Schule: Ein Manifest für die pädagogische Freiheit

(JOSEF STARGL) Die Nutzung schulautonomer Möglichkeiten soll die Attraktivität einzelner Schulen steigern. Schulautonomie kann aber auch als ein Instrument der Gesellschaftsreform eingesetzt werden, das die pädagogische Freiheit des einzelnen Lehrers beschränkt.

Die Egalitaristen unter den Schulleitern sehen die Mängel und die Probleme in ihrer Schule als eine unmittelbare Folge von zu wenig Gleichheit. Die Schulqualität wird angeblich von der individuellen Freiheit der Lehrer bedroht.

Verschiedenheit und Unabhängigkeit der Lehrer sind den Umverteilungspädagogen suspekt. In ihren Augen führen Vielfalt und Wettbewerb zu sozialen Ungleichheiten. Daher streben sie nach Einförmigkeit.

In der „humanen“ Schule der pädagogischen Tugendwächter gibt es nur eine „Freiheit des Kollektivs“. Sie träumen von einer „Freiheit“ in der Gleichheit, die sie als Wohltat und als Schlüssel zum Erfolg vermarkten wollen.

Die „Kollektivisten“ glauben an eine höhere gemeinschaftliche Moral und an die Idee einer nichtindividuellen Verantwortung.

Eine Beschwörung gemeinschaftlicher Verantwortlichkeit und ein konsequentes Ingangsetzen einer Spirale moralischer Selbstüberforderung führen bei den Lehrern vielfach zu Unsicherheit und zu Angst. Vor allem die zahlreichen nicht pragmatisierten Lehrer wollen sich nicht dem Verdacht aussetzen, dass sie sich nicht mit ihrer Schule „identifizieren“ und, dass sie nicht „sozial“ denken.

Viele Lehrer beginnen zu glauben, dass das Kollektiv alles erreichen kann, wenn es (?) nur will. Doch das Denken schafft keine Wirklichkeiten. Auch mit „kollektiver Arroganz“ lassen sich konkrete schulische Probleme nicht so leicht lösen. Die Dinge sind eben nicht „machbar“. Das Kollektiv ist auch nicht in der Lage, die Ergebnisse zu planen.

Die Gleichheitsfanatiker unter den Schulleitern wollen, dass die Lehrer der einzelnen Unterrichtsfächer gleiche Inhalte anbieten, gleiche Unterrichtsformen praktizieren und gleiche (geringe) Anforderungen stellen. Sie ersehnen anspruchsvolle Rechte der kleinen Gemeinschaft gegenüber dem einzelnen Lehrer.

Angeblich rational entscheidende Kollektive sollen eine Schule nach dem Willen der Mehrheit gestalten. Die Gleichschaltungs- und Vereinheitlichungsstrategen gehen davon aus, dass die Mehrheit einer Gemeinschaft bloß das (abstrakte) Gemeinwohl im Auge hat.

Falls keine Identität von Individual- und Gemeinschaftsinteressen vorliegt, müssen die Abweichler – da sie eine „Gefahr“ für die Gemeinschaft darstellen! – umerzogen, mental umprogrammiert oder sogar zum Wohle der Gemeinschaft diszipliniert werden.

Unangenehme Kritiker werden (moralisierend) als „Individualisten“ diffamiert und ausgegrenzt, da sie sich ihre „Freiheit“ nicht durch ein gruppenkonformes Verhalten verdienen wollen oder darauf verzichten, von „befreienden Gruppenerlebnissen“ benebelt in die Realität des schulischen Alltags zu stolpern.

Die Gleichmacherei bedroht im Rahmen der Schulautonomie die individuelle pädagogische Freiheit. Nicht alle Lehrer erkennen, dass sie jeder Schritt zur Gleichheit dem „Despotismus“ und der „Knechtschaft“ näherbringt.

Angesichts dessen, was schon bisher in den Schulen im Namen der Gleichheit und des Gemeinwohls angerichtet wurde, gibt es keine Alternative zu einem Engagement für die individuelle pädagogische Freiheit.

„Freiheit statt Sozialismus“ ist keine Leerformel. Die menschliche Würde verlangt individuelle Freiheit. Die Lehrer haben ein Recht auf Andersartigkeit. Die persönliche Freiheit ist auch eine wesentliche Basis für die Qualität einer öffentlichen Schule.

In den Schulen der „Jakobiner“ soll nun auch über die Rechte des einzelnen Lehrers abgestimmt werden. Eine Mehrheit soll das Recht haben, andersdenkenden Lehrern ihre pädagogischen Ansichten aufzudrängen.

Dem einzelnen Lehrer müssen aber weder die Sorge des eigenständigen Nachdenkens noch die Mühen des schulischen Alltags abgenommen werden.

Die Ausweitung der Schulautonomie erfordert eine „bill of rights“ für die Lehrer, eine institutionelle Absicherung ihrer pädagogischen Freiheit.

