Starregisseur: “Nicht für das Refugee Welcome Center…”

Das Zerwürfnis des Theater- und Opernregisseurs Alvis Hermanis mit dem Hamburger Thalia Theater hat sich in den letzten Tagen verschärft. Hermanis hatte seine Zusammenarbeit mit der Hamburger Bühne aufgekündigt, weil er für dieses „refugee welcome center“, wie er es nennt, nicht zur Verfügung stehen wolle. Eigentlich sollte er im April 2016 dort „Russland.Endspiele“ inszenieren, ein aus Texten von Dostojewskij, Tolstoi, Gorki und anderen collagiertes Stück” (weiter hier)

12 comments

  1. Rennziege

    Ich kann Alvis Hermanis gut verstehen, dass er dort “den Huat draufg’haut hat”. Die Hamburger Theaterszene, selbstverständlich fett subventioniert, ist seit vielen Jahren zu einer Enklave der Politruks geworden.
    Als ich vor drei Jahren zuletzt (wörtlich: zuletzt) im Thalia war, ward mir ein “Hamlet” vergönnt, der nicht nur mir die Haare sträubte: männliche Darsteller in SS-Uniformblusen, Unterkörper entblößt; weibliche in halbnackten Nutten-Negligés. Und es strömte, kopulierend und masturbierend, aus allen Körperöffnungen. Da war wirklich etwas faul im Staate Dänemark.
    “He”, zog ich mich an den Haaren, “die müssen bei Shakespeare irgendwas falsch verstanden haben.” Aber es wurde immer — wie nenn’ ich das jetzt? — fleischlicher und unappetitlicher.
    Nach dem ersten Akt (hier mehr als doppeldeutig) leerten sich die Ränge, dem letzten wohnte nur noch ein Drittel der erschienenen Besucher bei. Worauf ein Rotzbub von Regieassistent an die Rampe trat und die in akuter Notwehr geflohenen Besucher als “ewiggestrige Banausen und Kunstfeinde” beschimpfte.
    Auch ich hatte da längst die Flucht ergriffen und wartete vorm Theater auf einen Freundin, mit der ich gekommen war und die sich den Müll bis zum Schluss antun musste, weil sie Journalistin ist.

    Und wir beide hörten den Barden von Stratford-upon-Avon im Grab rotieren wie ein Ventilator, selbst im Verkehrslärm. (No pun intended, of intercourse.)

  2. Christian Weiss

    Geistige Inzucht und Meinungseinförmigkeit herrscht doch im subventionierten Theaterbetrieb seit 50 Jahren. Von dem her also nicht sonderlich überraschend, das Erlebnis von Herrn Hermanis.

  3. astuga

    Zitat:
    Die deutsche Regierung habe ihre Flüchtlingspolitik nach den Pariser Anschlägen geändert – Hermanis sieht darin einen Beweis, dass erst „132 junge Menschen in Paris sterben mussten“, bevor man „die Verbindung zwischen Migrationspolitik und Terrorismus zugibt“.

  4. gms

    Christian Weiss,

    “Geistige Inzucht und Meinungseinförmigkeit herrscht doch im subventionierten Theaterbetrieb seit 50 Jahren.”

    Über die eigene Ausrichtung als “sozial engagierte Bildungsstätte” und was es mit “politisch korrekten Antworten” aufsich hat, macht das Theater kein Hehl [1]. Daher überrascht auch das notorische Doppelsprech mit den klassischen Leaks des Intendanten zum Anlaßfall nicht [2].

    Ebenso wenig verwundert die mediale Darstellung des Deliquenten im öffentlich rechtlichen Zwangsfunk [3], wo selbst Volksschüler das falsche Spiel mit dem Zitat durchschauen sollten, ein Umstand, der in der nzz [4] aufgegriffen wurde und vermutlich den Kern des Treibens ausmacht. Bei Pirincci hat’s ja auch geklappt.

    [1] thalia-theater.de/de/international/
    [2] 3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=55951
    [2] 3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=55953
    [4] nzz.ch/feuilleton/eine-absage-und-ein-shitstorm-1.18657944

  5. gms

    Rennziege,

    “Als ich vor drei Jahren zuletzt (wörtlich: zuletzt) im Thalia war, ward mir ein „Hamlet“ vergönnt, der nicht nur mir die Haare sträubte ..”

