Soll Frau Merkel etwa Exporte verbieten?

“Deutschland wird für seine Exportüberschüsse gescholten. Aber wie soll man sie verkleinern? Und wieso sind sie überhaupt ein Problem? Ein sehr lesenswerter Kommentar in der FAZ)

17 comments

  1. Klaus Kastner

    Nein, Frau Merkel sollte Exporte nicht verbieten, ABER: sie sollte ihren Bürgern erklären, was es so mit exzessiven und chronischen Leistungsbilanzüberschüssen auf sich hat.

    Wie der Artikel sagt, Leistungsbilanzüberschüsse haben notwendigerweise Kapitalexporte zur Folge (aus mathematischen und nicht aus volkswirtschaftlichen Gründen). Das Netto-Auslandsvermögen der deutschen Wirtschaft beträgt derzeit fast 50% der jährlichen Wirtschaftsleistung; Tendenz steigend. Viel wesentlicher ist allerdings das Brutto-Auslandsvermögen, denn im Falle eines Falles gibt es kein „right of offset“.

    Deutschland ist gezwungen, Vermögen im Ausland zu investieren. Das wäre schon verträglich, würde sich Deutschland ausschließlich Grundvermögen in Manhattan, Florida, etc. kaufen. Deutschland exportiert jedoch einen Großteil seines Vermögen als Kredite (u. a. an sub-prime, spanische Immobilien, griechische Defizite, etc.). Sollte Deutschland später einmal auf dieses Vermögen (beispielsweise zum Bezahlen von Pensionen) zurückgreifen wollen und sollte es dann nicht mehr werthaltig sein (z. B. Target2), dann gibt es ein großes Problem für die deutschen Bürger und Steuerzahler.

    Zwischen den Keynesianern und Merkantilisten sind die Keynesianer immer im Vorteil, wenn es um Leistungsbilanzen geht. Die Merkantilisten haben via Leistungsbilanzüberschüsse bereits viel exportiert (möglicherweise auch unter Verzicht auf eigenen Konsum) und große Forderungen im Ausland aufgebaut. Die Defizitländer haben Konsum auf Kredit genossen und können nun drohen, dass sie ihre Verbindlichkeiten nur dann bedienen, wenn sie neuen Kredit (bzw. neue Ware für Konsum) bekommen.

    Noch hat das der deutsche Steuerzahler nicht wirklich spüren müssen. Ja, die HRE hat Einiges gekostet (in Richtung Irland); USA war auch nicht gerade billig (sub-prime) und bei Griechenland gab es einen kleinen Schuldenschnitt. Das große Aufwachen seitens des Steuerzahlers wird jedoch dann kommen, wenn die großen Schuldenverzichte nicht mehr vermeidbar sind (analog zur HAA).

    Nein, Frau Merkel sollte Exporte nicht verbieten, aber sie sollte den deutschen Steuerzahlern erklären, dass ein nicht unerheblicher Teil der deutschen Exporte verschenkt wird (und in Folge dessen vom deutschen Steuerzahler bezahlt werden muss).

  2. rubens

    Ja, Herr Kastner, das wäre ehrlich, aber das wollte die Nomenklatura ja gänzlich verschweigen. Wäre der nicht ein pensionierte Bundesbanker und Hans Werner Sinn gewesen, würdens heute noch schlafen. Die Boulevard- und Massenmedien spielen ein wahrlich übles Spiel.

  3. Klaus Kastner

    @rubens
    Ja, der pensionierte Bundesbanker und Prof. Sinn haben Target2 entdeckt, aber Target2 ist nur einer der vielen Mechanismen, wodurch Kapital exportiert wird. Mein Punkt ist: unabhängig von Traget2, ein Leistungsbilanzdefizit MUSS als Gegenbuchung Kapitalexporte haben, in welcher Form auch immer (könnte ja auch als Auslandsinvestition sein). Wenn Deutschland – wie derzeit – jährlich 250 Mrd. EUR Leistungsbilanzüberschuss hat, dann MUSS Deutschland jährlich 250 Mrd. EUR (netto) an Kapital exportieren. Wie gesagt, das ist Mathematik und nicht Volkswirtschaft. Und wenn dieses im Ausland investierte Kapital an Wert verliert, dann hat Deutschland Pech gehabt.

