Sorry, niemand baut einen “Eisernen Vorhang”

Von | 21. November 2021

(CHRISTIAN ORTNER/ PRESSE) Niemand, der einigermaßen bei Trost ist, wird darüber in Jubel ausbrechen, dass Polen seit Wochen seine EU-Außengrenze zu Weißrussland mit Stacheldraht und Mauern befestigt hat, als Antwort auf die jüngsten Versuche von Migranten, diese Grenze mithilfe von Gewaltanwendung zu durchbrechen. Mehr noch: Der Umstand, dass in großen Teilen Europas die Grenzen bis zum Ausbruch der Pandemie zu bloßen Verwaltungslinien geworden sind, kann man als schönes Stück zivilisatorischen Fortschritts bezeichnen.

Insofern ist nachvollziehbar, dass der geschätzte Kollege Wolfgang Böhm jüngst in dieser Zeitung kritisiert hat, „Die EU zieht sich hinter einen neuen Eisernen Vorhang zurück“, und der Union vorwirft, sie betreibe eine Politik der „Abkehr von einer offenen Gesellschaft“.

So verständlich ist, dass das Herz jedes überzeugten Anhängers dieser offenen Gesellschaft blutete, wenn neue Mauern hochgezogen werden: Historisch ist der Vergleich der heutigen polnischen Grenzzäune mit dem Eisernen Vorhang der kommunistischen Diktaturen etwas sehr gewagt. Um nicht zu sagen: ziemlich ahistorisch.

Denn es ist ein Unterschied, ob ein Staat seine eigene Bevölkerung einmauert und für den Fall der Flucht mit dem Erschießen bedroht, wie das beim Eisernen Vorhang der Fall war – oder aber sein eigenes Territorium vor dem unkontrollierten und gewaltsamen Eindringen von Fremden schützt, die illegal handeln und meinen, ein Bolzenschneider sei tauglicher Ersatz für ein Visum. Es ist in etwa der Unterschied zwischen jemandem, der ein fremdes Kind gegen seinen Willen im Keller gefangen hält – und jemandem anderen, der sein Haus mittels Gartenzauns, Sicherheitstür und Alarmanlage vor Einbrechern zu schützen sucht.

Den Eisernen Vorhang der kommunistischen Diktaturen mit den heutigen Grenzsicherungen demokratischer Rechtsstaaten gleichzusetzen, stellt auch eine gewisse Respektlosigkeit gegenüber den Millionen Opfern dieser Regimes dar. Denn junge Menschen, die jene Diktaturen nur noch aus Opas Erzählungen kennen, können auf die Idee kommen, der Kommunismus und der Eiserne Vorhang seien nicht gar so schlimm gewesen, wenn es sich dabei um so etwas Ähnliches wie heute an der EU-Außengrenze gehandelt hat, wo im schlimmsten Fall Tränengas verschossen wird. Ich bin mir sicher, dass Kollege Böhm eine derartige Verharmlosung und Relativierung der kommunistischen Diktaturen fernliegt – sein Vergleich ist aber leider geeignet, bei historisch weniger Bewanderten genau diese Assoziation hervorzurufen.

Das gilt bis zu einem gewissen Grad auch für seine Bedenken, die Grenzsicherungsanlagen seien Symbol einer „Abkehr von einer offenen Gesellschaft“. Natürlich, da ist Böhm zuzustimmen, sind Mauern und Nato-Stacheldraht als Symbol einer offenen Gesellschaft nicht besonders tauglich. Und trotzdem lehrt uns die Geschichte, dass gerade eine „offene Gesellschaft“ nicht überleben kann, ohne sich ausreichend abzugrenzen gegen Nachbarn oder Eindringlinge, die es mit der „offenen Gesellschaft“ jetzt nicht so stark haben.


Geradezu prototypisch gilt das für einen nicht unerheblichen Teil der Migranten aus der arabischen/islamischen Welt. Dass jemand, der dort sozialisiert worden ist, ohne eigenes Verschulden andere Vorstellungen etwa über Frauen, Homosexuelle, Juden oder über den Stellenwert der Religion hat, wie es einer offenen Gesellschaft angemessen ist, wissen wir spätestens seit 2015 bis ins Detail. Leider ist seither klar geworden: Die teilweise Aufhebung der Grenzen für diese Migrantenströme hat die offene Gesellschaft nicht gestärkt, sondern eher gestresst. Nicht zuletzt dadurch, dass sie eine Art von Immunreaktion hervorgerufen hat, die zum Erstarken rechtsextremer Parteien geführt hat.

„Jedes Plädoyer für Vielfalt, Differenz und Pluralität setzt Grenzen voraus“, sagt Philosoph Konrad Paul Liessmann. Manchmal auch befestigte Grenzen.

