Sorry Grüne, ohne Gene geht`s nicht

(von Wolf-Dieter SCHLEUNING) Gene haben in deutschen Feuilletons einen schlechten Ruf. Man bringt sie in Verbindung mit Rassismus und rechtem Gedankengut. Die empirisch gut belegte Tatsache, dass Intelligenz zu 50 bis 80 % angeboren ist wird zur kruden These verteufelt. Besonders schlimm und bedrohlich ist „Gennahrung“ obwohl natürlich fast alle Nahrungsmittel einschließlich Obst und Gemüse Gene enthalten. Propaganda gegen Gentechnik ist wie der Kampf gegen Kernkraftwerke kanonischer Bestandteil der grünen Ideologie und inzwischen auch der Programmatik aller deutschen politischen Parteien.  In diesem Kontext ist es wert sich daran zu erinnern, dass sich dieser Tage die Publikation einer der wichtigsten Arbeiten der biomedizinischen Forschung des letzten Jahrhunderts zum 70igsten mal jährt. Es handelt es sich um die Identifizierung des materiellen Trägers der Erbinformation, um das aus vier Bausteinen bestehende Makromolekül Desoxyribonukleinsäure (DNA). Diese Entdeckung bildete wiederum das Fundament für die Aufklärung der Doppelhelixstruktur der DNA durch Watson und Crick neun Jahre später.
Die Entdeckung der DNA als Träger der Erbinformation durch ein Ärzteteam am Hospital des Rockefeller Instituts in New York (Oswald Avery, Colin Mcleod und Maclyn McCarthy)1943 war eigentlich das Nebenprodukt der Suche nach einem Medikament zur Behandlung der bakteriellen Lungenentzündung und  noch in weiterer Hinsicht erstaunlich und überraschend: Kaum ein Mediziner oder Biologe konnte sich damals vorstellen, dass ein aus nur vier Bausteinen bestehendes Molekül komplexe genetische Informationen speichern könnte. Fast jeder meinte, dass Gene aus Proteinen bestehen müssten, komplexeren Molekülen aus mindestens zwanzig Bausteinen (Aminosäuren).

 

Oswald T. Avery (1877-1955), ein schmaler Mann mit Stirnglatze und einem altmodischer Kneifer auf der Nase war im Gegensatz zu seinen charismatischen und extrovertierten  Nachfolgern Watson und Crick scheu, fast schüchtern.  Der Sohn eines Pastors aus Halifax, hatte am College of Physicians and Surgeons in New York Medizin studiert. Nach bestandenem Examen eröffnete er eine  Praxis für Allgemeinmedizin in New York. Da die medizinische Grundlagenforschung seinen Neigungen mehr entsprach als die praktische ärztliche Tätigkeit wechselte er von 1907 bis 1913 an das Hoagland Labor in Brooklyn, einem privaten bakteriologischen Forschungsinstitut. 1913 wurde er Mitglied des Rockefeller Hospitals und begann mit der Entwicklung eines therapeutischen Serums zur Behandlung der bakteriellen Lungenentzündung. Mit seinen Mitarbeitern untersuchte er zunächst die chemischen Unterschiede zwischen den Unterarten der Erreger (Pneumokokken), die von Alfred Neufeld, einem Mitarbeiter Robert Kochs, in Berlin beschrieben worden waren. Virulente (krank machende) Pneumokokken sind von einer gelatineartigen Beschichtung oder Kapsel umhüllt, die sie von der Immunabwehr des infizierten Organismus schützt. Mit dem Nachweis, dass diese Kapsel aus komplex verknüpften Zuckermolekülen besteht, erzielten Oswald Avery und Michael Heidelberger schon 1923 einen wichtigen und unerwarteten Durchbruch der nobelpreiswürdig gewesen wäre: Die Virulenz eines Pneumokokkenstammes hing nicht, wie allgemein angenommen, von spezifischen Toxinen sondern von einer aus Zuckerpolymeren bestehenden Kapsel ab. Avery erhielt für seine Arbeiten zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen aber nie den Nobelpreis.

 

Colin MacLeod (1909-1972) stammte wie Avery aus Nova Scotia und kam mit einem MD von der McGill University in Toronto 1935 in Averys Labor wo er bis 1941 arbeitete. Maclyn McCarty (1911-2005) stammte aus South Bend, Indiana und erwarb 1937 seinen MD  an der Johns Hopkins University, wo er sich auch drei Jahre in der Kinderheilkunde weiter bildete. Er wurde im Jahr 1941 Nachfolger McLeods in Averys Team. Im Jahr 1946 wurde er zum Leiter eines eigenen Labors berufen, wo er sich zeitlebens der Erforschung der Streptokokken der Gruppe A, den Verursachern des rheumatischen Fiebers widmete.

