Terror in Wien – Die Frage nach dem “Warum”

Von | 10. November 2020

(von Clarisse Pasztory) ‘Warum’ ?- Das haben sich – und mich – viele im Zuge des islamistischen Attentats in Wien gefragt. Warum wir, das kleine Österreich (wo bleibt der verfassungsmässige Rechtsanspruch auf Insel der Seligkeit!), warum ein junger Österreicher, dessen Eltern wir grosszügig als Flüchtlinge aufnahmen?

Zunächst einmal ist Terror grundsätzliche ein taktisches Instrument, ein Mittel zum Zweck. In diesem Fall heisst das Mittel einerseits Angst und Schrecken – den Menschen in Europa, Österreich oder anderswo, Katholisch, Muslimisch, atheistisch oder gar nix, soll Angst eingejagt werden, Unsicherheit verbreitet werden.

Zum zweiten sorgen Anschläge für Aufmerksamkeit. Die weltweite Berichterstattung, von ABC bis ZDF, dient als Gratis Propaganda. Oe24 hat hier für den IS hervorragende Arbeit geleistet mit der Übertragung von Tötungen. Diese Bilder werden jetzt in Videopropaganda und Rekrutierungsmaterial eingebaut. Das beinhaltet übrigens auch lustige online Videospiele und Quizzshows. Daher ersuchte die Polizei ja auch, Bilder und Videos nicht öffentlich hochzuladen, sondern nur den Rechtsdurchsetzungsorganen zukommen zu lassen.

Und das ist der 3. taktische Hintergrund: Polizei, Regierung, Nationalstaaten und Demokratie an und für sich sollen als unfähig, feige, um ihre Leben bettelnd dargestellt werden (damit sind wir auch wieder beim 1. Punkt – Angst), während islamistische ‘Kämpfer’ mutig und selbstlos rüberkommen. Islamisten unterminieren gezielt die Glaubwürdigkeit und Kompetenz unseres Rechtsstaates, machen sich über unsere laschen Gesetze lustig, über unsere demokratischen Grundprinzipien zu denen etwa das Recht, und die Pflicht, zur Kritik an unserer Regierung gehört, verkaufen das als unsere Schwäche und ihre Stärke und Überlegenheit. Und wir spielen, leider, voll mit.

Wenn Terror aber das Mittel ist, was ist dann der Zweck? Dazu muss man kurz erklären, was denn Islamismus eigentlich ist: Islamismus ist eine postmoderne, sozial-revolutionäre politische Ideologie, die mit einer speziellen Interpretation des Islam und der Scharia als alleinige Legitimitationsquelle und Basis für eine universelle Sozial- und Staatsordnung. Wie alle Ideologien mit dem mehr oder weniger definierten Ziel der ‘Weltherrschaft’ und einem Allmachtsanspruch: Islamismus löst alle menschgemachten und humaninherenten Probleme, weshalb sollte es daher daneben noch etwas anderes geben? Und dieser Absolutismus gilt für alle Formen des Islamismus, mit und ohne Gewalt. Weshalb es nicht ausreicht, sich nur der Jihadisten oder Terroristen anzunehmen, geschweigedenn zu versuchen, den Teufel (ISIS) mit dem Beelzebub (Muslimische Brüderschaft oder Schiitische ‘vilayet faqih’ dh Islamische Vormundschaft) auszutreiben.

Gemeinsam ist den unterschiedlichen Ausprägungen die Rückbezüglichkeit, der Wunsch zur Rückkehr in eine ‘urislamische’ Gesellschaft’ und die Trauer um den Glanz vergangener islamischer Zeiten, der ‘Blütezeit des Islam’, des ‘Goldenes Zeitalters’. Das inkludiert die Abbasiden (8.-13. Jhdt), in der Narrative vor allem aber das osmanische Reich (13.-20. Jhdt) mit dem das letzte Kalifat (vor dem kurzlebigen Islamischen Staat der letzten Jahre im Irak und Syrien) endete.