  4. Klaus Kastner

    @Christian Peter
    Hat überhaupt nichts mit dem zu tun, was ich gesagt habe. Mit wem Deutschland sein Leistungsbilanzdefizit hat, ist sekundär. Deutschland hat es mit dem Rest der Welt und das Kapital fließt in den Rest der Welt zurück. Nicht unbedingt dorthin, wo das Leistungsbilanzdefizit entstanden ist (Deutschland könnte das Kapital z. B. nach Frankreich exportieren und dann geben halt französische Banken den Griechen Kredit).

  5. Christian Peter

    @klaus kastner

    Sie meinten, Deutschland würde seine Exporte verschenken. Das stimmt nicht, denn dies trifft lediglich auf Exporte in EU – Pleiteländer zu, welche als Handelspartner Deutschlands jedoch sukzessive an Bedeutung verlieren.

    Außerdem übersehen Sie, dass Leistungsbilanzungleichgewichte in der Theorie bloß als temporäre Erscheinungen betrachtet werden, welche sich auf lange Sicht automatisch ausgleichen : Debatten über Leistungsbilanzungleichgewichte sind daher nichts weiter als ein Sturm im Wasserglas.

  6. Klaus Kastner

    @Christian Peter
    Lassen Sie es mich noch einmal versuchen. Geld hat kein Mascher’l. Wenn der deutsche Steuerzahler einspringen muss, um beispielsweise eine HRE zu retten, dann kann man natürlich nicht 1:1 sagen, was mit seinem Geld geschieht. Man könnte sagen, es rettet irische Banken; oder man könnte sagen, es versetzt Irland in die Lage, Exportrechnungen aus Deutschland begleichen zu können.

    Faktum ist und bleibt, dass Leistungsbilanzüberschüsse dazu führen (müssen), dass Auslandsvermögen aufgebaut wird. In den letzten Jahren ist dieses Auslandsvermögen vor allem in Südeuropa in Gefahr geraten. Auch sehr viel in den USA. Die vielen Milliarden, die deutsche Finanzinvestoren/Banken bei sub-prime verloren haben, waren ein Teil des deutschen Auslandsvermögens. Aber wer weiß, ob nicht in Zukunft andere Teile der Welt ins Schleudern kommen.

    Natürlich ist es nicht so, dass Exporte ‘verschenkt’ werden. Sie werden nur von jemand anderem bezahlt.

    Ihr zweiter Absatz mag in der Theorie stimmen, aber grau ist jede Theorie. Ihre Theorie basiert auf der Annahme, dass hohe Leistungsbilanzüberschüsse zu einer Erhöhung des Wechselkurses führen; dass dadurch die Exporte durch Überteuerung eingebremst und die Importe, weil billiger, steigen. Ok, soweit die Theorie.

    Haben Sie schon mal nachgeschaut, wie lange die USA schon – teilweise horrende – Leistungsbilanzdefizite haben? Die Hauptgründe, weshalb die USA das machen können, sind, dass sie die Währung, in der sie ihre Auslandsschulden haben, selbst drucken können; dass sie ein sehr guter Standort für Auslandsinvestitionen sind und – last but not least – dass sie die größte Volkswirtschaft der Welt sind und deswegen scheinbar unendliches Vertrauen genießen.

