“Sie haben ja ein Hirn” – na und?

(GEORG VETTER)  Sebastian Kurz hat eine Puls4-Journalistin zum eigenständigen Denken aufgefordert, nachdem diese einen in Österreich völlig unbekannten Journalisten der deutschen Wochenschrift „Die Zeit“ zitiert hatte. Dieser hatte dem Bundeskanzler aggressive Rhetorik auf dem letzten EU-Gipfel vorgeworfen. Mag sein, dass die Formulierung „Sie haben ja ein Hirn“ verbesserungsfähig ist, doch im Kern hat Kurz absolut Recht: Warum muss man sich in einem Interview mit den Ansichten nebuloser politischer Beobachter auseinandersetzen?

Jeder Journalist sollte in der Lage sein eine direkte Frage zu stellen, ohne den Umweg herbeigeredeter Objektivierungsversuche zu beschreiten. Wenn sich ein unbekannter Journalist hinter einem anderen unbekannten Journalisten versteckt, kann man diese Unsitte ruhig ansprechen.

Im konkreten Puls4-Interview, das die folgende Aufregung verursachte, war schon die Eingangsfrage der Journalistin grottenschlecht, weil oberschlau, überladen und langatmig. In der Folge spielte sie sich sogar als Richterin auf, als sie die eigene Frage nach den Zahlungen Österreichs an die EU selbst beantwortete und keine Replik des Bundeskanzlers zuließ.

Dass solche Journalisten zum selbständigen Denken aufgefordert werden, ist keine politische Sünde, sondern erfrischend. Journalisten stehen genauso wenig außerhalb jeder Kritik wie Nationalratsabgeordnete eines Untersuchungsausschusses (Stichwort Pilnacek versus Krisper und Krainer).

Die Hypothese, dass die Journalistin ein Hirn habe, ist dabei keineswegs abwegig oder frauenverachtend – wie eine grüne Kampfrhetorikerin meinte. Sie stellt vielmehr einen aus dem Leben gegriffenen Allgemeinplatz dar, den auch ein Bundeskanzler verwenden darf: Wer sich einen patentierten Musterknaben an der Spitze der Regierung wünscht, wird mit der Zeit sowieso das Menschliche vermissen. Politiker, die unabhängig von den ihnen gestellten Fragen bloß ihre stundenlang eingelernten Stehsätze zum Besten geben, haben wir schon genug.

8 comments

  1. Kluftinger

    @ Mourawetz
    …sie verlangen von den österr. Journalisten aber sehr viel…. 🙂

  2. Selbstdenker

    Nachdem es beim Geisler (“Luder-Sager”) geklappt hat, versucht man sich nun an Kurz:

    1)

    Man schickt eine Aktivistin, die von vorne herein darauf konditioniert ist, nur Parolen abzuspielen. Egal unter welchen Vorwand (“Gesprächseinladung”, “Interview”, etc.) dies geschieht – es geht nie darum ernsthaft eine Meinung zu erfragen oder in Dialog zu treten, sondern einen verbalen “Ausrutscher” zu provozieren. Diese Aktivist*Innen wären dazu in den meisten Fällen auch gar nicht in der Lage.

    Man schickt bewusst keine intelligente Frau hin, weil damit kann aus einer Anspielung auf mangelnde Fähigkeit oder mangelnde Bereitschaft zum eigenenständigen Denken eine “frauenfeindliche Entgleisung” konstruiert werden.

    2)

    Die Sache ist von vorne herein mit den Medien abgestimmt: entweder sind “Medienschaffende” gleich dabei oder es wurde im Vorfeld für extra “kurze Wege” gesorgt. Der Artikel dürfte in weiten Teilen bereits geschrieben sein, es sind nur mehr jene Passagen einzufüllen, wo der “Interview”partner auf die rhetorischen Landminen getreten ist.

    3)

    Es geht in keinster Weise um eine inhaltliche Auseinandersetzung über das was tatsächlich gesagt wurde, wie es gemeint war und wie es in der üblichen Verkehrsauffassung verstanden wird, sondern darum, jemanden dazu zu bringen, sich für etwas zu entschuldigen, das man ihm unterstellt.

    Aus einer häufig aus Höflichkeit bzw. im Versuch die “Wogen zu glätten” geäußerte Entschuldigung wird dann ein Schuldeingeständnis konstruiert.

    4)

    Mit dem in Punkt 3) abgepressten “Schuldeingeständnis” ist die Sache keineswegs vorbei, sondern diese fungiert als Startrampe für eine medial inzenierte Kampagne gegen die Person, die sich gerade entschuldigt hat.