 

 

Die Vorgeschichte:

 

Alfred Neufeld hatte 1900 in Berlin entdeckt, dass ein paar Tropfen Ochsengalle eine Pneumokokkenkultur nach kurzer Inkubationszeit vollständig zerstörten und schuf damit die Grundlage für die Entwicklung einer mikrobiologischen Methode zur Diagnose der bakteriellen Lungenentzündung. Mit Hilfe immunologischer Methoden konnte Neufeld drei Pneumokokken-Typen unterscheiden. In Gegenwart von Typ I-Antiserum schwollen Typ I Pneumokokken an, in Gegenwart ihrer spezifischen Antiseren ebenfalls die Typen II und III. Diese von Neufeld als Quellung bezeichnete Reaktion erlaubte nun eine einfache Unterscheidung von Pneumokokken Unterarten. Frederick Griffith, ein Bakteriologe im Pathologie-Labor des britischen Gesundheitsministeriums in London wurde 1920 von seinem Arbeitgeber beauftragt die Möglichkeit der Entwicklung eines Pneumokokkenimpfstoffs zu prüfen. Auf Neufelds Ergebnissen aufbauend  verwendete er zwei Pneumokokkenstämme: Typ III -S (glatt) und  Typ II -R (rau) und infizierte damit Mäuse. Stamm S war durch seine Polysaccharid-Kapsel vor dem Mausimmunsystem geschützt und tötete die Versuchstiere, wogegen die II -R  Stämme vom Immunsystem erkannt und vernichtet wurden: die Mäuse überlebten. Nun kam Griffith auf die Idee durch Hitze abgetötete Bakterien aus dem III -S Stamm mit lebenden II-R Stämmen zu vermischen. Während alle Mäuse, die mit Typ II-R Stämmen infiziert wurden, überlebten, wurden die Tiere durch die Kombination der Stämme getötet. Griffith konnte  anschließend lebende II–R und III-S Pneumokokkenstämme aus dem Blut der toten Tiere isolieren. Griffith schlussfolgerte, dass der Typ II–R in irgendeiner Form von den toten III -S -Bakterien in den lebenden tödlichen III -S -Stamm umgewandelt “transformiert” worden war. Das von Koch und Pasteur begründete Dogma der Bakteriologie  Mikroorganismen  seien stabil und würden sämtliche Eigenschaften unverändert von einer Generation auf die nächste vererben war damit gestürzt.

 

 

Das entscheidende Experiment

 

Anknüpfend an Griffith  stellten Avery und seine Kollegen nach anfänglicher Skepsis fest, dass die toten Bakterien eine unbekannte Chemikalie auf die kapsellosen Zellen übertragen hatten, die die Bakterien in Stand setzte Kapseln zu bilden und sich damit dem Mausimmunsystem zu entziehen. Leider war die Substanz instabil und die Experimente deshalb schlecht reproduzierbar. Zwischen 1934 und 1940 gelang es Colin MacLeod endlich einen Stamm von Pneumokokken zu isolieren, der sich besonders leicht und reproduzierbar transformieren ließ und die transformierenden Extrakte durch biochemische Verfahren zu stabilisieren. Im Jahr 1941 trat Maclyn McCarty in Averys Labor ein und begann die als transformierendes Prinzip bezeichnete Substanz chemisch zu reinigen und zu analysieren. Bis zum Ende des Jahres 1943 hatten Avery und McCarty sichere Beweise in der Hand, dass diese Substanz, die permanent vererbbare Veränderung in einem Organismus produziert, in der Tat DNA war. Daraus konnten sie schlussfolgern, dass das transformierende Prinzip das Griffith entdeckt hatte, DNA des III -S Stammes war. Während die Bakterien abgetötet wurden, wurde die DNA, die das Erwärmungsverfahren überstanden hatte, von den II -R -Stamm Bakterien aufgenommen. Die DNA des III -S -Stammes enthält Gene, die für die Ausbildung der Polysaccharid-Schutzkapsel kodieren. Ausgestattet mit diesen Genen wurden die ehemaligen II -R -Stamm Bakterien nun vor dem Immunsystem geschützt und konnten das infizierte Tier töten. (1,2,3)