4 comments

  1. Sokrates9

    Mit Bolognia wurde vorgegeben wohin sich in Europa die Universität entwickeln soll.Da gibt es keinen Platz hier Autonomie

  2. Sven Lagler

    JOSEF STARGL liefert interessante Ansätze.
    „Freiheit statt Sozialismus ist keine Leerformel. Die menschliche Würde verlangt individuelle Freiheit. Die Lehrer haben ein Recht auf Andersartigkeit. Die persönliche Freiheit ist auch eine wesentliche Basis für die Qualität einer öffentlichen Schule.“

    JEIN. Zumindest ein Mindeststandard nach unten muss gewährleistet sein, damit schlechte Lehrer „offiziell“ auffallen und es anschließend hoffentlich Konsequenzen gibt. Nicht nur zu meiner Schulzeit war die Qualität selbst innerhalb der Schule höchst unterschiedlich und die Zuteilung guter Lehrer überwiegend ein Glücksspiel.

    Zentrale Mindestvorgaben und keine Mikrovorgaben, wie jetzt in der NOST ( = neue Oberstufe) verpflichtend, begleitet mit Evaluierungen, welche nicht nur der Landesschulrat kennt, wären dazu eine passende Alternative. Das Amtsgeheimnis und oder der Datenschutz werden dies zu verhindern wissen.
    Die Autonomie wurde hauptsächlich für schulautonome Tage verwendet, keine Erfolgsstory wenn man Kinder in unterschiedlichen Schulen hat und diese noch, zusätzlich zu den vielen Ferientagen) beaufsichtigt werden müssen.

    Real funktionierende differenzierte Schulsysteme mit Lehrberufen, HAK etc. sind sinnvoll und ein entscheidender Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Ländern.
    Dagegen steht aktuell der Trend zur „höheren“ Bildung und in weiterer Folge die „Akademisierung“ aller möglichen Bereiche (Optiker, Hebammen, Kindergärtnerinnen…).
    In weiterer Folge geht dies auf die Unis über. In den Leistungsvereinbarungen geht es darum, den „Output“ = Absolventen, unabhängig vom Studienfach, zu erhöhen. Gelingt diese Erhöhung tatsächlich wird sich dies, bei gleichzeitigem Rückgang der jungen Alterskohorten, zusätzlich negativ auf die Qualität der Absolventen auswirken, bzw. es stellt sich die Frage, welche Berufe zB. die zusätzlichen künftigen Althistoriker ergreifen sollen.
    Interessant und produktiv waren auch die Ansätze von JOSEF STARGL zur Frage: „Unter welchen Voraussetzungen funktioniert Gruppenarbeit?“
    Damit Gruppenarbeit wirklich funktionieren könnte, bedürfte es einer Führungsperson und „diversen“ Mitgliedern, allerdings nicht im politisch korrekten Sinn (– Hauptsache höchst unterschiedlich obwohl alle „eigentlich“ gleich sind und es Unterschiede nur bei sozial bedingter Unterschiede gibt -), sondern mit verschiedenen Fachkenntnissen aus voneinander unabhängigen Bereichen gibt, was bei der gleichen Ausbildung in der gleichen Klasse nicht zu erwarten ist.
    In Deutschland haben es viele Bundesländer trotz einfacher Vorhersagbarkeit nicht geschafft, den eingetretenen, pensionsbedingten Lehrermangel nicht rechtzeitig zu erkennen. Unterricht findet oft nur mehr durch Quereinsteiger ohne einschlägige Ausbildung statt. Und was ist dann das allgemeine Wundermittel der Problemlösung ? Richtig, es ist die Gruppenarbeit, konzeptuell bestätigt von (Auftrags-) Expert*XX.
    Speziell in Berlin gibt es Schulen mit überwiegend noch nicht so lange dort Lebenden oder Schüler*XX mit speziellen Bedürfnisse die den ganzen Tag in einem Projektunterricht verbringen und im Rahmen ganztägiger Gruppenarbeiten sich gegenseitig nach oben bringen (Ironie off). So gesehen sind Schulen mit einem hohen Anteil an Gruppenarbeiten ein spezieller Indikator.

  3. Johannes

    Als 13 jähriger habe ich wunderbare Streitgespräche mit meinem Deutsch- Geschichte- Lehrer geführt.
    Der Mann hat mich deswegen nicht gehasst, wofür ich ihm noch heute dankbar bin.

    Es liegt an den Eltern die Kinder zu streitbaren Menschen zu erziehen, wer in der Schule mit dem Mainstream der meisten Lehrer mitschwimmt ist in Wirklichkeit uncooler Mitläufer. Wichtig ist natürlich das man eine ehrliche eigen Überzeugung hat für die man bereit ist im harten Diskurs zu streiten.

    Und mit streiten meine ich nicht Beleidigen und Stigmatisieren sondern Argumente zu formulieren und sie in den Raum zu stellen ohne sie jemanden aufzuzwingen.

  4. Kluftinger

    @ Johannes
    Der letzte Satz ist sehr treffend!
    Aber ich meinerseits hatte eine andere Erfahrung: in einer Hauptschule (Ort und Zeit dem Verfasser bekannt) fragte ein Lehrer: “Hat ein Lehrer immer recht?”
    In meiner philosophisch naiven Art antwortete ich: “Nein”
    Heut würde man sagen, ab diesem Zeitpunkt hatte er mich gemobbt.

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