Schwache Deutsche helfen keinem

Wenn Demonstranten in Athen oder Madrid ihrem Unmut über ihre vermeintliche ökonomische Drangsalierung durch die Deutschen bildhaft Ausdruck verleihen wollen, pflegen sie der deutschen Kanzlerin auf Protestplakaten das charakteristische Hitler-Bärtchen zu applizieren. Dies ist mittlerweile Teil der europäischen Krisenfolklore.

In arrivierteren Kreisen, unter Politikern oder Ökonomen etwa, wird der Unmut über Deutschland natürlicher viel höflicher artikuliert. Dort bedient man sich üblicherweise des Argumentes, die hypereffiziente deutsche Exportmaschine erdrücke gleichsam die europäische Peripherie. Deutschlands riesige Handelsbilanz-Überschüsse würden quasi zwingend zu entsprechenden Defiziten in Griechenland oder Portugal führen und diesen Staaten innerhalb der Eurozone dementsprechend schaden. Deutschland, fordert deshalb nicht nur Frankreichs Industrieminister Arnaud Montebourg routinemäßig, müsse “die Löhne erhöhen”, so seine Wettbewerbsfähigkeit vermindern und damit seine Handelsbilanz-Überschüsse zurückfahren.

Tatsächlich kostet eine Arbeitsstunde in Frankreich durchschnittlich 35 Euro, in Deutschland aber 31 Euro. Trotzdem ist fraglich, ob etwa Frankreichs schwächelnde Autoindustrie wirklich erblühen würde, müssten die deutschen Konkurrenten höhere Löhne zahlen – oder ob nicht VW, Audi & Co einfach attraktivere Autos bauen als Renault oder Citroën. Nicht wirklich nachvollziehbar ist in diesem Zusammenhang auch, welchen Nutzen die portugiesische oder die griechische Industrie davon haben soll, wenn deutsche Unternehmen dank höherer deutscher Löhne Marktanteile in China verlieren – und zwar an Konkurrenten aus Japan oder den USA.

Wirklich überzeugend erscheint die These, wonach eine künstliche Schwächung der deutschen Exportwirtschaft Europa insgesamt stärken könnte, jedenfalls nicht gerade. Das scheint auch eine einschlägige Studie des (freilich wirtschaftsnahen) “Instituts der Deutschen Wirtschaft” zu belegen, die dieser Tage publik wurde. Ihre zentrale These: Gerade die Exportstärke der deutschen Industrie stärkt die Prosperität der anderen EU-Partner, weil die deutschen Konzerne dort Vorprodukte wie etwa Maschinenteile in erheblichem Umfang beziehen. Allein zwischen 1995 und 2011 haben sich demnach die Exporte derartiger Güter aus der EU nach Deutschland verdoppelt. Das bedeutet dieser Untersuchung zufolge: Wenn Deutschlands Exporte um zehn Prozent wachsen, dann nehmen die entsprechenden Lieferungen aus den anderen europäischen Ländern an ihre deutschen Kunden um neun Prozent zu. Denn Deutschlands Export-Champions sind mittlerweile so fest in die ganze EU integriert, dass “Made in Germany” heute in der Praxis oft “Made in the European Union” bedeutet. In besonders hohem Ausmaß dürfte übrigens gerade Österreich – zum Beispiel die hiesigen Auto-Zulieferer – davon profitieren.

Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit künstlich zu schwächen erscheint in diesem Lichte als überschaubar empfehlenswerte Therapie für Europas anämische Konjunktur. (WZ)

 

4 comments

  1. rubens

    So ist es, aber man will ja an die Vermögen, das geht nur über eine Schwächung. Dass man sich damit selbst ins Bein schießt, haben die noch nicht begriffen, dafür gibt es dann ja die Rückkehr zu den nationalen Währungen. Aber erst wenn Frankreich und co das wollen.

  2. Mona Rieboldt

    Griechische “Industrie”? Welche relevante Industrie gibt es denn in Griechenland?

  3. cmh

    Wo steht denn geschrieben, dass die Griechen etc.pp. Waren aus Deutschland kaufen müssen?

    Wer wird denn gezwungen, Geld, das er nicht hat auszugeben. Das kann doch nur bei Schuldnern für Zinszahlungen der Fall sein.

    Im Grunde genommen läuft dieses Argument eigentlich auf eine Selbstentmündigung hinaus. Das wäre ja nicht so schlimm, wenn man den Job des Irrenwärters nicht wiederum den Deutschen zudividierte.

  4. Christian Peter

    Der Euro ist zu stark für Frankreich und zu schwach für Deutschland. Frankreichs
    Neuverschuldungsquote ist 3 x so hoch, die Staatsquote um 10 %, die Steuer –
    und Abgabenquote um 7 % höher, als in Deutschland.

    Um den Anschluss nicht völlig zu verlieren braucht Frankreich daher dringend
    eine Abwertung. Dies kann nur intern durch Reformen und Kürzungen der
    Sozialleistungen erfolgen. Dies ist jedoch angesichts der politischen Agenda
    Hollandes völlig aussichtslos.

    Die EU als Handelspartner wird für Deutschland übrigens immer unwichtiger,
    nur etwa 37 % der deutschen Exporte gehen dorthin, Tendenz : fallend.

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