    Natürlich würde der deutsche Leistungsbilanzüberschuß sinken, wenn Deutschland zur DM zurückkehren würde. Der für Deutschland zu billige Euro verstärkt nur das Problem. Wie Sie sagen, der Eurozonenanteil an deutschen Exporten/Importen sinkt: bei Exporten nur mehr etwas mehr als 1/3; bei Importen sogar noch weniger. Die schwächeren Länder lassen jedoch den Euro nicht so stark steigen, wie es eine DM tun würde. Mit anderen Worten, für Deutschland wird die Eurozone ein Nebenschauplatz, allerdings hat es wegen dieses Nebenstandortes eine Währung, die seine externen Konten verzerrt. Es ist denkunmöglich, dass dieser Prozess auf Dauer weitergehen kann/wird. Wie Alt-Kanzler Schmidt einmal gesagt hat: “Wir müssen unseren Leistungsbilanzüberschuß reduzieren, sonst werden es andere für uns tun und es wird uns vielleicht nicht gefallen, wie sie das tun werden”.

  7. gms

    Klaus Kastner,

    faßt man Ihre Darlegung zusammen, so bleibt unterm Strich, daß Deutschland für seine Exporte anschreiben ließ und läßt, diese Liste immer länger und vermutlich nie beglichen wird, woraus eine Reduktion weiterer Exporte in Relation zu den Importen abgeleitet wird.

    Der Schönheitsfehler an dieser Betrachtung ist die illegitime Betrachtung Deutschlands als Einheit, als wäre es eine riesige Firma, die ihre Außenstände nicht eintreiben kann und daher kürzer treten muß, weil auch hinkünftige Verkäufe nicht beglichen würden. Bei einer etwas realistischeren Betrachtung sind es immer noch einzelne Firmen und Unternehmen, die ihre Güter exportieren. Diese bekommen aber idR auch ihr Geld. Komisch, nicht wahr?

    Daß irgendwer sonst als die Empfänger der Leistung dafür aufkommen, ist dem System geschuldet. Die ewige Kreditkarte namens Target2 wurde ja schon genannt, die sonstigen Haftungen und Beihilfen wie ESM und Konsorten verlieren sich dagegen ja schon hinterm Komma.

    Deutschland exportierte Gerüchten zufolge schon in D-Mark-Zeiten ganz ordentlich. Auch gibt es bislang niemanden, der eine Kürzung deutscher Exporte nach Übersee bzw. in den Nicht-Euroraum fordert. Last not least importiert Deutschland auch Vorprodukte aus dem Euroraum und ist damit erst recht Zugpferd für schwache Nationen.

    Nach sozialistischer Logik kann man sich aber nicht nur reich-konsumieren, sondern sogar durch Ineffizienz zum Wohlstand gelangen. Faktum aber ist, wonach selbst eine nationalstaatliche Geldpolitik abseits beinharter Geldwertstabilität immer Gewinner und Verlierer zeitigt, aber mit dem Euro der Kreis der zwangsweisen Gewinner und Verlierer vervielfacht wurde.

    Deutschland badet die Früchte des Geldsozialismus’ aus, weil es in einem erweiterten und kranken Fiat-Geld-System seine Erfolge nicht heimtragen kann. Statt aber vernunftkonform das System entweder umzustellen oder zu verlassen, wird innerhalb eines perversen Systems die einzige systemkonforme Antwort erwogen: Noch mehr Unsinn!

  8. Klaus Kastner

    @gms
    Betreffend die illegitime Betrachtung von Deutschland als Einheit – aber so MUSS man ein Land betrachten, was die externen Konten seiner Volkswirtschaft betrifft! Bitte zu beachten: hier geht es NICHT um die Auslandsforderungen deutscher Exporteure; die werden schon bezahlt.

    Den Leistungsbilanzüberschuß sieht man in den aggregierten Bilanzen deutscher Banken (und zum Teil bei den Auslandsinvestitionen von Firmen und Privaten, die die Bundesbank registriert). Der Überschuß landet auf Konten bei Banken (inkl. Bundesbank) und die Banken müssen etwas mit dieser Liquidität machen. Und diese Überschußliquidität muss zwingenderweise ins Ausland, sonst wäre die Zahlungsbilanz nicht ausgeglichen.