 

Trotz ihrer fundamentalen Bedeutung wurde diese Arbeit zunächst wenig beachtet. Vor allem Averys Kollege Alfred Mirsky meldete Zweifel an. Er meinte McCarthys Präparat könne immer noch kontaminierendes Protein enthalten. Bescheiden wie er war, hatte Avery selbst diese Möglichkeit in seiner Veröffentlichung eingeräumt. Erst acht Jahre später als Hershey und Chase nachwiesen, dass auch das Erbgut des bakteriellen Virus T2 aus DNA bestand, setzte sich die Einsicht, dass Gene aus DNA bestehen allgemein durch.

 

Abgesehen von seiner eminenten Bedeutung für die biomedizinische Forschung hatte die Entdeckung der chemischen Natur der Gene Auswirkungen auf die Kultur- und Geistesgeschichte. Nicht zuletzt auf dieser Arbeit aufbauend wurde die Biologie zu einer  Realwissenschaft mit nachweisbaren Erkenntnisfortschritten, die auf objektiven Daten bzw. Fakten und Theorienbildungen basieren. Fast alle Ergebnisse, die zur Entdeckung der chemischen Natur des transformierenden Prinzips geführt haben, haben gegen den jeweils herrschenden wissenschaftlichen Konsens verstoßen. Das beginnt mit Griffith Experiment, das zeigte das Bakterien genetisch instabil sind, setzt sich fort mit der Entdeckung der Antigenität von Polysacchariden durch Heidelberger und Avery und endet schließlich mit dem Nachweis, dass Gene nicht aus Protein sondern aus DNA bestehen. Ohne sich dessen bewusst zu sein, haben sich die beteiligten Wissenschaftler intuitiv nach Prinzipien verhalten, die dem Falsifikationsprinzip Karl R. Poppers entsprechen. In der Folge wurden mehrere Fehlentwicklungen in den biomedizinischen Wissenschaften korrigiert.

 

Die Widerlegung des Vitalismus.

 

Der Vitalismus, eine philosophische Strömung, die im 18. und frühen 19. Jahrhundert das biologische Denken dominierte, lehnte die Rückführung des Lebens auf physikalische und chemische Prinzipien ab. Stattdessen nahm er eine spezifische (geistige) Lebenskraft (vis vitalis) an. Den Naturphänomenen wurde darüber hinaus eine Art innerer Zweckorientierung (Teleologie) unterstellt. Der Vitalismus mit seiner rigorosen Trennung der Chemie der belebten und unbelebten Natur galt seit der erfolgreichen Harnstoffsynthese durch Woehler und den Arbeiten von Helmholtz, Koch und Virchow als überholt. Um die Jahrhundertwende erlebte er im Rahmen der sogenannten Lebensphilosophie (Dilthey, Bergson) und den zum Philosophen konvertierten Biologen Hans Driesch eine erstaunliche Renaissance. Driesch war der erste Biologe der Tiere (Seeigel) klonierte und totipotente Stammzellen herstellte. An der Zoologischen Station in Neapel teilte er Seeigelembryonen durch Schütteln in Kochsalzlösung in Einzelzellen. Aus jeder Zelle konnten sich wieder ein Embryo und ein vollständiger Seeigel bilden. Daraus schloss er nicht etwa, dass die Totipotenz die Umsetzung eines  genetischen Programms war, sondern er interpretierte es als Ausdruck einer Art geistigen Energie, die er in Anlehnung an Aristoteles als Entelechie bezeichnete. Der Einfluss von Driesch war immens. Zu seinen Schülern gehörten u.a.  Norbert Elias , Erich Fromm, Arnold Gehlen (Promotion 1927, Habilitation 1930), Ernst Jünger, Helmuth Plessner und Helmut Schelsky, interessanterweise alles keine Naturwissenschaftler sondern außer dem Dichter Ernst Jünger Soziologen.

