Spanien: Warum der König wirklich geht

Von | 4. Juni 2014

(A. UNTERBERGER) Der spanische König dankt ab. Juan Carlos und sein überraschender Rücktritt sind zum Unterschied etwa von nordischen Königen deutlich mehr als eine Meldung für die Regenbogenpresse. Sein Rücktritt hat aber auch mehr Motive als seine offiziellen Worte.

Natürlich wird jetzt viel über seine Seitensprünge, seinen Gesundheitszustand, sein Alter und auch die offenbar sehr unguten Geschäfte seine Schwiegersohns die Rede sein. Aber darüber darf sein großes politisches Hauptverdienst nicht in Vergessenheit geraten: Das ist der sensationell gewaltfreie Übergang von der Franco-Zeit zu einer normalen Demokratie. In der sich linke und rechte Parteien friedlich in der Macht abwechseln.

Das ist ein bleibendes Verdienst. Es gab keine Prozessflut. Wenn auch ohne Wahrheitskommission so ist Spanien nach Südafrika ein zweites gutes Beispiel für einen friedlichen Übergang. Solche Prozesslosigkeit entspricht zwar nicht den Vorstellungen von Juristen und Diplomaten, aber beide Länder sind mit diesem friedlichen Übergang sehr gut gefahren. Ohne Aufarbeitung aller Untaten davor. Die etwa Ex-Jugoslawiens Länder offenbar unendlich quält.

Dieses Verdienst von Juan Carlos ist vor dem Hintergrund der Geschichte Spaniens mit seinen vielen wilden Kämpfen zwischen Rechter und Linker besonders zu würdigen. Dass er hinter diesem Verdienst in den letzten Jahren recht intensiv allzuviel süße Früchte konsumiert hat, soll zwar nicht verschwiegen werden, ist aber politisch nicht sehr relevant.

Jedoch: Das heutige Spanien ist nun mit zwei ganz anderen Herausforderungen konfrontiert. Heute steht das Land gleich doppelt auf einer gewaltigen Probe. Einerseits muss es lernen, auf eigenen Füßen zu stehen. Es kann nicht auf Dauer von europäischen Mitteln leben (ob die nun beispielsweise Struktur- oder Kohäsionsfonds heißen). Dadurch wurden viel zu oft Projekte ins Leben gerufen, die sich wirtschaftlich niemals rechnen. Spanien kann nicht die EU als Objekt ewiger Erpressung sehen.

Andererseits ist Spanien mit den Sezessionswünschen vieler Katalanen und Basken konfrontiert. Man weiß zwar noch nicht, ob da wirklich eine klare Mehrheit dahintersteht. Aber die Entwicklungen in Großbritannien färben zweifellos auch auf den einstigen Dauer-Kontrahenten ab. Madrid, die Kastilier scheinen aber ganz im Gegensatz zu London wild entschlossen, auch mit Waffengewalt diesen Wünschen entgegenzutreten. Und das wäre eine absolute Katastrophe. Für ganz Europa.

Es ist mehr als wahrscheinlich, dass Juan Carlos nicht weiß, wie vor allem auf die zweite Herausforderung zu reagieren ist. Und dass sein Rücktritt (auch) damit zusammenhängt. Wir werden es wohl nie wirklich erfahren. Denn die Vorgänge im Kopf sind (zum Glück) jedermanns Privatsache.

PS: Die britische Königin bleibt übrigens trotz viel höheren Alters, trotz der eventuellen Sezession Schottlands, trotz so mancher Altersgebrechen unbeirrt weiter im Amt. Vielleicht gerade weil diese Sezession, so folgenreich sie auch sein mag, dennoch so friedlich vor sich geht. (TB)

Ein Gedanke zu „Spanien: Warum der König wirklich geht

  1. MAKU

    Zwar sind die Unterbergerischen Kommentare meist gut geschrieben u oft lang, aber mit der Recherche ist’s so eine Sache. Alles kann man halt nicht nur mit routiniertem Geplaudere erledigen.

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