    Ich sage nicht, dass das System schiefgehen MUSS. Ich sage nur, dass das Risiko für die deutsche Volkswirtschaft enorm steigt. Grundsätzlich wäre es ja möglich, dass das deutsche Bankensystem diese Liquidität vollkommen ‘sicher’ im Ausland veranlagt und dass alle Auslandsinvestitionen werthaltig bleiben (statt wie bei Thyssen-Krupp). In der Realität ist es eher anders. Da findet man dann deutsche Banken in fast jeder internationalen Blase (mit Ausnahme von Bernie Madoff…). Irgendwo müssen ja die Auslandsreserven, die sich aus dem Leistungsbilanzüberschuß ergeben, hin.

    Nochmal: die Exporteure bekommen schon ihr Geld. Das Problem ist, dass dieses Geld gewaltige Überschüsse erzeugt und dass diese Überschüsse die Auslandsreserven erhöhen. Prof. Sinn hat das schon ein paar Mal recht verständlich erklärt. Sicherlich verständlicher, als ich es kann.

  9. gms

    Klaus Kastner,

    “Nochmal: die Exporteure bekommen schon ihr Geld.”

    Dieser Punkt war niemals strittig, daher auch mein obiges: “Faktum aber ist, wonach selbst eine nationalstaatliche Geldpolitik abseits beinharter Geldwertstabilität immer Gewinner und Verlierer zeitigt, aber mit dem Euro der Kreis der zwangsweisen Gewinner und Verlierer vervielfacht wurde.”

    Die Anregung, Deutschland solle nun ausgerechnet das nicht tun, was es gut kann (nämlich Güter erzeugen, die anderswo nachgefragt sind) anerkennt im selben Atemzug die Korrektheit des Währungssystems, die ein Auftürmen unbegleichbarer Forderungen bewirkt, die letzten Endes eine anonyme Masse gegenüber einer anderer ebensolchen hat. Nochmal: Das ist Geldsozialismus in Reinkultur.

  10. Klaus Kastner

    @gms
    Nichts liegt mir ferner, als irgendwelche (geld)sozialistischen Ideen zu propagieren. ‚Sozialistisch‘ wäre, von Deutschland zu verlangen, dass es einen Teil seines selbsterwirtschafteten Wohlstandes aufgibt, um anderen, die wenig erwirtschaftet haben, den Wohlstand zu erhöhen. Mein Ansatz ist, ‚kaufmännisch kluge‘ Ideen zu verteidigen. Was ich meine, liegt im ureigensten Interesse der deutschen Volkswirtschaft.

    Basis für solche Betrachtungen müssen immer die Zahlungsbilanz und die Bilanz der Auslandsvermögen sein (d. h. Ziffern der GESAMTEN Volkswirtschaft). Wenn die Leistungsbilanz positiv ist, dann muss die Kapitalbilanz negativ sein (= Kapitalexporte), damit die Zahlungsbilanz schließt. Durch seine Kapitalexporte ist Deutschland zu einem der größten Gläubigerländer der Welt geworden (gemessen am BNP, glaube ich, sogar der größte).

    Im Spannungsfeld Gläubiger/Schuldner ist, wenn die Ziffern groß genug werden, der Schuldner immer am stärkeren Ast. Der Gläubiger kann drohen, seine Kredite fällig zu stellen; der Schuldner kann drohen, seine Schulden nicht zu bezahlen. Man erinnere sich, was Ungarn mit den CHF-Krediten gemacht hat. Oder die USA mit der Aufhebung der Dollar-Konvertibilität. Innerhalb der Eurozone wird man das möglicherweise bald live miterleben können: die Schuldnerländer haben in den Gremien (EZB, EMS) die Mehrheit. Glücklicherweise haben sie sich noch nicht zu einer gemeinsamen Linie gefunden. Prof. Sinn hatte vor einiger Zeit einmal in einer TV-Diskussion gesagt „Deutschland ist erpressbar geworden“. Die Fakten bestätigen dies.