 

Die Entdeckung Averys und seiner Mitarbeiter bereitete dieser Spekulation ein Ende und schuf die Grundlage für das moderne Verständnis der Biologie, die der Evolutionsforscher und Naturphilosoph Ernst Mayr als  das Prinzip der dualen Kausalität bezeichnet hat (4). Zwar gelten in der lebenden Materie die gleichen physikalischen und chemischen Gesetze wie in der unbelebten Natur, aber sie sind im Gegensatz zur unbelebten Materie durch ein genetisches Programm gesteuert, dessen Speichermedium DNA ist. Da die DNA wandlungsfähig (metastabil) ist, sind viele biologische Gesetzmäßigkeiten von einer Unschärfe die aus der Quantenphysik bekannt ist aber mit dieser außer dem Begriff nichts gemeinsam hat. In der Biologie wird im Gegensatz zur klassischen Physik lieber von Regeln als von Gesetzen gesprochen. Die Mendelschen Regeln erschließen sich erst in der statistischen Analyse von tausenden von Kreuzungsversuchen und sind auf die Einzelpflanze nicht anwendbar. Im Rahmen der dualen Kausalität ist aber auch die Biologie eine exakte Wissenschaft. Hartnäckige Überbleibsel des Vitalismus  überleben in grünen Milieus, der Homöopathie, Alternativmedizin und anderen Spielarten der Esoterik. Die Ablehnung der Gentechnik als unzulässigen Eingriff in die natürliche Ordnung beruht letztendlich auch auf vitalistischem Gedankengut.

 

 

Genetik und Physik

 

1927 entdeckte der Genetiker Hermann J. Muller, dass radioaktive Strahlung Mutationen in Taufliegen  auslösen kann. Dieser überraschende Brückenschlag der Genetik zur  jungen Quantenphysik wirkte auf viele Physiker als starkes Stimulans. 1932 hielt Niels Bohr in Tübingen einen Vortrag mit dem Titel „Licht und Leben“ in dem er diesen Befund aus seiner Sicht deutete. Fasziniert wandten sich nun zahlreiche Physiker der Biologie zu. Die bekanntesten, Max Delbrück und Pascual Jordan  erhofften sich  vom Studium der Genetik eine ähnlich revolutionäre Wende der Biologie wie sie die Quantentheorie der Physik beschert hatte. Der biochemische Ansatz, den Avery und McCarthy verfolgten erschien ihnen zu orthodox, wenig inspirierend und nicht revolutionär genug für ihre intellektuellen Ambitionen. Delbrück und seine Kollegen, die die Genetik bakterieller Viren (Bakteriophagen) studierten, bezweifelten, dass das biologische Phänomen der Vererbung durch  die bekannten Gesetze der Physik und Chemie erklärt werden könnten. Stattdessen waren sie „motiviert  von der phantastischen und völlig unkonventionellen Idee, dass die Biologie fundamentale Beiträge zur Physik leisten könne“. (5) Trotz der bedeutenden Beiträge, vor allem Delbrücks zur bakteriellen Genetik, wurde diese Hoffnung bitter enttäuscht: Aus physikalischer Sicht ist die Vererbung nichts anderes als das gesteuerte Öffnen und Schließen einfacher Wasserstoffbrücken.

 

Das Schicksal der Genetik in der Sowjetunion

 

Ein bemerkenswertes Kapitel der Leugnung der Genetik und Evolutionstheorie hat die Geschichte der Sowjetunion beigesteuert und damit ein Beispiel geliefert, wie durch politischen und administrativen Druck wissenschaftliche Tatsachen  verfälscht und die Nutzung von Technologien verhindert werden kann. Ohne irgendwelche Beweise für seine Behauptungen zu haben verdammte der Agronom T.J. Lyssenko in der Mitte des vorigen Jahrhunderts “die  Mendelsche und Morgansche  Genetik als „Ansammlung von Unrat und Lügen”, Gene und Chromosomen seien nicht vorhanden, sondern “bourgeoise Erfindungen”.

Die westliche Wissenschaft sei “bourgeois”, die sowjetische Wissenschaft dagegen “proletarisch”. Wissenschaftliche Diskussionen über Chromosomen und Gene galten demnach als Verrat. Der Kern des Lyssenkoismus war die Lehre der Vererbung von erworbenen Eigenschaften in Nachfolge der Ideen des französischen Biologen Lamarck im 18. Jahrhundert. So behauptete er, man könne durch äußere Einflüsse Weizen in Roggen verwandeln oder Erdbeeren so groß wie Kürbisse züchten. Zunächst erhielten Wissenschaftler, die mit Lyssenkos Ideen nichts anfangen konnten, weniger Fördergelder. Später verschwanden einige im GULAG  oder wurden hingerichtet. Der bedeutende Genetiker Nikolai Vavilov wurde 1940 verhaftet und verhungerte drei Jahre später im Gefängnis. Die Ansichten von T. D. Lyssenko erhielten in der Sowjetunion und anderen sozialistischen Staaten uneingeschränkte politische und ideologische Unterstützung. Diese Episode zeigt, wie politische Einflussnahme erfolgreiche  Umsetzung wissenschaftlicher Forschung in die wirtschaftliche Praxis verhindern kann. Der Einfluss Lyssenkos auf die Sowjetische Biologie  Jahre dauerte bis in die 1960iger Jahre. Als ihm ein russischer Biologe einmal ein DNA Präzipitat vorführte, meinte er: „Da sehen Sie, was das für ein bourgeoiser Unsinn ist, jeder weiß, dass Säuren flüssig sind.“

