politik bestimmen.
    So gesehen ist Österreich derzeit sogar Vorreiter kommender Entwicklungen.

  6. sokrates9

    Johannes@ Österreich ist Vorreiter – würde sagen Musterschüler! Man kann hier leicht sehen, dass alles akzeptiert wird, man sprengt Regierungen, Sudelkampagnen, Freiheitsbeschränkungen ohne Ende, 6 monatige Dauerimpfpflicht, usw die Schafe akzeptieren alles…

  7. CE___

    Es gibt für die USA die Seite shadowstats.com.

    Teuerungsberechnungen nach den alten Methoden vor 1990 und 1980, auch aufgeschlüsselt nach Bundesstaat und ich denke sogar Großstädten.

    Leider seit einiger Zeit hinter einer Paywall verschwunden.

    Aber davor war es lange Zeit kostenlos, so alle paar Monate habe ich da hineingesehen, und heute auch noch viel aufschlussreiche Daten und Graphiken.

    Fakt: die Teuerungsrate in den USA bewegt sich seit mindestens 10 Jahren so grosso modo im Bereich von 10% per annum, mal mehr, mal weniger.

    Für mich ist das eine gute Anleitung in welcher echten Teuerungsrate wir uns im Euro-Raum jährlich bewegen.

    Wäre wirklich ein interessantes Projekt für jemanden die heutigen Teuerungsraten im Euro-Raum anhand der Berechnungsmethoden von vor 1980, oder vielleicht noch 1970, zu berechnen also zu einer Zeit mit Gold als
    Währungsanker.

    Sehr wahrscheinlich fallen uns allen (negativ) die Augen aus ob der Daten.

  8. Daniel B.

    Von der EZB gibt es einen Cartoon zu Inflation.
    Die EZB suggeriert das die das “Inflation Monster im Gurkenglas” unter Kontrolle haben.
    Zeit im Video 4:09

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Iconic One Theme | Powered by Wordpress
Datenschutzinfo