    Das Geld fließt immer, direkt oder indirekt, von dem, der es hat, zu dem, der es braucht. Der, der Geld hat, ist immer das bessere Risiko als der, der es braucht. Enorm viel Geld fließt von Deutschland in jene Länder, die es brauchen. Ich kann nur immer wieder betonen: man schaue sich die Bruttoauslandsvermögen der deutschen Volkswirtschaft an.

    Ich habe nie gesagt, dass Deutschland per Diktat seine Exporte reduzieren sollte. Ich meine jedoch, dass die deutsche Volkswirtschaft ihre Abhängigkeit von ausländischen Kunden und Gläubigern in den Griff bekommen sollte. Die deutsche Beschäftigung ist viel zu sehr von Entwicklungen anderer Länder abhängig. Sollte dort einmal irgendetwas ‚passieren‘, dann explodiert die deutsche Arbeitslosigkeit.

    Wenn man der Bevölkerung einredet, dass „Exportweltmeister“ zu sein das größte Gut ist, dann verschweigt man ihr etwas. Nämlich, dass die Gegenseite davon ist, Weltmeister bei Auslandsvermögen zu sein. Prof. Sinn hat das einmal, sinngemäß, folgendermaßen beschrieben: „Wir haben Vermögen aufgebaut, auf das wir möglicherweise in Zukunft zurückgreifen müssen. Viel von diesem Vermögen ist im Ausland. Sollte es abwerten, dann werden wir in Zukunft nicht darauf zurückgreifen können“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

    Innerhalb der Eurozone hatte Deutschland bisher sogar noch Glück, weil es die Abwertung seiner Auslandsvermögen auf alle verteilen konnte. Wir alle wissen, dass der Großteil der bisherigen ‚Rettungsgelder‘ dazu diente, die kreditgebenden Banken zu bedienen. Deutsche Banken gehören zu den größten ‚Profiteuren‘ dieser Rettungskredite.

    Was heute EZB und EMS Forderungen sind, waren vorher in bedeutendem Umfang Forderungen von Banken, eben auch von deutschen Banken. D. h. 100% Risiko für deutsches Auslandsvermögen. Bei Target2 trägt Deutschland 27% des Gesamtrisikos. D. h. was vorher 100% Risiko der deutschen Volkswirtschaft war, ist jetzt nur mehr 27%. Beim EMS ist der deutsche Anteil, glaube ich, höher, aber es gilt das gleiche Prinzip. Anders ausgedrückt, die deutsche Volkswirtschaft konnte bisher von den Eurozonenmechanismen profitieren. Der guten Ordnung halber muss man natürlich hinzufügen, dass Deutschland nun auch 27% des vormaligen Risikos anderer Länder trägt. Wie die Rechnung unter’m Strich aussieht, kann ich nicht sagen.

    Dieses Glück würde Österreich z. B. nicht haben, sollte einmal etwas in Osteuropa ‚passieren‘. Da gäbe es keine EZB oder keinen EMS, der das österreichische Risiko auf alle verteilt. Das verbliebe zu 100% Risiko der österreichischen Volkswirtschaft.

    Abschließend noch ein Punkt, um Deutschland etwas aus meiner Schusslinie zu nehmen. Was ich sage, betrifft nicht nur Überschüsse, sondern auch Defizite. Wenn sie zu hoch und chronisch werden, dann sind ausufernde Leistungsbilanzsalden ein Problem, egal ob sie positiv oder negativ sind. In den USA sind sie negativ. D. h. die USA borgen sich vom Rest der Welt Geld aus, um im Rest der Welt Geld auszugeben. Das sorgt zwar für Wachstum im Rest der Welt, aber ich weiß nicht, wie glücklich China ist, wenn es sich die Höhe seiner Auslandsreserven, die in den USA gebunden sind, anschaut. China kann den USA nicht wirklich drohen, denn wenn es zu sehr droht, könnten seine Auslandsreserven in Gefahr kommen.

