Schule: Lernen ohne Mühe – gibts das?

(JOSEF STARGL) Eines der Konzepte der Antileistungsstrategen in den Schulen lautet, dass die Schüler „spielerisch lernen“ sollen. Damit wollen sie ein Lernen ohne Mühe, ohne Anstrengung und ohne Leistung suggerieren. Zahlreiche Schüler, Eltern und Lehrer sind begeistert, wenn man im Gespräch dieses Schlagwort gebraucht. Es gibt aber kein Lernen ohne Anstrengung. Es gibt kein „spielerisches Lernen“, sondern „nur“ ein „Lernen im Spiel“, im Spiel ohne Partner und im Wettbewerb.

Ohne ein Minimum an selbständigem Denken, an geistiger Anstrengung, können Menschen nicht handeln und infolgedessen auch nicht spielen. Wer spielt, hat Erwartungen, stellt sich Fragen und sucht Antworten. Er sucht und versucht, probiert aus, bastelt an Lösungen, experimentiert, erkennt Risiken und Chancen, geht im Bewusstsein der Begrenztheit seines Wissens stets ein Wagnis ein, ist erfolgreich oder scheitert, auch wenn er alleine spielt.

Im Spiel strebt man nach vorwärts, assoziiert, kombiniert, setzt sich Ziele und Aufgaben, sucht Herausforderungen, fordert sich (und andere), wird gefordert und versucht sich (messend mit anderen) zu bewähren. Spielen ist (auch) mit spontaner, schöpferischer Kreativität – die allerdings ein Hintergrundwissen voraussetzt! – verbunden, aber ebenso mit Irrtümern, mit Fehlern, mit Scheitern und mit Misserfolgen. Man kann in einem Spiel nicht nur Erfolge erzielen und gewinnen. Insofern lernt man im Spiel, aber nicht „spielerisch ohne Leistung“.

Im Spiel kann der Mensch seine Schwächen erkennen, Erwartungsenttäuschungen erleben, Probleme orten und nach konstruktiven Lösungen suchen. Stets treten im Spiel Situationen auf, die man nicht beabsichtigt und auch nicht erwartet hat. Es gibt immer unbeabsichtigte Folgen absichtgeleiteter Handlungen – auch im Spiel. Die Erkenntnis der Unvollkommenheit von Lösungsvorschlägen und von Handlungen ist eine Voraussetzung für Lernprozesse und führt den Spieler auch hin zum Begreifen seiner eigenen menschlichen Unvollkommenheit. Widerlegung und Scheitern hilft Erfahrungen sammeln und gibt Hoffnung, es das nächste Mal besser zu machen.

Wer von einem Spiel begeistert ist, erwirbt im Spiel Geduld, Zähigkeit, Ausdauer und Beharrlichkeit. Er unternimmt ständig neue Versuche, um konkrete Aufgaben zu meistern, um etwas zu schaffen, um sich letztlich über Erfolge, auch über Teilerfolge, freuen zu können. Eine wichtige Lehre für die Lebenspraxis besteht dann zweifellos darin, dass nicht alles beim ersten Versuch klappt.

Man lernt im Spiel, dass nicht alles gelingen muss, dass es immer wieder neue und bessere Lösungen gibt. Spielen verlangt Optimismus. Lernen im Spiel bewirkt nicht nur Freude, sondern verlangt von den Spielern auch, dass sie Leid ertragen und Misserfolge verkraften lernen, dass sie sich dessen bewusst werden, dass trotz aller Schwierigkeiten auch neue Gelegenheiten, neue Möglichkeiten, neue Chancen warten, die nur erkannt und ergriffen werden müssen.

Im Wettspiel hat Spiel auch mit Strategie und Taktik, mit Dialog und mit persönlicher Begegnung zu tun. Jeder Spieler hat bestimmte Erwartungen und Vorstellungen, wie er von seinen Mitspielern behandelt werden will. Er erkennt außerdem im Spiel sehr bald auch die Folgen seines eigenen Verhaltens gegenüber anderen Menschen. Wer mit anderen Menschen spielt, lernt nicht nur, wie er mit sich selbst, sondern auch wie er mit anderen Menschen umgehen sollte. Wenn sich jemand nicht an (geschriebene oder an ungeschriebene) Spielregeln hält, dann ist das Spiel nämlich zu Ende. Jeder Spieler lernt im Wettspiel aber auch, dass man andere Menschen in ihrer Andersartigkeit akzeptieren und trotz ihrer Irrtümer, ihrer Fehler, ihrer Überlegenheit und ihrer Siege als Menschen schätzen kann. Ein Spiel zu verlieren ist ja nur ein Ausgangspunkt für das Lernen.

Der Spieler ist stets aufs Neue gefordert, seinen Sozialisationsprozess aktiv mitzugestalten. Im friedlichen Wettstreit mit anderen kann sich der Spieler Orientierung erarbeiten. Selbsterziehung, eine „Geburt von Werten“ und somit Persönlichkeitsbildung finden (auch) im Spiel statt, aber nicht ohne Mühe und nicht ohne Leistung.

2 comments

  1. Herbert Manninger

    Ohne Fleiß kein Preis, der alte Spruch gilt nach wie vor, ob Wirtschaft, Sport und Kultur.
    Sieht man einmal von zugeteilten Quoten-Topjobs, gehypten Klimamäderl und ORF-Experten ab……

  2. sokrates9

    Halte diese ” Spieltheorie” für hinterfragenswert. Leider ist Lernen immer mit Arbeit verbunden, mal abgesehen von ein paar Genies! Schon mal probiert in 30 Tagen spielerisch ( perfekt) Französisch zu lernen??Oder in 30 Tagen gemäß Lehrbuch (weiß nicht war es Muster? spielerisch perfekt Tennis-Spielen zu lernen??Um wirklich etwas zu erlernen ist mühevolle Arbeit damit verbunden,. Nicht umsonst gibt es die Aussage erst nach 10.000 Stunden eine Materie gut zu beherrschen!

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