Und das bringt uns zum ‘Warum hier’: Österreich hat die Ausbreitung des Kalifats bereits 1683 Einhalt geboten, und so sehr wir den unglücklichen Kara Mustafa mittlerweile schon fast als Wiener adoptiert haben und unseren Kaffee lieben, so gilt das Ereignis im islamistischen Narrativ bis heute als wiedengutzumachendes Unglück. Ähnliches gilt für Frankreich: Die Eroberung Ägyptens durch Napoleon im Jahre 1798 gilt bis heute als Schock und Anfang vom Ende. Selbst die Schlacht von Tours (732 stoppen die Franzosen unter Karl Martell die Islamische Expansion im Westen) gilt da als Geschichte, die es zu reveidieren gilt.

Vor allem, da der Untergang dieser Reiche abwechselnd oder kombiniert zurückgeführt wird auf die Abkehr von den islamischen Grundlehren und Grundwerten, Modernisierungen aller Art, und -ismen aller Art: Kolonialismus, Imperialismus, Zionismus, Kapitalismus, Atheismus. Die Antwort darauf lautet: Islamismus.

Islamismus als politische Ideologie mit dem strategischen Ziel der Wiederauferstehung eines grossen und glücklichen Reiches, das Europa inkludiert: vom Emirat Sizilien (im 11. Jhdt. von den Normannen überrannt, übrigens Vorfahren von mir) und Spanien, das bis 1492 fast 600 Jahre lang ein islamisches Kulturzentrum war, über Frankreich, Malta oder Grossbritannien zur Rächung der Mamluken, bis nach Österreich, Rom oder Polen, eh schon wissen wie das so war mit dem Heiligen Römischen Reich und dem Sobieski. Klingt utpisch? Ist es auch. Aber Ideologien beruhen nunmal auf Utopien.

Zum Zweck der Realisierung werden Europäische Muslime gezielt islamistisch ideologisiert und instrumentalisiert. Das gilt insbesondere für ‘alteingesessene’, Fremdarbeiter die in den 70ern kamen, Jugoslawien-Flüchtlinge aus den 90ern und Konvertiten zum Islam (in Österreich jährlich um die 80 Personen). Je weniger vom Islam einer versteht, desto einfacher ist die Gehirnwäsche und der Verkauf eines dehistorisierten, dekontextualisierten und oft noch schlecht übersetzen Korans als ‘Mein Kampf’ (den die ideologischen Urväter übrigens intensiv studierten). Bei Neuankömmlingen wie Afghanen, Syrern oder Irakern geht das wesentlich schlechter, denn die wissen ja, wovon sie reden. Wobei es hier natürlich welche gibt, die bereits als Islamisten ankommen.

Das bringt uns nun schliesslich zum ‘Warum der’: Warum wird ein 20-jähriger, in Österreich geborener und aufgewachsener Bub dessen Eltern als Flüchtlinge aus ex-Jugoslawien herkamen zum islamistischen Terroristen ?

Als der islamische Staat in Syrien und Irak seinen kurzen Höhepunkt feierte, sah ich mir eben diese Frage genauer an. Tatsache ist, dass die Gründe, warum ein 20 jähriger Iraker, ein 40 jähriger Franzose oder eine 15 jährige Österreicherin sich dem Islamischen Staat anschliessen genau nichts gemein haben. Gemeinsam haben sie nur wie sie profil-spezifisch für die islamistische Sache rekrutiert wurden. In Frankreich beispielsweise war das klassische Profil ein ca 40 jähriger Mann mit maghrebinischen Wurzeln und einer kleinkriminellen Vergangenheit. Die aus Österreich stammenden IS Kämpfer waren unterdurchschnittlich jung und überdurchschnittlich weiblich. Fast 50% der österreichischen IS Exporte waren damals Mädchen; also zumindest bei der ISIS Genderquote schneidet Österreich gut ab. Fast alle hatten sie Migrationshintergrund, wie das so unhübsch heisst, hatten muslimische, in Österreich wohlintegrierte, dankbare Eltern. Die Rekrutierungsmasche lief zumeist auf der Ebene ‘Schuld und Sühne’: Deine Eltern sind davon gelaufen, sie waren feige, schwach, haben ihren Glauben aufgegeben, leben gar unter Ungläubigen. Du musst sie rächen und retten. Wir sind stärker. In Österreich wirst Du eh immer Ausländerkind bleiben. Wir bieten Heimat, Heilsbringung, Heldentum. Und dazu noch Sex und Abenteuer. Na, schlecht?