5 Gedanken zu „Sorry, niemand baut einen “Eisernen Vorhang”

  1. Johannes

    Wenn jemand die Grenzen eines Landes vollkommen auflösen will und die Ströme von Milliarden von wanderungswilligen Menschen als Teil einer globalen offenen Gesellschaft propagiert muß er viele Fragen beantworten die über einen Stehsatz hinausgehen.

    Dann muß er erklären was geschehen soll wenn diese Massen ohne Arbeit, ohne Wohnung aber mit sehr viel mitgebrachter archaischer Weltanschauung einen Bevölkerungsanteil darstellen der beginnt der Gesellschaft neue Spielregeln aufzuzwingen.

    Denn in dieser Phase sind wir mittlerweile, oder will man abstreiten das es nicht normal ist wenn Lehrern, Filmregisseuren und Pfarrern mittlerweile die Köpfe bei lebendigem Leib abgetrennt werden.

    Gerade ein Journalist sollte Charlie Hebdo als das sehen was es auch war, der Versuch für alle Zeiten den freien Journalismus dahingehend einzuschüchtern, dass er es nie wieder wagen soll die archaische, in die offene Gesellschaft eingewanderte Religion zu kritisieren.

    Hier kann man nicht mehr von psychisch kranken Einzeltätern reden, zu häufig und systematisch erfolgen diese Verbrechen.
    Wie kann man nach Bataclan einfach weitermachen als wäre nichts geschehen?

    Wenn einem das alles nicht zu denken gibt dann die andere Frage: Wie kann ein Kontinent wie Europa glauben die Milliarden zukünftigen Migranten aufnehmen zu können ohne es mit dem Verlust von Wohlstand, einem mörderischen Verbrauch von ohnedies immer knapper werdenden Land und vor allem mit der völligen Aufgabe aller Klimaschutzziele bewältigen zu können.

    Wenn die Befürworter der Massenzuwanderung ehrlich sein würden müssten sie zugeben das auch sie wissen das es begrenzte Ressourcen gibt, das sie wissen das irgendwann nichts mehr geht und man die Notbremse ziehen muss will man nicht im Chaos untergehen.
    Vor dieser Frage und Verantwortung drückt man sich und daher halte ich nichts von schönen Worten.

  2. Susi

    Gewaltbereite Männer, die ihre Intention ja schon an der polnischen Grenze gezeigt haben, indem sie mit Äxten die Grenze durchbrechen wollen, bringen genau das ins Land, GEWALT. Sie holen sich WAS sie glauben was ihnen zusteht, mit GEWALT ! Haben wir das wirklich nötig? Hier gehören Mauern/Grenzbalken und Landesverteidigung her. Sonst können friedliche Länder, die mit hoher Steuerbelastung ihres arbeitenden Volkes einen Sozialstaat aufgebaut haben, sofort kapitulieren!

  3. Gerald Steinbach

    Wenn die Polen die Bilder von den aggressiven Flüchtlingsmob , bewaffnet mit Äxten, Bolzenschneider nicht freigegeben hätten, wären die wahrscheinlich schon in Deutschland.
    So war es halt schwer diese als Familien, Schutzsuchende den Deutschen zu verkaufen.
    Die Aufforderung seitens Deutschland/EU doch die „ Flüchtlinge „ passieren zu lassen, ist dann sofort verstummt.

  4. Erich H Ulrich

    Das Kommentar von Johannes ist leider nur allzu wahr.

    Offensichtlich geistern in den Köpfen von Bessermenschen nur Hirngespinste herum, die mit den Tatsachen nicht mal im entferntesten zu tun haben. Ob man das gerne hört oder nicht: Genau an dieser Überheblichkeit ist Rom, das damals größte Reich Europas zugrunde gegangen.

    “Wir haben Platz” behaupten aber immer nur die, die bisher weder einen “(Wirtschafts-) Flüchtling” angenommen haben, oder auf wirtschaftlich sinnvolle Weise zum Erhalt unserer – von den Ahnen mühsam erarbeitenden – Wohlstands beitragen.

  5. wanderer

    Es ist beschämend, dass Polen von den maßgeblichen EU-Staaten keine Unterstützung bekommt und die britische Armee zum Schutz unserer Außengrenze einspringen muss. Entweder die EU-Staaten schützen ihre Grenzen oder sie versinken mittelfristig im Chaos. Alles andere – Stichworte Fluchtursachen bekämpfen oder Aufnahme unbegleiteter Minderjähriger- ist realitätsfremdes Gerede und bringt uns keinen Schritt weiter.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.