    Dann kennen Sie vermutlich auch die grandiose Kritik dazu in der “Welt” von Alan Posener [1] mit der Antwort darauf vom Intendanten Joachim Lux [2], die zum Verrücktesten gehört was man bislang lesen konnte, wenn Linke öffentlich die Hose runterlassen.

    Das vorläufige Ende ward gefunden in der Kritik zur Replik, die trocken festhält: “Und deshalb holt Joachim Lux, Intendant des Hamburger Thalia Theaters, jetzt in seinem offenen Brief Keulen wie Volksverhetzung, Kristallnacht, Islamophobie und Verunglimpfung anderer Religionen hervor, haben die letzten Wochen schließlich gezeigt, wie man eine Öffentlichkeit gezielt aufhetzen kann.”

    Es irrt wer glaubt, es handle sich dabei um zeitnahe Geschehnisse, denn man schrieb damals September 2010.

    [1] welt.de/welt_print/kultur/article9748545/Hamlet-fuer-Bloede.html
    [2] nachtkritik.de/index.php?view=article&id=4685:offener-brief-des-intendanten-des-thalia-theaters-hamburg-joachim-lux&option=com_content&Itemid=83
    [3] nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=4688&catid=315&Itemid=105

  6. Rennziege

    9. Dezember 2015 – 18:43 gms
    Vielen Dank, gms! Ich kannte diese Quellen von anno 2010 bislang nicht. Aber morgen werde ich sie mir zu Gemüte führen; der Werktag ist noch nicht zu Ende. Und jeder Hinweis auf Alan Posener, einen der letzten aufrechten Journalisten neben unserem Hausherrn, interessiert mich sehr.

  7. Herbert Manninger

    Fast alle Künstler dienen sich den Linken/Linksextremen an, eine Frage des karrieremäßigen Weiterkommens. Von seiten konservativer Politiker, oft beladenen mit einem Avantgardkomplex, droht ja keine Gefahr.

  8. Christian Weiss

    “Dann kennen Sie vermutlich auch die grandiose Kritik dazu in der „Welt“ von Alan Posener [1] mit der Antwort darauf vom Intendanten Joachim Lux [2], die zum Verrücktesten gehört was man bislang lesen konnte, wenn Linke öffentlich die Hose runterlassen.”

    Hab es eben gelesen. Meine Fresse. Hermanis ist also nicht der erste Fall, wo dieser Joachim Lux eine ganz eigenartige und höchst selektive Wahrnehmung von Sprache an den Tag legt. Wie kann so einer Intendant an einem Theater werden?

  9. Falke

    @Rennziege
    Das nennt sich “Regietheater”; “fortschrittliche” Regisseure vermeinen, den heutigen modernen Zuschauern sei ein älteres Werk in Originalform nicht mehr zuzumuten, daher verändern sie es, indem sie einen (möglichst politisch linken) “Gegenwartsbezug” herstellen sowie auch die vermeintliche Gier der Leute nach “sex and crime” befriedigen. Ist nicht nur in Hamburg so, kann man überall (natürlich auch in Wien) sehen.

  10. Lisa

    Die Subventionierung von Musik und Theater ist nicht mehr nötig. Als die obere Unterschicht und die untere Mittelschicht sowie die REntner kaum Geld für den Kulturbetrieb hatten, als für oft mittellose Studenten noch verbilligte Stehplätze nötig waren, machte das Sinn. Heute geht eh nur eine sehr dünne Schicht in Oper und Konzert, Ballett und Schauspiel (und nicht immer aus kulturellem Interesse!). in sog. Experiemente eh nicht. Allenfalls um sich zu empören. Musicals ziehen noch eher, zumindest bei Einheimischen. Wenn der von den 68ern so geschmähte Bildungsbürger nicht wieder herangezogen wird, kann der ganze Kulturbetrieb einpacken. Ali, Arwa und Mahmet gehen nicht in den “Zerbrochenen Krug” oder “Nozze di Figaro”. Das teilen sie allerdings mit Kevin und Jessica… DAs sind dann wohl die neuen Kulturträger?!?

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