    Hier ist noch ein interessanter Artikel: http://www.blicklog.com/2013/07/15/die-crux-mit-dem-deutschen-leistungsbilanzberschuss/.

  11. Klaus Kastner

    @gms
    Oben hat sich ein großer Druckfehler eingeschlichten. Es sollte heißen “Deutschlands Abhängigkeit von ausländischen Kunden und SCHULDNERN” (nicht ausländischen Gläubigern).

  12. Sven Lagler

    @ Klaus Kastner

    Wenn ich Ihre Erläuterungen richtig verstanden habe, müsste doch die Schweiz in ihrer Existenz höchst gefährdet sein ? Sie trägt alle Risiken alleine, inkl. aller externen und internen Bankrisiken, zusätzlich in vielen unterschiedlichen Währungen. Und die Einlagen in der Schweiz sind ein Vielfaches des BIP.

  13. Klaus Kastner

    @Sven Lagler
    Die Frage ist SEHR berechtigt!

    Die Schweiz fährt einen Leistungsbilanzüberschuss von 11% (und sogar mehr) des BNP. In einer freien Marktsituation würde das den CHF-Kurs noch viel weiter nach oben treiben. Der Leistungsbilanzüberschuss würde dann auf verträgliches Niveau sinken, aber — die Schweizer Exportwirtschaft würde stark einbrechen (und somit die ganze Schweizer Wirtschaft).

    Ich glaube, die Schweiz musste/muss zwischen 2 Übeln wählen: (a) Marktkräfte walten lassen, bis sich ein Equilibrium eingespielt hat (mit den obenerwähnten Kosten für die Schweizer Wirtschaft) oder (b) intervenieren mit dem Ziel, dass der CHF nicht stärker als 1.20 wird (womit die Schweizer Wirtschaft angeblich noch ganz gut leben kann). Die Schweiz hat sich für (b) entschieden.

    Ich bin mit den Details der Schweiz nicht vertraut, mein Hausverstand sagt mir jedoch, dass das eine äußerst riskante Strategie sein könnte. Zum einen war, glaube ich, noch kein Land auf Dauer damit erfolgreich, seinen Wechselkurs massiv zu manipulieren (nach oben oder nach unten). Zum anderen häuft die SNB unendlich viele Devisenreserven an. Sie ist somit jeden Monat enormen möglichen Auf-/Abwertungen der eigenen Aktiva ausgesetzt. Man kann nur für die Schweiz hoffen, dass das gut geht! (ich glaube, kürzlich musste die SNB einmal einen Bewertungsverlust von über 10 Mrd. CHF vermelden).

    Der Autor des nachstehenden Artikels, der sich mit der Schweizer Finanzszene offenbar sehr gut auskennt, ist der Meinung, dass es schiefgehen wird: http://insideparadeplatz.ch/2013/09/25/die-snb-und-das-maerchen-von-der-geldschoepfung/.

    Grundsätzlich gilt für die Schweiz mit 11% Leistungsbilanzüberschuss das gleiche, was für Deutschland mit seinen 7% gilt. Der große Unterschied ist, dass die Schweiz eine relativ kleine Volkswirtschaft ist und kleine Volkswirtschaften können oft mit etwas ‚die Kurve kratzen‘, womit eine große Volkswirtschaft Schiffbruch erleiden würde. Das sollten wir Österreicher am besten wissen!