    Ziel dieser Kampagne ist es, den Betroffenen an einem wunden Punkt zu treffen; z.B. beruflich (Rücktrittsforderung im Falle Geisler) oder familiär (im Falle Schüssel).

    5)

    Auf Basis von Punkt 3) und 4) wird ein Schuldschein erstellt, der nur durch Erfüllung bestimmter (((Forderungen))) beglichen werden kann; z.B. die Einführung von Hatespeech-Gesetzen, die finanzielle Unterstützung bestimmter Organisationen, die Nachbesetzung frei werdender Stellen anhand ideologischer Kriterien gecasteter Frauen, etc.

    6)

    Das Gespann Karoline Edstaller und Sigi Maurer scharrt schon mit den Hufen, um sich in den Medien selbst inszenieren zu können und die aberwitzigsten Behauptungen absondern zu können. Zum Beispiel die Verknüpfung vom “Luder”-Sager in Tirol mit einenm Doppelmord in Kärnten.

  3. Eugen Richter

    Deutsche Journalisten sind Höflinge und, teilweise, Günstlinge des Ostberliner Hofstaates um die größte deutsche Kanzlerin seit Bismarck. Sie sind die einzigen, die den Sprachcode dieser weitsichtigen und vom absoluten Ende her denkenden Physikerin in für uns normalsterbliche Untertanen verständlich übersetzen können und daraus unmittelbar Handlungs- und Denkanweisungen ableiten. Aber, warum machen österreichische Journalisten diesen Schmarrn mit?

  4. Sokrates9

    Richtige Analyse.Speziell ORF Interviewer zeichnen sich dadurch aus immer weltweit zu recherchieren bis sie irgendeinen Nobody finden der sich gegen dem Interviewten abfaellig geäußert hat.Damit ist man voellig unschuldig falls es dem Interviewtwn gelingt zu widersprechen.Vor allem Wolf zeigt da Perfektion sich zu verstecken!

  5. Der Realist

    Ein wenig Hirn braucht ja jeder, schon um die lebensnotwendigen Funktionen zu erhalten, viel mehr haben allerdings viele Journalisten und auch Politiker nicht.
    Die Unsitte, klare Fragen überhaupt nicht zu beantworten ist weit verbreitet, dazu noch die Unfähigkeit vieler Interviewer, eine Antwort einzufordern. Beliebt ist auch, aus vermeintlichen Qualitätsmedien zu zitieren, im Glauben, so Intellekt vorgaukeln zu können. In Diskussionen und Interviews zeigt sich sehr oft, dass alle Beteiligten intellektuell einfach überfordert sind.

  6. Falke

    Erinnert fatal an Kreisky, der bekanntlich einem Journalisten empfohlen hat, Geschichte zu lernen. Der große Unterschied: Bei dem Jounalisten handelte es sich um Ulrich Brunner, schon damals einer der profiliertsten und bestinformierten seiner Branche.

  7. Johannes

    Ich verstehe Bundeskanzler Kurz vollkommen und fand seine Antwort schlagfertig und witzig.
    Dennoch muss er jetzt aufpassen, es wird jetzt jeder ihm nicht gut gesinnte Journi versuchen ihn aus der Reserve zu locken um bei oftmaligen solchen Antworten von Kurz dann eine Geschichte daraus zu machen und ihm langsam und beständig ein bestimmtes Image zu verpassen.

    Mich hätte zum Beispiel an seiner Stelle interessiert welche Formulierungen genau sie meint welche er, Kurz, denn gesagt habe in Brüssel. Ich denke die Maid hätte keine Antwort gewusst, sie hat es ja durch stille Post auch nur von irgendwo gehört. Hätte sie darauf keine Antwort gehabt wäre sie blamiert gewesen ohne das die Kurz`sche Jagdgesellschaft sich an vermeintlichen Flapsigkeiten hätte reiben können.

    Ich weiß es ist ungerecht aber Journalisten dürfen mit primitivsten Anschmissen hausieren gehen und niemand nimmt es ihnen übel, wenn aber ein Politiker darauf Emotionen zeigt hat er meist verloren.
    Es besteht durchaus die Möglichkeit sich zu wehren, nur muss es aber um Klassen besser sein als jeder plumpe Journi-Versuch einer Provokation.

    Ein Helmut Schmidt oder Friedrich Genscher beherrschte dieses Spiel perfekt und sie waren erfolgreich damit.

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