 

 

 

Die grüne Wiederbelebung von Vitalismus und Lyssenkoismus.

 

Zurzeit schlägt die Debatte um die Zulassung von sogenanntem „Genmais“ in den Medien hohe Wellen. Der Mais ist eine der wichtigsten Kulturpflanzen und wurde von den Ureinwohnern Mesoamerikas vor 9000 Jahren aus dem Süßgras Teosinte gezüchtet. Dieses Gras ist so unscheinbar, dass niemand glauben mochte, dass daraus die Kulturpflanze entstanden sein könnte, bis George Beadle durch Kreuzungsversuche in den 1930iger Jahren dafür den Beweis erbrachte. Natürlich enthält Mais wie alle Lebewesen Gene, deswegen macht der Begriff Genmais keinen Sinn, aber er sich trotzdem eingebürgert. Mit Kreuzungsexperimenten von Maissorten entdeckte seine damalige Mentorin Barbara McClintock das Phänomen der „springenden Gene“ (Transposons). Beide Wissenschaftler erhielten später den Nobelpreis. Auch drei Literaturnobelpreisträger haben den Mais besungen: Miguel A. Asturias (Hombres de maiz), Gabriela Mistral (El maiz del anhuac) und Pablo Neruda (Oda al maiz: „América, de un grano de maíz te elevaste….“). Der „Genmais“ enthält ein Gen, das ein natürliches Insektizid aus dem Bacillus thuringiensis (Bt) kodiert. Der Mais produziert so sein eigenes Pflanzenschutzmittel. Der intakte Bazillus ist selbst in der anthroposophischen bioorganischen Landwirtschaft als Pflanzenschutzmittel zugelassen. Ein weiteres Gen verleiht Widerstandskraft gegen das Herbizid Glyphosat. Durch den Einsatz dieses Herbizids wird die Aussaat ohne Pflügen (Direktsaat) möglich, was dem Boden Nährstoffe erhält und der Erosion entgegen wirkt. Tatsächlich wird dieser Mais auf hunderten von Millionen Hektar angebaut, ohne dass es zu irgendwelchen negativen Folgen gekommen wäre. Die Ablehnung der Gentechnik in Deutschland beruht nicht auf Sachkenntnis, sondern auf ideologischen und politischen Einstellungen. Außenseiter ohne Expertenwissen dominieren die Debatte, beeinflussen Regierungspolitik und verbreiten über die Medien Falschinformationen, die das Publikum verunsichern. Die Gentechnik macht nichts anderes als die Natur selbst, sie verändert und überträgt Gene. Das Argument die gentechnische  Modifizierung einer Pflanze sei „unnatürlich“ trägt deutlich Züge des Vitalismus,  während die Rede von einem unzulässigen Eingriff in die Schöpfung (Karin Göring-Eckart) an die verlachten amerikanischen christlichen Fundamentalisten erinnert, die Darwins Evolutionstheorie ablehnen.

 