    Normalerweise würde man meinen, dass der Zufluss von Auslandskapital in das heimische Bankwesen ein Segen ist. Na ja, das hängt davon ab… Am Beispiel von Zypern konnte man sehr gut sehen, dass davon auch eine riesige Gefahr ausgeht. Wenn das Auslandskapital bei Banken veranlagt ist (wie in Zypern), dann führt es zu einer Gefahr, weil die Banken ja etwas mit diesem Geld tun müssen. Und zwar müssen sie es auch im Ausland tun, weil die heimische Wirtschaft so viel Geld nicht verträgt. Die Zyprioten haben das Geld u. a. in griechischen Staatsanleihen und in Kredite an griechische Schuldner investiert — und das Ergebnis ist bekannt.

    Wenn natürlich Auslandskapital in Depots fließt und nicht in Bankbilanzen, dann ist die Situation neutral. Sollten die Depots an Wert verlieren, dann verliert der Anleger und nicht die Bank. Ich glaube, der Großteil des in der Schweiz investierten Auslandskapitals ist in Depots und nicht in Bankbilanzen.

  14. Christian Peter

    Das einfachste Instrument zur Beseitigung von Leistungsbilanzungleichgewichten im Euro – Raum ist die Rückkehr zu flexiblen Wechselkursen (wie ECU) – der Euro bleibt dabei als zentrale Recheneinheit erhalten.

  15. gms

    Klaus Lagler,

    vorab recht herzlichen Dank für Ihre Ausführungen, deren Inhalt ich uneingeschränkt zustimme. Die Crux resp. jener Aspekt, um den sich die Debatte inzwischen im Kreis dreht, findet sich mittelbar verborgen im letzten Absatz, wo Sie einmal mehr vollkommen zutreffend schreiben:

    “Wenn natürlich Auslandskapital in Depots fließt und nicht in Bankbilanzen, dann ist die Situation neutral. Sollten die Depots an Wert verlieren, dann verliert der Anleger und nicht die Bank. Ich glaube, der Großteil des in der Schweiz investierten Auslandskapitals ist in Depots und nicht in Bankbilanzen.”

    In einem ~normalen~ System fließt numal echtes Geld in Depots. Im Euroraum jedoch findet lokal und für den Import geschöpftes Geld seinen Niederschlag in Notenbankbilanzen.
    Nachdem Deutschland sich nicht gegen diese lokale Fiat-Geldpolitik der sog. PIGS-Staaten wehren kann, muß es die Ungleichgewichte erleiden. Mit anderen Worten: Deutschland ist eine riesige Firma, bei denen andere Euroländer ohne Limit und ohne die Möglichkeit Deutschlands zum Einspruch anschreiben lassen können.

    Bei der Schweiz klappt das nicht, weil keine anderes Land Franken drucken kann. Zugleich käme es der SNB nicht in den Sinn, Forderungen gegen andere Notenbanken aufzutürmen.
    Auch in den USA sind Salden zwischen den Fed-Distrikten quartalsweise auszugleichen. Im Euroraum gibt es keinerlei Deckel — ob eine lokale Notenbank bei der EZB im Rahmen von ELA (“emergency liquidity assistance”) anschreiben kann, entscheidet die 2/3-Mehrheit im EZB-Rat über Deutschlands Stimme hinweg.

    Was als Notfall(!)-Mechanismus eingerichtet wurde, entpuppt sich mitterdings als permanente schiefe Ebene. Anstatt diesen Mechanismus nun auf sein ursprünglich intendiertes Wirken der Nothilfe zurückzustutzen, will man damit nun die europäische Wirtschaft aushebeln mit der Forderung, Deutschland möge doch bitte nicht mehr so viel exportieren.

    Das ist so, als würde einem Konsumjunkie ein unbegrenzter Dauerkredit auf Kosten der Allgemeinheit in den Herstellerländern gewährt. Nicht des Schuldners uneingeschränkte Möglichkeit der Neuverschuldung über die Hinterzimmer der EZB wird adressiert, und fast hat es den Anschein, als solle mit der leidigen Exportdebatte eben dieser wahre Auslöser des Übels verschleiert werden.

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