Syrien: Ein Krieg gegen die Vernunft

Von | 30. August 2013

(ANDREAS UNTERBERGER)  Blamage, nächste Abteilung: Der Westen verstrickt sich rettungslos in der eigenen Rhetorik rund um Syrien. Er gerät daher – wieder einmal – in einen fremden Konflikt hinein, aus dem er nicht ohne schwere Schäden herauskommen wird. Von den Medien getrieben, aber zum Entsetzen der Menschen.

Begonnen hat alles damit, dass Barack Obama in einem Interview von einer roten Linie geschwafelt hat, den ein Giftgasangriff im syrischen Bürgerkrieg darstellen würde. Nur hat er eigentlich keine Ahnung gehabt, was dann, also jenseits der Roten Linie, eigentlich geschehen soll. Bis heute ist mir im Übrigen auch nicht klar, warum ein Giftgastoter eigentlich so viel relevanter sein soll als ein konventioneller Toter. Der eine ist eine rote Linie, der andere wurscht.

Nächste Etappe war dann schon vor Wochen ein erster Gift-Einsatz, der nach tagelangem Zögern letztlich von den Amerikanern als solcher eingestuft worden ist. Also: die „Rote Linie“. Aber nichts ist geschehen.

Und jetzt eben ein zweiter Giftgas-Fall, mit deutlich mehr Opfern. Dennoch sind die Giftopfer nur ein winziger Bruchteil im Vergleich den sonstigen Opfern des Konflikts. Von den Millionen Vertriebenen gar nicht zu reden. Löst das jetzt plötzlich den großen Krieg aus, der manche sogar schon das W-Wort vom drohenden Weltkrieg in den Mund nehmen lässt?

Die allergrößten Fragezeichen sind aber andere. Das ist vor allem die Faktenlage: Was sind die eindeutigen Beweise, dass der jüngste Giftgaseinsatz nicht nur stattgefunden hat, sondern auch vom syrischen Diktator Assad veranlasst worden ist? Wie so oft in der Geschichte könnte die Logik und vor allem die Frage nach dem Nutzen, nach dem „Cui bono?“ bessere Antworten auf diese Frage bieten als die Experten unmittelbar vor Ort. Auch beim Überfall auf den Sender Gleiwitz brachten ja damals solche Analysen validere Antworten als irgendwelche vor Ort zu findende Details. Es gibt in solchen Situationen kein einziges Detail, das dabei nicht fingiert worden sein könnte.

Keinen Hauch der Sympathie für einen Assad. Aber es wäre ein Zeichen einer für ihn völlig untypischen Unintelligenz, wenn er wirklich hinter dem Anschlag stünde: ausgerechnet jetzt, da sich an den Fronten viel zu seinem Gunsten gewandelt hat; ausgerechnet zum Zeitpunkt, da UN-Inspektoren gerade in Syrien waren; ausgerechnet in Damaskus selber.

Da taucht natürlich die Gegenfrage auf: Kann denn die Opposition wirklich so zynisch sein, viele Hunderte Menschen auf der eigenen Seite durch Gift umzubringen, nur um das Assad in die Schuhe zu schieben? Diese Frage kann ich jedenfalls nicht mit einem überzeugten Nein beantworten. Denn die Lage der syrischen Opposition ist total verzweifelt. Die Geschichte hat auch genug Beispiele für solchen Zynismus. Außerdem ist es durchaus denkbar, dass nur ein einziges der zerstrittenen Gruppen und Dienste hinter einem solchen Gifteinsatz stünde, ohne dass es sonst wer weiß.

Aber selbst wenn man nicht diese zweifellos legitimen Zweifel hegt, müsste der Westen aus vielen Gründen von einem militärischen Einsatz zurückschrecken:

Erstens zeigt gerade der Nahe Osten – und die Lage in Syrien erst recht – dass die mutmaßlichen Profiteure höchstwahrscheinlich nicht vernünftige gemäßigte Liberale wären, sondern islamistische Fundamentalisten. Selbst in Afghanistan werden ja derzeit schon die Taliban ins Boot der legitimen Macht geholt, was also den massenweisen Tod von westlichen Soldaten und Afghanen sowie die jahrelangen immensen Kosten im Nachhinein völlig ad absurdum führt.
Zweitens zeigen alle Umfragen, dass die Bürger der westlichen Staaten massiv gegen eine militärische Verwicklung sind. Ohne die eigene Bevölkerung geschlossen im Rücken – sowie angesichts der wirtschaftlichen Schwäche und der riesigen Schulden Amerikas wie Europas – ist jede Aktion ein absoluter Wahnsinn.
Drittens gibt es keine klaren militärstrategischen oder gar politischen Ziele, die man in Syrien vor Augen hätte. Das könnte eigentlich nur eine geographische Teilung des Landes sein – aber gerade das widerstrebt Amerikanern wie Briten zutiefst.
Viertens liefert eine erfolgreiche Intervention den rachedürstigen Sunniten alle Minderheiten ans Messer, die eigentlich auf die eine oder andere Art dem Westen näherstehen sollten: Christen, Kurden, Alewiten.
Fünftens gerät man dadurch in eine Konfrontation mit Russland, die sehr gefährlich ist und jedenfalls jede Chance auf kooperativen Umgang vernichten würde.
Und sechstens zeigen fast alle Interventionen, dass selbst in jenen Ländern, wo eine Bevölkerungsmehrheit des betroffenen Landes am Anfang die Intervenienten herbeigesehnt hat, am Schluss diese zu den Bösen werden. Schon deshalb, weil sie in einer fremden Kultur nicht mehr zwischen Freund und Feind zu unterscheiden vermögen. Womit sie dann auf beiden Seiten verhasst werden.

Nun kann man noch hoffen, dass trotz aller Kriegsvorbereitungen die Amerikaner doch noch einlenken. Was aber inzwischen eine ordentliche Blamage für Obama bedeuten würde.

Wenn es trotz allem zu militärischen Verwicklungen Amerikas und europäischer Staaten kommen sollte, dann nur aus zwei Gründen: zum einen weil die Türkei das unbedingt will; und zum anderen weil Obama glaubt, nur so sein Gesicht wahren zu können, und weil die Briten noch immer an der Seite der Amerikaner gekämpft haben. Dahinter stehen viele Medien, die derzeit ja auf Obama Druck in Richtung einer Intervention ausüben. Das sind freilich genau dieselben Medien, die dann ein paar Wochen später die selbst herbeigeschriebene Intervention verdammen werden. (TB)

 

2 Gedanken zu „Syrien: Ein Krieg gegen die Vernunft

  1. Thomas Holzer

    Sie haben eine mögliche Konfrontation mit Iran vergessen zu erwähnen; außerdem, die prekäre Lage Israels, so es zu einem Eingreifen der USA kommen sollte!

  2. Rennziege

    Der Westen sollte sich auf eine uralte Weisheit britischer Kolonialoffiziere im Nahen und Mittleren Osten besinnen, die sie allerdings später missachteten. Wann immer Emire, Stämme, Muftis und verfeindete Zweige der Religion des Friedens einander massakrierten, lehnten sie sich zurück, bestellten eine neue Runde Gin Tonic oder Whisky Soda, zündeten sich eine Player’s Virginia Navy Cut an und sagten:
    “Nothing to write home about. Just let Allah sort it out.”
    Offenbar hat wenigstens das britische Parlament diese Weisheit exhumiert — und damit David Cameron zu einem unverhofften Erneuerer der Demokratie gemacht. Bei Obama und den europäischen wie nahöstlichen Schreihälsen wird’s a wengerl länger dauern. Putin hat’s als erster kapiert.

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