Zentral und inhärent ist dem Islamismus das Opfernarrativ. Muslimen (und vielleicht wohlmeinenden Nichtmuslimen) wird eingeredet, daß sie in Europa ob ihrer Religion ausgegrenzt und verfolgt sind. Die Tatsache, daß Moslems nirgendwo so frei leben wie in Europa, oder daß Millionen Muslime nach Europa strömen, um eben hier frei zu leben, tut der Erzählung keinen Abbruch. Geholfen wird den Islamisten dabei von Rechtsaussen Populisten, die einander ergänzen wie Ying und Yang. Beide, Islamisten und Rechtspopulisten, werfen ganz bewusst Islam und Islamismus in einen Topf.

Natürlich gibt es einen Konnex. Islamismus beruft sich auf den einzigen wahren Islam. So wie sich Nationalisten auf die einzige wahre Nation berufen. Beides ist Larifari. Die weite Mehrheit der Österreicher lieben ihre Nationen und verabscheuen Nationalismus. Genauso wie die weite Mehrheit von Muslimen weltweit ihre Religion praktiziert aber Islamismus in jedweder Form ablehnt.

Genau das ist wichtig zu wissen und stets in Erinnerung zu rufen: die ersten Opfer der Islamisten sind Muslime. Die extremsten anti-Islamisten sind ebenfalls Muslime. Muslime kennen den Unterschied zwischen Islam und Islamismus wohl. Und einen Islamisten erkennt man am Einfachsten daran, daß er oder sie Islamismuskritik als Kritik an der Religion oder ‘Islamophobie’ verteufelt.

Es besteht keinerlei Notwendigkeit zur Angst vor dem Terminus Islamismus nur wegen seiner sprachlicher Nähe zum Wort ‘Islam’. Sozial ist nicht gleich Sozialismus, Kommune ist nicht gleich Kommunismus, jeder kennt den Unterschied, und -ismen sind Ideologien. Die islamistische Ideologie hat letzte Woche in Wien sechs Tote gefordert. Auch das darf uns keine Angst machen, denn das ist ja, was Islamisten wollen. Vielmehr gilt es Islamismus in all seinen Ausprägungen mutig und standfest entgegenzutreten.

Clarisse Pasztory ist politische Analystin und diplomatische Krisenmanagerin. Von 2016-2019 diente sie im Irak als Leiterin des EU Büros in Erbil. Andere Postings inkludieren Sana’a, Riyadh, Baghdad, Damascus, Banja Luka, Pristina und Skopje.

8 Gedanken zu „Terror in Wien – Die Frage nach dem “Warum”

  1. sokrates9

    Bin überzeugt dass der Attentäter nicht ein Prozent dieser intelligenten Analyse versteht und keine Ahnung von islamischer Geschichte hat.Es sind einfach junge Idealisten die sich für alles mögliche in den Krieg schicken lassen. Was ich vermisse ist wer da wirklich dahinter steckt.Bis vor 20 Jahren war ein Großteil der islamischen Welt durchaus westlich örientiert, verschleierte Frauen in der Türkei, dem Libanon,Iran, Agypten eher die Ausnahme. Selbst von Afghanistan gab es Bilder die heute undenkbar sind.Aber auch Europa 2verhükllt” sich immer mehr. Oben Ohne ist ja auch schon wieder in ganz Europa verpönt.Mit großer Dynamik setzt sich diese islamische Ideolgie durch selbst unsewr Bundespräsident will ja “aus Solidaridät” verschleierte frauen, und niemand verjagt ihm mit einem nassen Fetzen!

  2. CE___

    Ich möcht’ ja nicht ruppig klingen, nur meine Antwort auf “Warum” wäre unakademisch “Darum”.

    “sie” (radikale Moslems) tun es (Anschläge) halt.

    Das “Warum” ist im Grunde belangslos und irrelevant, ausser das es für “politische Analysten” und “diplomatische Krisenmanager” die unendliche Gehalts-Rente ist.

    Und es hilft uns als Europäer auch nicht weiter, weil die moslemische Welt immer ein neues “Darum” finden wird, auf das dann wieder “politische Analysten” und “diplomatische Krisenmanager” ein “Warum” finden wollen, und wir uns so ermüdend und sinnlos auf ewig im Kreise drehen können.