Die „Gendertheorien“, die ausgehend von den Schriften der amerikanischen Radikalfeministin Judith Butler behaupten, dass es keinen genetischen Unterschied zwischen Mann und Frau gäbe, sondern dass Geschlechtszugehörigkeit entweder ein gesellschaftliches Konstrukt oder Resultat einer persönlichen Entscheidung sei, zeigen erschreckende Parallelen zum Lyssenkoismus. Die Leugnung der genetischen Prägung des männlichen und weiblichen Phänotyps ist im Berliner Bezirk Kreuzberg–Friedrichshain bereits offizielle Politik  und wird im Baden-Württembergischen Bildungsplan als Erziehungsziel eingefordert. Baden-Württembergs grün-rote Regierung geht noch einen Schritt weiter und möchte den Biologieunterricht ganz abschaffen. Das Fach soll in einen Grabbeltisch namens „Naturphänomene und Technik“ aufgehen. Bedeutsame Themen wie Pränataldiagnostik oder Klonen kommen dann im Lehrplan nicht mehr vor. Diese aktuellen Beispiele zeigen wie dünn die Firnis von Vernunft und Aufklärung auf unserer Gesellschaft geworden ist. Gilbert Keith Chesterton hat einmal gesagt: „Wenn Menschen aufhören, an Gott zu glauben, dann glauben sie nicht an nichts, sondern an alles Mögliche. Das ist die Chance der Propheten – und sie kommen in Scharen“. Insofern ist Greenpeace der erfolgreichste Religionsstifter seit Mohammed. Beda Stadler, Immunologe und Allergieforscher an der Universität Bern, vergleicht das Phänomen der fanatischen Ablehnung von Gentechnik mit dem Hexenwahn, trägt die grüne Wissenschafts- und Zukunftsfeindlichkeit doch deutlich mittelalterliche Züge. Wenn man in Betracht zieht in welchem Ausmaß Obskurantismus und Aberglaube Bestandteil der offiziellen  Politik aller im Bundestag vertretenen Parteien geworden sind, müssten eigentlich bei allen seriösen Wissenschaftlern die Alarmglocken schrillen. Umso mehr erstaunt das von den zuständigen Gremien und Organisationen wie der Max-Planck Gesellschaft, den wissenschaftlichen Akademien und dem Wissenschaftsrat nur lautes Schweigen zu vernehmen ist. (Der Autor ist Arzt und Molekularbiologe in Berlin)

 

1)Avery OT, MacLeod CM, McCarty M. Studies on the chemical nature of the substance inducing transformation of pneumococcal types. Induction of transformation by a desoxyribonucleic acid fraction isolated from Pneumococcus type III. J Exp Med, 1944, 79:137–158.
http://www.jem.org/cgi/content/abstract/79/2/137

2)McCarty M, Avery OT. Studies on the chemical nature of the substance inducing            transformation of pneumococcal types. 2. Effect of desoxyribonuclease on the biological activity of the transforming substance. J Exp Med, 1946, 83:89–96
http://www.jem.org/cgi/content/abstract/83/2/89

3)McCarty M, Avery OT. Studies on the chemical nature of the substance inducing transformation of pneumococcal types. 3. An improved method for the isolation of the transforming substance and its application to Pneumococcus types II, III, and VI. J Exp Med, 1946, 83:97–104
http://www.jem.org/cgi/content/abstract/83/2/97

4) Mayr E. Die Autonomie der Biologie. Naturwissenschaftliche Rundschau, 2002 55, 23-29

BOTANIK ONLINE  Ernst MAYR  Die Autonomie der Biologie-Dateien

 

5) Stent, G.S. Prematurity and Uniqueness in Scientific discovery. Scientific American 1972,     227:84-93

20 comments

  1. world-citizen

    Wissenschaftler hatten immer schon einen schlechten Stand, wenn sie die “Wahrheiten” der herrschenden in Frage stellten. Davon konnte schon Galileo Galilei ein Lied singen.

  2. Plan B

    Trotz der Erkenntnisse und Verdienste von Oswald Avery, Colin Mcleod und Maclyn McCarthy in der DNA-Forschungs-Historie sollte doch erwähnt werden, dass vor 70 Jahren noch ein anderes grundlegendes Werk erschienen ist.
    Es ist die Rede von Erwin Schrödinger, der in seinem Werk „What is Life“ (1944) einen „genetischen Code“ postulierte; dass die Vererbung durch die Anordnung der Moleküle gesteuert würde. Schrödinger hat die Anwendung der Quantentheorie in der Biologie befördert und Generationen von Wissenschaftlern beeinflusst und einige wenige zu Gro0taten inspiriert.

    So die Physiker James Watson und Francis Crick, die zusammen das „Molekül des Lebens“ (DNA) entdeckten und sichtbar machten (23 Chromosomenpaare / Doppelhelix). So, wie es Erwin Schrödinger vorausgesagt hatte.

  3. Christian Weiss

    obwohl natürlich fast alle Nahrungsmittel einschließlich Obst und Gemüse Gene enthalten – See more at: https://www.ortneronline.at/?p=29206#sthash.A373hi60.dpuf

    Was heisst hier “fast”? Das einzige handelsübliche Konsumationsmittel, das ich kenne, welches keine Gene enthält, ist reines, klares Wasser. Und das hat keine einzige Kalorie drin und nährt dem entsprechend nicht.
    Selbst Gummibärchen sind voll der “bösen” Gene.

  4. Reinhard

    Ich finde die Aussage von Dieter Nuhr zitierenswert: “Wenn ich einen Apfel esse, wachsen mir doch auch keine Blätter aus den Ohren”.
    Gene sind chemische Substanzen, die im Verdauungstrakt des Menschen aufgebrochen und zersetzt werden oder, eingekapselt in Kerne oder Fasern, unverdaut (und von der Natur so gewollt) in einem reinen Haufen Dung wieder ausgeschieden werden.
    Das einzig unnatürliche ist, dass wir diesen Dung in große Sammelbecken spülen und dort als Abfall behandeln…

  5. Wolf-Dieter Schleuning

    @Christian Weiss. Bei den meisten Kochvorgängen wird die DNA irreversibel zerstört. Pommes frittes sind in der Tat genfrei aber reich an Fetten und Kohlehydraten. Das ist ja gerade der Wahnsinn!

  6. Christian Peter

    ‘Sorry – ohne Gene geht es nicht’

    naja, nicht besonders geistreich. Es geht nicht ohne Gene, das bedeutet aber noch lange nicht, dass man in das Erbgut von Lebewesen eingreifen sollte. Der Mensch besteht auch aus Genen, dennoch sind gentechnische Eingriffe in das Erbgut des Menschen tabu.

  7. Wolf-Dieter Schleuning

    @Christian Peter: Blödsinn! Einem HIV Patienten wurden Lymphozyten mit dem CCR5 Resistenzgen transplantiert. Der Mann wurde geheilt! Wollt Ihr das verbieten?

  8. Reinhard

    @Christian Peter
    Das Essen von Menschen, wenn man Hunger hat, ist auch tabu. Das Essen von Pflanzen nicht. Diese Argumentation geht in’s Leere.
    Übrigens: Der Mensch besteht nicht aus Genen, er besitzt welche. Nur als kleine Korrektur am Rande.
    Und jede gezielte Mutation, jede Züchtung ist ein künstlicher Eingriff in das Erbgut. Ohne den gäbe es nicht einmal einfachste Landwirtschaft. Man hat die Methodik modernisiert, aber das Grundverfahren ist uralt.
    Wenn man alles verbieten wollte, was Schaden anrichten könnte, gäbe es nicht einmal Messer. Wir wären noch nicht mal von den Bäumen geklettert.
    Man kann es auch übertreiben – zu Tode gefürchtet ist auch bloß gestorben.

  9. Christian Peter

    Vor allem aber muss man weder grün noch links sein um Gentechnik abzulehnen. Etwa 80 % der Bevölkerung tut das. Bei genveränderten Lebensmitteln ist die Ablehnung sogar noch stärker.

  10. Christian Peter

    Ganz im Gegenteil wird die Gentechnik vor allem von (Wert-) Konservativen kategorisch abgelehnt, da diese als unzulässiger Eingriff in die Natur- bzw. Schöpfungsordnung betrachtet wird.

  11. Christian Peter

    Gegen Gentechnik im Lebensmittelbereich gibt es aber auch wissenschaftliche Argumente, denn es ist keineswegs geklärt, ob die Vorteile der Gentechnik die Nachteile überwiegen.

    1. Genmanipulierte Sorten beheben das Problem des Hungers und der Mangelernährung.

    falsch. Denn der allergrößte Teil der genmanipulierten Sorten dient dem Anbau von Energie- und Futterpflanzen (für Tiere), es entstehen Monokulturen, die einen Verlust wichtiger Bodenfläche und Bodenfruchtbarkeit nach sich ziehen.

    2. Gentechnik minimiert den Einsatz von Giften in der Landwirtschaft

    falsch. Auf Genfeldern kommt es zu vermehrten Einsatz von von Pflanzengiften (+ 50 %), Unkräuter entwickeln zunehmend Resistenzen.

    3. Gentechnik maximiert den Ertrag

    nicht gesichert. Nach einer aktuellen Studie in den USA führt der Einsatz von Gentechnik zu keiner bzw. bloß marginaler Ertragssteigerung http://www.ucsusa.org/food_and_agriculture/our-failing-food-system/genetic-engineering/failure-to-yield-html )

  12. Christian Peter

    oder kulinarische bzw. kulturelle Argumente :

    die Qualität genmanipulierter Sorten wird von Experten als ‘Müll’ definiert. Das dürfte der Grund sein, warum genmanipulierte Lebensmittel fast ausschließlich an Schweine (oder andere Tiere) verfüttert werden. In Frankreich wird die Gentechnik im Lebensmittelbereich als ‘nicht mit der Kultur des Landes vereinbar’ betrachtet.