    Kommen die Moslems mit der Kultur eines christlich-jüdischen Abendlandes nicht klar, egal des Warums, haben sie hier nichts verloren und werden ausgewiesen, egal ob Staatsbürger oder nicht, beim zeigen der auch nur allerkleinsten Inkompatiblität.

    Wir haben nichts zu begründen.

  3. Falke

    Die Erklärungen der Autorin völlig falsch und verkehrt. Es genügt aber eine Kleinigkeit, um sie richtig zu stellen: wenn man “Islamismus” durch “Islam” ersetzt, stimmt alles tatsächlich haargenau.

  4. Thomas Brandtner

    Ich möchte Clarisse Pasztory für diesen ebenso fundierten wie verständlich formulierten Beitrag aufrichtig danken. Man merkt der Autorin ihre langjährige und oft unter Lebensgefahr erfolgte Auseinandersetzung mit dem Islamismus an. Besonders interessant finde ich den Hinweis, daß der Islamismus des “Kalifats” des IS mit hybriden totalitären Wahnvorstellungen wie der Nazi-Ideologie einige Parallelen aufweist. Unsere Polizei, Nachrichtendienste und Justiz werden hoffentlich die näheren Umstände aufklären können, wie der Attentäter von Wien durch die IS rekrutiert, ausgebildet und geführt wurde. Aber jetzt schon müssen wir die Lehre ziehen, daß wir junge Muslime aus Österreich, die sich einmal einer revolutionären islamistischen Organisation angeschlossen haben, zwar vielleicht nicht unbedingt ins Gefängnis sperren, aber sicher permanent im Auge behalten müssen. Individueller Terror im Namen der Religion gehört nämlich leider zur politischen Kultur (oder besser gesagt, Unkultur) der islamischen Welt.

  5. Johannes

    ,Vielmehr gilt es dem Islamismus in all seinen Ausprägungen mutig und standfest entgegenzutreten.”
    Nun so lange wir eine Völkerwanderung nach Europa zulassen wird das mutige entgegentreten zu einem immer gefährlicheren und irgendwann unmöglichen Vorhaben.
    Da kann man noch so tapfer formulieren, es gibt demographische Realitäten. Wenn hier eine kritische Masse erreicht ist haben Sie plötzlich wegen der kleinsten vermeintlichen Beleidigung irgend einer morgenländischen Gottheit zehntausende,zu alles entschlossene ,”Gottesrächer” auf der Stasse.
    Ich denke da soll man sich nicht täuschen , diese Empörtheit schlummert in viel mehr Anhänger dieses Glaubens, als wir denken.
    Wenn diese Lawiene ins Rollen kommt ist es vorbei mit der scheinbaren Möglichkeit irgendetwas oder irgendjemanden entgegentreten zu können. Das wird dann für die freie Gesellschaft sehr demütigend werden.

  6. Mona Rieboldt

    Falke
    Islamismus ist eine Verniedlichung des Terrors. Islam reicht völlig aus.
    Und wie Erdogan sagte, es gibt keinen Islamismus, es gibt nur Islam.

  7. Thomas Brandtner

    Johannes, ich glaube da haben Sie recht. Es gäbe vielleicht eine Chance, die Völkerwanderung zu beenden, wenn der Westen endlich seine militärischen Operationen in Syrien, im Irak und in Afghanistan beendete (in Afghanistan sind wir fast schon soweit). In Libyen gibt es einen Waffenstillstand zwischen den Bürgerkriegsparteien, der Chancen hat, zu halten. Wir müssen die EU-Außengrenze besser schützen, eine begrenzte legale Zuwanderung qualifizierter Menschen zulassen und die illegale Einwanderung entschlossen bekämpfen. Und wir brauchen ein wirtschaftliches Hilfsprogramm für die kriegszerstörten Gebiete in der islamischen Welt und für Afrika.

  8. Hausfrau

    Die Lösung mittels Fußfesseln, die Zadic schon seit Regierungsbeginn ankündigte soll jetzt die Lösung sein.
    Einer der Täter 2016 in der Kirche in Nordfrankreich trug welche, als er den Priester schächtete.
    Und bei der Aufmerksamkeitsspanne im BVT und Innenministerium….

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