  13. Wolf-Dieter Schleuning

    Experten von Greenpeace? Durch die Verhinderung des Anbaus des von Ingo Potrykus entwickelten goldenen Reises durch Greenpeace erblinden allein auf den Philippinen jährlich mehr als 100 000 Kinder!

  14. Christian Peter

    @Wolf-Dieter Schleuning

    ‘durch Verhinderung des Anbaus des goldenen Reises sterben jährlich..’

    das kann man nicht sagen, denn goldener Reis wurde bislang nicht angebaut.

    behaupte außerdem nicht, dass es keinerlei sinnvolle Anwendung für Gentechnik im Lebensmittelbereich gibt. Doch überwiegen die Nachteile insgesamt schwer, denn durch Gentechnik in der Landwirtschaft kommt es zu einer Artenverarmung (Beispiel Indien : Statt ursprünglich 400.000 Reissorten werden dort heute nur mehr 30 Hybridsorten verwendet), erhöhtem Wasserbedarf, erhöhte Anfälligkeit der Pflanzen für Krankheiten und Schädlinge, Auftreten von Resistenzen der Insekten gegen Pestizide und somit vermehrter Einsatz derselben – und dass alles für eine erhoffte Ertragssteigerung bzw. Anreicherung von Lebensmitteln mit einzelnen Nährstoffen ?

    Fast alle erwünschten Eigenschaften lassen sich auch durch konventionelle Züchtungen und Rückgriff auf natürliche Sorten erreichen – dazu bedarf es keiner Gentechnik. Im Bereich der Landwirtschaft ist Gentechnik nicht nur überflüssig, sondern sogar schädlich. Statt auf industrielle Landwirtschaft mit ihren Monokulturen sollte man ganz im Gegenteil auf kleinbäuerliche Aktivität und Artenvielfalt setzen.

    Der Einsatz der Gentechnik sollte sich auf Bereiche beschränken, wo es tatsächlich Nutzen gibt, etwa im Bereich der Medizin (Gentherapie), Pharmazie oder in der industriellen Biotechnologie.

  15. Fedor Bachmann

    Bravo Wolf-Dieter. Hochinteressant und intelligent. Die Diskussion betreffend Reisssorten in Indien ist eine typische grüne Propaganda.

  16. Christian Peter

    @Fedor Bachmann

    Genmanipulierte Lebensmittel braucht kein Mensch. Warum glauben Sie, wird dieses Zeugs fast ausschließlich an Schweine verfüttert ?

  17. Wolf-Dieter Schleuning

    Der Mensch manipuliert Gene durch Kultivierung von Pflanzen und Domestizierung von Haustieren seit der Jungsteinzeit (vgl. Abschnitt Genmais). Greenpeace lässt sich die Verhinderung des Anbaus des Goldenen Reises auf den Philippinen viel Geld kosten und verurteilt damit mehr als 10 000 Kinder zur Blindheit wegen Vitamin A Mangels. Jetzt haben Sie erst ein mal 3,8 Millionen Spendengelder an der Börse verzockt. Das lässt hoffen.

  18. Christian Peter

    Auch aus libertärer Sicht ist die Gentechnik eine absolutes Unding, da intellektuelle Monopole bzw. geistiges Eigentum (Patente), die die Grundlage für die kommerzielle Verwertung derartiger Rechte bildet, strikt abgelehnt werden.

  19. Christian Peter

    @Wolf Dieter Schleuning

    ‘der Mensch manipuliert Gene durch Pflanzenzucht seit Jahrhunderten’

    stimmt zwar, dennoch gibt es einen erheblichen Unterschied : bei konventioneller Züchtung kann nur auf Gene kreuzbarer Verwandter zurückgegriffen werden, bei der Gentechnik entstehen völlig neue Arten (Erweiterung der nutzbaren genetischen Ressourcen über den jeweiligen Genpool hinaus). Zudem bleibt der Prozess bei traditioneller Züchtung wie in der Natur äußeren Einflüssen unterworfen, während bei der Gentechnik der Prozess direkt in der Zelle provoziert wird.

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